Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen seine Ankläger angenommen hatte (S. 91), vermählte sich in der Folge mit dessen Tochter Cornelia. Einst, erzählt man, ergriff er auf seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde, dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er. Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen Tiberius und Gajus, und ihrer Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio Africanus vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den Besuch einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von Gold und kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia bat, sie möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen, da ließ die stolze Römerin ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese sind mein Schmuck, meine Kleinodien.“
Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, Tiberius Sempronius Gracchus, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse den Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch Pflichttreue und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die Mauer der Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem Konsul Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als dieser ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten, aufbrechen und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem ganzen Heere von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden gedrängt, die keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung verzweifelnd, schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten. So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen Mann unverletzt zu entlassen.
Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“, sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“
Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein. Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf, wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender Unzufriedenheit erfüllt war.
Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser für den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen neuen Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun jenes alte licinische Gesetz (S. 47), daß kein Bürger mehr als 500 Morgen des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (ager publicus) besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel. Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe. Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen, unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten; unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.
Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber auch den Haß und den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester, und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu eigen besitzen.“
Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen, der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat plötzlich ein anderer Tribun, Octavius, auf und hinderte durch seine Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber. Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn Tribunen dagegen Einspruch tat.
Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung, jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor dem Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3–4000 Menschen um ihn.
In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte, rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen; wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.
Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben. Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig. Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der endlich zum Untergang der Republik führen mußte.
Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete sogar manchen aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden, und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem und Purpurmantel überbracht habe.
Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern, seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen, erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ. Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da er aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte er mit der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr anzudeuten. Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren sogleich Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe Tiberius die Krone gefordert. Da sprang Scipio Nasīca, ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul, er solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul Mucius Scävola aber, ein Mann von strengem Rechtsgefühl und der Reform geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen. Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt, so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden — der Tribun Publius Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat — durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.
Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern (triumviri), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus, der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus erhielt, des homerischen Verses gedachte:
Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat in den folgenden Parteikämpfen.
Gajus Sempronius Gracchus, neun Jahre jünger als sein Bruder Tiberius — er war im Jahre 153 geboren — lebte nach dessen Untergang in stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher, dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst, da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod wie der meinige beschieden.“
Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte, suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes, seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.
Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte, um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein Getreidegesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats- und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden. Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter (publicani) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in den Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden. Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.
Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen, Livius Drusus, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des Volkes entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in Italien selbst statt der überseeischen in Afrika, jenen noch bei weitem überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus die Genehmigung des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren suchte der Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus Abneigung und Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den Wünschen des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde, sobald jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich die schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum dritten Mal, während sein erbittertster Gegner Opimius Konsul ward.
Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte, erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“ Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung, das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt, schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor seiner Wohnung.
Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt, „vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (videant consules ne quid respublica detrimenti capiat): was die Befugnis bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.
Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus, unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das Schicksal deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert, zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder; ein Diener trug sie ins Haus zurück.
Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen, durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).
Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit enden sollten.