Einleitung.

Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteige, welchen ein Weib nahm und in drei Schäffel Mehl verbarg, bis es ganz durchsäuert war. (Matth. XIII. 33.)

Vor Allem hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer, das ist, vor Heuchelei. (Luc. XII. 1.)

Also das Evangelium wirket wie ein Sauerteig, und die Heuchelei wirket wie ein Sauerteig! Zwei so verschiedene Dinge unter Einem Bilde; und doch so natürlich! Das Evangelium ist von Gott dazu bestimmt, die ganze Menschheit und jeden einzelnen Menschen zu durchdringen zur Sinnesänderung und Heiligung, wie der Sauerteig die ganze Masse durchwirket. Wer dem Evangelium kein Gehör giebt, in dem bringen die verderblichen Lehren des Weltgeistes in umgekehrter Ordnung dieselbe Wirkung hervor. Alle Theile des geistigen Lebens werden vom sündhaften Sauerteige erfüllt und verdorben. Dazu ist nichts mehr geeignet, als Heuchelei. Mit Recht bezeichnet daher Jesus die Lehren und Thaten derselben als das wahre Anti-Evangelium, indem er für beide dasselbe Bild beibehält, aber einmal die Licht- und dann die Nachtseite desselben zeigt. Sollte sein Zeugniß uns nicht aufmerksam machen, daß wir uns in Acht nehmen vor den Besuchen eines so gefährlichen Gastes, der anfangs nur einen kleinen Winkel im Hause sich erbittet, bald aber die ganze Wohnung verpestet? Oder wenn er unser Herz bereits in Besitz genommen hat, sollten wir uns nicht beeilen, ihn so schnell als möglich zu vertreiben, und die Wohnung wieder zu reinigen?

Da bedürfen wir aber vor Allem einer eben so tiefen, als genauen Kenntniß der Heuchelei. Wir müßen zuerst das Wesen und den Grundcharakter derselben zu erfassen suchen; dann kann eine genaue Beschreibung ihrer Gestalt, ihrer Mienen, Gebehrden, Reden, Thaten, Wendungen und Krümmungen uns in den Stand setzen, die leisesten Spuren dieses Krebsschadens des Christenthums zu entdecken, zu verfolgen und zu vertilgen.

Woher sollen wir diese Einsicht in das Wesen der Heuchelei nehmen? Der Geist des göttlichen Wortes wird uns auch hier auf dem sichersten und kürzesten Wege zum erwünschten Ziele leiten. Folgen wir mit Demuth und Vertrauen diesem besten Führer!


In der heiligen Schrift wird Gott überall dargestellt als der Lebendige — in sich selbst und für alle Wesen.

Dieses Leben offenbart sich auf eine doppelte Weise — als Wahrheit und Liebe in unendlicher Vollkommenheit und Einheit. In Gott ist Wahrheit auch zugleich Leben und Liebe, und umgekehrt. Nur der menschlichen Schwäche zeigt er sich bald in vorwaltender Wahrheit, bald in überwiegender Liebe.

Gottes Wort ist das Leben, welches von Anfang beim Vater war, und uns erschienen ist, aber auch vor, bei und nach seiner Erscheinung sich ausgesprochen — durch göttliche Lehre den Menschen sich geoffenbart, durch göttliche Thaten sich erwiesen hat.

Dein Wort ist die Wahrheit,“ sagt Christus betend zum Vater. Gottes Wort, wie es die heilige Schrift enthält, ist kein Menschenwort, d. i. „kein Licht ohne Wärme.“ „Das Wort Gottes ist lebendig,“ und beweiset sein Leben an allen Glaubigen durch Belebung. Durch Auge und Ohr dringt es zum Herzen, erregt und öffnet dasselbe höhern Einflüssen, die vom „Lebendigen“ ausgehen, und Licht und Leben mittheilen.

Darum wird auch in der heiligen Schrift Erkennen und Lieben als gleichbedeutend genommen. Von der innigsten Verschmelzung zweier Menschen in einer Liebe des ehelichen Bundes eben so, wie von der geistigsten Vereinigung in Liebe mit Gott wird derselbe Ausdruck gebraucht. (Matth. I., 25. Joh. X., 14–15.) Doch wohl ein sprechender Beweis, daß nach Gottes Sinn Erkennen und Wollen, Wissen und Thun, Wahrheit und Liebe Ein Leben bilden.

In und vor Gott giebt es also keine Wahrheit, die bloß Gedanke, bloßes Erkennen ist, und ohne Einfluß auf das Leben bleibt. Deßwegen spricht Christus vom Thun, d. i. vom Ausüben der Wahrheit; vom Leuchtenlassen des Lichtes, damit die Menschen unsere guten Werke sehen. In der That ein gottähnliches Verhältniß der Wahrheit und Liebe im Menschen!

Wer sich auf diesen Standpunct erhoben hat, den wird es nicht mehr befremden, daß durch göttliche Wahrheit im Menschen sich eine Seelenstimmung, ein Charakter ausbilde, den wir nicht besser bezeichnen können, als mit Wahrhaftigkeit. Diese ist der unverwandte Blick des Geistes nach der Erkenntniß der Wahrheit, die gerade, unverrückbare Richtung des liebenden Herzens nach Verwirklichung derselben, der getreue Abdruck derselben im Leben des Menschen.

Ein Leben in Wahrheit durch Liebe ist „ewiges Leben“, und macht das Innerste und Tiefste und Höchste im Menschen aus — sein eigentliches Wesen, seine Gottähnlichkeit.

Darum werden auch bei einem Menschen, in welchem sich Wahrheit mit Liebe gepaart und zur Wahrhaftigkeit ausgebildet hat, alle Handlungen natürlich; denn aus der wahren Erkenntnis, welche zugleich Liebe ist, geht eine Handlungsweise hervor, welcher der Mensch gerne, immer und unter allen Umständen getreu bleibt; welcher der nicht zuwider handeln kann, weil er nicht will; von welcher endlich alle Nebenabsichten, alles Gepränge, alle Ziererei, alle fromm sein sollenden Schnörkel, alle Einseitigkeit, Engherzigkeit, Sonderbarkeit &c. schlechthin ausgeschlossen ist und bleibt.

„Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens nur Gutes hervor“ — nicht halb Gutes, nicht verblümtes verkleistertes, vergoldetes Gutes, noch weniger Böses; denn von alle diesem ist nichts darin.

„Ein guter Baum kann nur gute Früchte bringen;“ es wirkt kein schlechter Saft in ihm. Aber er thut dabei nur, was seine Natur mit sich bringt; und er thut es stille, geräuschlos, ohne besonderes Aufsehen. So auch der gute, der in Liebe wahrhaftige Mensch! Ihm ist es eben so natürlich, mit Freiheit die Wahrheit zu thun, als es dem Lichte natürlich ist, zu leuchten. Beide verfahren dabei kunstlos; das Licht thut es, weil es nicht anders kann; der gute Mensch kann nicht anders, weil er nicht anders will.

Selig sind, die eines solchen reinen Herzens sind!

Aber es giebt auch eine Kehrseite dieser Sache. Nicht selten trifft man Menschen, welche „einen bösen Schatz in ihrem Herzen“ tragen; Menschen, welche Jesus mit schlechten Bäumen vergleicht. Sie können keine gute Früchte bringen, weil sie nicht wollen. Woher dieses? —

Wahrhaft und wirklich entgegengesetzt ist der Wahrheit weder der bloße Mangel derselben, noch der Irrthum oder Schein das Wahren, sondern die Lüge, als positive, wirkliche, freiwillig erzeugte Unwahrheit.

Mit dem Geiste der Lüge ist der Geist der Wahrheit schlechterdings unvereinbar; beide sind und bleiben ewige Feinde.

Wenn sich aber Wahrheit mit Liebe paart, so fordert es die Natur der Sache, daß mit der Lüge nur der Haß einen innigen, treuen Bund schliessen könne.

Ein Leben in Lüge durch Haß ist „ewiger Tod“, ist satanische Existenz. — Auch diesem Zustande kann der Mensch sich nähern.

Doch treten die Gegensätze der wahrhaftigen Liebe und der gehässigen Lüge nicht immer so rein ins Leben. Vielmehr berühren sich auch hier die Extreme, und es entsteht eine Mischung ungleichartiger Dinge, so daß

a) Wahrheit und Wahrhaftigkeit in ihrer Reinheit getrübt und durch einen Zusatz von Lüge entstellt werden;

b) Lüge und Lügenhaftigkeit dagegen ihre Natur zu verändern scheinen, und einen täuschenden Anstrich von Wahrheit erhalten.

Bei der ersten Art von Mischung liegt offenbar Schwäche des Geistes zum Grunde, die sich durch falsche Ansichten und unreine Beweggründe irre leiten läßt. Nicht so bei der zweiten Art; da lauert die Tücke im Hintergrunde, welche gar wohl fühlt, daß das Böse, welches im Innern hauset, sich nicht so geradezu in seiner Nacktheit und grellen Farbe zeigen dürfe, sondern daß es sich klug und gewandt in die einnehmende Maske des Guten hüllen müsse, um nicht sogleich beim ersten Anblicke zurückzustoßen.

Beide Arten bezeichnet unser Erlöser mit Einem Worte, und nennt sie Heuchelei.

Diese hat also zwei Hauptseiten, nach welchen sie sich in tausend Gestalten ausbildet. Es liegt eben so sehr in ihrer Natur,

das Wahre und Gute aus lügenhaften Gründen und bösen Absichten, als die Lüge und Bosheit unter dem Scheine der Wahrheit und Liebe auszuüben.

Eine unausbleibliche Wirkung dieses Geistes der Heuchelei ist es, daß das Aeußere zur Hauptsache, das Innere zur Nebensache wird. Religion und Tugend verwandeln sich in eitles Gepränge, das weder vom Herzen kommt, noch zu demselben dringt.

Anbetung des Vaters, der Geist ist, in Wahrheit und Liebe des Geistes kann also mit Heuchelei schlechterdings nicht bestehen; eben so wenig ächte, lebendige Nächstenliebe. Damit fällt aber auch das Evangelium und der wahre Glauben an dasselbe. Wo die Wucherpflanze der Gleißnerei den Boden bedeckt, da kann der Glauben, die Pflanze des himmlischen Vaters, nicht gedeihen; „ohne Glauben aber ist es unmöglich; Gott zu gefallen.“ Glauben ist der Grund- und Eckstein des Tempels der Liebe, in welchem Seligkeit thronet und ewiges Leben.


Schon David eifert gegen heuchlerischen Gottesdienst. Aber schwerlich ist dieses Uebel erst zu seiner Zeit entstanden; es ist die giftige Frucht des Saamens, welchen der „Vater der Lüge und des Mordes“ schon im Anfang ausstreute. Ueber dieses Gewächs spricht sich Gott so aus: „Höre mein Volk! Ich rede, ich zeuge selbst an dich, Israel! Gott bin ich, dein Gott. Nicht deiner Opfer wegen straf’ ich dich; mir wallt ja stets hinauf der Opfer Rauch. — Ess’ ich denn Fleisch der Stiere? Trink’ ich der Böcke Blut? Opfere du nur Dank der Gottheit; erfülle nur, was du dem Herrn gelobt! Rufe mich an in deiner Noth; ich errette dich, und du sollst mich preisen!“

Warum tadelt Gott die Opfer, für die er den Ort und die Weise selbst bestimmt, die er aber nicht als nothwendig verlangt hatte? Warum dringt er so sehr auf Religion des Herzens? Man höre: „Zum Gottlosen spricht der Herr: Was schwätzest du von meiner Lehre; führest meinen Bund in deinem Munde, da du doch Belehrung hassest, und meinen Ausspruch wegwirfst? Siehest du einen Dieb, sogleich bist du sein Freund; mit Ehebrechern hast du Umgang. Du lässest Bosheit nur aus deinem Munde; Arglist schmiedet deine Zunge. Du sitzest zu Gericht, und bist selbst ein Verläumder deines Bruders; bist bereit, insgeheim zu fällen deiner Mutter Sohn. Dieß thust du. Schwieg’ ich nun, so dächtest du, Ich sei wie Du!“ (Psalm L.)

Wie mußte Jehova die fetten Opfer solcher Menschen ansehen, an denen sie es gewiß nicht fehlen ließen? — —

Noch schärfer ist die Rüge der Heuchelei, welche der Herr durch den Mund des Propheten Jesajas ergehen ließ: „Aus voller Kehle rufe! Halt dich nicht zurück! Erhebe, der Trompete gleich, die Stimme! Thue meinem Volke seine Missethat, und Jakobs Hause seine Sünde kund! — Zwar suchen sie mich Tag für Tag, und zeigen Lust, zu kennen meine Wege; gleich einem Volke, das recht gehandelt, und seines Gottes Vorschrift nicht verletzt, verlangen sie von mir Gerechtigkeit, und nähern sich der Gottheit dreist. Wir fasten, und warum siehst du es nicht? Warum merkest du es nicht, daß wir uns quälen? — Sehet! da ihr fastet, folgt ihr euerm Willen, und dränget alle eure Schuldner. Ihr fastet nur zum Streit und Hader, um euch mit ungerechter Faust zu schlagen. O fastet forthin so nicht mehr! Laßt nicht mehr Himmelan erschallen eure Stimme! Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, wenn einen Tag der Mensch sich quälet; wenn er sein Haupt, wie Schilfrohr, senkt, und sich auf Sack und Asche legt? Dieß nennest du ein Fasten; dieß einen Tag, Jehova angenehm? Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: Der Bosheit Ketten lösen, befreien von der Bürde Last, loslassen die Gefesselten und jedes Joch zertrümmern. Brich Hungerigen dein Brod! Die armen Flüchtlinge nimm auf ins Haus! Den Nackten, den du siehst, bekleide, und dem, der deines Fleisches ist, entziehe dich nicht! Dann bricht dein Licht wie Morgenrot hervor.“ (Jes. LVIII, 1–8.).

Alle Wahrheit wird nach der heiligen Schrift bestätiget durch zweier oder dreier Zeugen Aussage; darum soll Jeremias die Reihe der Zeugen Gottes gegen die Heuchler schliessen. Bei ihm steht geschrieben: „Höre, Erde! Ich will über dieses Volk Unglück bringen, die Frucht seiner Rathschläge, weil es auf meine Worte nicht gemerket, und mein Gesetz verschmähet hat. Wozu mir der Weihrauch, der von Saba, und der beste Kalmus, der aus fernem Lande kommt? Eure Brandopfer gefallen mir nicht, und eure Opfer sind mir nicht angenehm. — Verlasset euch nicht auf die lügenhafte Rede derer, die sprechen: Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel sind diese (Gebäude)! — Sehet! ihr verlasset euch auf lügenhafte Reden, die euch nicht helfen werden. Wollet ihr stehlen, morden, ehebrechen, falsch schwören, dem Baal räuchern, andern Göttern, die ihr nicht kennet, nachlaufen, und dann kommen, und in diesem Tempel, der meinen Namen führet, vor mein Angesicht treten, und sagen: Wir werden gerettet werden — damit ihr alle diese Greuel fortsetzet? Ist denn dieser Tempel, der meinen Namen führt, in euren Augen eine Mördergrube? — Wie könnet ihr sprechen: Wir sind weise? haben das Gesetz Jehova’s! Fürwahr, in Lügen hat es der trügerische Griffel der Schriftgelehrten verwandelt. Die Weisen werden beschämt, bestürzt und gefangen werden. Das Wort Jehova’s haben sie verschmähet, und welche Art Weisheit bleibt ihnen übrig?“ (Jerem. VI, 19–20. VII, 4. 8–11. VIII, 8–9.).


Es gab also schon Heuchler vor den Pharisäern, so wie sie mit dem Erlöschen dieser Secte nicht ausgestorben sind. Aber wie entstunden die Pharisäer? Ihr Wesen ist Symbol ihrer Geschichte; diese liegt so im Dunkeln, daß man nicht einmal den Ursprung und Anlaß ihrer Benennung weiß, obwohl sich dieser Orden erst in dem Zeitraum zwischen der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels und der Ankunft unseres Herrn bildete.

Die ersten Anläße mögen noch unschuldig genug gewesen sein. Sie scheinen in der bis zur Aengstlichkeit gestiegenen Strenge in Beobachtung und Einschärfung aller auch der kleinsten Dinge des Gesetzes ihren Grund zu haben. Je trauriger die Erfahrungen waren, welche man in dem Exil gemacht hatte, desto sorgfältiger war man darauf bedacht, der Nachlässigkeit in der Gesetzeserfüllung und der Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, als den Hauptursachen alles Unglückes, entgegen zu arbeiten. Esra und Nehemia waren hierin mit rühmlichem Eifer vorangegangen; allein in ihrem Geiste wurde nicht fortgefahren. Immer pünktlicher und schärfer bestimmte kleingeistige Aengstlichkeit alle Formen, Gebräuche, Tage und Stunden &c. nur zu bald und zu leicht übersah man bei dieser gesetzlichen Frömmigkeit die Besserung des Herzens, die Mitwirkung reiner, heiliger Gesinnungen; man war mit dem Aeußern zufrieden, und kümmerte sich wenig um das Innere. Dazu trug die Art von Schriftauslegung, welche eben um diese Zeit aufkam, nicht wenig bei. Freilich, wer wird es tadelhaft finden, daß die Lehrer der wiederhergestellten Nation auf alle Weise und durch alle tauglichen Mittel das Ansehen der heiligen Schriften zu sichern, ihren Sinn genau zu bestimmen bemühet waren? Wer wird es ihnen zunächst verargen, wenn sie alte Sagen, Ueberlieferungen von Gebräuchen und Auslegungen zu diesem Behufe sammelten? Allein dabei blieben die Nachfolger nicht stehen; diese erhoben die Mischna — Sammlung von Lehren und Ueberlieferungen der Alten — zu gleichem Ansehen mit den heiligen Schriften, wollten alle Schrifterklärung nach diesem Maaßstabe geregelt wissen, und verbanden dann, um das Verderben zu vollenden, auch noch chaldäisch-babylonische und andere asiatische Lehren von guten und bösen Geistern, von Seelenwanderung, von Engeldienst, magischen Künsten &c. damit. Unmöglich war es, Entstellung und Verfälschung des wahren Sinnes bei der Schriftauslegung unter solchen Umständen zu vermeiden; und welche Folgen hatte dieß wieder für Religion und Sittlichkeit?

Allerdings fand das strenge Bestehen auf dem äussern und öffentlichen Bekenntnisse des Judenthumes einen wichtigen Entschuldigungsgrund in den grausamen Verfolgungen des Antiochus und in dem schändlichen Hange vieler Schwachen und Verkehrten in Israel zu griechischem Götzendienste. Allein diese Zeiten und Umstände dauerten nicht immer, und konnten es nicht rechtfertigen, wenn man dann aus Abneigung und Haß gegen Heidenthum und Heiden schon in der blossen äusserlichen Gesetzerfüllung etwas Verdienstliches sah, und sich vor dem Heiden glücklich pries, obwohl das Innere um nichts besser war.

Aus solchen Elementen entwickelte sich der Pharisäismus allmählich im Laufe der Zeit. Endlich erstarkte er so, daß er sich absondern, als eigene Secte darstellen und durch Kleidung und ihre Verzierung selbst dem Auge kenntlich machen konnte. Von jetzt an war der Einfluss dieser Parthei mächtig, und nur die Sadducäer konnten denselben beschränken, doch nur im Politischen. Auf Religiosität und Sittlichkeit des großen Haufens wirkte die blendende Außenseite dieser Frömmler über alle Vorstellung. Zwar fanden sich noch edle Männer unter ihnen; die Evangelisten nennen Nikodemus und Joseph; allein sie vermochten den Strom nicht aufzuhalten, um so weniger, da sie als Mitglieder des Ordens in den meisten Dingen den Uebrigen sich gleich stellen mußten.

Wundern wird man sich also nicht mehr, warum Jesus gegen die Pharisäer so schonungslos verfuhr; warum sein göttlicher Eifer entbrannte ihren Lehren und Thaten gegenüber, wenn man auch nur das reif und besonnen überlegt, was die heilige Schrift vom Wesen der Heuchelei uns gelehret hat. Aber staunen muß man über die langmüthige Liebe und über den hohen Ernst, womit unser Erlöser unabläßig daran arbeitete, den verborgenen Krebsschaden dieser Leute, wo möglich noch zu heilen oder wenn dieses durch ihre eigene Schuld nicht mehr angieng, denselben zur Warnung für Mit- und Nachwelt unverholen aufzudecken. Möge das Werk des Herrn an uns nicht verloren gehen!