Marcus Tullius Cicero wurde im Jahre 106 v. Chr. im südlichen Latium, nahe bei Arpinum, der Vaterstadt des Marius, geboren. Er stammte aus einem wohlhabenden Rittergeschlechte und empfing von seinem Vater seine erste Bildung. Früh zeigte er den Ehrgeiz „immer der Beste zu sein und emporzustreben vor allen.“ Seine weitere Vorbildung erhielt er zu Rom, wo er schon in der Schule durch Wißbegierde, schnelle Auffassung und rasche Fortschritte allgemeine Bewunderung erregte. Dann machte er sich mit den Werken der besten griechischen Dichter, Redner und Philosophen vertraut, und ließ sich in die römische Rechtskunde einführen. Durch fleißiges Übersetzen griechischer Dichtungen und Reden erlangte er eine große Gewandtheit auch im Gebrauch der lateinischen Sprache. Nachdem er im marsischen oder Bundesgenossenkriege (S. 121) einen Feldzug mitgemacht hatte, lebte er drei Jahre in Rom als Anwalt, indem er die Verteidigung von Angeklagten übernahm. Dann ging er, um seine Gesundheit herzustellen und sich weiter auszubilden, nach Athen, Kleinasien und Rhodus, wo er die berühmtesten Lehrer der Beredsamkeit hörte. In Rhodus, erzählt man, forderte ihn eines Tages sein Lehrer, der berühmte Apollonios Molon, auf, einen griechischen Vortrag zu halten. Cicero tat es und wußte seine Zuhörer so hinzureißen, daß sie in Lobsprüchen über ihn wetteiferten; nur Molon saß lange Zeit nachdenkend da und sprach endlich: „Dich, o Cicero, preise und bewundere ich, aber Griechenlands Geschick bedauere ich, da ich sehe, daß auch der einzige Vorzug, der uns Griechen noch übrig blieb, Bildung und Beredsamkeit, durch dich den Römern zuteil wird.“ Einige Jahre nach seiner Rückkehr ward er Quästor in Sicilien, wo er durch seine menschenfreundliche und gerechte Amtsführung sich allgemeine Achtung erwarb. Deshalb übertrugen ihm hernach die Städte dieser Provinz die Anklage gegen Gajus Verres, der sie als Prätor drei Jahre lang durch unersättliche Habgier, schamlose Erpressungen von Geld und Kunstwerken aller Art, durch ungerechte und grausame Urteilssprüche in Verzweiflung gebracht hatte. Cicero führte diese Anklage mit solchem Erfolge, daß Verres noch vor Beendigung des Prozesses seine Sache verloren gab und in die Verbannung ging. Dieser Erfolg begründete den Ruf Ciceros als des ersten Redners in Rom und erwarb ihm so allgemeine Anerkennung, daß er die nächsthöheren Ämter, die Ädilität und Prätur, mühelos erreichte und endlich auch, obgleich wie sein Landsmann Marius ein „Neuling“ (homo novus), das höchste Ziel seines Ehrgeizes, das Konsulat, für das Jahr 63 erlangte. Als Konsul erwarb er sich um sein Vaterland dadurch ein großes Verdienst, daß er die Verschwörung des Catilina entdeckte und vernichtete.
Lucius Sergius Catilina war aus dem altpatrizischen Geschlechte der Sergier entsprossen. Von Jugend auf von allen Lastern jener Zeit befleckt, durch Verschwendung verarmt und verschuldet, war er vertraut mit allen durch Ausschweifung und Leichtsinn zugrunde gerichteten jungen Adligen, die er zu Meineid und Betrug, zu Gewalttat und Mord verführte. Schon zur Zeit der sullanischen Proskriptionen hatte er durch Ermordung des eigenen Bruders seine Verworfenheit gezeigt. Dennoch wußte er sich so zu verstellen, daß er hohe Ämter erlangte und sich sogar um das Konsulat bewarb. Da er aber als Proprätor in Afrika wegen Erpressungen angeklagt wurde, mußte er von dieser Bewerbung abstehen. Aus Erbitterung über diesen Fehlschlag seiner Hoffnung und aus Furcht vor weiteren gerichtlichen Verfolgungen faßte er den Entschluß die neuen Konsuln und die ihm verhaßten Senatoren zu ermorden, und sich so das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und die herrschende Aristokratie zu stürzen.
Da sein Versuch, diesen Plan auszuführen, zweimal mißlungen war, stiftete er eine weit verbreitete Verschwörung zum Umsturz des Staates an. Er gewann in Rom selbst zehn Senatoren, eine Anzahl Ritter, außerdem noch viele Unzufriedene in den übrigen Städten, Leute, die, wie er selbst, durch eine völlige Umwälzung aus Armut, Schuldennot oder Unehre wieder emporzukommen hofften. Diesen allen verhieß er Ämter, Tilgung ihrer Schulden und Reichtümer.
Zur Ausführung seines ruchlosen Planes bewarb er sich von neuem um das Konsulat, diesmal zugleich mit Cicero, für das Jahr 63. Zwar er selbst fiel durch, aber neben Cicero wurde ein heimlicher Gesinnungsgenosse Catilinas, Antonius Pätus, gewählt. Durch seinen neuen Mißerfolg nicht abgeschreckt, sondern zum äußersten gereizt und entschlossen, betrieb Catilina seinen Verrat mit erhöhter Kraft. Er ließ in aller Stille in allen Teilen Italiens seine Anhänger sich sammeln und bewaffnen, und traf in Rom selbst alle Anstalten, um die Stadt auf ein gegebenes Zeichen in Brand stecken und den neuen Konsul Cicero mit allen Häuptern der herrschenden Partei ermorden zu lassen. Aber er fand in Cicero einen wachsamen und unerschrockenen Gegner, der alle seine Schritte beobachtete und rechtzeitig zu vereiteln wußte. So verging ein großer Teil des Jahres. Endlich gelang es dem Konsul durch den Verrat einer Frau und durch die Aussagen eines Teilnehmers einen Beweis für Catilinas Hochverrat zu erhalten. Da trat er im Senat offen mit seiner Anklage gegen Catilina hervor. Vergebens suchte dieser sich zu verteidigen. Als er die ihm feindliche Stimmung erkannte, rief er mit drohendem Trotz: „Aus zwei Körpern besteht unser Staat: der eine ist hinfällig und hat ein schwaches Haupt; der andere ist kräftig, jedoch ohne Haupt. Es soll ihm, wenn ich am Leben bleibe, nicht lange mehr fehlen!“ Dann stürzte er hinaus.
Inzwischen hatten seine Anhänger unter der Führung eines gewissen Manlius bei Fäsulä (heute Fiesole, nahe bei Florenz) ein Lager bezogen. Da Catilina auch bei der Konsulwahl dieses Jahres wieder durchgefallen war, so versammelte er in der darauf folgenden Nacht die Verschworenen und wies jedem sein Geschäft zu. Die vornehmsten Gegner sollten getötet, die Stadt an verschiedenen Stellen zugleich angezündet, vor allem aber Cicero vor Anbruch des Tages ermordet werden. Dieser erfuhr den Plan, ließ die beiden Verschworenen, die ihn ermorden wollten, vor seiner Tür abweisen und berief den Senat. Auch Catilina erschien. Jetzt enthüllte Cicero das ganze ruchlose Treiben des Mannes in gewaltiger Rede, richtete dann sein Wort unmittelbar an diesen selbst und forderte ihn auf mit seiner Rotte Rom zu verlassen, wo für seine heimlichen Anschläge kein Raum mehr sei, wo der Konsul und die Staatsgewalt ihn auf Schritt und Tritt bewache und das Volk ihn verabscheue; draußen möge er den offenen Kampf gegen die Vaterstadt beginnen. Und Catilina folgte dieser höhnischen Aufforderung: in der folgenden Nacht eilte er aus der Stadt ins Lager zu Manlius.
Die Mitverschworenen aber, die er in Rom zurückließ, bestimmten die Feier der Saturnalien (im Dezember) zur Ausführung ihres Planes; die Stadt sollte an zwölf Ecken angezündet, die Häupter des Senats und die Konsuln durch bestimmte Verschworene ermordet werden, und Catilina in der allgemeinen Verwirrung mit seinem Heere einrücken. Auch eine Gesandtschaft der Allóbroger, einer Völkerschaft in der gallischen Provinz, welche gekommen war, um über ungerechte Behandlung Beschwerde zu führen, wurde mit in die Verschwörung gezogen und zum Aufstande aufgefordert; aber dies beschleunigte nur den Untergang der Frevler. Da diese Gesandten schwankten, was sie tun sollten, so teilten sie die Sache einem Senator mit, durch den Cicero alles erfuhr. Sie erhielten den Rat, sich von den Häuptern der Verschwörung Briefe an ihr Volk geben zu lassen. Dies geschah; aber Cicero ließ die abreisenden Gesandten, bei denen sich auch ein Verschworener befand, nahe bei der Stadt aufheben und bekam durch die Briefe nun auch schriftliche Beweise gegen die Verschworenen in die Hand.
Die Schuldigen wurden darauf überführt und in Haft gegeben. Cicero erhielt den Dank des Senats und den Namen Vater des Vaterlandes. Von den neun Hauptschuldigen waren vier entflohen, die übrigen fünf, an ihrer Spitze der Stadtprätor Lentulus, wurden vom Senat zum Tode verurteilt und dieser Beschluß sogleich im Gefängnis vollzogen. Mit den Worten: „Sie haben gelebt!“ verkündigte Cicero dem Volke die Vollstreckung der Strafe und ward von ihm, wie im Triumphe, nach seinem Hause begleitet.
Gegen Catilina selbst aber wurde mit Waffengewalt vorgeschritten. Der Feldzug gegen ihn fiel ins folgende Jahr (62). Bei Pistoria in Etrurien kam es zum Treffen. Catilina und seine 3000 Gefährten fochten mit verzweifelter Tapferkeit; sie fielen bis auf den letzten Mann.
Wiewohl Cicero durch die Entdeckung der Verschwörung den Staat gerettet hatte, so wurde doch der Umstand, daß er die Verbrecher wider das herkömmliche Rechtsverfahren, ohne gerichtliche Untersuchung und Verurteilung, bloß auf einen Senatsbeschluß hin, hatte hinrichten lassen, die Ursache, daß er später heftig angegriffen wurde, wobei er von seinen politischen Freunden nur schwach unterstützt wurde. Der Volkstribun Clodius beantragte einige Jahre nachher ein Gesetz, daß jeder, der einen römischen Bürger ohne Richterspruch hingerichtet habe, geächtet sein solle. Dieses Gesetz, das unverkennbar gegen Cicero gerichtet war, fand die Zustimmung des Volkes, und so mußte dieser, um seinen Feinden zu entgehen, freiwillig in die Verbannung wandern (58). Er ging nach Thessalonike in Makedonien. In Rom zog man seine Güter ein und zerstörte sein Haus. Doch schon im folgenden Jahre (57) wurde er durch Volksbeschluß zurückgerufen. Seine Rückkehr glich einem Triumphzuge. Sein Haus und seine Güter wurden ihm wieder hergestellt.