(mit kalter Ruhe):

Solange ich hier bin, wird nichts geschehn.

Der Freund:

Herr von Tuchmeyer, ich weiß, Sie haben Geld. Andre haben das auch; deshalb sind Sie nicht schlechter — aber hüten Sie sich vor Dummheiten. Übrigens wird es Ihnen immer gut gehen: Machen Sie doch nicht andre zu Genossen Ihres subalternen Gefühls. Sie können ruhig Ihr Geld verschwenden, einst wird es wieder auf Ihren Schultern rollen. Aber was soll uns diese Welt mit Operetten und Monte Carlo? Sind wir nicht an jedem Brunnen älter, und ein anderes Dunkel umhüllt uns! Leben wir denn, um immerfort in Kasernen dies Wort herzhaft zu bewegen? Verdammt mit solchen Scherzen! Ich hasse alle Menschen, die sterbend noch das Grün im Spiegel der Bäume sehn. Aufhängen soll man jeden, der nicht Unlust und Verzweiflung und das penetrante Risiko verspürt hat, sich von diesem Miststern geräuschlos zu entfernen. Begreife man, daß wir uns durch Gefahr der Ewigkeit nähern. Was nützt uns der Hahnschrei des Glücks. Verehrte, lernt euch verachten! Wen Gott straft, der genießt zuviel.

von Tuchmeyer:

Haben Sie nicht Schwüre der Freundschaft begeistert mit uns getauscht? Weshalb verlassen Sie uns? Sie sind meineidig. Ich schäme mich Ihrer.

Der Freund:

Lieber Tuchmeyer, gehn Sie ab vom Kreuzzug. Sie dürfen noch in Sekt und Umarmungen selig sein. Wir können das nicht mehr. Erlauben Sie deshalb, daß wir darüber nachdenken. Wir bleiben nicht immer zwanzig Jahre, und Genies dürfen hier keine sein, (er dreht sich zum Fürsten um) außer Ihnen, Majestät.

Also ich erkläre es zum letztenmal: ich bin wurmstichig und habe den Mut, es vor aller Öffentlichkeit heute zu bekennen. Mag vor mir oder nach mir reden, wer will: ich werde das Gegenteil beweisen.

Und wenn Sie mir nicht glauben, so kommen Sie her: mein Herz klopft gar nicht — ich habe nicht mehr als 80 Pulsschläge in der Minute.

(Er stellt sich und öffnet leicht den Rock. Erneutes Brausen im Saal. Dann Stille. Die Ouvertüre beginnt.)

Der Freund:

Ich hör schon die Ouvertüre. Ein gutes Arrangement! (Zu Cherubim.) Präparier' deine Handgelenke. Es geht los.

Cherubim

(schwer atmend überm Tisch):

Schließen wir einen Kompromiß. Ich rede nicht. Sprich du aber auch nicht!

Der Freund:

Nichts. Kein Kompromiß. Einer wird reden.

Cherubim:

Also du willst den Skandal ...

Der Freund:

Ich laß dir einen Ausweg: es redet ein Dritter!

Cherubim:

Wer ist dieser Dritte?

Der Freund:

Fügst du dich! Entscheide!

Cherubim:

Mein schönes, strahlendes Werk ...

von Tuchmeyer:

Tu's nicht! Ich steh dir bei!

Cherubim

(durch diese Stimme geweckt, richtet den Blick starr auf ihn):

Ich gebe nach. Ich rette dein Geld!

Der Freund:

Jetzt hab ich dich, Freundchen! Du sicherst dir das Kapital. Glückauf! Wir brauchen es nicht. Diesen Schlußeffekt hast du dir nicht erspart. Du Streiter in Gottes Hand! Nun Ischarioth und Co., tut euch von neuem auf: Gott gebe euch Treue und tröste eure Witwe.

von Tuchmeyer:

Halt — ich bin noch hier! Wer ist nun der Verräter an uns allen? Du, Cherubim, hast feige deine Größe verlassen. Und Sie — wer sind Sie auf einmal? Nun sind mir die Fäden zerrissen — auch ich schwanke — wem glaub ich denn noch? War mein Geld umsonst und, was schlimmer ist: mein Glaube? Rächt sich schon mein seliger Papa? Macht man so Bankerott ...?

(Die Ouvertüre ist zu Ende. Es wird laut geklatscht. Das Brausen im Saale schwillt an.)

Die erste Nummer ist vorbei. Jetzt schnell! Es muß doch weitergehn. Ich fange an, mein eigner Regisseur zu werden. Wir können doch nicht mitten im Programm aufhören ... nach der ersten Nummer!

(Verzweifelt zum Fürsten):

Fürst! Sagen Sie etwas. Jetzt kommt doch die Hauptsache. Wenn nichts passiert, die Leute töten uns ja ... Auch Sie schweigen! Hier ist kein Notausgang ... Gibt keiner ein Zeichen???

Der Freund

(hebt den Arm):

Schweigt alle jetzt — kein Wort! Kein Wort mehr, hört ihr? Ich geb euch das Zeichen!

(Er eilt zur Tür, reißt sie auf, ruft):

Komm nun!

Vierte Szene.

(Der Sohn mit der schwarzen Maske, im Frack, tritt ein.)

Der Freund

(führt ihn, der nicht sieht, hypnotisch, ohne ihn zu berühren, mit den Fingern näher):

Atme! Hier sind Menschen. Die Fahrt ist vorbei! Nicht mehr die angstvolle Enge der III. Klasse im Zug. Keiner verfolgt dich. Hier wirst du leben!

(Er lüftet einen Augenblick seine Maske und sieht in sein visionäres Gesicht):

Hebe dein Antlitz! Die Erde geht auf — es sind keine Wärter, die dich prügeln!

(Er führt ihn vor den Vorhang, dicht an den Saal):

Hörst du die — dort? Sie erwarten dich. Rede zu ihnen! Beschwöre die Qual deiner Kinderzeit! Sage, was du gelitten hast! Ruf sie zu Hilfe — ruf sie zum Kampf —

(Leise Musik im Saal, wie am Ende des zweiten Aktes, aus der IX. Symphonie.)

Der Freund:

Was siehst du?

Der Sohn

(unter der Suggestion fern und entrückt):

Dieser Glanz, dieser Glanz! Auge, du scheinst. Hier ist es schön. Hier grüßt mich der Stern.

Der Freund:

Wen siehst du?

Der Sohn

(mit tastenden Armen):

Als Kind oft durfte ich, wenn ein Fest bei uns war, zum Dessert vor den Damen erscheinen. Wie steh ich nun wieder in Früchten und Eis unter dem strahlenden Leuchter. Ihr Damen und Herren — ich kenne euch ja — ein linkischer Knabe begrüßt euch —

(Er verneigt sich langsam im Kreis.)

Ich hab Ihre Spuren in Nächten gesehn! O, daß ich bei ihnen sein darf! Aus dem lichtlosen Äther komme ich her; der Ärmsten einer, und doch bin ich hier. Daß mir das Wunder zuteil ward!

Der Freund

(reißt den Vorhang auf und stößt ihn aufs Podium in den Saal):

Nun sprich zu ihnen! Ein Toter nicht mehr — du bist frei!

Fünfte Szene.

(Das Brausen im Saal, die Musik verstummt. Man sieht kurz den erleuchteten Raum voller Menschen. Ein langer Ton der Erwartung, Überraschung, des Staunens setzt ein. Dann wird es still.)

Der Freund

(gedämpft):

Stellen Sie sich an den Vorhang, von Tuchmeyer, und hören Sie zu!

(Er eilt nach vorn, als dirigiere er hinter dem Vorhang unsichtbar einen Chor.)

Nehmen wir alle teil an diesem Akt — jetzt gilt es —

(Man hört im Saal die Stimme des Redenden, doch ohne die Worte zu verstehn. Alle sind in höchster Erregung im Zimmer verteilt.)

Der Freund:

Dort steht ein Mensch, der in zwanzig Jahren mehr Leid erfahren hat, als wir Freude in einem Jahr. Deshalb hat Gott ihn gesandt ...

(Unruhe im Saal.)

Was ist?

von Tuchmeyer:

Er reißt die Maske ab. Seine Augen sehen noch nicht. Er redet von seiner Kindheit. Viele können ihn nicht verstehn ... da, jetzt spricht er lauter. Einige stehen auf und kommen näher ...

Der Freund

(die Hände ballend):

Bewegt er die Hände?

von Tuchmeyer:

Nein. Doch — jetzt —

Der Freund

(öffnet die Arme):

— streckt er sie aus: so?

von Tuchmeyer:

Er ist irre! Er sagt —: er nimmt die Marter unser aller Kinderzeit auf sich!

Der Freund:

Ah — er redet wahr! Weiter, was tut er?

von Tuchmeyer:

Jetzt ist er vom Podium gesprungen. Er steht mitten unter den Leuten. Er sagt —: daß wir alle gelitten haben unter unsern Vätern — in Kellern und in Speichern — vom Selbstmord und von der Verzweiflung —

Der Freund

(beugt sich, mit allen Muskeln gespannt, vorwärts):

Die Geister stehn ihm bei!

(Er bewegt die Glieder und die Züge seines Gesichts mit magischer Gewalt):

Hörst du! Sag es!

(Ein furchtbarer Wille ist in ihm, den Redenden unter seine Gedanken zu zwingen.)

von Tuchmeyer:

Es gibt ein Unglück!!! Er sagt: die Väter, die uns peinigen, sollen vor Gericht! Das Publikum rast — —

(Ungeheurer Tumult im Saal.)

Cherubim und der Fürst

(rechts und links am Vorhang):

Alles in Aufruhr. — Sie dringen auf ihn ein. — Die Stühle sind los — die Tische —

Cherubim

(hysterisch schreiend):

Bravo. Ein herrlicher Fall!

Der Freund

(ganz vorn):

Ruhe! (Er holt einen Revolver aus der Tasche.) Ich töte ihn, wenn er verliert!

von Tuchmeyer

(am Vorhang):

Da — jetzt —

Der Freund

(mit dem Rücken zum Saal, ohne sich umzuwenden):

Was?

von Tuchmeyer:

Er reißt sich die Kleider vom Leibe. Er entblößt die Brust. Er zeigt die Striemen, die ihm sein Vater schlug — seine Narben! Jetzt kann man ihn nicht mehr sehn, so viele sind um ihn. Jetzt — sie ergreifen seine Hände — sie jubeln ihm zu —

Der Freund

(im Triumph):

Jetzt hat er gesiegt! Jetzt hat er's vollbracht! (Er steckt den Revolver ein und wendet sich um. Im Saale brausender Beifall. Hochrufen.)

von Tuchmeyer:

Sie heben ihn auf die Schultern! Die Studenten tragen ihn!

Der Freund:

Was sagt er?

von Tuchmeyer:

Er ruft zum Kampf gegen die Väter — er predigt die Freiheit —! »Wir müssen uns helfen, da keiner uns hilft«! Sie küssen ihm die Hände — welch ein Tumult! Sie tragen ihn auf Schultern — zum Saale hinaus ...

(Immer neue Hochrufe.)

Der Freund:

Er hat den Bund gegründet der Jungen gegen die Welt! Listen auf — alle sollen sich unterschreiben!

von Tuchmeyer

(reißt sein Notizbuch entzwei):

Alle sollen sie unterschreiben! Mein Vater lebt nicht mehr. Heute ist er zum zweiten Mal gestorben. (Er wirft Blätter auf den Tisch.)

Cherubim:

Tod den Toten! Der meine schickt mir kein Geld mehr. (Mit lauter Stimme.) Ich unterschreibe!

Der Freund

(zum Fürsten):

Und Sie, Majestät, wie wird Ihnen? (Er hält ihm die Blätter entgegen.)

Der Fürst:

Geben Sie her!

Der Freund:

Das nennt man Revolution, Bruder Fürst!

Der Fürst

(ekstatisch, springt auf einen Tisch, reckt seinen Arm empor wie das Schwert der Freiheitsstatue):

Meine Herren! Wir sind ein Menschenalter! So jung werden wir nie mehr sein. Es gibt noch viele Idioten — aber — zum Teufel: wir leben länger!


(Er beginnt, auf dem Tisch stehend, die Marseillaise. Die andern singen mit. Stimmen im Saal fallen ein):

»Aux armes, citoyens!
Formez vos bataillons!
Marchons! Marchons!«

Ende des dritten Aktes.

Vierter Akt.

Erste Szene.

Am nächsten Morgen.

Ein Hotelzimmer im Stil der Chambres garnies, jedoch ohne Bett.

Auf dem Tisch ist das Frühstück gedeckt.

Adrienne, vor einem Spiegel, frisiert sich.

Der Sohn, nachlässig im Frack.

Der Sohn:

Jetzt, wo du die Haare kämmst, fällt mir ein, daß du schon viele vor mir geliebt hast.

Adrienne:

Wieso?

Der Sohn:

Mich quält eine sonderbare Eitelkeit.

Adrienne

(kämmt weiter):

Ich liebe dich.

Der Sohn:

Du hast doch Geld von mir genommen!

Adrienne:

Und du? Lebst du von der Luft? Hast du nicht auch Geld genommen gestern für deine Rede? Wir müssen alle essen.

Der Sohn:

Das ist richtig. Ich nahm Geld. Ich habe dafür einen Akt aus meiner Jugend gespielt.

Adrienne:

Mit wem ich morgen schlafe, geht heute keinen an. Ich bin ein Weib und kann nicht mehr tun.

Der Sohn:

Man hat mich auf die Schultern gehoben. Ich muß nachdenken, dann wird es mir klar. Ich bin in einer andern Welt.

Adrienne:

Du hast doch Revolution gemacht gestern! Weißt du das nicht mehr? Vielleicht steht es schon in der Zeitung.

Der Sohn:

Was vor acht Stunden war, ist für mich schon historisch; gestern habe ich noch Geschichte gepaukt.

Adrienne

(nachdenklich):

Da sieht man, wie Revolutionen entstehn!

Der Sohn

(lächelnd):

Nein, du irrst! Ich bin gar nicht so raffiniert. Ich bin kein Schauspieler. Ich war echt.

Adrienne:

Du weißt nicht mehr, was du gemacht hast?

Der Sohn:

Ich erinnere mich, wir nahmen einen Wagen und fuhren in die Vorstadt hinaus. Ich sah dich nur flüchtig — du schienst mir sehr schön. Mein Gott, ich habe ganz vergessen, mich bei den Studenten zu bedanken. Sie trugen mich wohl eine halbe Stunde im Regen herum. Jemand drückte mir Geld in die Hand.

Adrienne:

Ist es viel?

Der Sohn:

Es wird langen.

Adrienne:

Du bist aus vornehmem Haus. Man sieht es an der Wäsche.

Der Sohn:

Wie kommst du darauf?

Adrienne:

Mein Kleiner! Du hast keine Erfahrung in der Liebe, und von den schönsten Spielen verstehst du nichts. Du mußt erst erzogen werden. Ein Mann von deinem Stande braucht das.

Der Sohn:

Ich dachte, das kommt von allein.

Adrienne:

So klug sind die Männer nicht! Du willst doch einmal heiraten. Du könntest böse hereinfallen; deine Frau wird dich betrügen — weil du nichts verstehst.

Der Sohn:

Adrienne, das wußte ich nicht. Was ist da zu machen!

Adrienne:

Willst du bei mir lernen? Ich bringe dir alles bei. Und du wirst sehr klug werden.

Der Sohn:

Mein Vater hat mich nicht einmal gelehrt, was man nach dem Lieben tun soll. Es war doch zum mindesten seine Pflicht.

Adrienne:

Die Väter schämen sich vor ihren Söhnen. Das ist immer so. Weshalb schickt man sie nicht zu uns? Man schickt sie auf Universitäten.

Der Sohn:

Wieviel Ekel und Unglück könnte verhütet werden, wenn ein Vater moralisch wäre! Er ist der nächste dazu.

Adrienne:

Statt dessen verfolgt uns die Sittenpolizei.

Der Sohn:

Ich verstehe. Ihr fangt an, eine Rolle zu spielen. Man muß von seinem Vater verlangen, daß er uns mit freiem Herzen zur Hure führt. Ein neuer Passus für unsern Bund. Ich werde ihn in meiner nächsten Rede sagen ...

(Er geht erregt umher.)

Adrienne

(mit ihrer Frisur zu Ende):

Frühstücken wir derweilen.

(Sie setzen sich.)

Adrienne

(kauend):

Hast du noch nie mit einer Dame gefrühstückt — nach der ersten Nacht?

Der Sohn:

Noch nie. Weshalb?

Adrienne:

Du bist ungeschickt. Alle haben mir die Bluse zugeknöpft — du kennst die einfachsten Anstandsregeln nicht.

Der Sohn:

Ich bin ein Anfänger in der Liebe: das wird mir mit Schrecken klar. Aber die Kunst ist groß, und ein junger Mann muß Bescheid wissen, bevor er die höhere Mathematik versteht. Ich nehme deinen Vorschlag an — unterrichte mich! Ich bewundere dich: du weißt viel mehr als ich. Ich war so ängstlich, als wir heute Nacht die Treppe hinaufgingen, an den frechen Kellnern vorbei. Wir sind durch die Mitte des Lebens gewandert ... aus allen Zimmern dieses verrufenen Hotels brachen Ströme, dunkle und unbewußte ...

Adrienne:

Gib mir die Butter!

Der Sohn:

Ja, und wie du den Mantel nahmst und aufs Bett warfst — das werde ich nicht vergessen. So selbstverständlich, so klar in sich! Ich weiß jetzt, mit welchem Ton man eine Kerze verlangt, die nicht da ist.

Adrienne:

Du mußt nächstens nicht so unruhig sein.

Der Sohn:

Ich sah zum ersten Male, wie man sich auszieht. Und das langsam genießen! Wie schön ist ein Geldgeschäft: man ist ganz unter sich.

Adrienne:

Habe ich dir gefallen?

Der Sohn:

Erst blau und dann rosa; das Schwarz der Strümpfe! Mir gefielen die Spitzen sehr.

Adrienne:

Und ich?

Der Sohn:

Ich weiß nicht mehr, wie du aussahst.

Adrienne

(mit großer Ruhe, nimmt ein neues Stück Brot):

Du liebst mich noch nicht.

Der Sohn:

Im Ernst — sei nicht böse. Ich war enttäuscht. Wie nüchtern ist ein Körper und ganz anders, als man sich denkt. Adrienne, du lebst für mich, wie du aus dem Wagen in den Korridor tratest. Wie du in einem fremden Hause Bescheid weißt! Du bist eine Heldin. Ohne dich wäre ich vor Scham in die Erde gesunken. Auf verschossenem Samt am Geländer — ich glaube, das ist die gleiche Anmut, über Goldfelder und malayische Spelunken zu gehn. Ich habe nichts Irdisches mehr an deinen Füßen bemerkt —

Adrienne:

Manche Herren lieben nur meine Füße. Ich muß nackt auf dem Teppich tanzen.

Der Sohn:

Wohin führt dieses Wort! Welch ein Zauberkreis. Im Panoptikum einst eine Dame war blautätowiert ... viele Dinge gibt es, von denen man trotzdem weiß.

Adrienne:

Weshalb hast du nicht geschlafen?

Der Sohn:

Ich war nicht müde. Ich liebte dich sehr in der Dämmerung, ruhend auf dem gleichen Lager, als du mich nicht mehr empfandest. Ich glaube, erst da liebte ich dich ganz.

Adrienne

(mit ruhiger Überlegenheit):

Du kannst es noch nicht. Aber du wirst es lernen.

Der Sohn:

Ich bin begierig auf diese Kunst. Welche Angst, zu nehmen, was einem geboten ist! Doch man muß sie überwinden.

Adrienne:

Ich hab meine Handschuhe verloren. Schenk mir ein Paar neue!

Der Sohn

(legt ein Goldstück auf den Tisch):

Ich weiß nicht, was Handschuhe kosten.

Adrienne:

Das ist zuviel! Ich bring dir zurück.

(Sie setzt ihren Hut auf.)

Der Sohn:

Wo gehst du hin?

Adrienne:

Nach Hause, mich umziehn.

Der Sohn:

Wann kommst du wieder?

Adrienne:

Soll ich dich abholen?

Der Sohn:

Ich warte auf dich.

Adrienne:

Hast du noch einen Groschen für die Bahn?

Der Sohn

(gibt ihr):

Hast du Geschwister?

Adrienne:

Ach, reden wir nicht davon. Meine Schwestern sind anständig.

Der Sohn:

Es ist doch merkwürdig, das zu bedenken.

Adrienne:

Weshalb willst du es wissen?

Der Sohn:

Ich suche ein Äquivalent für meine Schwäche. Du bist mir zu überlegen.

Adrienne:

So schnell verliere ich das Gleichgewicht nicht!

Der Sohn:

Ich hasse jeden, der meine Zustände weiß. Ich begreife einen Mann, der ein Weib tötet, das ihn durchschaut.

Adrienne:

Aber Bubi! Wer wird schon von so etwas reden — in deinem Alter.

Der Sohn:

Du weckst meine schlummernden Talente. Seitdem ich dich kenne, seh ich manches klarer in mir. Die Freude an euerm Geschlecht regt zum Denken an. Man findet immer wieder einen Weg zu sich.

Adrienne

(zuversichtlich):

Heute abend ist Tanz in Pikkadilly. Ich führe dich ein! Nachher gehn wir in die Bar.

(Sie ist in Hut und Mantel.)

Der Sohn

(betrachtet ihre schlanke Figur):

»Auf, in den Kampf, Tore-ro ...«

Adrienne:

Adieu, Bubi!

Der Sohn

(küßt weltmännisch ihre Hand):

Adieu, Madame!

(Sie geht, ihm zuwinkend, ab.)

Zweite Szene.

(Er zündet sich eine Zigarette an und geht mit langen Schritten, gewiegt, durch das Zimmer. Die Asche legt er auf einen Teller. Eintritt der Freund.)

Der Freund:

Guten Morgen!

Der Sohn:

Bist du schon da?

Der Freund:

Du scheinst nicht erfreut, mich zu sehn.

Der Sohn

(verlegen):

Oh doch — wie spät ist es?

Der Freund:

Es ist elf Uhr. Du hast erst gefrühstückt? Um diese Zeit pflegtest du zu Hause nicht aufzustehn.

Der Sohn:

Ich brauche einen neuen Anzug. Wo bekomme ich den?

Der Freund:

Hör' mal, ich sah eben die süße Adrienne entschreiten.

Der Sohn:

Ich liebe sie.

Der Freund:

Nein, du irrst.

Der Sohn:

Sie wird es mich lehren.

Der Freund:

Das meinte ich nicht. Was wird sie dich lehren? Überspringe diese Schulklasse ruhig — du hast Besseres vor. Eine Dame ihres Genres ernst nehmen, ist eine Sache, nicht ganz deiner würdig. Du kommst in Konflikt mit den Ärzten. Ich rate ab.

Der Sohn:

Es reizt mich, eine neue Gefahr zu erleben. Ich lungre förmlich nach ihr.

Der Freund:

Du wirst sie bald genug haben.

Der Sohn:

Auf welchem Gebiet?

Der Freund:

Hast du vergessen, daß dein Vater dich jeden Augenblick zurückholen kann? Du bist minderjährig, mein Sohn.

Der Sohn:

Jetzt — wo ich im Leben stehe zum erstenmal — jetzt wieder in die Knechtschaft zurück? Nie.

Der Freund:

Nenn diesen gemeinplätzigen Zustand doch nicht Leben. Eine witzlose Nacht mit einem Weibe — und du bist nicht einmal enttäuscht? Du warst nie so flach als bei dieser Dame. Jedes deiner Wahnsinnsworte am Abend, wo ich dich überraschte, ist größer.

Ich komme, einen Propheten zu sehn und finde einen kleinen Flüchtling, der verliebt ist. Du spielst deine eigne Persiflage! Dein Fräulein im Elternhaus war ungeheuer. Aber diese Hure, welch eine geistlose Attrappe!

Der Sohn:

Sie ist zum mindesten in meinem Leben so wichtig wie du.

Der Freund:

Teufel, laß uns ernst sein. Könntest du dein Gefühlchen unter der Lupe sehn, du würdest staunen, wie es von Läusen wimmelt.

Der Sohn:

Ich will aber nicht! Ich sage dir, die Kleine wird mich abholen, und dabei bleibt es.

Der Freund:

So werde glücklich.

(Er nimmt seinen Hut.)

Der Sohn:

Wohin?

Der Freund:

Ich überlasse dich den Huren. Schade um dich.

Der Sohn:

Bist du verrückt? Rennt man so aus dem Zimmer?

Der Freund:

Nein, mein Junge. Entweder — oder. Zuhälter werden alle Tage geboren.

Der Sohn:

Ich will, nach so viel Stationen, endlich eine Sache ganz tun.

Der Freund:

Dazu hast du Gelegenheit.

Der Sohn:

Und wie?

Der Freund:

Wann ist das Rendezvous?

Der Sohn:

In einer halben Stunde.

Der Freund:

Dann können wir zwanzig Minuten reden. Setzen wir uns dazu. (Sie sitzen sich gegenüber.)

Der Freund:

Du bewunderst dieses Mädchen? Sie mag dressiert sein und tüchtig in ihrer Branche. Zugegeben. Das ist viel!

Aber hast du nicht vor wenigen Stunden etwas getan? Mensch, du standest in einer europäischen Halle — bedenk' das! Was für ein Ruhm lastet auf deinen Schultern! Meinst du, so leicht kann man die Verantwortung von sich abschütteln? Dann verdienst du, daß man dich hängt. Wer einen Gedanken in die Welt schleudert und bringt den nicht zu Ende, soll des höllischen Feuers sterben. Das ist das Einzige, dem ich rückhaltlos das Recht der Existenz bekenne: Die Tat. Und wie stehst du jetzt da? Man sah dich von vorne, Prometheus, und nun sieht man dein Hinterteil — Nachtigall und Kindskopf. Man muß dir die Hosen halten.

Der Sohn:

Wovon reden wir? Von deiner Tat, nicht von der meinen. Du bist schuld an mir — ich stand unter deiner Suggestion; das weiß ich. Weshalb tatest du es nicht selber? Gib zunächst einmal darauf Antwort!

Der Freund:

Mich kennen sie; leider. Ich habe ihre Notdurft zu oft geteilt. Ich bin kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich würde am Ende selber gegen mich sprechen.

Aber du hast die Gemüter. Ich weiß nicht, wieso, aber du hast sie. Die größte Macht — und du brauchst sie nicht. Das ist doch zum verzweifeln! Erst hole ich dich aus deinem Käfig, und zwei Stunden lang bist du die Gewalt meiner Ideen. Und schon verrätst du mich und verkriechst dich hinter die Instinkte des Pöbels.

Der Sohn:

Als ich heute morgen in der Dämmerung mit mir selber ins Reine kam, da erkannte ich nebenbei dies seltsame Theaterspiel. Ich mußte mich fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, daß deine Hilfe nicht ganz so parteilos war. Ich beklage mich nicht über meine Rolle — aber —

Der Freund:

Ich gebe zu, daß mein Wille über dir geherrscht hat. Ich mißbrauchte dich von Anfang an. Sogar während der Rede habe ich dir, ohne daß du es wußtest, Worte und Gesten diktiert. Dein Haß gegen mich ist also vollkommen begreiflich.

Der Sohn

(erhebt sich):

Ach so!

Der Freund

(drückt ihn nieder):

Noch einen Augenblick. Jetzt ist das Reden bei mir. Als ich dich sah, damals in der Stunde des Selbstmords blutend an deinem Kampf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: hier war der Mann, den ich brauchte! Denn ich sah in ungeheuerster Erregung — du hattest, was uns allen fehlte —: Jugend und die Glut des Hasses. Nur solche Menschen können Reformatoren sein. Du warst der Einzige, der Lebendige, der Rufer: Gott will es.

Und so beschloß ich, dich auf einen Sockel zu heben, von dem hinunter du nicht mehr stürzen kannst.

Der Sohn:

Bist du dessen so gewiß?

Der Freund:

Ja. Eine unzerstörte, unverbrauchte Kraft in dir bewegt dich nach vorne. Es hätte vielleicht nicht geschehen sollen. Aber wo es geschehen ist, kannst du nicht mehr zurück.

Der Sohn:

Und was soll ich tun?

Der Freund:

Die Tyrannei der Familie zerstören, dies mittelalterliche Blutgeschwür; diesen Hexensabbat und die Folterkammer mit Schwefel! Aufheben die Gesetze — wiederherstellen die Freiheit, der Menschen höchstes Gut.

Der Sohn:

An diesem Punkt der Erdachse glühe ich wieder.

Der Freund:

Denn bedenke, daß der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor hundert Jahren die Rache an den Fürsten war. Heute sind wir im Recht! Damals haben gekrönte Häupter ihre Untertanen geschunden und geknechtet, ihr Geld gestohlen, ihren Geist in Kerker gesperrt. Heute singen wir die Marseillaise! Noch kann jeder Vater ungestraft seinen Sohn hungern und schuften lassen und ihn hindern, große Werke zu vollenden. Es ist nur das alte Lied gegen Unrecht und Grausamkeit. Sie pochen auf die Privilegien des Staates und der Natur. Fort mit ihnen beiden! Seit hundert Jahren ist die Tyrannis verschwunden — helfen wir denn wachsen einer neuen Natur!

Noch haben sie Gewalt, wie einst jene. Sie können gegen den ungehorsamen Sohn die Polizei rufen.

Der Sohn:

Man sammle ein Heer! Auch für uns sind die Burgen der Raubritter zu erobern.

Der Freund:

Und zu vernichten bis ins letzte Glied. Wir wollen predigen gegen das vierte Gebot. Und die Thesen gegen den Götzendienst müssen abermals an der Schloßkirche zu Wittenberg angenagelt werden! Wir brauchen eine Verfassung, einen Schutz gegen Prügel, die uns zur Ehrfurcht unter unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es beweisen. Führe du das Heer.

Der Sohn:

Aber wer hilft uns? Bis zum einundzwanzigsten Jahre sind wir preisgegeben der Peitsche und dem Wahnsinn des väterlichen Gespenstes.

Der Freund:

Ist es das erstemal, daß ein Werk für die Freiheit geschieht? Auf, die Fahnen und Schafotte der Revolution! Wenn das alte tot ist, macht man ein neues Gesetz. Wir wollen brüllen, bis man uns im Parlament unter der goldenen Kuppel hört. Um nichts Geringes wagen wir unser Blut. Und der Gedanke, dies Feuer, mächtig zu allen Tagen der Welt, wird nicht erlöschen vor Übermacht und Hinterlist. Wir müssen siegen, weil wir stärker sind.

Der Sohn:

Sind wir nicht allein — wir zwei in diesem Zimmer? In welchen Räumen tönt Widerhall?

Der Freund:

In allen, wo junge Menschen sind. Hast du nicht geredet in der gestrigen Nacht? Hörtest du nicht die Stimmen des einen tausendfach? So glaube nur: die Stunde ist da. Und sie fordert das Opfer.

Der Sohn:

Was kann ich tun! Ich bin nur ein armer Teufel, der selber vertrieben ist.

Der Freund:

Du hast begonnen — vollende das Werk. Tu nun das Letzte. Empfange die heilige Pflicht.

Der Sohn:

Was hab' ich Großes getan, daß du alles auf mich setzest!?

Der Freund:

Das Schicksal von Millionen ist in deiner Hand. Was du gestern sahst, ist nur ein kleiner Teil des mächtigen Volkes von Söhnen, die auf deine Taten bereit sind. Der Funke ist entzündet — schleudre ihn ins Pulverfaß. Jetzt muß ein Fall kommen, ein ungeheurer, noch nicht dagewesener, der die ganze Welt in Aufruhr setzt. Auf diesem Boden an einer Stätte muß der Umsturz beginnen. Gestern klang deine Rede hinaus — heute mußt du es tun.

Der Sohn:

So sage mir, wie schon einmal an der Wende meines Lebens — was ich tun soll.

Der Freund