XXXI.
Die Kaiser Gajus Caligula (37–41) und Tiberius Claudius (41–54).

Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein lebte, von den Soldatenstiefelchen (caligae), die er trug, von den Soldaten den Beinamen Caligula erhalten. Ihm allein war es gelungen durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt. Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen. Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur einen Kopf haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“ (Odĕrint, dum métuant!)

In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien. Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom aufführte.

Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).

Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim Tiberius Claudius hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen. Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel berüchtigte Messalina, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht sittenlose, aber weit herrschsüchtigere Agrippina, eine Tochter des Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den Sohn des Kaisers von der Messalina, den Britannicus, vom Throne zu verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius Nero, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.