Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte, wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“, wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind Sondergegenstand der historischen Disziplinen.
Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F. v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.
Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit, bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe, sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.
Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten Pfade zögen.
Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in dem die Schiffe gewissermaßen die Blutkörperchen vertreten, — diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten, gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch das Dickicht bricht!
Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte, im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, — da ist jetzt der Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies, in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt, daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788, ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild, durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil, der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias ausgebeutet worden.
Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind, Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes, wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland, aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken. Die nächst Java ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige Urwaldkleid seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen sogar zweimal umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten Waldboden mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem verheerenden Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die Sahara heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein und hat seinen das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug in die ganze Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der Ausbreitung des Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind auch sonst bei der Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach mit beteiligt gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit schlanken Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie christliche Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um so bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um uns aber bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen in die vegetativen Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu gedenken, daß die Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so weinreichen Kleinasien, das Christentum hingegen den Anbau der Rebe nach Möglichkeit förderte, schon um den Weihekelch des Abendmahls rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der der Göttin heilige Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst wanderte der Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser Mönchsorden um den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes Gefilde während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort mit Rodung, Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer Eisenbahn uns so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an Weingeländen und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn — die Porta Coeli ward damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich durch einen hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; man verstand früher nie, warum in Frankreich der auch dort weit und breit geschätzte Borsdorfer Apfel pomme de porte heißt, — nun wissen wir den Grund: die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem Klostergut Borsdorf unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine Geschmacksvarietät einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald Pfropfreiser derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und nur die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in einem stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen.
Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte geschehen lassen. Nicht ein Erdteil wird vermißt unter den Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn, die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt, darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine, die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16. Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.
Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren, brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen, etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige, labende Frucht schaffen läßt, — nein, unser eigenes Vaterland offenbart uns das eindringlich genug.
Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt, sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta, des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme, man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde, wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baumgarten. Holzäpfel und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich, neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.
Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen, den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren, soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer am Kanalgezweig in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist, wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden, also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt, die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen, von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher, allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung. Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und industrielle Anlagen zu unruhig geworden.
Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten. In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.
In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung an die Oberfläche herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen. Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer, dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil, man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete. Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten. Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt. Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten, da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten, fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande, der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.
Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt, am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt; ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings 18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst unweit seines Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.
Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift! Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit? Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue, immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung, beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.
Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser. Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung. Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der Telegraphie.
Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.