Am nächsten Morgen hatte Hudson wieder Termin bei Mr. Black, der gestohlenen Pferde wegen. Der Mexikaner war vorgeladen worden, und ob er den Arriero nicht nennen konnte, von dem er die Thiere gekauft haben wollte, oder wirklich der Hehler war, es blieb sich gleich. Hudson hatte einige alte Bekannte als Zeugen gebracht, welche die Thiere genau kannten, und der Mexikaner mußte sie nicht allein herausgeben, sondern auch noch außerdem sechs Unzen Strafe zahlen. Hudson kam diesmal mit der vorher eingelegten Unze Kosten ab.
Da trat Carman, der bis jetzt an der Seite gestanden hatte, vor und sagte ruhig:
„Ach, Richter Black, könnte ich mir bei Ihnen wohl eine Auskunft in einem Rechtsfall holen?“
„Ei gewiß, mein Freund,“ erwiederte lächelnd der Richter, „deshalb sitze ich ja hier.“
„Ach, dann wollte ich —“
„Bitte, Sir, ehe Sie beginnen,“ unterbrach ihn der Richter, „haben Sie wohl die Güte, die vorherige Taxe für Consultation zu bezahlen. Eine Unze, wenn ich Sie ersuchen darf.“
Der junge Amerikaner war durch die unverschämte Forderung allerdings überrascht, griff aber doch lächelnd in seine Tasche und holte den Geldbeutel heraus, aus dem er etwa eine Unze an Gewicht nahm und es dem Sheriff gab, der es abwog. Richter Black hatte ihn in der Zeit scharf und forschend angesehen, wie man wohl Jemanden beobachtet, von dem man noch nicht genau weiß, was er will, und Carman fuhr jetzt, nachdem das Geschäft beseitigt worden war, fort:
„Ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob ich hier in Californien Jemanden eines im Ausland verübten Verbrechens wegen vor Gericht ziehen kann?“
„Wenn der Fall in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat, gewiß,“ sagte Richter Black.
„Aber es war nicht dort, sondern in Panamá,“ berichtete der junge Amerikaner, „wo wir von einem Fremden arg bestohlen wurden. Den Burschen habe ich jetzt hier wieder gefunden.“
„So?“ sagte der Richter, und sein kleines dunkles Auge bohrte sich fest in den Sprechenden hinein — „in der That? — ein eigenthümlicher Zufall allerdings. Aber vor Gericht können Sie das sicher bringen, verehrter Herr, nur rathe ich Ihnen, um Weitläufigkeiten zu vermeiden, Ihre Zeugen herbei zu schaffen.“
„Meinen Zeugen habe ich bei mir, Sir,“ sagte Carman, indem er seinem Blick fest begegnete, „es ist mein Kamerad, der mit mir bestohlen wurde.“
„Der ist dann nicht Zeuge, der ist Mit-Kläger,“ sagte der Richter ruhig, „wir werden dann wohl noch andere wirkliche Zeugen nöthig haben.“
„Aber wie soll ich die von Panamá herüber schaffen?“
„Sicherlich per Schiff, verehrter Herr,“ erwiederte der Richter mit größter Höflichkeit, „denn der Landweg ist, soviel ich weiß, gar nicht passirbar.“
„In der That,“ sagte Carman ruhig, und ein eigenes trotziges Lächeln flog über seine Züge.
„Und steht noch sonst etwas Anderes mit Ihrer Frage in Beziehung?“
„Nein, Richter Black,“ sagte Carman zerstreut, indem er nach Hudson hinüber sah, und der Richter fing den Blick auf, aber er ließ dem Amerikaner auch keine Zeit zu weiterem Ueberlegen, und mit verbindlichem Lächeln fügte er hinzu:
„Dann erlauben Sie mir wohl jetzt, daß ich zu meinem Lunch hinübergehe — nicht wahr, Sheriff, es ist Zeit?“
„Schon eine Viertelstunde darüber,“ brummte dieser.
„Schön!“ nickte Black, und ohne sich weiter um den Amerikaner zu kümmern, stand er von seinem Sitz auf und verließ das Zelt.
Hudson und Carman folgten ihm und schritten langsam die breite Straße hinab, die nach den Bergen zu führte. Sie waren auch dabei so in ihr Gespräch vertieft, daß sie gar nicht sahen, wie Mr. Black in einem der Spielzelte stand, dort sehr angelegentlich mit ein paar auf den Bänken umhergestreuten Burschen verhandelte und — als sie den Platz passirten, hinter ihnen drein sah. Aber auch von ihrer Unterhaltung wurden sie abgelenkt, denn ein Yankee überholte sie unterwegs, der davon gehört hatte, daß sie die ihnen heute zugestandenen Pferde verkaufen wollten, und da sie einen nur sehr mäßigen Preis dafür forderten, wurden sie auch bald Handels einig. Mit dem Besehen der Thiere und dem Auszahlen des Geldes, bei dem natürlich ein Paar Glas Brandy getrunken wurden, waren aber doch einige Stunden vergangen und plötzlich entstand im Ort ein Höllenlärm, der jedenfalls die Stelle der Eßglocken vertreten sollte. Die Eigenthümer der betreffenden Zelte nämlich, in welchen Mittags öffentlich gegessen wurde, hatten sich Jeder ein besonderes Lärminstrument angeschafft, auf welchem sie so laut als möglich tobten, um ihre täglichen Gäste nicht allein von der Arbeit herbei zu rufen, sondern auch jeden Anderen, der Lust hatte theilzunehmen, darauf aufmerksam zu machen. Einige besaßen Trompeten, Andere einen chinesischen Gong; ein Paar schienen sich große Holzschnarren gemacht zu haben, die man weit hin hörte, und wer von alle dem Nichts auftreiben konnte, nahm eine große Blechkanne oder einen Kessel und schlug mit einem eisernen Löffel daran.
Die Diners in diesen Minenstädten waren aber entsetzlich einfach, und bestanden gewöhnlich nur aus trockenem Rindfleisch, Kartoffeln und Mixpicles — und dafür zahlte man wöchentlich, oder für sieben Mahlzeiten, eine Unze. Ebenso wenig wurde dabei auf Toilette gesehen; gerade so wie die Leute draußen, als sie die verschiedenen Zeichen hörten, aus ihren nassen Erdgruben herausgesprungen und hierher gelaufen waren, so setzten sie sich an dem Tisch nieder, und war ihr Essen verzehrt, gingen sie gerade so wieder an die Arbeit, denn Tageslicht durfte nicht versäumt werden.
Hudson und Carman traten ebenfalls in das nächste Zelt, da sie selber keine Wirthschaft mehr zusammen führten, und doch wenigstens einmal am Tag warm essen mußten. Die Gesellschaft war auch ziemlich gemischt, denn Händler und Goldwäscher trafen dort zusammen, ja sogar ein Paar der professionirten Spieler nahmen den beiden Freunden gegenüber Platz, und Einer von diesen suchte auch ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen; keiner der beiden fühlte sich aber in der Stimmung darauf einzugehen, und überhaupt wurde bei diesen Mahlzeiten nur sehr wenig gesprochen. Jeder verzehrte seine Portion und wer zuerst fertig war, stand auf und ging ruhig seine Wege.
Auch Hudson und Carman blieben nicht länger bei Tisch sitzen, als unumgänglich nöthig war, ihren Hunger zu stillen, dann standen sie auf, verließen das Zelt wieder — dicht hinter ihnen folgten die beiden Spieler — und schlenderten langsam die Straße hinunter, um noch einmal mit Collins über die Verfolgung ihres Planes Rücksprache zu nehmen. Da sahen sie den Sheriff auf sich zukommen, der von sechs oder acht ziemlich verdächtigen Gestalten begleitet war. Einige derselben trugen mexikanische Serapen oder Ponchos, Andere die Minentracht, aber sie schienen Alle angelegentlich mit einander zu sprechen, und die beiden jungen Leute bogen eben nach der anderen Seite der Straße hinüber, um den Schwarm vorüber zu lassen, als der Sheriff scharf gegen sie abbog und vor ihnen stehen bleibend sagte:
„Mr. Carman und Mr. Hudson? nicht wahr, die Herren nennen sich doch so?“
„Zu dienen, Mr. Sheriff,“ sagte Hudson mürrisch — „wünschen Sie etwas von uns?“
„Weiter Nichts,“ sagte der Sheriff, indem er beider Schultern mit der Hand berührte, „als daß Sie meine Gefangenen sind, im Namen des Gesetzes.“
„Im Namen von Höll’ und Verdammniß!“ fuhr Hudson auf, und griff im Nu unter seine Jacke nach dem dort steckenden Revolver, aber in demselben Moment auch sahen sich Beide von der Schaar umzingelt; überall drohten ihnen die Mündungen gespannter Feuerwaffen entgegen, und der Sheriff, der selber eine derartige Waffe bereit hatte, rief:
„Schützt das Gesetz, Ihr Männer von Californien! Schießt die Verbrecher über den Haufen, sobald sie den geringsten Widerstand leisten!“
Hudson warf einen wilden Blick im Kreis umher, aber er sah auch rasch, daß jede Widersetzlichkeit vergebens gewesen wäre, denn ob zufällig oder auf Verabredung, aber einige zwanzig entschlossene und bewaffnete Gestalten drängten schon um ihn her. Er hätte wohl seinen Revolver zwischen sie hinein feuern können, wäre dann aber auch selber mit dem Freund verloren gewesen und möglich auch, daß Mr. Black, der Richter, auf einen solchen Ausgang der Verhaftung gerechnet hatte, der ihn dann jeder weiteren Unbequemlichkeit überhob. Carman selber aber ergriff Hudson’s Arme und rief:
„Stecke die Waffe ein, Kamerad, es ist das Gesetz der alten Union, dem wir uns fügen sollen, und wie wir dem gehorchen müssen, hoffe ich auch, daß es seine Macht über Andere bewähren soll. Könnt Ihr uns aber sagen, Sheriff, auf welche und auf wessen Klage wir jetzt verhaftet sind?“
„Werdet Ihr zeitig genug erfahren, meine Burschen,“ brummte der Diener des Gesetzes, eine grobknochige derbe Gestalt, indem er die eigene Waffe wieder in den Gürtel schob, denn er sah jetzt, daß sich die Gefangenen gefügt hatten, „wären wohl Einige der Gentlemen so freundlich mir zu helfen, diese beiden Vögel zu transportiren?“
Die Bande, die er mit „Gentlemen“ anredete, hätte wohl viel eher einen anderen Namen verdient, denn sie bestand nur aus dem Spielergesindel des Orts und dessen Anhang, aber sie nahm das Compliment hin, als wäre es ganz in der Ordnung gewesen, und mit dem lästerlichsten Fluchen erklärten sie, sie würden die Beiden an Ort und Stelle schaffen, und wenn es auch stückweis sein müsse — eine Drohung, die sie sicherlich den guten Willen besaßen, auszuführen.
Allerdings sammelten sich indessen noch eine Anzahl ruhiger Miner um die Gruppe und frugen auch wohl, was die Beiden, die man schon längere Zeit als friedliche Leute kannte, verbrochen hätten. Der Sheriff ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein. Es waren ein paar schwere Verbrecher, die man noch eben ertappt hatte, als sie Californien verlassen wollten. — Das Uebrige würde die Untersuchung herausstellen, und damit führte er seine beiden Gefangenen zu einem kleinen, engen Blockhaus, das besonders als Gefängniß gebaut war und gar keine Fenster, ja auch eigentlich nicht einmal eine ordentliche Thür, sondern nur ein Loch hatte, durch welches sie hineinkriechen mußten, während draußen ein Balken vorgelegt und mit einer Kette befestigt wurde. Außerdem kamen noch zwei Mann, die der Sheriff schon bereit hatte, als Wache davor und erhielten den laut ertheilten Auftrag, bei einem Fluchtversuch der Gefangenen ohne Weiteres auf sie zu schießen.
Daß man den Beiden vorher ihre Waffen und was sie sonst an Geld und Papieren bei sich trugen, abgenommen hatte, versteht sich von selbst. Der Sheriff that Nichts halb. Uebrigens lag es gar nicht in seiner Absicht, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, und wie er nur die beiden Gefangenen erst einmal sicher hatte, erzählte er auch Jedem, der es wissen wollte, daß es ein paar gefährliche Verbrecher und wahrscheinlich zwei von der nämlichen Bande wären, die seit einiger Zeit die benachbarte Gegend unsicher machten, und erst ganz kürzlich den Postboten erschlagen und beraubt hätten. Klage sollten aber zwei amerikanische Bürger erhoben haben, die neulich, in der Gegend der Calaveres-Minen, von ihnen angefallen, verwundet und beraubt wären. Sogar unter dem Gold, das der Eine von ihnen heute dem Richter bezahlt, hätten sich, wie der Sheriff betheuerte, ein paar leicht kenntliche Stücken gefunden, auf die Jene bereit wären zu schwören, daß sie früher ihr Eigenthum gewesen und ihnen an jenem Tage abgenommen wären. Geschah das aber wirklich, so stand es mit den Beiden schlimm. Ludville hatte allerdings keine Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, aber wohl der benachbarte Platz Eltonville, und dort wurden, wie die letzte Zeit gelehrt, verwünscht wenig Umstände gemacht. Es war dort kein Eingeständniß der Verbrecher nöthig, sondern nur sogenannte circumstantial proofs, oder überzeugende Beweise.
Nun kannte man allerdings in Ludville die beiden Verhafteten oberflächlich, denn sie hatten früher oft mit ihren Wagen Fracht in die Minen gebracht, sich aber nie lange da aufgehalten und auch mit wenig Menschen verkehrt. Außerdem wechselte die Bevölkerung solcher Minenstädte ununterbrochen, denn während ein Theil der dorthin Gezogenen seine Hoffnungen nicht realisirt fand und weiter wanderte, trafen Andere wieder ein, die, durch glänzende Berichte der dabei interessirten Händler angelockt, ihr Glück dort versuchen wollten. Außerdem waren in der That in letzter Zeit verschiedene Mordthaten vorgefallen, und die Leute erbittert genug auf das heimliche Raubgesindel, der Verdacht hatte nur bis jetzt vor anderer Thür gelegen, und war meistens auf Mexikaner und sogenannte „Sydney coves“ oder aus Australien eingewanderte Verbrecher gefallen. Daß sich Amerikaner dabei betheiligt haben sollten, gefiel den Leuten nicht: war es aber wirklich der Fall, ei, dann mußten sie auch ihre Strafe leiden, so gut als Fremde, man konnte sich ja sonst nicht einmal seines eigenen Lebens sicher fühlen.
Unter den Goldwäschern befand sich übrigens Einer, ein Kentuckier, der früher einmal mit Carman gearbeitet und ihn die ganze Zeit nicht wieder getroffen hatte, bis er Zeuge der Verhaftung wurde und nun kopfschüttelnd, die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderte, um sich bei Collins, wo er gewöhnlich seinen Bedarf holte, frischen Kautaback zu kaufen.
„Hol’ mich dieser und Jener, Collins,“ sagte er dabei, während der junge Mann ihm das verlangte Stück abwog — „man weiß jetzt bei Gott nicht mehr, wem man trauen soll; es giebt doch zu viel schlechte Menschen in der Welt, und hier in dem verbrannten Californien werden nachher auch noch die Besten schlecht. Das Gold hat den reinen Teufel im Leibe.“
„Werdet Ihr heute Morgen moralisch, Mills,“ lachte Collins, der diese Eigenschaft an dem sonst ziemlich rohen Gesellen noch gar nicht kannte.
„Ach was, hol’s der Teufel,“ brummte der Kentuckier, indem er sich ein gewaltiges Stück Kautaback abschnitt und in den Mund schob, „da haben sie eben wieder einen Burschen verhaftet, mit dem ich drei Monat zusammen am Stanislaus gearbeitet, und er war immer ein braver, ordentlicher Kerl. Nachher ging ich nach dem Jackaßgulch hinüber und er fing mit Anderen an, und nun höre ich eben, daß er und sein Kamerad drüben an der Fork einen Amerikaner im Wald angefallen und beraubt haben.“
„Alle Wetter, wen denn?“
„Ach, auch einen Kerl, von dem ich lieber wollte, daß er ein Indianer als ein Amerikaner wäre; einen von den verdammten Spielern, denselben Hund, der meinem Bruder einmal sein ganzes ausgegrabenes Gold abgenommen hat — aber doch bei Beleuchtung und mit Karten, und nicht im Wald mit der Pistole. Wahrscheinlich haben die’s an ihn auch verloren, und sich’s auf die Art wieder holen wollen; aber von Carman hätt’ ich das in meinem Leben nicht geglaubt.“
„Von Carman?“ schrie Collins, der von der ganzen Verhaftung noch gar kein Wort wußte, und war mit einem Satz über seinen Ladentisch hinüber — „Carman haben sie verhaftet?“
„Na, gewiß,“ sagte Mills, der Kentuckier, über die Aufregung des sonst so ruhigen Händlers erstaunt — „ihn und noch einen Anderen, aber ich kenne ihn nicht. ’S ist, glaub’ ich, auch ein corncracker.“[A]
„Ganz recht, versteht sich von selber,“ lachte Collins auf, „alle Beide, und auf Raub, vielleicht gar Raubmord angeklagt, von einem der Spieler.“
„Na ja,“ sagte Mills, „ich hab’s Euch ja eben erst erzählt.“
„Und wißt Ihr, Mills, daß die beiden Leute gerade so unschuldig daran sind, als Ihr und ich?“
Mills machte ein etwas dummes Gesicht, denn er begriff nicht gleich, woher der Händler das wissen wollte; Collins aber, der im Nu den ganzen Plan des Richters durchschaute, ein paar Menschen aus dem Weg zu schaffen, die ihm, wenn nicht gefährlich, doch unbequem werden konnten, faßte den langen Kentuckier jetzt bei einem Knopf und erzählte ihm in kurzen, gedrängten Worten die Vorgänge in Mexiko und hier, wie den Verdacht, den er habe, daß da mit einem paar braver, rechtlicher Leute ein nichtswürdiges Spiel getrieben werden sollte.
Mills war ein guter, ehrlicher Kerl, aber etwas langsam von Begriffen, und es dauerte eine gute Weile, bis ihm Collins Alles so erklärt hatte, daß er es verstand. Als das aber wirklich erst einmal der Fall war, gerieth der Bursche fast außer sich, und Collins hatte jetzt die größte Mühe, ihn nur zurückzuhalten, daß er nicht augenblicklich zu Richter Black hinüber lief, Skandal anfing, und dann selber festgesetzt wurde, ohne den Gefangenen auch nur das Mindeste zu nützen.
Vor allen Dingen galt es, zu erfahren, wann das Verhör sein solle, und daß Dr. Black nicht lange damit zögern würde, ließ sich denken; Mills beschloß indessen, in die sogenannte Flat hinauszugehen, wo eine Anzahl seiner Bekannten und Landsleute arbeitete, um mit diesen Rücksprache zu nehmen. Abends ließ sich dann das Weitere in der Stadt besprechen, und morgen war überhaupt Sonntag, wo nirgends in den Minen gearbeitet wurde.
Collins selber legte sich indessen auf die Lauer, um vielleicht hie und da etwas darüber zu hören, was man mit den beiden Gefangenen vorhabe, aber Richter Black ließ ihn gar nicht lange in Zweifel und schien in der That das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Der morgende Sonntag mochte ihm nämlich nicht besonders für diesen Gerichtsfall passen, da die Leute an dem Tage zu viel Zeit hatten, Sonntags kamen auch noch viele Goldwäscher aus der Nachbarschaft nach Ludville, um hier ihre nöthigen Provisionen für die nächste Woche einzukaufen, und den Tag dann unter Bekannten und Freunden zu verbringen; dem mußte vorgebeugt werden. Gleich nach Tisch war natürlich Alles wieder an die Arbeit gegangen, und das Städtchen lag wie leer und verödet. Nur die Spieler, die an den Waschplätzen nichts zu suchen hatten, und die Händler und Wirthe waren zurückgeblieben, und eine günstigere Zeit, um das Verhör der beiden Gefangenen vorzunehmen, kam sicher nicht wieder. Richter Black war dabei nicht der Mann, eine solche Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen. Er glaubte allerdings nicht, daß die beiden Angeklagten besondere Freunde hier im Ort hatten, aber selbst die Möglichkeit eines Einspruchs konnte durch rasches Verfahren vermieden werden, und daß seine Freunde dann zu ihm standen, wußte er gewiß.
Die Spieler selber wurden auch in der That hier nur durch ihn allein gehalten, denn oft schon hatten die Einwohner von Ludville bei dem Richter darum nachgesucht, die sämmtlichen Spielhöllen aufzuheben. Dem Gesindel wäre dadurch aber einer der vortheilhaftesten Plätze in den Minen genommen worden, und Richter Black hielt seine Hand darüber, ja erklärte, den verschiedenen Anforderungen gegenüber: er für seine Person könne keine besonderen Gesetze für Ludville geben, wo die obersten Behörden selbst in San Francisco und unter ihren Augen das Spiel gestatteten. Dabei blieb es, ja es wurde noch ärger, als in benachbarten Minenplätzen die Goldwäscher, dieser nichtsnutzigen Bande überdrüssig, sie zum Tempel hinaus jagten. Welchen besseren Platz hätten sie da aufsuchen können, als das, in einem der goldhaltigsten Thäler liegende Ludville, so daß jetzt einige dreißig Mann dieses Gelichters hier ihren stehenden Wohnsitz genommen hatten und nur dann und wann einen Abstecher machten, um an neu entdeckten Waschplätzen die Arbeiter um ihr Gold zu betrügen und nachher hierher zurückzukehren.
Es mochte etwa Mittags um zwei Uhr und die beiden Gefangenen kaum eine Stunde in ihrem Gewahrsam sein, als sich der Sheriff schon einige Hülfsleute nahm, um sie zum Verhör abzuholen, das dann auch auf sehr summarische Weise betrieben wurde. Collins erfuhr kaum, und in der That nur zufällig, daß es statt fand, und band rasch seinen Zeltladen zu, um wenigstens Zeuge zu sein.
Die Anklage war von einem der Spieler erhoben, der eine merkwürdige Geschichte erzählte, wie er, unbewaffnet — und Keiner der Burschen ging je ohne seine zwei Revolver im Gürtel — mit noch einem Kameraden unterwegs im Walde gerade gefrühstückt habe, als die beiden Angeklagten über sie hergefallen wären, sie zu Boden geschlagen und beraubt hätten. Ein Anderer der anwesenden Spieler war dann als Zeuge dazu gekommen. Zufällig des Weges reitend, feuerte er seine Pistolen auf die Räuber ab, und wenn er sie auch wohl nicht traf, so verjagte er sie doch, oder sie hätten ihre Opfer sonst am Ende vielleicht gar noch todtgeschlagen.
Hier waren drei Menschen, die gegen sie auftraten und bereit schienen, ihre Aussage zu beschwören, ja der Zeuge hatte vorher schon den Schwur aussprechen müssen, nach welchem er bei dem Namen Gottes betheuern mußte, die Wahrheit — und nur die Wahrheit zu sagen.
Auch das Gold, das Carman erst heute Morgen dem Richter bezahlt und in welchem sich ein paar wunderlich geformte Stücke befanden, wurde von den Beraubten als das erkannt, das ihnen damals von den Räubern abgenommen worden, und ein Zweifel konnte deshalb gar nicht mehr stattfinden. Lautes Hohngelächter schallte aber durch das Zelt, als Hudson jetzt, wüthend über die frechen Beschuldigungen, auffuhr und dem Richter selber vor allen Versammelten seine Anklage in die Zähne warf. Ja, als er seine und seines Gefährten erhaltenen und jetzt vernarbten Kopfwunden zeigte, rief der Sheriff höhnisch:
„Daß Ihr bei Eurer Beschäftigung manchmal eins über den Schädel gekriegt habt, meine Burschen, glaub’ ich Euch auf’s Wort, es wäre wenigstens wunderbar, wenn Ihr immer ungerupft davon gekommen sein solltet. Komisch ist nur, daß Ihr das als Beweis Eurer Unschuld vorbringen wollt, und dabei noch die Unverschämtheit habt, den Richter selber zu beschuldigen. Was Tolleres habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.“
„Gentlemen,“ sagte Black ruhig, sich an die versammelte Bande wendend, „ich glaube die Aburtheilung dieser beiden Menschen wird über unsere Befugniß gehen, denn nach unseren Minengesetzen verdienen sie den Strick.“
„So hängt sie,“ rief ein junger verlebter Bursche, der kaum einundzwanzig Jahr zählen mochte, aber schon wie ein alter Mann aussah.
„Das geht nicht,“ erwiederte Mr. Black, „denn der Gerichtshof über Leben und Tod ist in Eltonville. Da wir aber hier keinen passenden Ort haben, wo wir solch gefährliche Verbrecher sicher aufheben können, so gedenke ich sie noch heute Nachmittag dahin abzusenden. Sheriff, Ihr werdet die Güte haben, den Transport zu besorgen, und unter den Herren hier finden sich vielleicht Freiwillige, welche die Begleitung übernehmen, wie ich Kläger und Zeugen ebenfalls ersuchen muß, sich dorthin zu verfügen. Die Entfernung ist ja nur gering, denn in drei Stunden reiten Sie es bequem.“
„Ja wohl, ja wohl, Richter,“ riefen vielleicht zwanzig aus dem Schwarm, „gewiß, gehen wir.“
„Gentlemen!“ rief da Collins, der recht gut die Gründe einer so raschen Gerichtspflege durchschauete, und sich von dem Richter in Eltonville nicht viel mehr versprach, als von diesem Mr. Black, wenn sie ihn überhaupt dorthin ablieferten, „gestatten Sie mir eine Frage.“
„Und was wünschen Sie, Sir?“ fragte der Richter und sah ihn rasch und mißtrauisch an.
„Ich erlaube mir,“ sagte da Collins mit lauter und ruhiger Stimme, „gegen ein solches Verfahren zu protestiren.“
„Hallo? so? was will denn der Kerl?“ tönte es von den verschiedensten Seiten, „hat der hier was zu sagen?“
„Ich bin selber Advokat,“ fuhr aber Collins unbekümmert fort, „und weiß deshalb, daß diese Leute nicht dem Obergericht übergeben werden können, ehe nicht eine Jury über sie gesessen hat, die von ihnen anerkannt wurde. Die Bewohner von Ludville haben aber ein Recht, über das gehört und befragt zu werden, was so in ihrer Mitte geschieht, und ich möchte deshalb —“
„Werft ihn hinaus,“ kreischte der junge Bursch, der vorher den freundlichen Antrag des Hängens gestellt hatte, „was hat der hier zu thun?“
„Well, my little fellow,“ sagte Collins, dessen Blut auch jetzt zu kochen anfing, „wenn Dir’s Spaß machen sollte, so versuch’ es doch einmal, mich hinauszuwerfen. Uebrigens muß ich dem Gerichtshof erklären, daß dies hier ein ganz unwürdiges Verfahren ist. Kläger und Zeugen gegen diese beiden amerikanischen Bürger sind Menschen, die ihren Erwerb vom Spiel haben, und wenn —“
Ein so furchtbares Toben und Zischen und auf die Tischeschlagen unterbrach ihn hier, daß es nicht möglich war, weiter zu reden, und Black selber mußte die Versammlung bitten, Ruhe zu halten. Von jetzt ab fand aber gar keine Verhandlung mehr statt, sondern es wurden nur Beschlüsse gefaßt, und ein Theil der Spieler zerstreute sich auch schon, um ihre Pferde herbeizuholen, und die Gefangenen augenblicklich zu transportiren.
Wurden sie nun wirklich nach Eltonville geschafft, so zweifelte Collins keinen Augenblick daran, daß er einen Aufschub des Gerichtsverfahrens dort erlangt hätte, bis er die nöthigen Beweise für die Unschuld der Gefangenen beibringen konnte. Aber das wußte Black eben so gut, und er selber zweifelte deshalb keinen Moment daran, daß ein ganz anderes Verfahren beabsichtigt, und das Leben der beiden Amerikaner auf’s Aeußerste bedroht sei, sobald sie, gebunden wie sie waren, dieser Bande übergeben und von ihr durch den Wald geführt wurden. Was hätten sich diese Menschen daraus gemacht, die Gefangenen, die — wenn sie doch vielleicht frei kamen — gerade nicht so aussahen, als ob sie alles Erlittene ruhig hinnehmen würden, gleich selber unterwegs abzuurtheilen und irgend wo im Dickicht an einen Baum zu hängen. Schlimmere Dinge waren schon in Californien geschehen, und wer hätte nachher einen Beweis über die That führen wollen.
Collins fühlte auch, daß er hier handeln mußte, und noch dazu keinen Augenblick versäumen durfte, denn bis die Goldwäscher von ihren verschiedenen Arbeitsplätzen zurückkehrten, darüber vergingen heute noch mehrere Stunden, und längere Zeit brauchten die Buben gar nicht, um Alles auszuführen, was sie beabsichtigten: sollte er aber selber hinauslaufen und die Arbeiter zusammenrufen? selbst dies hätte nichts genützt, denn rings um Ludville zerstreut steckten sie in ihren Gruben und er brauchte über eine Stunde, nur um rings die nächsten Plätze anzurufen, — da gab es aber ein besseres Mittel.
Dicht neben seinem Zelt wohnte ein Kentuckier, der eine der gewöhnlichen Speisewirthschaften hielt und einen großen Gong oder Tamtam benutzte, um seine Gäste Mittags zu Tisch zu rufen. Diese Gongs, große Metallplatten von eigenthümlicher Composition, mit einem scharfeingebogenen Ring darum, machen aber einen ganz merkwürdigen Lärm, und er erinnerte sich selber, den Ton bis weit hinein in die Hügel gehört zu haben. Zu dem Kentuckier sprang er jetzt, er sah, daß schon Einige der Burschen ihre Pferde herbeiführten, daß also an einen Aufschub nicht zu denken war, und diesem mit flüchtigen Worten erzählend, was draußen im Werke sei, griff er den Gong und dessen Klöppel auf, sprang auf einen hinter dem Hause befindlichen Hügel und begann das Instrument aus allen Kräften zu bearbeiten.
Es war ein furchtbarer Lärm, den die Platte machte, aber er erreichte vollkommen seinen Zweck. Aus allen Zelten eilten die Bewohner hinaus in’s Freie, um zu sehen, was der Sturmruf zu so ungewohnter Stunde bedeute, und selbst aus den Niederungen kamen schon einzelne Goldwäscher angesetzt, denn daß etwas Außerordentliches vorgegangen sein müsse, wußten Alle. Hatten die Mexikaner den Ort gestürmt? Feindseligkeiten zwischen ihnen und den Amerikanern waren verschiedene Male vorgekommen, und erst kürzlich verbreitete sich das Gerücht, daß sie in Sonora, einer anderen Minenstadt, versucht hätten, den Amerikanern Trotz zu bieten. Oder sollten sich die Franzosen empört haben? in Murphy’s Diggings war Aehnliches geschehen. Jedenfalls mußten sie sehen, was dort passirte, und das war Alles, was Collins wollte.
Aus der Flat selber aber kam der Kentuckier mit etwa zwanzig Freunden und Bekannten herangestürmt, denen er schon draußen erzählt hatte, was in Ludville im Werke sei. Hatte wirklich Collins das Zeichen gegeben? Schon von Weitem erkannte er ihn oben auf dem Hügel, und Spaten und Brechstangen, was sie unterwegs fanden, aufgreifend, eilten die handfesten Burschen zum Succurs herbei.
Mr. Black hatte den Lärm ebenfalls gehört, und augenblicklich seinen Sheriff hinaus gesandt, um eine Fortsetzung desselben zu verhindern. Collins aber, um den sich schon eine Anzahl von Amerikanern, Deutschen und Franzosen gesammelt, ließ sich nicht irre machen, und als der Sheriff Gewalt brauchen wollte, ja sogar seinen Revolver zog, stellten sich ihm plötzlich soviel drohende Gestalten entgegen, daß er ziemlich scheu den Rückweg suchte, um erst dem Richter über diese eben nicht viel versprechenden Anzeichen Bericht abzustatten.
Indessen hatte sich die Escorte der beiden Gefangenen, denen das Herbeiströmen der Männer nicht entgangen war, nur noch mehr beeilt, fortzukommen. Acht von ihnen saßen schon zu Pferde, die beiden Gebundenen in der Mitte und hielten es jetzt für rathsam, lieber den Platz zu verlassen, die Anderen mochten ihnen dann, so rasch sie konnten, folgen. Diesen entgegen warf sich aber jetzt der Kentuckier mit seinen Leuten, und dadurch vollkommen die Straße sperrend frug er sie, wohin sie mit den beiden Amerikanern wollten.
„Nach Eltonville, zum Obergericht, im Namen des Gesetzes gebt Raum!“
„Oh, Mills!“ rief Carman, der seinen früheren Kameraden erkannt hatte, „sei doch so gut, und schlag einmal dem Halunken eins über den Kopf, bis ich selber die Hände freibekomme.“
„Es sind Verbrecher,“ rief ein Anderer wieder, „die dem ordentlichen Richter überliefert werden sollen, Ihr werdet keine Raubmörder beschützen wollen.“
„Lügenhund, nichtswürdiger!“ schrie jetzt Hudson, dem nun auch die Galle überlief, „laß mich die Hände frei bekommen.“
„Und dazu braucht es Euch Spielergesindel?“ rief ein baumlanger Texaner, der eine große eiserne Brechstange in der Hand hielt, „um einen Gefangenen zu transportiren? waren dazu keine achtbaren Männer aufzutreiben? Laßt die Leute frei!“
„Zurück! Gentlemen!“ schrie da ein breitschultriger Yankee-Spieler mit einer bunten Serape und in mexikanischen Hosen, indem er einen Revolver hinaushielt — „wir sind jetzt geschworene Constabler und der Erste, der es wagt —“
„Schurken seid Ihr!“ schrie der Texaner, die drohende Waffe nicht weiter achtend, als ob es ein todtes Stück Holz gewesen wäre; und in demselben Moment hieb er auch mit seinem schweren Eisen das Pferd des Spielers dermaßen vor den Kopf, daß es wie todt zusammenbrach und den Reiter weit ab über seinen Hals sandte. Dieser feuerte allerdings noch im Sturz seinen Revolver ab und die Kugel schlug einem der Leute durch den Arm. Das war aber auch nur das Signal zu einem förmlichen Angriff gewesen, denn im Nu warfen sich die Goldwäscher auf das überhaupt verhaßte Spieler-Gesindel, die auch nicht mehr wagten, ihre Waffen abzuschießen. Von allen Seiten sprangen neue Verstärkungen herbei und sie wußten recht gut, daß sie nicht zu ihren Freunden zählten. Ein paar von ihnen wurden von den Pferden gerissen und eben nicht sanft dabei angefaßt — Andere sprengten mit ihren Pferden seitwärts durch die Zelte, und wenige Augenblicke später fühlten Hudson und Carman ihre Arme frei und griffen jetzt ebenfalls das erste beste Geräth auf, um sich zu vertheidigen.
Mehr und mehr Goldwäscher füllten indeß die Straße, wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht einer Revolution durch die benachbarten Arbeitsplätze verbreitet, und so große Scheu bis zu diesem Augenblick ein Jeder gehabt, auch nur das geringste Außerordentliche zu thun, so daß sie sich sogar die schrankenlosen Willkürlichkeiten des Richters gefallen ließen, so wie mit einem Schlage schien jetzt ein jedes solches Gefühl abgeschüttelt und vergessen.
Mills, der lange Kentuckier, fühlte dabei das Bedürfniß, eine Rede zu halten. Vor einem der Zelte stand ein frischangefahrenes Faß mit gepökeltem Schweinefleisch; auf das sprang er mit einem Satz hinauf und schrie mit dröhnender Stimme:
„Boys! Gentlemen wollte ich sagen, thut mir den einzigen Gefallen und haltet einen Augenblick die Mäuler, damit wir nicht blind und toll in’s Zeug hineinstürmen, denn die Hälfte von Euch weiß in diesem Augenblick noch nicht einmal, was eigentlich los ist und was wir wollen.“
„Bravo, Mills, bravo!“ jubelte die Schaar — „das ist recht, sag’s den Burschen derb!“
„Geht zu Gras,“ brummte Mills, „ich weiß selber, was ich zu thun habe — soviel ist aber sicher, daß wir bis jetzt hier einen Räuber und Mörder zum Richter gehabt haben, und ist Einer unter Euch, den er noch nicht geplündert hätte?“
„Hallo, Boys! was geht hier vor!“ schrie der Sheriff, der in diesem Augenblick, eine Büchse in der Hand, aus seinem Zelt sprang, „verdammt will ich sein —“
Er sagte nichts weiter — Hudson, der keine fünf Schritt von ihm stand, warf ihm eine kurze, eiserne Brechstange, die er in der Hand hielt, dermaßen zwischen die Knie, daß er mit einem Schmerzensschrei zusammenbrach, und im Nu hatte man ihm die Büchse weggenommen und ihn gebunden.
„Der und sein Helfershelfer da, die Carricatur von einem Sheriff, der nicht mehr Idee von einer Gerichtsperson hat, wie eine Kuh,“ fuhr aber Mills, ohne sich im Geringsten irre machen zu lassen, fort, „haben hier in Ludville dem Teufel sein Spiel getrieben, und wer hat regiert? Nur das nichtsnutzige Gesindel, das mit falschen Karten und Revolvern im Land umherzieht. Wenn ein Stück Vieh oder ein Pferd gefallen ist, so sind in zehn Minuten die Aasgeier da und machen sich breit — wo irgend eine neue Mine, ein reicher Platz gefunden wird, wer hockt da zuerst in den Zelten und lauert darauf, den fleißigen Arbeitern das mühsam ausgewaschene Gold wieder abzujagen? diese Spieler. Am Rich Gulch haben sie die Bande zum Teufel gejagt, am Bee River machten sie’s noch besser, da hingen sie die eine Hälfte und ließen die Anderen laufen. Wollen wir zurückbleiben?“
„Nein! fort mit der Bande!“ schrieen die Goldwäscher fast wie aus einem Munde, „fort mit den Schuften; es giebt keine Ruhe im Ort, bis wir sie nicht hinausgejagt haben.“
„Wenn die Gerichte in San Franzisco keine Macht haben,“ schrie der Texaner, „den Gaunern das Handwerk zu legen, so haben wir sie hier und wollen sie brauchen.“
„Und die beiden Leute dort,“ fuhr Mills fort, „so brave Amerikaner, wie je in Californien ein Loch gegraben, wollten diese Canaillen jetzt eben in den Wald führen und dort aus dem Weg schaffen, und weshalb? weil sie in diesem Mr. Black denselben Dieb erkannt haben, der sie in Mexiko mit einer Bande von greasers[B] überfiel, plünderte und dabei vier Amerikaner todtschoß.“
„Wo ist Black? wo ist der Hund? holt ihn, sucht ihn!“ schrieen die Miner durcheinander.
„Boys!“ schrie Mills noch einmal, „Gentlemen!“ denn er war noch lange nicht fertig, aber sie hörten ihn nicht mehr. Sie hatten jetzt ein bestimmtes Ziel, und weiter brauchten sie nichts — verlangten nicht mehr. Wie eine Sturmfluth wälzte sich auch der Haufen, der jetzt zu einigen Hunderten angewachsen sein mochte, dem Zelte zu, in welchem sich der Richter gewöhnlich um diese Tageszeit aufhielt. Aber wo war Richter Black?
Ein gegenüber wohnender Händler hatte gesehen, daß Einer der Spieler, jener junge Bursche, bleich wie der Tod, vor das Zelt des Richters galoppirt war und rasch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, dann war er fortgesprengt die Straße hinab, während Black selber langsam zu seiner eigenen, gerade über Ludville gelegenen Wohnung, einer kleinen, aber festen Blockhütte hinaufstieg.
Dorthin stürmte jetzt die aufgeregte Schaar; was sie mit dem bis dahin so gefürchteten Richter wollten, wußten sie eigentlich selber nicht, aber er sollte ihnen Rede stehen — er sollte sich gegen die wider ihn erhobene Anklage vertheidigen und dann? — ja den Raub herausgeben, den er an ihnen verübt — er und der Sheriff. — Aber Richter Black hatte es für gerathen gehalten, einen solchen Ausbruch der entfesselten Volkswuth nicht abzuwarten.
Sein Haus stieß dicht an den Wald, und dort oben hatte er bis jetzt immer einen jungen Mexikaner gehalten, der ihm Morgens sein Frühstück bereitete und für die Reinlichkeit des Hauses sorgte, überhaupt auch als Wache desselben diente.
Beide waren jetzt verschwunden, auch Blacks Sattel und Zaum fehlte, aber der Vorsprung, den er gewonnen, konnte nur ein sehr geringer sein und der, jetzt nur noch mehr erbitterte Schwarm vertheilte sich im Wald, um ihn einzuholen; hatte er doch schon durch seine Flucht die ganze, ihm aufgehäufte Schuld eingestanden. Aber freilich war das Terrain um Ludville her sehr zerklüftet und rauh, und wer sich dort verborgen halten wollte, fand wohl Schlupfwinkel genug in der Nachbarschaft. Außerdem neigte sich der Tag seinem Ende und es blieb den Verfolgern nicht einmal lange Zeit, dem Flüchtigen nachzusetzen. Uebrigens hatten sie auch mehr in Ludville selber zu thun, und dort begann jetzt das Rachewerk zuerst an Blacks Wohnung, die sie vorher genau durchsuchten, ob sich nicht vielleicht versteckte Schätze fänden, die seine Schuld noch klarer machten. Black aber schien, was er erbeutet, auch in Sicherheit gebracht zu haben, und wenn er es nicht mitgenommen, hatte er es vielleicht in der Nachbarschaft versteckt, wo er es einmal über Nacht abholen konnte.
Waffen fanden sie übrigens genug: noch eine geladene Büchse, drei Revolver und ein langes Messer, was er keinenfalls Alles auf seiner Flucht mit fortgebracht. Aber keiner der Männer rührte auch nur ein Stück der hier gefundenen Gegenstände an. Im Kamin brannten Kohlen.
„Steckt das Nest in Brand!“ rief Mills, der bei der Untersuchung besonders thätig war, „die Canaille scheint ja hier ein ganzes Waarenlager von Mordinstrumenten gehalten zu haben — Feuer in die Bude, das ist das Beste.“
Dem Rath wurde auch rasch Folge geleistet. Ein paar junge Burschen kletterten auf das Dach, brachen dort die Schindeln auf und warfen sie hinunter, andere hatten indessen schon das trockene Moos der Matratze auf die Gluth geworfen, und ehe eine Viertelstunde verging, loderte die züngelnde Flammensäule hoch in die stille Luft hinein.
Jetzt erst sammelten sich die Männer wieder in Ludville, um dort einen festen Entschluß zu fassen und den Spielern anzukündigen, daß sie vor anbrechendem Tag den Platz zu verlassen hätten. Aber keiner von ihnen schien das Resultat der Verhandlung abgewartet zu haben, denn sie kannten Alle aus Erfahrung den Verlauf solcher Volksausbrüche, die noch dazu nicht einmal immer so unblutig abliefen wie hier. Das wenige Eigenthum, was sie besaßen — ihr Gold und ihre Revolver, packten sie in ihre Satteltaschen, und fort stoben sie nach allen Seiten, um einen ruhigeren Aufenthalt für ihre Thätigkeit zu suchen.
Nur der Sheriff brachte die Leute in Verlegenheit; sie hatten ihn, als er mit der Büchse auf sie einsprang, gebunden, und sie wußten jetzt nicht recht, was sie eigentlich mit ihm anfangen sollten. Eine Klage lag auch weiter nicht gegen ihn vor, denn er war nur immer der treue Helfershelfer des Richters gewesen, da er von dessen Einkünften seine hohen Procente zog. Nach der Flucht des Richters aber konnten sie sich doch nicht gut nur an sein Werkzeug halten, und man beschloß endlich, ihn los zu binden und laufen zu lassen — vorher aber mußte er freilich Alles das, was er Hudson und Carman bei ihrer Verhaftung abgenommen, herausgeben.
Allerdings wollte sich der Sheriff jetzt damit nicht begnügen und wüthete und tobte im Ort herum. Mills aber besaß eine wunderbare Ueberredungsgabe.
„Sheriff,“ sagte er, indem er zu ihm ging und ihm die Hand freundlich auf die Schulter legte, „wenn ich Euch in einer halben Stunde noch in Ludville treffe, schlage ich Euch eigenhändig den Schädel ein — und nachher könnt Ihr mich verklagen.“ Dann drehte er sich ab und ging in das Zelt, wo jetzt eine Versammlung stattfand, um einen neuen Richter und Sheriff zu wählen.
Hudson und Carman durchsuchten allerdings noch den ganzen nächsten Tag den Wald, um den entflohenen Räuber aufzufinden, ja blieben sogar die ganze Nacht auf der Lauer liegen, weil sie vermutheten, er würde vielleicht versuchen, nach Dunkelwerden heimlich zu seiner Wohnung zurückzukehren, aber er ließ sich nicht mehr in der Gegend blicken und mußte jedenfalls andere Mittel und Wege gefunden haben, sein Gold jetzt — oder wahrscheinlich auch schon früher, in Sicherheit zu bringen.
Aus Ludville aber blieben die Spieler von dem Tag an verbannt, und durften es nicht wieder wagen, ihren Poncho über einen der dortigen Tische zu decken und eine Bank zu eröffnen. Nach einigen Wochen, als sie glauben mochten, der Lärm habe ausgetobt, wollten es allerdings Einzelne wieder versuchen und schlugen zu dem Zweck ein Zelt vor der Stadt auf; aber Mills, den die Bewohner zum Sheriff gewählt, stattete ihnen schon am ersten Abend einen Besuch ab und erklärte ihnen in so überzeugender Weise, er würde Jedem von ihnen den Hals umdrehen, der auch nur eine einzige Karte aus seiner Tasche packte, daß sie es doch für gerathener hielten, wieder abzuziehen.