V.
Jesus in der Synagoge zu Nazareth.[6]

Nichts verfinstert die Köpfe so sehr; Nichts erzeugt mehr Einseitigkeit und Unduldsamkeit im Denken; Nichts vertilgt die Liebe unausbleiblicher — als Heuchelei. Gilt dieß schon bei Gebildeten, so werden die Folgen noch verderblicher für die Menschheit, die Ausbrüche noch scheußlicher für Einzelne, wenn das Volk, von heuchlerischen Lehren angesteckt, die Religion und Wahrheit bloß nach Aeußerlichkeiten beurtheilt und schätzt; nur an Formen und Worten klebt; Glauben von Liebe trennt — und im Gotteshause heilige Komödie spielt. Die Nazarethaner liefern ein anschauliches Beispiel.

Jesus hatte sein öffentliches Lehramt begonnen; er trat in den Synagogen auf, hielt Vorträge, die ungemeinen Beifall fanden, und bestätigte in und außer den Synagogen seine Lehre mit Wundern. Allgemein und laut erscholl der Ruf von dem neuen Lehrer und Wunderthäter. Endlich kam er nach Nazareth. Als armer und unbescholtener, aber sonst wenig bekannter, Zimmermannssohn hatte er das Städtchen vor wenigen Wochen verlassen — und jetzt kam er als Prophet zurück. Welch’ ein Abstand! Wie muß dieß die Kleinstädtische Neugierde gespannt haben?! — Es ist Sabbat; Jesus besucht die Synagoge; Alle drängen sich herbei; er deutet eine der geistreichsten Weissagungen vom Messias mit eben so viel Bescheidenheit als Nachdruck auf sich. Man lobt, man bewundert den trefflichen Redner; übersieht aber die große Wahrheit. Noch sind Alle von Erstaunen ergriffen — und schon fangen sie an, sich an seiner geringen Herkunft zu ärgern. Wie schnell und leicht doch die Nazarethaner die Sache über der Person vergessen! „Ist er nicht der Sohn Josephs?“ — Allein hinter der schon an und für sich engherzigen Rede lag noch etwas ganz Anderes versteckt; und darauf antwortete eigentlich der Herzenskenner. Beleidigter Stolz war es, was ihnen den „Zimmermannssohn“ ins Gedächtniß rief. Jesus hatte es groß übersehen, daß er die Fülle seiner Gotteskräfte nicht zuerst in Nazareth auskramte — mehr verlangten sie auch nicht; denn belehrt und gebessert wollten sie nicht werden, aber gekitzelt und unterhalten. — Noch größer war das Versehen, daß Jesus auch jetzt, da er so spät eintraf, noch keine Anstalt machte, Wunderdinge zu verrichten. „War er mit Einem Male so vornehm geworden? Achtete er seine Landsleute weniger, als Fremde? Sollte er ihnen nicht gerade die stärksten Proben seiner Wunderkraft vorlegen?“ — Und er that es nicht — der Sohn Josephs! — — Noch mehr! Er hatte die Kühnheit, ihr Verlangen zu tadeln, und ihr Betragen so verwerflich zu nennen, wie das der Israeliten zu den Zeiten Elias und Elisa. Er gab zu verstehen, daß er ihnen weniger Glauben an Gottes Wort und Kraft zutraue, als den Heiden. Bewiesen sie es nicht durch ihr Betragen? Allein welchen Sturm erregte diese ernstliche und wohlgemeinte Zurechtweisung! Sie wollten einen Gegenbeweis führen, wie ihn alle Mal derjenige führet, welcher der Wahrheit bei einem bösen Gewissen mit triftigen Gründen nicht widerstehen kann, und doch Recht behalten will. (Luk. IV, 14–29.)