VI.
Die Bergpredigt.[7]

Rein antipharisäisch ist der Geist und Ton dieser unübertrefflichen Rede. Vorzüglich geben einige Stellen Anlaß, der Heuchelei so eigentlich von mehr als Einer Seite auf den Grund zu sehen, und allgemein wichtige Bemerkungen zu machen; wie denn auch Jesus gewiß eben so gut die künftigen, als das damalige ehebrecherische Geschlecht im Auge hatte.

Schon die erste Stelle (Matth. V, 19–20.), in welcher er die Pharisäer und Schriftgelehrten ausdrücklich nennt, enthält eine tief gehende Lection. Die Pharisäer lehrten wohl das Gesetz Moses recht genau; aber sie übertraten es leichtsinnig. Bei ihnen war also Wissen und Thun getrennt, Kopf und Herz entzweiet; darin erkannte Jesus das charackteristische Merkmal der Heuchelei. Er gab aber diesem Ausspruche eine für alle Zeiten passende Form, weil dieser Doppelsinn ein Grundzug des menschlichen Verderbens ist. Nichts wird uns leichter, als schön, sittlich, fromm zu reden, zu ermahnen, zu trösten; Nichts schwerer, als edel, uneigennützig, gottesfürchtig zu handeln. Wir dünken uns noch dazu, etwas Großes zu sein, wenn wir einen so hohen Ton anstimmen; dabei sind wir erfinderisch, unsere Vergehen zu verkleinern oder gar wegzuvernünfteln. Wie klein müssen wir in den Augen unseres Erlösers sein, der nur diejenigen wahrhaft groß nennt, welche Wort und That mit einander verbinden! Möchten wir uns doch nie den Vorwurf machen dürfen, daß unsere „Gerechtigkeit nicht besser sei, als die der Pharisäer!“


Ueberall trennt der Heuchler, was Eines sein soll; nicht nur Lehre und Thun setzt er in Widerspruch; auch in die Lehre trägt er die Spaltung, welche sein Inneres zerreißt, hinein. Er klebt am Buchstaben, und vernachläßiget den Geist, wenn er Gottes Wort deutet; uneingedenk, daß der Urheber desselben Geist und Leben ist. Dabei hält er sich noch für weise, und beruft sich mit vielsagender Miene auf „die Alten.“

„Du sollst nicht tödten!“ — so betete der Schriftgelehrte Moses nach, und blieb beim leiblichen Morde stehen. Fremd, unverständlich, ja ärgerlich kam ihnen darum gewiß die Auslegung vor, welche Jesus von diesem Verbote machte — und welchem schriftgelehrten Silbenstecher ist sie es nicht noch heut zu Tage?

Jesus drang auf die Gesinnung ein, welche bei einem Menschenmörder herrschend werden muß, bevor er zu der gräßlichen That schreitet. Diese bösartige Stimmung des Gemüthes, diese verkehrte Richtung des Willens fand Er schon in ihren ersten Anfängen so strafbar, und in ihren Fortschritten noch strafbarer als die Gesetzerklärer seiner Zeit den Mord. Dieß lag in dem Geiste des Gesetzes.

Nur so wird es begreiflich, warum er es als genauere Erklärung und schärfere Bestimmung des den Alten bekannten: „Du sollst nicht tödten,“ angeben konnte, wenn Er sprach: „Wer über seinen Bruder zürnt ohne Ursache“ &c.

Nicht das Zürnen überhaupt verbietet Jesus; denn erkannte das Wesen und das Verhältniß menschlicher Kräfte des Herzens und Willens zu gut, als daß er Widernatürliches gebieten, und die Kraft und den Eifer des für das Wahre und Gute begeisterten Mannes hätte lähmen können. Zürnte doch Er selbst! (Mark. III, 5. Joh. II, 15–16. Mark. VIII, 17–18. Matth. XXIII &c.) Nur grundlos, unbegränzt, unangemessen sollte der Unwille nicht sein; dieß wird er aber, sobald der Mensch der Eigenliebe, der Sinnlichkeit, und dem Bösen auf irgend eine, wenn auch die feinste Weise huldiget. Solchen Zorn setzt Jesus einem schweren Vergehen gleich, und hatte er daran Unrecht? Freilich die Pharisäer werden darüber bittere Glossen gemacht, wohl auch gespottet haben. Heut zu Tage haben die Meister in Israel zu viel Achtung vor dem Sohne Gottes, um sich so zu vermessen; sie beugen ihr Haupt tief — und verkehren seine göttliche und rein menschliche Lehre in eine erschlaffende Heuchellehre läppischer Sanftmuth — oder besser, charackterloser Schwäche. — Wer von den sogenannten Asceten viele gelesen hat, wird dieß bestätigen.

Nicht umsonst vergleicht David so oft die Zunge mit „Dolchen und Pfeilen;“ er hatte dieses gefährliche Werkzeug mehr als Ein Mal durch traurige Erfahrung kennen gelernet. Die Zunge eines feindlichen Heuchlers ist ein wahres Mordinstrument. Darum erklärte Jesus einen solchen Gebrauch der Zunge für ein dem Todtschlage gleiches Verbrechen. Wie werden die Pharisäer über diese neue Auslegung des Gesetzes in Erstaunen und Aerger gerathen sein! Sie machten sich wenig daraus, ihren Nebenmenschen um Ehre und Zutrauen zu bringen, sobald er ihren Planen und Vorurtheilen oder ihrem Eigennutzen im Wege stund. Johannes und Jesus sind sprechende Beispiele. — Aber darum segne sich nicht so leicht Jemand! Diese Verirrung liegt dem menschlichen Herzen näher, als man glaubt. Unerschöpflich ist die Sophistik der Eigenliebe an Gründen, warum man die Ehre Anderer nicht schonen dürfe; und nicht selten schmückt sie sich — empörend genug — mit Liebe Gottes und des Nächsten!!!

Eitler Stolz auf die einzig wahre Gotteserkenntniß blähte die Juden damals auf; und so sehr sie den Namen des Gottes Israels mit ihren Thaten schändeten, so waren sie doch stets bereit, Heiden, Samariter und anders Denkende überhaupt, selbst Abkömmlinge Abrahams auf die empfindlichste Weise zu verunglimpfen. Gewiß ein ächter Zug eines festsinnigen und lieblosen Rechtglaubigen! — — So Etwas zu billigen, wie die Pharisäer, war Jesus so weit entfernt, daß er sich auf eine wahrhaft furchtbare Weise dagegen erklärte. Wer ohne die vollgültigsten Gründe, aus Verdammungssucht, bei eigener Kälte gegen Gott, seinen Nächsten für einen Thoren, d. h. für einen Gottesleugner, Ketzer &c. erklärt, der ist dem menschenfreundlichen Erlöser ein größerer Greuel, als jeder Mörder — Jesus findet ihn so verwerflich, wie die dem Moloch verbrannten Menschenopfer. Ein schreckliches Wort!


Gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder!“ —

Wie doch Jesus allen Rechtglaubigen so geradezu widersprechen, und eine so ärgerliche Lehre unumwunden vortragen kann! Gelten also ihm Menschen mehr, als Gott? Müssen die Pflichten der Nächstenliebe der Liebe zu Gott vorgezogen werden? Ist Versöhnung mit Sündern besser, als Opfer? Welche neue Lehre! welche nachtheilige Folgen wird sie haben für Priester und Leviten, welche doch Gott eingesetzt hat? — Solche Rede war einem Pharisäer damals natürlich; und eben so natürlich die Seligpreisung, daß er diese gefährliche Lehre durchschaute.

„Wie täuschte er sich in seiner Heuchelei!“ höre ich rufen. Ja wohl! Wenn nur diese Täuschung, und mit ihr auch die Ursache, jetzt verschwunden wäre! Zwar hat Christus unter denen, die sich nach seinem Namen nennen, so viel Ansehen, daß sie ihn nicht tadeln, wenn er von Opfern nichts wissen will, welche mit unversöhntem Herzen gebracht werden; aber der Prediger soll „diese harte Lehre“ nicht zu oft, nicht zu eindringend, nicht zu genau einschärfen. Die Zuhörer fühlen sich gestört in ihrer bequemen Gottseligkeit, welche dem „Herrn Himmels und der Erde“ huldiget mit reichen Gaben, um seine Unterthanen ungestraft quälen zu können, um ihre Rachsucht zu kühlen, um ihre Habsucht zu befriedigen u. s. w. u. s. w. Noch andere Leute finden solche Lehren für ihr Amt, für ihre Existenz, also für die Religion gefährlich und höchst bedenklich — — Hat denn Jesus zu allen Zeiten Pharisäer, mit und ohne diesen Namen, gegen sich und sein Wort?


Man darf im alten Testamente nicht sehr bewandert sein, um zu wissen, daß trotz allen gesetzlichen Vorschriften doch häufig und ernstlich genug auch auf das Herz gewirket, auf heilige Gesinnung gedrungen wird. Desto mehr befremdet es, wenn man sieht, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer gar so Geistesarm waren und sklavisch am Buchstaben hiengen. Es war dieß die natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihres der reinen Wahrheit aus Gott nicht empfänglichen Herzens. Der Kopf allein, wenn er noch so tief- und scharfsinnig, noch so sehr mit allem Rüstzeuge theologischer Gelehrtheit versehen ist, schließt die heilige Schrift nicht auf. „Sohn, gieb mir dein Herz!“ Dieß ist die erste und unerläßliche Bedingung. — Moses hatte es als Gebot Gottes aufgezeichnet: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Die Pharisäer bestimmten den Fall; setzten Strafen fest; wachten über die äußere, grobe That, und liessen das Herz leer ausgehen. Wie ganz anders geht Jesus zu Werke! Er will jede unerlaubte, wenn auch noch so unentbehrlich scheinende Begierde schon im Keime erstickt wissen. Ein lüsterner Blick ist nach seiner Lehre — und diese ist ewige Wahrheit — so strafbar vor Gott, als die That.

Sicherer und fester kann der Heuchelei der Weg kaum versperret werden, als auf diese Weise. Es ist aber kaum irgendwo nothwendiger, als in diesem Stücke; denn kein Trieb liegt tiefer, keiner wirkt mächtiger, keiner nimmt mehrere und feinere Gestalten an, als sinnliche Liebe. Nichts wird leichter übersehen, gewissenloser und sophistischer entschuldiget. Nirgends erlaubt sich der Mensch in und ausser der Ehe mehr, als hierin — zu allen Zeiten! daher das durchgreifende strenge Gebot unseres Erlösers.


Ein wahrer Schlangenzug im Charakter der Heuchelei ist dieser, daß sie es so trefflich versteht, die Gebote Gottes zur Entschuldigung ihrer gröbsten Verbrechen zu benützen. Wie fein war nicht die Wendung, mit welcher gleißende Wohllüstlinge die göttliche Nachsicht in dem Gebote: „Wer sein Weib entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief“, für sich anwandten, und eine Erlaubniß, sein Weib aus jeder beliebigen Ursache zu entlassen, herauserklärten? Wenn irgend einmal, so verräth sich gewiß hier das arglistige Herz, welches seine bösen Lüste hinter religiöser Maske verbirgt. Möchte doch dieß die letzte Schrifterklärung dieser Art gewesen sein!


Beim Himmel!Bei der Erde!Bei Jerusalem!Bei meinem Haupte! — so schwur der Jude dem Heiden. Dieser, nur einigermaaßen gewissenhaft, traute jenem; denn er hatte Ehrfurcht vor diesen Gegenständen. Jener hielt sein Wort nicht, weil der Rabbi ihn lehrte: „Es steht geschrieben: Du sollst Jehova deinen Eid halten!“ Also ist kein Eid verbindlich, als der „bei Jehova.“ Welche Stelle des alten Testamentes konnten diese Lehrer für sich anführen? — Doch wozu sollten sie Schriftstellen aufsuchen, mühsam ihren göttlichen Geist wegerklären, kunstreich sie drehen und wenden? Sie hatten ja eine entscheidende Autorität für sich — „die Lehre der Alten.“ Seit Menschengedenken haben alle weisen Rabbi diese Stelle so verstanden und erklärt; also hat sie keinen andern Sinn; kann keinen andern haben. Was fehlt diesem Schlusse, als Wahrheit? — —

Es ist schwer zu begreifen, wie derjenige, welcher solchen Lehren Eingang in sein Herz gestattet, noch die so hochwichtige Pflicht der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben kann. Wenn solche Grundsätze herrschend würden, so müßte alles Zutrauen und aller Verkehr unter den Menschen aufhören. Wohin führt nicht Heuchelei? Eben deswegen stellte Jesus seine Lehre in so scharfen Gegensatz gegen den Rabbinismus seiner Zeit. Unbegränzte Wahrhaftigkeit, felsenfesten Biedersinn macht er uns zur theursten Pflicht. Das einfache Ja eines Christen soll an Eides Statt gelten. Goldene Zeit, wenn erscheinest du? — Nicht zu übersehen ist, wie treffend und unwiderstehlich Jesus die falschen Eidesformeln der Pharisäer aus dem Geiste der heiligen Schrift widerlegt.


Nur gar zu gerne verkleidet sich unerbittliche Rachsucht in hehre Gestalt der Gerechtigkeit; und es fehlt zu keiner Zeit an dienstfertigen Auslegern göttlicher und menschlicher Gesetze, welche die gröbsten Verletzungen aller Menschlichkeit zu beschönigen wissen. In den Tagen unseres Herrn hatten die pharisäischen Schriftgelehrten den beliebten Dienst auf sich genommen, Ungerechtigkeit durch Verdrehung des Gottes-Wortes zur Gerechtigkeit zu machen. Sie beriefen sich auf „die Alten,“ welche gelehrt haben sollten, daß „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ nicht eine gesetzliche, richterliche und darum billige Genugthuung für Beleidigungen gewähre, sondern das Recht ertheile, Rache nach Belieben selbst zu nehmen. „Die guten Alten!“ was mußten und müssen sie nicht Alles gelehrt haben?

Bei dieser Stelle dürfen wir aber nicht vergessen, daß Jeder von uns einen solchen pharisäischen Schriftausleger und Rechtsgelehrten in seinem Herzen sitzen hat, der als Affekt oder Leidenschaft sehr fertig und beredt Aussprüche von sich giebt, denen wir nur zu oft Gehör verleihen. Um so sorgfältiger sollen wir die Lehre unseres Erlösers zu Gemüthe ziehen, welche unbegränzte Billigkeit als ein zwar herbes, aber zuverläßiges Gegenmittel empfiehlt.


Liebet eure Feinde!“ Dieß ist der wahre Todesstoß für die Scheinliebe, welche Gränzen aussteckt, auf Bedingungen unterhandelt, nach Rück- und Nebenabsichten schielt, Personen ansieht &c. Gewiß haben auch die Pharisäer diesen Stoß schmerzlich genug empfunden; denn die Wunde blutet heut zu Tage noch bei ihren Geisteskindern, die mit ihren Vätern sich bitter beklagen, daß die fruchtbringende Lehre: „Liebe deinen Freund, (d. i. deinen Kirchen-Zunft-Standes-Staatsgenossen) und hasse deinen Feind,“ mit dem Ausspruche Jesu umgestürzt werde; und zwar ohne Hoffnung, da der göttliche Lehrer so weise Rücksicht auf die menschliche Natur nahm, nicht Unmögliches forderte, keine süssen, freudigen Gefühle, keine freundschaftliche, innige Zuneigung, sondern ein racheloses Herz und Thaten des Wohlwollens — des Wohlthuns — der Fürbitte, wenn sonst nichts möglich ist, zur edeln Pflicht macht, und das unverwerflichste Muster an dem Vater im Himmel aufstellt.


Hütet euch, daß ihr euer Gutes nicht vor den Menschen thut, um von ihnen gesehen zu werden!

Mit diesen Worten beginnt ein neuer Gedankenkreis. Nicht Schriftverdrehungen und Herzverderbende Auslegungen werden gerügt, sondern die Thaten der Pharisäer nach göttlichem Maaßstabe bestimmt, ihr Werth oder Unwerth ausgesprochen. Wie denn? Einfach, daß ein Kind es fassen; kunstlos, daß der Ungeübteste es thun; unfehlbar, daß der Zweifelvollste sicher gehen kann. In das Innere weiset Jesus hinein; auf die Quelle alles Guten und Bösen, auf das Herz, auf die Gesinnung macht er aufmerksam. Hier soll nur Liebe Gottes und des Nächsten herrschen; alles Andere ist vom Argen. In diesem Heiligthum darf kein Götzenbild der Eigenliebe aufgestellt werden; mit der Wachsamkeit des Eifersüchtigen muß jede leise Regung belauscht werden, wenn der Heuchelei der Eingang verschlossen bleiben soll. Streben nach Menschenlob ist Todesduft für Christentugend. — Wer kennt das menschliche Herz, d. i. sein eigenes, und findet dieß nicht wahr, nicht wichtig, nicht nothwendig? Wer weiß nicht, welche Wendungen und Krümmungen die alte Schlange in uns macht? Unerläßlich, aber schwer ist es, in diesem Stücke den Pharisäer auszuziehen, und Christus anzuziehen.

Doch unser Herr erleichtert die Bürde durch Beispiele, die ins Große gehen. Lernen wir zu seinen Füßen!

Wenn ein Pharisäer Almosen gab, so mußte es alle Welt wissen. Die hochtönende Trompete erklang lieblich für das Ohr des Dürftigen, und lud ihn stolz zur Gabe; sie verkündete prahlerisch der Nachbarschaft, was auf der Gasse vorgieng; und was wird die Eitelkeit des Gebers empfunden haben? — Einer solchen Art von Wohlthätigkeit sprach Jesus allen Werth ab; ja, er nannte sie geradezu Heuchelei. Nicht menschliches Mitgefühl, nicht Linderung der Noth, nicht Erquickung des Leidenden war Beweggrund; sondern eigenes Lob, lauter Beifall, Flittergold des Namens eines Wohlthäters. Sollte es weniger gleißende Menschenliebe sein, wenn die Trompete nicht von Metall, sondern von Fleisch oder gar nur aus Papier gebildet ist?? — —

Das muß man gestehen, trefflich haben die Pharisäer ihr religiöses Handwerk verstanden. Sie wußten recht gut, was dazu gehört, die Menschen zu blenden, und mit ihrer Frömmigkeit recht viel Aufsehen zu machen. Wenn der Eifer des Gebetes so weit reicht, daß man laut und öffentlich an den Strassenecken betet; wer soll diese Muster der Heiligkeit nicht anstaunen? Wer nicht den Schluß ziehen, daß zu Hause noch weit mehr geschehen müße? Und Jesus nennt solche Leute — Heuchler! Wie Vielen wird er die Augen geöffnet haben über den wahren Geist des Gebetes mit seiner unübertrefflichen, Vernunft und Herz befriedigenden, den Geist zum Himmel erhebenden Lehre?

Das dringendste und wärmste Gebet ist Herzensergießung vor Gott in unsern geheimen Anliegen; wer will, wer kann mit Fug diese vor der Menschen Ohren bringen? Nur ein Schwärmer oder ein Betrüger; Jesus spricht keinem das Wort. „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer“ &c. Wer die Weisheit und das Naturgemäße dieser Vorschrift einsehen will, muß die Pharisäer — aller Zeiten — vor Augen haben.

Wo es an Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlt, dort werden gewöhnlich die meisten Worte gemacht. So betrugen sich auch die Pharisäer gegen Gott; sie waren ihm, menschlich zu reden, überlästig mit ihrem „heidnischen Geplapper.“ — Um so ärgerlicher kam ihnen die Lehre Jesu vor, welcher eine so einfache, kindlich zutrauliche, kurze Anweisung zum Beten gab; der Gott in einem so milden Lichte, als Vater, zeigte; der ihm zarte Theilnahme an den Bedürfnissen seiner Kinder beilegte. Welch’ ein Absprung von dem steifen, hofmäßigen, Geschenksüchtigen, Worte zählenden, kalten, überhohen Gotte der Heuchler! Welch’ ein Abstand von ihren Gebetsformeln! Besonders ist Ein Punkt antipharisäisch — Versöhnlichkeit und Liebe des Nächsten, ohne welche Jesus alle Gebete verwirft. — Was würde er heut zu Tage sagen über die Wortreichen, Geistarmen, Glaubensleeren, Selbstsuchtsvollen Gebete, welche häufig, mit Thränen eingebildeter Gottesliebe, mit Herzen voll Menschenhaß, in kriechender Stellung, mit stolzirendem Nacken, laut gesprochen werden?! O, wie oft kreuzen wir uns vor Pharisäern, und sind zwei Mal ärger, als sie — bei unsern Einsichten!! Beinahe ans Komische streift die Schilderung eines fastenden Heuchlers. So sehr verabscheute Jesus eine solche Handlungsweise, daß sein hoher, göttlicher Ernst bis zum beißenden Tone hingerissen wurde. Ein merkwürdiger Zug! Doch kann man ihn auch schon beim Almosen und Gebete des Pharisäers wahrnehmen. Fasten ist aber nur Beispiel für religiöse, besondere Uebungen jeder Art. Wenn frömmelnde Eitelkeit, Geruch der Heiligkeit, Menschenlob oder Tadel, elende Schmeichelei, charakterlose Aefferei u. d. gl. uns zu solchen außerordentlichen, nicht gebotenen, nicht unumgänglich nothwendigen Dingen treibt; was soll man dazu sagen? „Machet es so, wie die Heuchler?“ — —

Sonderbar! wird Mancher denken; hier dringt Jesus so strenge auf das Handeln „im Verborgenen“, und früher hatte er mit Nachdruck gelehrt: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen!“ Das will sich ja nicht zusammenreimen. — O recht gut, wenn man nicht an Worten klebt, sondern den Geist der Rede auffaßt. Das Gute deßwegen thun, damit es die Menschen sehen, und uns loben; dieß nennt Jesus Heuchelei. Und daran hat er vollkommen Recht, weil eine irdische, gemeine, schlechte Absicht einen schönen Anstrich bekommen soll. Die Gesinnung, das Herz ist unserm Herrn immer die Hauptsache; da fordert er nun, daß der Mensch die Tugend nicht seiner Person zu lieb, sondern einzig um des unsichtbaren Gottes willen ausüben soll. Dabei verlangt er aber keinesweges, daß man mit seinen edeln Handlungen geheim thue, und gleichsam Verstecken spiele. Nein, offen, vor Aller Augen, an hellen Tage soll unser Gutes geschehen. Wir haben uns dessen nicht zu schämen, noch uns, aus falscher Demuth, vor Menschen zu scheuen. Das Licht leuchtet Allen im Hause; aber mehr thut es auch nicht, weil es gegen seine Natur wäre. So soll es auch bei uns sein. Das Gute sollen wir thun — vor Gott und Menschen; aber weiter nichts dazu setzen, was Künstelei, Gepränge, Prahlerei, Selbstsucht u. s. w. heissen könnte; Solche selbstgewählte, ausserwesentliche Verzierungen sind Dünste und Nebel, welche den reinen Glanz des Lichtes verhüllen, und um Wahrheit und Liebe täuschende Farbenringe der Lüge bilden, welche schimmern und blenden, aber vor Gott und vor seinen ächten Kindern Nichts sind.

Licht will Jesus in und an den Seinigen sehen — Licht von Gott; nicht selbstgemachte Fackeln. Von diesen sagt der Prophet: „Sehet, Alle schlagt ihr Feuer, Fackeln anzuzünden! Geht hin beim Scheine euers Feuers, bei eurer Fackeln Licht! Von meiner Hand geschieht euch dieß, mit Schmerzen ringend liegt ihr da!“ (Jes. L, 11.)


Die vom stürmenden Winde gepeitschte Meereswoge ist unstät; der Fels am Ufer trotzt unwandelbar ihren Schlägen: so schwankt der Heuchler im Mißtrauen auf Gott; der Glaubige hält sich unverrückt an dem Anker der Hoffnung auf den, „der da ist, und den er nicht sieht.“ So schildert Jesus die Pharisäer seiner Zeit, wenn er spricht: „Niemand kann zwei Herren dienen. — Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.

Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch „der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ — Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind, sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben — — um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes in uns aus Augen und Sinn verlieren? Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken, Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern und zerreißen — und dann doch in Angst und Unglauben betenum Nahrung und Kleidung, wie Heiden, die keinen Gott kennen? Weiß Er da nichts mehr von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen, von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden? Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben! — —


Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!“ Wer unter den Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: Warum hat Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit Heuchler genannt? Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen Aufschluß über das Wesen der Heuchelei, und über ihren ausgedehnten Wirkungskreis. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen, und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte Heuchelei nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen u. s. w. — —


Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „vor falschen Propheten?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz — die rabbinische Amtstracht — nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken. —


Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug, viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden. Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?

Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen; sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.“ Welch’ eine ganz andere Sprache! Jesus stellte den heiligen Willen Gottes als erste Vorschrift für seine Jünger auf; Ehrfurcht, Gehorsam, Liebe gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. — Ob Jesus wohl seine Gesinnung seit seiner Himmelfahrt geändert hat?! — — —