2. Flucht des Marius.

Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln, und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er sechsmal diese Würde bekleidet.

Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam, durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen, schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius. Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.

Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat, sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unterstehst dich den Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei, versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach Afrika.

Unterwegs hörte Marius, daß sich sein Sohn und einige seiner Anhänger in Numidien befanden und segelte daher nach dem alten Hafen von Karthago. Aber kaum war er daselbst angekommen, als ihm der Statthalter Sextius durch einen Liktor befehlen ließ Afrika zu verlassen. Marius war eben in düstere Betrachtungen versunken. Der Platz, auf welchem sonst Karthago gestanden hatte, erinnerte ihn lebhaft an den Wechsel seines eigenen Glückes. So blieb er eine Zeitlang stumm, bis ihn der Liktor fragte, ob er ihm keine Antwort an den Prätor erteilen wollte. Da sprach er die bedeutsamen Worte: „Melde dem Sextius, du habest den alten Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sehen.“ Bald darauf fand er seinen Sohn und dessen Gefährten. Mit diesem begab er sich auf eine Insel unweit der Küste von Afrika, wo er den Winter hindurch lebte und auf Rache sann.