(in ganzer Härte vor ihm):

Dein Wunsch ist erfüllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine Hand geboten — du hast sie verächtlich von dir gewiesen. Der Fluch komme über dich. Ich verstoße dich.

Aber weil du in dieser Nacht die Schande über mich gebracht hast, deshalb lösche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein Wort denken —: ich habe vergessen, daß du mein Sohn bist.

Du siehst mich heute zum letztenmal.

Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Füße. Du bist nicht wert, daß meine Hand dich berührt. (Er tut es.) Jetzt kannst du gehen.

Der Sohn:

Papa ...

Der Vater:

Sprich den Namen nicht aus!

Der Sohn:

Läßt du mich frei!?

Der Vater:

Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schützen. Es gibt Anstalten zu diesem Zweck.

Verlaß jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!

Der Sohn

(Mit eiserner Ruhe):

Das Zimmer ist verschlossen. Hier geht keiner heraus.

Der Vater

(steht auf und geht langsam, schwerfällig zur linken Seitentür).

Der Sohn

(Mit furchtbarer Stimme):

Halt! Keinen Schritt!!

Der Vater

(einen Augenblick wie gelähmt von dieser Stimme, setzt sich an den Tisch.)

Der Sohn

(zieht den Revolver unbemerkt jetzt ganz aus der Tasche.)

Der Vater:

Hilfe gegen den Wahnsinn ... (Er ergreift das Telephon).

Der Sohn

(hebt den Revolver in die Höhe):

Der Vater

(am Telephon):

Bitte das Polizeiamt.

Der Sohn:

Sieh hierher! (Er zielt auf ihn und sagt mit klarer Stimme): Noch ein Wort — und du lebst nicht mehr.

Der Vater

(macht unwillkürlich eine Bewegung, sich zu schützen. Er hebt den Arm, das Telephon entfällt ihm. Er läßt den gehobenen Arm sinken. Sie sehen sich in die Augen. Die Mündung der Waffe bleibt unbeweglich auf die Brust des Vaters gerichtet — Da löst sich der Zusammengesunkene, ein Zucken geht durch seinen Körper. Die Augen verdrehen sich und werden starr. Er bäumt sich kurz auf, dann stürzt das Gewicht langsam über den Stuhl zu Boden. Der Schlag hat ihn gerührt.

Der Sohn mit unverändertem Gesicht nimmt diese Stellung wahr. Sein Arm fällt herunter, dumpf schlägt der Revolver auf. Dann sinkt er automatisch, als setze sein Bewußtsein aus, in einen Stuhl nahe am Tisch.)

Dritte Szene.

(Durch die Seitentür rechts tritt das Fräulein. Sie erblickt den Vater, eilt auf ihn zu und sieht, daß er tot ist. Dann erkennt sie den Sohn im Stuhl und kommt langsam auf ihn zu.)

Das Fräulein:

Nun bist du wieder hier — und dir zu Füßen
Vermischt sich Heimat mit dem Wunderland.
Ist keine Stimme nah, dich zu begrüßen:
Sei nun willkommen einer Mutter Hand!
Und deine Stirne, die so heiß gestritten,
Ich will sie trocknen dir in Angst und Not.
Ich frage nicht; ich weiß, du hast gelitten.
Er wird dich nicht mehr hassen. Er ist tot.

Der Sohn:

Kennst du den Knaben noch, der dir entschwindet?
O glaube nicht, ich kehrte dir zurück. —
Wo ist ein Mensch, der das noch überwindet!

Das Fräulein:

Mein armer Freund! Du bist nicht mehr im Glück.

Der Sohn:

Nein, Fräulein, die vergänglichen Gebärden
Entrücken mich des Horizonts nicht mehr.
Ich weiß, daß Taten nur durch Opfer werden:
Mein Herz war übervoll — jetzt ist es leer.
Doch hab ich es vollbracht, ich bin verschwendet.
Vorbei ist nun die große Leidenschaft.
Viel ist erfüllt — noch ist mir nichts vollendet;
Die Wolke zog dahin. Es blieb die Kraft.
Und wenn ich über Tote jetzt ins Leben
Noch einmal schreite: dem hier bin ich fern.
Vermag ich nicht im Rausche zu entschweben,
Entschweb ich denn auf einem neuen Stern —
Und was in meinem Geist steht ungeheuer,
Bald seh ich es in letzter Klarheit Schein:
Entzünd ich weiter, immer weiter Feuer,
Dann bin ich mehr als bin — dann werd' ich sein!

(Sie kniet vor ihn hin, wie er vor sie im zweiten Akt.)

Ich seh den Himmel über Ihnen scheinen,
Den ich in meiner ersten Nacht gesehn.
Und könnt ich heut an Ihrem Busen weinen
Sie würden meine Träne nicht verstehn.
Und könnt ich heute noch die Worte sagen:
Geburt und Dasein — einst in Ihrem Schoß —
Mich würde Ihre Liebe nicht mehr tragen,
Ich bin zu arm. Die Erde ließ mich los.

(Sie erheben sich langsam beide.)

Ins schmerzlich Ungeliebte, in die Schwere
Des tief Erkannten treibt mein Körper hin.
Umfängt mich auch die grenzenlose Leere:
Voll Frucht und voller Segen ist mein Sinn.
Denn dem Lebendigen mich zu verbünden,
Hab ich die Macht des Todes nicht gescheut.
Jetzt höchste Kraft in Menschen zu verkünden,
Zur höchsten Freiheit, ist mein Herz erneut!

(Sie reichen sich die Hände und gehen ab nach verschiedenen Seiten. Der Tote, in der Mitte des Saales, bleibt allein.)

Ende des fünften Aktes.

Anmerkungen zur Transkription

Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie: Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: