Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen Beine staken in dünnen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern gewickelt, ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in seinem feisten Gesicht, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden. Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.
Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich.
»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange im roten Rocke im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. »Gott grüß euch,« quiekte der Kleine dazu, »haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«
»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« rief der Jäger dem Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das? Wo sind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch nicht wach aus seinem Sündenschlaf?«
»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige Bengel! Droben liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter, ich will ihn herausschellen!« Dabei ergriff er eine große Glocke, die auf dem Tische stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden Tönen. Auch die drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt. Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf seinen schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen, braunen Augen einen auffallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber saß ein großer, wohl gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht und einer Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn Philippus.
Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund. Er hieß Herr Petrus.
Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt in der Türe. Es war ein kleines, altes Männlein mit schlotternden Beinen und grauem Haar; sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und grüßte die Gäste demütig.
»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen die Gäste ihm entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es ist längst zwölf vorüber.«
Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte beinahe den ersten September verschlafen,« krächzte er, »ich schlief so hart, und seitdem sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo sind denn aber die anderen Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den Tisch setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und die alte Rose fehlt auch noch.«
»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich was zu trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch' an mit deinen dürren Knochen und heiße sie aufstehen, sage, wir sitzen schon alle hier.«
Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer Rose hoch, hussa, hoch! und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« hörte man von mehreren Stimmen rufen; die Türe flog auf, die gespenstischen Gesellen am Tische sprangen in die Höhe und schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose und Bacchus und die anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst recht an!« und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem breiten, freundlichen Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf kleinen Füßchen in das Zimmer; an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich wie seine Braut eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller.
Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin! Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war, zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht völlig verwischen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige unziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun und nur etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopfe trug sie eine schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter, faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt, und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große Tasche von Leder, an der anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel – kurz, sie war eine so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder Mainz über die Straße ging.
Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, die Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt, mit weitschößigen Röcken und langen, reich gestickten Westen angetan.
Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.
»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen, »da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr Bacchus, daneben!«
»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt.
»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte. »Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein mächtiges Paßglas aus.
»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.«
Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen:
»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er mit einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, daß mich Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur halten und nicht erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«
»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein öffnen, lieb Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach der süßen Speise deines Mundes.«
»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke und habt es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; geht, geht, Ihr habt einen schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne.«
»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das sag' ich auch; drum nehmet mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen, nackten Kerl seiner Französin nachziehen.«
»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein. »Was? Mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui, schäme dich; was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann ich ebensogut wie er, eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und einen Degen an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen. Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erlustiert, aber weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört mein Herz.«
»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. »Was hört man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der süßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts sagen, das ist eine bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di Rota und mit der von San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«
»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« rief er ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht, ich besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte ist.«
»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« murmelten Rose und die Zwölfe untereinander. »Wie das?«
»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora eigentlich eine Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes hat sie heimgeführt als blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach seiner Heimat Spanien, und dort hat sie sich angesiedelt und seinen Familiennamen angenommen. Noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«
»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen an, »Base Ximenes in Hispanien soll leben!«
Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit ihm hadern zu wollen, sondern sprach weiter:
»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle hier? Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas, mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf fein aus den Aeuglein, du siehst noch ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist unmäßig dick geworden und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer Paulus, und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte. Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn der dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«
Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der Philosophie graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf.«
»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus seinen Feueraugen auf mich sprühte. »Du hättest wohl denken können, daß du nicht in diese noble Sozietät gehörst.«
»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, woher ich den Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr Apostel, das Du verbitte ich mir fürs erste, bis wir weiter bekannt sind. Und was die noble Sozietät betrifft, in die ich gekommen sein soll, so kam sie zu mir, nicht ich zu ihr, denn ich sitze schon seit drei Stunden in diesem Gemach, Herr!«
»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« fragte Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese Zeit pflegt sonst das Erdenvolk zu schlafen.«
»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten Grund. Ich bin ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten verzapft, habe auch durch die Vergünstigung eines wohledlen Senats die Permission erhalten, denen Herrn Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch abzustatten, was ich auch geziemendst getan.«
»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, »nun, das ist eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Menschen so kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle.«
»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will mehr einige Maß Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein fahrender Doktor oder vazierender Magister, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch aufwichsen.«
»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« unterbrach ich den schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit Dero Rebenblut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was Sie aber hier sehen, ist etwas neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«
»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's nicht so böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten so lau geworden.«
»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich glaube, dieses Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen, heißen es Chateau-Margaux, Sillery, St. Julien und sonst nach allerlei pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es saufen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden Schnaps getrunken.«
»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes die Rede fort, »als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno 19 und 26. Auch Anno 50 ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der Senat von Bremen, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite, Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«
»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier die Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich über das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.«
»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, daß noch heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.«
»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmels willen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen munde, sie sagen, er sei zu sauer.«
Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte Balthasar halten mußte.
»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; »sonst trank ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken, so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der Uebung gekommen.«
»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« sagte Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.
»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten alle; sie aber trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und hub an:
»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens; die einen wollten so und die anderen anders, und statt daß sie bei einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen sie sich die Schädel ein. Albrecht von Wallenstein, des Kaisers Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen. Des erbarmte sich der Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren Bremen und die anderen Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und sich freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gesandten an sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister einen guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, sie möchten seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er endlich betrunken würde und schlechte Bedingungen einginge für die Schweden.
»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom gelben Regiment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum Frühstück war ihm ein kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen ein halb Imi getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König voll Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna von dem Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute sich der König und ließ ihn vor sich kommen.
»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen, was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wieviel er sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ›O Herr und König,‹ antwortete er, ›so ernstlich bin ich noch nie daran gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über sieben, acht Maß trinken, ohne in Schulden zu geraten.‹ – ›Nun, wieviel meinst du denn führen zu können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete unerschrocken: ›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich wohl einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar Ohnegrund, kann es aber noch besser.‹ Da schickte der König auch nach Balthasar Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann Gutekunst, und war der Herr schon blaß gewesen und mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz aschenfarb aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.
»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten Hochheimer und Nierensteiner anfahren und wollte haben, die beiden sollten sich eichen lassen. Sie tranken von morgens elf Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und anderthalb Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung zu ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die beiden Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann sagte: ›So, jetzt will ich einmal die Degenkoppel abschnallen, dann geht's besser;‹ Ohnegrund aber machte drei Knöpfe an seinem Koller auf.
»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber sprach: ›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen Stadt Bremen als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieser sollte den Schreiber des Gesandten vorstellen. Der König und der Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der Unterhandlung, und nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im Keller um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, mußte seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei.
»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die beiden nach der Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte dieser zum Senat: ›O, was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Ratskeller führen und zudecken. Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein, und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller geführt, der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht züchtiglich gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch und verspeisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der Verhandlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder aus der Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also, Ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ – ›Kann eigentlich nicht viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, ›dieweil es aber Seiner Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand, er dachte: jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber hat der Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, taten, wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren weidlich zu.
»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die anderen Ratsherren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort; aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch schlimmer; fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken, denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den Sand gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen Rat unter den Tisch tranken bis auf einen.
»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit Namen Walther, von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt. Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen, hatte sich aber hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner gekommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen, trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde, denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches Wölkchen ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunst selig einschlief und sein Haupt ganz weich auf des Bürgermeisters Bauch legte.
»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der Feder.‹ Da erschrak der Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies, Herr? Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket, daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹
»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam. ›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr als Brot essen.‹
»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen, wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund, strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um, und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine Beschwerden machte in der Hirnkammer.
»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief: ›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹ – ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund, verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹ Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus, wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen, obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.«
So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah. Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.
»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest? Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für Bedingnisse?«
»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.«
»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«
»Meine Seele.«
»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme Seele?«
»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne Hoffnung spräche.
»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren? Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele verlieren.«
»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude; darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«
»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,« sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«
»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am Ende, als daß Euch der Teufel geholt?«
»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in diesem Zimmer bei mir saß, – es war ein böses Ding mit ihm – der hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig, dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben sein?‹ – ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹ – ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten, die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ – ›Was nachher mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst einscharren.‹
»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied, sondern ein anderer.«
»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.
Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß – war der Teufel.«
Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten.
»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, als ich noch ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir der andere mit seinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich trösteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen, bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein Haar ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch nicht recht erwachen. Die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger waren steif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, betasteten mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹
»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich und denke? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein Herz stillestand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich zusammenzog und bange, bange war; das war mein Körper nicht, denn der lag steif und tot, was war es denn?«
»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »Deine Seele!« flüsterten die andern ihm nach.
»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu machen, und legten mich hinein, und ein hartes Kissen von Hobelspänen unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauen Kirchhof, dort hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die sie heraufgezogen, als ich unten lag; dann warfen sie Steine und Erde herab, und es ward stille um mich her.
»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird es dir gehen, wie wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, aber meine Lippen standen still. – Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck war die schwere Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher Schlag.«
Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Türe des Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien auf der Schwelle. Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang, wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich: »Jetzt kommt der Teufel.«
Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zurückkommt und die Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument entstiegen, zum Gastmahl kommt? Riesengroß mit abgemessenem, dröhnendem Schritt, ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die Gestalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos; aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: »Gott grüß' euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schöne Nachbarskind besuchen an ihrem Jahrestag. Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich auch Platz nehmen in Eurem Gelaggaden?«
Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland, so seit vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht. Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«
Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland, bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach, dies war für ehrsame Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen Riesen gemacht; es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so lang er war, lag er im Gemach.
»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf zu meiner Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros und stand langsam auf; der Kellermeister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe von Stein füglich ablegen können,« sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein hinab.
»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; »Ihr habt wohl lange keinen getrunken?«
»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es für Gewächs?«
»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der Kellermeister.
Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und vergnüglich schaute er in den Becher.
»Ingelheim! du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du edle Burg meines ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und von dem großen Carolus, seinem Meister?«
»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte Judas, »wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister und muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.«
Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich antwortete: »Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte sprach und die traute Emma dem treuesten seiner Paladine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval durch die Welt und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten Posaune mischt.«
»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter, »die Nachwelt feiert unsere Namen.«
»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen wären auch wert, Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel, wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben pflanzte im Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an, unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe Kaiser Karl der Große!«
Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine schöne, herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst Kaiser Karl aus seiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er sah, wie die Sonne schon im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee hinabrolle in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben und das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald stand.
»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Ingelheim, der Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund, nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen und senkte die Reiser in der Erde Schoß.
»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in der Erde und schafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß er den Reben nicht schade; sie stiegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen nieder, die sie sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften Wasser im grünen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter. Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine Hand auf des Kindes Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein reines, mildes Feuer soll in dir wohnen und dich wert machen vor allen anderen.‹ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte ihre Hand auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und das Wasser rauschte heran in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: ›Ich will deinen Wurzeln immer nahe sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem Atem. ›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin der Blumen heißen – die Rosen.‹
»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte über die Herrlichkeit des Rebenkindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein seinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet.«
»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast solch eine schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme des Rheingaues und seiner Weine?«
»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und Ritter Roland, so will ich eines singen.« Und er sang eine schöne Weise voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefüget, so, daß man wohl merken konnte, es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400 oder 1500. Verflogen sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet, sang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, schauten sie auf mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. Da hub ich denn an: