Dieser ist ja kein Pharisäer, wird man sagen! Wohl wahr; aber Blick kann er uns geben in das, was Pharisäismus ist, durch den Gegensatz, den er mit demselben bildet.
Jesus selbst drückt seine Freude über Nathanael sehr lebhaft aus: „Siehe da, ein wahrhaftiger Israelite in dem kein Falsch ist!“ So freuet sich ein biederer Mann, wenn er einen Redlichgesinnten findet. Unserm Herrn wallet das Herz auf bei einem solchen Anblicke, und aus der Fülle seines Herzens fließt ein seltner Lobspruch. Wie menschlich schön erscheint hier Jesus!
„Aber Nathanael hegte ja ein Vorurtheil gegen Nazareth!“ Was schadet dieses seinem antipharisäischen Charakter? Wer sein Vorurtheil so offenherzig gesteht, und so bereitwillig ablegt, sobald sich ihm die Wahrheit zeigt, der ist das gerade Gegentheil eines Heuchlers, und so war es bei Nathanael! Ein leichter Morgennebel kann nicht schneller von der hervorbrechenden Sonne zerstreuet werden, als Nathanaels Vorurtheil gegen den Zimmermannssohn aus Nazareth bei den Worten Jesu. Deutlich bewies er, daß dieser dunkle Flecken nur an der Oberfläche haftete, der Grund seiner Seele aber von Wahrheitsliebe glühte.
Wahrheit galt bei ihm, nicht Person, nicht Ort, nicht Zeit — — und Jesus sah dieß, und belohnte es überschwenglich. Dieser Jesus lebt noch; möchte er recht Viele zu belohnen finden!