4. Pompejus besiegt die Seeräuber.

Schon seit vielen Jahren befanden sich die östlichen Provinzen des römischen Reiches in fortgesetzter Bedrängnis durch das überhandnehmende Unwesen der Seeräuber, die namentlich seit dem Kriege mit Mithridates durch die Söldnerscharen, welche in seinen Diensten gestanden, außerordentlichen Zuwachs erhalten hatten. Sie hatten ihren Sitz hauptsächlich an den rauhen Küsten Ciliciens in Kleinasien und auf Kreta, und betrieben ihre Raubzüge in planmäßiger Ordnung. Alle Küstenländer und Küstenstädte, sowie die Inseln von der Küste Asiens bis zur spanischen Meerenge wurden durch Plünderungen, Menschenraub und Erpressungen in Not und Schrecken gesetzt. Sie befuhren mit weit über tausend trefflich bemannten und schnell segelnden Schiffen das Meer, erschienen in ganzen kriegsmäßig geleiteten Geschwadern, geboten über 400 eroberte Städte und hatten allenthalben ihre festen Plätze, wo sie ihren Raub verbargen und verpraßten. Sie liefen in die Mündungen der Flüsse ein und überall, wo sie landeten, wagte man es nicht mehr das Feld zu bestellen. Dabei hatten sie immer ihre Hehler und Helfer in den Provinzen wie in Italien selbst. Vorzüglich gingen sie darauf aus, angesehene Personen aufzufangen, um hohe Lösegelder für sie zu bekommen; wer sich nicht löste, verlor Freiheit oder Leben. Besonders suchten sie die Küsten Italiens heim, wo sie bald da, bald dort landeten und einmal sogar die Tochter eines Senators, ja selbst zwei Prätoren samt ihren Liktoren fortschleppten. So waren die Herren der Welt nicht mehr Herren an ihrem eigenen Herde.

Schon seit dem Jahre 78 v. Chr. führten die Römer Krieg gegen die Seeräuber; aber wenn diese auch einmal geschlagen und ihre Raubnester zerstört wurden, so war doch das Unwesen nicht ausgerottet, ja es trat nach einiger Zeit noch stärker hervor, sodaß Handel und Verkehr allgemein stockte, die Getreideschiffe aus Sizilien und Afrika ausblieben, in Rom die Teuerung immer höher stieg, und Hungersnot und Aufruhr des Stadtvolkes drohte. Als nun endlich sogar vor Ostia, wenige Meilen von der Hauptstadt, eine römische Flotte von den Seeräubern geschlagen und versenkt wurde, da erkannte man die Notwendigkeit entscheidende Maßregeln zu ergreifen (67). Der Volkstribun Aulus Gabinius, ein Anhänger des Pompejus, trat mit dem Vorschlage auf, man solle einen der gewesenen Konsuln mit der Führung des Krieges gegen die Seeräuber betrauen und ihm auf drei Jahre mit den nötigen Truppen und Geldmitteln die unumschränkte Gewalt, Verfügung über die ganze Seemacht und über alle Küstenländer des römischen Reiches bis auf zehn Meilen landeinwärts übertragen.

Da jedermann einsah, daß unter dem Einen, dem man auf diese Weise den Befehl über fast das halbe römische Reich in die Hände legen sollte, kein anderer als Pompejus gemeint sein konnte, so setzte der Senat den ernstesten Widerstand entgegen. Bei den Beratungen über den Antrag des Gabinius ging es so stürmisch und gewalttätig zu, daß dieser selbst in Lebensgefahr geriet; aber auch die Senatoren würden vom Volke, das dem Tribunen zu Hilfe in den Sitzungssaal eingedrungen war, erschlagen worden sein, wenn sie nicht geflohen wären. Pompejus selbst gab sich zwar in einer Rede vor der Volksversammlung den Anschein, als wünsche er dieser großen Aufgabe, die so vielen Neid und Widerspruch errege, überhoben zu sein; er habe schon so viel im Kriege ausgestanden, daß er (der kaum 40 Jahre alt war) sich selbst als ein abgebrauchter alter Mann vorkäme; man sollte daher einen Tüchtigeren wählen. Das Volk ward dadurch nur noch bestärkt in dem Entschlusse den Vorschlag des Tribunen durchzusetzen, und es erhob sich ein solcher Lärm, daß ein oben vorbeifliegender Rabe, von dem Geschrei betäubt, zur Erde fiel.

Der Antrag ging durch, und Pompejus erhielt 500 Schiffe, 120000 Legionssoldaten mit 7000 Reitern und 25 Unterfeldherren (Legaten), dazu 144 Millionen Sesterze (33 Millionen Mark) aus dem Staatsschatz, nebst der Vollmacht über alle Mittel der Provinzen zu verfügen. Eine solche Macht hatte gesetzmäßig vor ihm noch kein römischer Feldherr besessen.

Nun teilte Pompejus das ganze Mittelmeer in dreizehn Bezirke, über deren jeden er einen Legaten mit den nötigen Streitmitteln setzte, und befahl sodann die Piraten zunächst aus dem westlichen Meere, also aus allen Schlupfwinkeln an den Küsten Italiens, Spaniens, Afrikas und der dazwischen liegenden Inseln aufzuscheuchen und nach dem östlichen Meere zu treiben. Als dies geschehen war, wendete er sich mit der Hauptmacht nach Osten. Schon auf dem Wege dorthin ergaben sich ihm viele auf Gnade und Ungnade, und er behandelte sie mit schonender Milde, um durch diese Mäßigung den andern die Rückkehr zur Ordnung zu erleichtern. Die meisten aber suchten ihre Zuflucht in den cilicischen Buchten und Bergfesten. Pompejus schlug dort ihre Flotte in einer regelmäßigen Schlacht gänzlich, zerstörte ihre Burgen, nahm ihnen alle ihre Städte, Schiffe, Vorräte, Waffen, und verpflanzte die Gefangenen, über 20000, tief in das Land hinein, um sich dort anzubauen und des Piratenlebens zu entwöhnen.

Auf diese Weise hatte er in drei Monaten das Seeräuberwesen vertilgt und Rom die Herrschaft zur See wiedergegeben.

Die rasche und glückliche Beendigung dieses Krieges versetzte das römische Volk in solche Freude, daß es den Freunden des Pompejus leicht wurde, dem Gefeierten ein noch größeres Feld des Ruhmes zu verschaffen, auf dem er abermals die Frucht der Arbeit anderer ernten sollte.