Quintus Sertorius stammte aus dem Sabinerlande, aus einer bislang namenlosen Familie. In seiner Vaterstadt erlangte er einigen Ruf durch seine Beredsamkeit; bald aber widmete er sich einzig und allein dem Waffendienste. Er machte die Feldzüge gegen die Cimbern und Teutonen mit und kämpfte später im Bundesgenossenkrieg. Er verrichtete so bewunderungswürdige Taten, daß das Volk ihn mit lautem Freudengeschrei begrüßte, so oft er zu Rom im Theater erschien. Bei dem Ausbruche des Bürgerkrieges zwischen Marius und Sulla schloß er sich jenem an, und als die Sache der Marianer in Italien verloren war, ging er nach Spanien, wo er sich acht Jahre lang, 80–72, als Haupt der in Italien unterlegenen Volkspartei gegen die Übermacht der gegen ihn vom Staat geschickten Heerführer siegreich behauptete. Unermüdlich in allen Anstrengungen des Krieges, abgehärtet und bedürfnislos wie ein einfacher Kriegsmann, dabei mit List und Gewandtheit allen Gefahren sich entziehend, mit immer neuen Anschlägen die Gegner überraschend, ward er ein Abgott seiner Anhänger und des spanischen Volkes, das ihn den zweiten Hannibal nannte.
Anfangs, als sein Heer noch klein und ungeregelt war, wurde er von dem ersten Heere, das Sulla gegen ihn geschickt hatte, genötigt, Spanien zu verlassen. Da fuhr er denn mit seinen 3000 Mann eine Zeitlang abenteuernd an den spanischen Küsten umher, und schon kam ihm der trübe Gedanke, aus der zerrütteten römischen Welt auszuscheiden und sich auf den „glücklichen Inseln“ (den kanarischen), deren paradiesische Schönheit die überlieferten Erzählungen griechischer Seefahrer nicht genug rühmen konnten, eine neue Heimat zu suchen. Aber seine Truppen hatten dazu keine Lust, und so führte er sie nach Afrika hinüber zu den Mauretaniern, denen er in einem Aufstande gegen ihren König half. Hier erwarben ihm seine Taten einen solchen Ruf, daß eine Einladung der noch immer freiheitsstolzen Lusitaner (im heutigen Portugal) an ihn erging, sie gegen die Heere der römischen Statthalter anzuführen. Nun ging er wieder nach Spanien. Hier wußte er durch Mut und Tapferkeit, durch Klugheit und erfindsamen Geist, sowie durch milde und rücksichtsvolle Behandlung der Eingeborenen die Hälfte aller spanischen Völkerschaften auf seine Seite zu ziehen. Sie räumten ihm volle Feldherrngewalt ein und ließen sich sogar die Strenge des römischen Kriegsdienstes gefallen. Um die Eingeborenen im Gehorsam zu erhalten, kam ihm ein Aberglaube zustatten. Die Spanier standen nämlich in der Meinung, eine Gottheit tue ihm ihren Willen durch die weiße Hindin kund, die er sich gezähmt hatte, und die ihn überall begleitete, selbst mitten im Kriegslärm.
So bildete er aus Lusitanern und Celtiberern waffengeübte Heerhaufen, mit denen er, verstärkt durch die aus Italien ihm zuströmenden marianischen Flüchtlinge, lange Zeit im kleinen Gebirgskrieg den römischen Legionen widerstand. Zwei Prokonsuln waren schon im Kampf gegen ihn gefallen. Die ganze Provinz schien bereits dem römischen Reiche verloren und Italien selber und die Herrschaft der Optimaten in Rom bedroht, zumal auch der Prokonsul Metellus Pius wenig gegen ihn ausrichtete. Perpenna, ein aus Italien vertriebener Marianer, der im Jahre 77 mit dem Rest der marianischen Truppen in Spanien erschienen war, ward von seinen Soldaten genötigt sich mit Sertorius zu vereinigen und ihm unterzuordnen. Dieser bildete nun einen eigenen Senat von 300 Mitgliedern, den er für den eigentlichen römischen Senat erklärte, während der Senat zu Rom nur aus Sullas Sklaven bestände. Auch errichtete er zu Oska auf seine Kosten eine Schule, wo die vornehmsten Hispanier ihre Söhne nach Art der jungen Römer erziehen und in der lateinischen und griechischen Sprache unterrichten ließen.
Sertorius vermied auch nach seiner Verstärkung durch Perpenna fortwährend offene Feldschlachten, sondern beschränkte sich auf den kleinen Krieg, den er in dem bergigen Lande mit Glück führte. Einst verlangten seine eigenen Soldaten, kühn geworden durch die immer zunehmende Zahl ihres Heeres, mit Ungestüm eine förmliche Schlacht. Sertorius gab nach. Bald aber wurden sie von den Feinden so bedrängt, daß ihr Untergang unvermeidlich gewesen wäre, wenn nicht Sertorius im rechten Augenblick zu ihrem Schutz herbeigeeilt wäre und sie sicher ins Lager zurückgeführt hätte. Als sie durch diesen Unfall mutlos geworden waren, ließ er einige Tage später zwei Pferde vorführen. Das eine war alt und schwach, das andere stark und jung mit einem dicken Schweif. Hinter jenes stellte er einen starken, hinter das andere einen kleinen schwächeren Soldaten. Auf ein gegebenes Zeichen mußten beide versuchen, den Pferden die Schweife auszuziehen. Der starke Soldat ergriff mit einem Mal den ganzen Schweif des schwachen Pferdes, um ihn mit einem Zuge auszureißen; aber er zog und zog, immer vergeblich. Indeß riß der kleine Soldat dem starken Pferde ein Haar nach dem andern aus, bis er zuletzt den ganzen Schweif in Händen hielt. So lehrte er sie, wie sie durch Ausdauer und kleine Gefechte auch einen überlegenen Feind schwächen könnten.
Die Fortschritte des Sertorius erregten endlich in Rom solche Besorgnisse, daß man den Pompejus mit einem neuen Heere nach Spanien schickte. Pompejus führte sein Heer von 30000 Mann zu Fuß und 1000 Reitern durch Gallien über die Pyrenäen (76). Jahrelang focht er, aber ohne Glück und Entscheidung gegen den unbesiegbaren Marianer, der sich sogar mit König Mithridates von Pontus in ein Bündnis einließ, bis endlich schnöder Verrat und Meuchelmord den Helden zu Fall brachte.
Als nämlich die Römer einen Preis von 100 Talenten und 20000 Morgen Landes auf den Kopf des Sertorius setzten, da ließen sich viele zum Abfall bewegen. Gefährlicher noch ward daher im eigenen Heer der ehrgeizige Perpenna, der, weil er dem Sertorius den Oberbefehl mißgönnte, die Gemüter vieler Untergebenen von ihm abwendig machte. Er stiftete Zwietracht im Senat des Sertorius und machte auch die Treue der Eingeborenen wankend. Da wurde Sertorius mißtrauisch und grausam und ließ sich zu einer furchtbaren Tat hinreißen: er ließ die Söhne der vornehmsten Spanier, welche er des Abfalles bezichtigte, in der Schule zu Oska töten. Die tiefe Mißstimmung und Erbitterung, die solches Verfahren auch bei den bisher treuesten Anhängern hervorrief, benutzte sein Legat Perpenna als Gelegenheit zu seinem Untergang. Er stiftete eine Verschwörung an und lud seinen arglosen Feldherrn zu einem Gastmahl ein, zu dem dieser mit zweien seiner Geheimschreiber erschien. Auf ein gegebenes Zeichen erhoben sich die Mitverschworenen des Gastgebers und töteten Sertorius mit den beiden Schreibern (72).
Perpenna stellte sich nun selbst an die Spitze des Heeres und hoffte die Sache der Marianer weiter zu führen. Bald aber ward er von Pompejus geschlagen und gefangen genommen. Vergebens erbot er sich die in seinen Händen befindlichen Briefe auszuliefern, durch die viele römische Senatoren in Gefahr gekommen wären. Pompejus ließ die Briefe ungelesen verbrennen und den Verräter hinrichten. Die überlebenden Marianer flüchteten übers Meer nach Mauretanien oder warfen sich auf den Seeraub. Die beiden spanischen Provinzen kehrten unter die römische Herrschaft zurück.
Da Metellus inzwischen schon nach Italien zurückgekehrt war, konnte sich Pompejus rühmen dem langjährigen und gefährlichen Kriege ein Ende gemacht zu haben, und mit jenem zusammen im folgenden Jahre einen glänzenden Triumph feiern. Sein Glück sollte ihm bald Gelegenheit bieten, neue kriegerische Lorbeern zu ernten.