Paulus gehörte einst auch selbst zu der angesehenen Secte der Pharisäer. Allein er riß sich davon los, nachdem er die Allgewalt des Wortes Gottes auf die erschütterndste und ergreifendste Weise an sich selbst erfahren hatte. Niemand konnte daher die Kraft göttlicher Aussprüche besser und zuverläßiger schildern, als er; Keiner hat es auch nachdrücklicher gethan, als er in seinem Briefe an die Hebräer IV, 12–13, wo er den Unglauben und Ungehorsam bedroht: „Lebendig ist Gottes Wort und kräftig, und schärfer als jedes zweischneidige Schwerdt; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein; und es richtet Gedanken und Anschläge des Herzens; und kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern Alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, von dem wir reden“ — nämlich vor Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes und der Menschen. Durch ihn haben sich auch „diese Worte vor unsern Ohren erfüllet,“ da er wenige Tage vor seinem Welterlösenden Tode eine Charakterschilderung der Heuchler seiner Zeit entwarf, wie es nur der „Herzenskenner“ vermochte. Wäre an diesen Menschen noch etwas zu bessern gewesen, so hätte sie diese gewaltige prophetische Strafrede unfehlbar aus scheinheiligem Sündenschlafe aufgeschreckt. Doch dieß gieng nicht mehr an. Indeß konnte es Jesus auch nicht ärger mit ihnen verderben, als es bisher durch Lehre und That geschehen war. Auf jeden Fall lernte sie das Volk kennen, wenn er ihnen die Heuchlerlarve abriß, und sie in ihrer häßlichen Naturgestalt unverhüllt sehen ließ. Seine Jünger konnte er nicht kräftiger vor Heuchelei warnen, als wenn er ihnen das Bild dieses scheußlichen Lasters so lebendig vor Augen stellte. —
Bei dem verzehrenden Feuereifer, von dem unser Herr bei dieser Rede ergriffen war; bei dem grimmigen Hasse seiner erbosten, niederträchtigen Feinde; bei dem gewaltigen Einflusse auf die Herzen des Volkes; bei dem mehr als menschlichen Ansehen und Berufe, den er hatte, bleibt es — menschlich betrachtet — immer eine eben so bewunderungswürdige, als nachahmungswerthe Erscheinung, daß er in seinem Vortrage sogar nichts Ueberspanntes zeigte, so weit von schwärmischer Hitze entfernt war. Mit der ruhigsten Besonnenheit und billigsten Schonung räumt er den Pharisäern die Würde und die Rechte ein, die ihnen gebührten. Mit dem Priester, mit dem Leviten hatte er nichts zu thun, aber an dem Heuchler in beiden hatte er vieles zu tadeln. Er that dieses, ohne jenem die seinem Amte gebührende Achtung zu versagen. „Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer &c.“ damit erkennet er ihr Recht, Gottes Wort vorzulesen und auszulegen — wie es ehedem Moses gethan hatte — aber freilich in Moses Sinn und Geiste! Was sie so gebieten würden, sollten alle Juden halten. Man übersehe es nicht, wie Jesus das Volk anweiset, den wahren Lehren der ordentlichen Vorgesetzten sich anzuschließen! Er billigte es nicht, daß Jeder seinen eigenen Weg gieng, und sich selbst sein Gesetz machte.
„Aber nach ihren Werken sollet ihr nicht thun; denn sie sagen es wohl, aber thun es nicht.“ Welche Wendung! Was für Lehrer waren die, deren Thaten ihren schönen Worten widersprachen? Gaben sie damit nicht selbst Jesus die Waffen in die Hand? Glichen sie nicht Giftpflanzen mit lockenden Blüthen? Ihrem Lehramte ließ Jesus volles Recht widerfahren; allein um so schärfer und schonungsloser mußte er nach Allem, was er von ihnen sah und hörte, ihr Leben angreifen. Sagen und nicht thun. Andern strenge gebieten, und selbst übertreten — Darin fand Jesus den charakteristischen Zug der Heuchelei, und diesen hob er ohne Rücksicht hervor.
Nun folgen Beispiele von Reden und Thaten der Pharisäer, denen man nicht folgen soll. — Das Erste, was Jesus rügte, war ihre Schriftauslegung. Sie machten Gottes Wort zu einer unerträglichen Last. Nicht nur zerstückelten und zerschnitten sie den Text so lange, bis alles Leben und aller Geist verschwunden war, sondern sie gaben jedem Gesetze die ungemessenste Ausdehnung, wollten triefäugigen Sinnes alle möglichen Fälle vorhersehen, und ersäuften auf diese Weise Gottes hohe und reine Gedanken in dem todten Meere rabbinischer Noten und Glossen. Die gesetzlichen Vorschriften häuften sich daher durch den gelehrten Eifer und durch die scharfsichtige Frömmigkeit der Meister Israels so sehr, daß man sie kaum fassen, viel weniger ausüben konnte. Desto unbarmherziger bestunden die Pharisäer auf der pünktlichsten Beobachtung eines jeden Jota und Striches. Nur Eines vergaßen sie dabei — das eigene gute Beispiel. Dazu wollten sie sich so wenig verstehen, daß sie alle verschmitzten Kunstgriffe aufboten, um sich, wenigstens im Stillen, die Last des Gesetzes vom Halse zu schaffen. Sinnreich erfanden sie tausend Gründe, mit denen sie ihr Gewissen über die gröbsten Gesetzesverletzungen zu beruhigen wußten. Aber die Leute durften das nicht wissen, viel weniger sehen. Vor den Augen der Menschen thaten sie selbst den übertriebensten Forderungen Genüge, damit sie bewundert und gelobt wurden — die guten, großen Geister!
„Kommet Alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmet mein Joch auf euch! — Denn mein Joch ist milde, und meine Bürde ist leicht.“ So rief Jesus seinen Zeitgenossen zu. Welchen Nachdruck, wie viel Wahrheit gewannen diese Worte in seinem Munde den Pharisäern gegenüber? War es dem Volke zu verargen, wenn es dem Propheten von Nazareth in großen Schaaren nachzog? Und doch thaten es die Lehrer und Vorsteher der Nation nicht, fluchten dem Volke, wütheten gegen Jesus — aber die verkehrte Lehre und den vor Gottes Augen greuelhaften Wandel zu ändern, daran dachten sie nicht.
Thaten denn die Pharisäer gar nichts Gutes? Vieles, recht Vieles, wenn es nur die Menschen sahen, und sie dafür lobten als fromme, gottselige Männer. Diese schnöde Religiosität ist daher das Zweite, was Jesus nicht ohne satyrische Züge diesen Helden der Verstellung vorwirft. Gottesverehrung und Eigenliebe, gutes Beispiel und Gefallsucht, Frömmigkeit und Eitelkeit wollten diese armseligen Kleingeister mit einander verbinden.
Das Lamm sollte beim Wolfe wohnen, ohne daß Gott diesen Bund gestiftet hatte. Wohl mag es diese selbstsüchtigen Frömmler so recht eigentlich gekitzelt haben an dem Herzflecken der Heuchelei, wenn sie mit ihren heiligen Zierrathen die Augen der staunenden Leute auf sich zogen, bewundernden Blicken begegneten, süßes Lob flüstern hörten. Wie wird sich da der Götze im Herzen groß gefühlt haben! Und worauf denn? —
Vor allem auf recht breite Denkzettel! — So lautete Gottes Wort durch Moses an Israel: „Es soll dir ein Zeichen an deiner Hand, und ein Denkmal zwischen deinen Augen sein, auf daß des Herrn Gesetz sei in deinem Munde; daß der Herr mit mächtiger Hand dich aus Aegypten geführet hat.“[27] Unwiderstehlich dringt sich Jedem der Sinn auf: Gottes Wohlthat, die Befreiung Israels aus Aegypten, soll den Israeliten so unvergeßlich sein, als ein auf die Hand eingeätztes Merkmal, als eine Streife von Linnen oder Pergament, welche man zur Erinnerung an die Stirne hängt.[28] Die Juden nahmen dieß buchstäblich, und machten sich wirklich solche Denkzettel. Auch gut, wenn dankbare Liebe und unverfälschter Glauben die Triebfedern waren. Allein dieß war bei den Pharisäern der Fall nicht; sondern sie wollten sich nur auszeichnen als die Eifrigsten in Erfüllung des Gesetzes; sie wollten den Buchstaben zur Schau tragen, um den Geist des Gesetzes zu zernichten in Wort und That. Daher ließen sie Sprüche der heiligen Schrift auf sehr breite Pergamentstreifen schreiben, wohl gar in Kapseln fassen, und trugen sie an Stirn und Armen. Welch’ eine ausgebreitete Frömmigkeit! —
Noch mehr! Sie vergrößerten die Quasten an ihren Oberkleidern. Ein neuer Beweis der Tiefe und Länge ihrer Religiosität; den aber Jesus, sonderbar genug, nicht gelten lassen wollte. Gott hatte geboten: „Rede mit den Kindern Israel, und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten machen an den Flügeln ihrer Kleider, unter allen ihren Nachkommen, und an die Quaste jedes Flügels eine himmelblaue Schnur machen. Und diese Quasten sollen euch dazu dienen, daß ihr sie ansehet und gedenket aller Gebote des Herrn, und thut sie, und nicht wandelt nach eures Herzens Dünken, noch nach euren Augen, daß ihr ihnen nachhuret.“[29] Also ein neuer Anlaß, an Gottes Willen und Gebot zu denken, und dasselbe zu thun, aber nicht bloß, wie die Pharisäer, schön und viel davon zu reden, und mit langen, zottigen Klöppeln zu prahlen, um frömmer zu scheinen, als Andere. Wer kann es Jesus verargen, wenn er diesen wollichten Maaßstab der Gottseligkeit mit scharfer Satyre verwarf? — Offenbar ist in den Worten der heiligen Schrift auch darauf hingedeutet, daß das Tragen solcher Schnüre die Juden von den Heiden unterscheiden, und erstere zur Verabscheuung des Götzendienstes der letztern antreiben sollte. Mußte dieses nicht lächerlich und herzverderbend zugleich werden, wenn man die Entfernung des Sinnes vom Heidenthume nach der Länge und Dicke der Quasten am Oberkleide bestimmen wollte? Wer war schlechter daran, der Heide mit seinen Götzen von Stein und Holz, oder der Pharisäer mit großen Trodeln, welche den abgöttischen Sinn austreiben sollten? — Allein so tief und scharf konnte nur Jesus in das dunkle Gewebe der Gleißnerei blicken. Wohl uns, daß er es gethan und ausgesprochen hat, was er sah!
„Wer sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden, und wer sich selbst erniedriget wird erhöhet werden“[30]; dieß war ein Wahlspruch unseres Herrn, den er oft im Munde führte, und schon einmal mit einer nachdrucksvollen Parabel den Pharisäern ans Herz gelegt hatte, da er sah, wie ängstlich sie bei der Wahl ihrer Sitze an der Tafel zu Werke giengen, um ja nicht zu weit hinabzurücken. Doch die treffliche Erinnerung war ohne Erfolg geblieben; sie fuhren fort, mit ihrer Frömmigkeit, Rangsucht und Stolz zu paaren. Allerdings ein sonderbares Gemische unvereinbarer Dinge! Aber es war nun einmal so; die Pharisäer wollten durchaus an der Tafel in der Mitte oder an dem Ehrenplatze sitzen; in den Synagogen forderten sie nicht nur, vor den gemeinen Leuten zu sitzen — das verstund sich von selbst bei so reinen Personen — sondern schlechterdings die ersten Plätze nahmen sie ein, wenn auch die Vornehmsten der Stadt oder des Ortes sich einfanden. Der Geist der Religion Jesu war ächte, lebendige Gottes- und Menschenliebe. Auch bei den Pharisäern wirkte Liebe — aber nur Eigenliebe. Je saurer ihnen also ihr Frommthun wurde; je mehr Anstrengung, Aufwand und Zeit es kostete, bis sie sich in Engel des Lichtes umgestalteten, desto mehr wollten sie natürlich auch von der Arbeit ihres Tagewerkes erndten; desto größere Vorzüge verlangten sie vor denen, welche sich zu keinen so schweren Opfern entschlossen hatten. Daraus mag man abnehmen, wie tief ihnen Jesus ins Herz griff mit diesem Zuge ihrer Charakteristik.
Gruß und Rangauszeichnung waren von jeher im gesellschaftlichen Leben keine ganz gleichgültige Sache; und zwar mit Recht. „Ehre, wem Ehre gebühret.“ Jesus selbst hielt sich an diesen Grundsatz, und ließ es nicht ungeahndet hingehen, wenn Jemand aus ungegründeter Geringschätzung die herkömmlichen Höflichkeitsbezeugungen ihm versagte. Simon, der Pharisäer, erfuhr dieß zu seiner schmerzlichsten Beschämung, welche er um so mehr verdiente, da die Pharisäer gerade in diesem Stücke gegen Andere sich so ungemessene Forderungen erlaubten. Wer sich bei ihnen empfehlen wollte, mußte sie zuvorkommend und demüthig grüßen, und nicht nur so schlechthin Rabbi tituliren, sondern im höhern Style mit doppeltem Rabbi! Rabbi! ehrfurchtsvoll anreden. Denkt man sich nun noch die orientalischen Umständlichkeiten hinzu, so wird es gewiß begreiflich, wie viel Nahrung Eitelkeit und Stolz bei solchen Complimenten fanden. Aber eben so fällt es in die Augen, wie weit diese Heuchler hinter dem wahren Ehrgefühle und hinter der ungekünstelten Bescheidenheit unseres Herrn zurück waren. Daher mußten sie auch bei seinem gerechten Tadel verstummen.
Als Lehrer und Vorsteher des Volkes, die auf Moses Stuhl saßen, erschienen die Pharisäer nach der Schilderung Jesu im schlechtesten Lichte. Uebertreibung der Forderungen des Gesetzes und eigene Uebertretung, Scheinheiligkeit und verkappter Stolz waren die Hauptzüge dieses garstigen Naturgemäldes. Dabei hatte Jesus vorzüglich seine Jünger — im Auge. Daher die Regeln der Demuth und Bescheidenheit, welche er folgen ließ. — Wir alle, welche auf Christus getauft sind, nennen uns seine Jünger; sind wir es auch, so lange nur noch Ein Zug der Heuchelei der so sehr verabscheuten Pharisäer in und an uns ist? Schaffe Jeder nur diesen schädlichen Sauerteig aus seinem Herzen — und Alles wird gut werden!!
Schon in der Bergpredigt hatte Jesus auf den pharisäischen Geist des Gebetes aufmerksam gemacht. Lange und vor Jedermannes Augen zu beten, war ihr Lieblingsgeschäft (Matth. VI, 5–7); an pünktlich festgesetzten und eingehaltenen Stunden ließen sie es auch nicht fehlen (Luk. V, 33). Es möchte überhaupt schon befremden, wie Menschen, welche weder wahres Vertrauen noch reine Liebe zu Gott im Herzen trugen (Matth. VI, 19–34. Joh. V, 42.), nur auf den Gedanken fielen, sich so anhaltend auf das Gebet zu verlegen. Allein so widernatürlich dieß jedem Geradsinnigen vorkommen muß, eben so natürlich war es an diesen Heuchlern. Sie beteten nicht zu Gott, sondern für ihren Beutel. Das lange, mit ausstudirten Förmlichkeiten getriebene, fleißig wiederholte Gebet war bei ihnen eine einträgliche Speculation auf die Schwachherzigkeit, Leichtglaubigkeit und Freigebigkeit alternder Wittwen. Dieß war der Köder, mit dem sie die Weiblein an sich lockten, durch tausend fromme Betrügereien ihr Vermögen erschlichen, ihre milde Hand anpriesen, wieder beteten, um neuerdings sich bezahlen zu lassen — und so ganze „Häuser verschlangen.“ — Ein fluchwürdiges Kunststückchen, wofür sie Jesus hart bedrohte! — —
Wem fällt bei diesem Anlasse nicht unwillkührlich der betende Pharisäer und Zöllner (Luk. XVIII, 9–14.) ein? — Unübertreffliche Schilderung des stolzen Frömmlers und Schönwörtlers vor Gott, der reumüthige, zerknirschte Sünder neben sich — dem Heiligen — verachtet! Wie eine Käsmade unter dem Vergrößerungsglase, so durchschaut man in dieser Parabel die Seele des Heuchlers in ihrer ganzen Häßlichkeit und Verkehrtheit. Nur der Herzenskenner vermochte es, uns diesen Anblick zur Belehrung und Warnung zu gewähren. Wohlthuend ruht das betrübte Geistesauge auf dem reinen Herzen des Zöllners!
Wessen Herz zerfließt nicht in Wonne, wenn er bedenkt, wie und was Jesus vom Gebete lehrte? So kurz, so gehaltvoll, so kindlich, so herzlich, so zuversichtlich, so kühn, so demüthig, so anhaltend (Matth. VI, 9–15. XXVI, 39. Luk. XI, 5–13. XVIII, 1–8. Mark. XI, 22–26.)!! — Doch vor den Pharisäern galt dieß nichts; denn es war Geist und Leben, und sie fanden nur Behagen am Todtendufte des Leichnames.
Der gelehrte Stand hatte auch in Palästina, wie überall, seine Auszeichnung. Die Schriftgelehrten bildeten einen großen Theil desselben, und trugen Schlüssel, an Riemen befestiget, als Zeichen ihrer Würde. Darauf waren nun die Schriftgelehrten der pharisäischen Parthei nicht wenig stolz, daß sie das Recht zum Oeffnen und Schließen der Pforte der Wahrheit hatten. Ein schönes Sinnbild, und ein herrliches, großes Vorrecht! Aber welchen schnöden Gebrauch machten sie davon?! Der, welcher „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist,“ war gekommen, bot sich an, lud die Menschen zu sich ein; allein die Pharisäer giengen nicht zu ihm, und liessen, so viel an ihnen lag, auch Andere nicht zu ihm gehen. Sie wollten durchaus nicht, daß Jemand an Jesus glauben sollte, weil sie aus leidenschaftlicher Verblendung nicht an ihn glaubten. Unglauben an Jesus war ihr erster und wichtigster Zweck, den sie zu erreichen strebten. Dabei waren die sonst so zartfühlenden Gewissen dieser guten Leute wenig verlegen in der Wahl der Mittel. Lästerung, Verläumdung, Verdrehung der Worte, Verfälschung der Aussage, Drohungen, Verrath, Mordanschläge — Alles war ihnen willkommen, wenn es nur dem Zimmermannssohne Verderben brachte. Wer hat das Evangelium gelesen, und kennt die Belege zu dieser Wahrheit nicht? Wer fühlt aber auch nicht ohne weitere Erklärung die Gerechtigkeit und Vollwichtigkeit des Vorwurfes, den Jesus den Pharisäern machte? — —
Wahre Schlangenpolitik im schlimmsten Sinne lag in dem Verfahren der Pharisäer gegen unsern Herrn und gegen sich selbst. Ihm arbeiteten sie aus allen Kräften entgegen; sie wandten unermüdet Alles an, den Eingang in Gottes Reich, welches er begründete, zu versperren, oder wenigstens sehr gefährlich zu machen; und für ihre Schule — wie väterlich waren sie besorgt! Wie weit stund die Pforte offen! Wie breit und eben war der Weg! So fanden sie nicht einmal genug zu thun in Israel; denn da rechneten sie Alle zu ihrer Parthei, welche ihre Lehren und Vorschriften äußerlich annahmen. Die wenigen einsiedlerischen Essäer, die reichen, leichtsinnigen Sadducäer kamen beinahe in keine Berechnung. Darum machten eifrige Pharisäer, als wahre Lichter der Welt Reisen zu Wasser und zu Land, um unter Heiden Proselyten zu machen, und das Volk Gottes zu vermehren. Dafür nennet sie Jesus Heuchler, ihre Neubekehrten zweimal ärgere Höllenkinder, als sie selbst. Ein hartes Urtheil! Womit konnte er es rechtfertigen? Mit unwiderleglichen Thatsachen; nämlich mit der tiefen Unwissenheit, mit der ungeheuren Sittenlosigkeit, mit dem schrecklichen Verfalle des lebendigen Glaubens, der reinen Liebe und thätigen Gottseligkeit unter dem Volke Gottes — bei allem äußerlichen Gepränge und Treiben in religiösen Gebräuchen. Bei den Proselyten war die Hauptsache, welche Pharisäer betrieben, Beschneidung und Opfer, nicht Vertrauen auf den Einen Gott, nicht herzliche Liebe zum Vater und zu seinen Kindern, nicht Umänderung des ganzen Sinnes und Wandels. Was war also eine solche Bekehrung? Ein Ceremonien- und Kleiderwechsel, der den Neuling noch stolz und übermüthig machte, weil er innen Heide, außen Jude war — also viel schlimmer, als der pharisäische Jude. — Vergleiche man damit Nikodemus, die Samariterin, Matthäus, die Sünderin, den Schlagflüssigen, den acht und dreißigjährigen Kranken, den Blindgebornen, Zachäus, den Hauptmann, das Kananäische Weib![31] — — —
Ohne Schauder und Entsetzen kann man unmöglich das lesen, was Jesus den Pharisäern in Hinsicht der Eidschwüre zum Vorwurfe macht. Wer nur noch ein wenig Zartgefühl des Gewissens hat, bebt zurück bei dem Gedanken an die vielen und schrecklichen Ungerechtigkeiten, welche die Folge von solchen Auslegungen des Gesetzes waren.
Die pharisäischen Schriftgelehrten machten einen genauen Unterschied zwischen strenge verbindenden und leicht verbindenden Eidschwüren. Schon an und für sich eine sonderbare Theilung, gleichsam als wenn es Fälle geben könnte, wo man mit Freiheit und Bewußtseyn Gott zum Zeugen anrufen, und doch sein Wort nicht halten, die Wahrheit nicht sagen dürfe. Allein noch greuelhafter wird die Sache, wenn man hört, aus welchem Grunde sie diesen Unterschied ableiteten. Das Gold des Tempels, die Gabe auf dem Altare legte dem Schwörenden strenge Verbindlichkeit auf; ein Schwur beim bloßen Tempel oder Altare durfte nicht gehalten werden. Man sollte es für unmöglich halten, daß Vorsteher und Lehrer des Volkes die niederträchtigste Habsucht so zur Schau tragen möchten; und doch war es so! Durch solche goldene und fette Schwüre mehrten sich der Schatz und die Opfer im Tempel; dabei fanden die eigennützigen Gesetzausleger ihre gute Rechnung. Daß der unwissende Mitbruder im Volke auf diese Weise Vermögen, Ehre und Leben einbüßen konnte; was gieng das sie an? Thaten sie es doch nicht, wenigstens nicht öffentlich, sie lehrten ja nur so. Wenn aber ein Heide gewissenlos geprellt wurde, so war dieß in ihren Augen eher Verdienst, als Sünde. Die Schätze dieser „unreinen Hunde“ sollten ohnehin dem „Volke Gottes“ d. h. ihnen heimfallen; folglich nahmen sie nur, was ihnen schon gehörte.
Versetzen wir uns in die damalige Zeit, und vergegenwärtigen wir uns die verheerenden Wirkungen dieser Lehren für Leib und Seele! — Wahrlich! unser Herr bewies auch hier wieder, daß „er nicht gekommen war, zu richten, sondern selig zu machen;“ er hätte sonst mit Elias Blitze auf die scheinheiligen Bösewichter fallen lassen müßen. Doch so sprach seine Anrede: „Ihr blinden Wegweiser! Ihr Thoren!“ mehr Bedauern und Mitleid aus, als Richterernst. Es war der Ton des strafenden und bessernden Ernstes, der aber doch zugleich dem Volke einen Fingerzeig gab, wie weit es mit gutem Gewissen solchen Männern trauen und folgen dürfte.
Jetzt wird es Jedermann erst ganz begreifen, warum die Pharisäer unsern Erlöser ausspotteten, als er sprach: „Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.“ Ihre Frömmigkeit war nur Götzendienst, weil sie nur auf Ehre und Gewinn berechnet war; eine solche Herzensreinheit, wie Jesus forderte, konnten sie sich nicht einmal denken, vielweniger war ihnen dieselbe aus Erfahrung bekannt; also kam sie ihnen belachenswerth vor! — welche Blindheit!
Aber dem Hohngelächter derer, die nicht wußten, und nicht wissen wollten, was es heiße, „reich bei Gott sein,“ trat die Parabel vom reichen und armen Manne mit furchtbarem Ernst in den Weg (Luk. XVI, 13–31). Sollten wir dabei nicht nachdenkend werden, und uns vor den schrecklichen Folgen der Heuchelei, welche frommen Schein mit Geiz verbinden will, zu verwahren suchen?
Ueberhaupt waren die Ansichten unseres Herrn über Opfer und Gaben ganz antipharisäisch. Er konnte mit ihnen unmöglich zu recht kommen. Sie zählten das Geld, wogen das Fleisch, schätzten das Mehl, welches geopfert wurde, weil sie davon genoßen; Er sah auf das Herz, nicht auf die Hand des Opfernden. Rührend ist daher das Lob, welches er der Wittwe spricht, die einen Heller — ihr ganzes Vermögen! — opferte (Mark. XIII, 41–44. Luk. XXI, 1–4).
Den Zehnten zu geben, war für jeden Israeliten heilige Pflicht, weil das Heiligthum und seine Diener davon unterhalten wurden. Eigennutz mochte Viele verleiten, wenig oder doch Schlechtes zu liefern. Die Pharisäer machten aber hierin eine ehrenvolle Ausnahme. Niemand gab den Zehnten pünktlicher, als sie; ja sie entrichteten denselben sogar von den kleinsten Gartengewächsen, deren keine Erwähnung im Gesetze geschah. Legten sie da nicht eine handgreifliche Probe ihrer Gewissenhaftigkeit und ihres gesetzlichen Eifers an den Tag? Jesus will nichts davon wissen; er sieht auch hier nur wieder Heuchelei, weil sie die Hauptsache — „Gerechtigkeit, Liebe Gottes, Barmherzigkeit und Treue“ vernachläßigten. Diese erklärt er für unumgänglich nothwendig; den Zehnten „von Münze, Till und Kümmel“ sollten sie geben. Er legte also den Nachdruck gerade wieder auf Etwas, wovon die Heuchler nichts hören wollten. Bei ihm war Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht so leichten Preises zu erkaufen, wie bei ihnen; da reichten ein paar Kräuter hin, den Ruf der Heiligkeit zu gründen; Er forderte Thaten der Gottes- und Menschenliebe.
Nur gar zu gerne fühlen wir uns um so viel besser, als die allgemein verhaßten Pharisäer, weil wir nicht eben denselben Fehler begehen — mit Zehnten; aber sind wir denn immer so frei von dem Vorwurfe, daß wir auf Kleinigkeiten großen Werth legen, und wichtige Dinge oft leichtsinnig übersehen? „Blinde Wegweiser! die ihr Mücken seihet, und Kameele verschlucket!“
Die gesetzlichen Reinigungen lagen zur Zeit unseres Herrn allen Juden sehr am Herzen; Niemand aber war in diesem Stücke ängstlicher, als die Pharisäer. Ihre Genauigkeit gieng bis zur Quaal für sich und Andere. Dabei hatte aber ihr Geist eine Richtung genommen, welche dem ächten und tiefen Schriftsinne ganz entgegen war. Lüge unter dem Scheine der Wahrheit charakterisirte sie durchaus, doch kaum irgendwo stärker, als hier. Da aber eben diese scheinbare Sorgfalt für das Gesetz den großen Haufen ungemein blendete, und in den Pharisäern etwas Großes und Heiliges erblicken ließ; so deckte Jesus den heiligen Betrug schonungslos auf, und stellte ihre innere Häßlichkeit zur Schau dar. Er zeigte, wie sie beim Aeußern stehen blieben, und das Innere vernachläßigten; als wenn Gott nur jenes, nicht auch dieses geschaffen hätte, und nur jenes, nicht auch dieses, und zwar vor jenem rein erhalten haben wollte. Wie grell treten nun die Gegensätze hervor! Die Heuchler reinigten und fegten die Schüsseln, und die Speisen darin waren geraubtes Gut; sie wuschen die Hände, und das Herz sann auf Ungerechtigkeit; sie machten vor Gott Bücklinge, und unterdrückten seine Kinder. Ihre Religion klebte also an Tellern, Tischen, Sesseln, Kleidern und Füßen — überall; nur das Herz gieng leer aus. Gott war ihr Herr über den Leib, aber die Seele hatte kein Verhältniß zu ihm.
Bequem war eine solche Gottesverehrung unstreitig auch wieder, so sehr sie sonst beengte. Sie kroch mit dem Leibe vor Gott, blendete die kurzsichtigen Sterblichen, und unterstützte alle Ränke der niedrigsten Leidenschaft. Drei Zwecke mit Einem Mittel! Welch’ ein Meisterstück in der Kunst zu leben!
Jesus schlug eine ganz andere Art, die Speisen zu reinigen vor. „Gebet von dem, was darin ist Almosen; und sehet, Alles ist rein für euch!“ Er wußte gar wohl, daß die Pharisäer hartherzig und lieblos waren, und doch keinen Fehler an sich sahen, weil sie Gott äußerlich so viele Ehre erwiesen, und wohl noch etwas über sein Gesetz hinaus thaten, um sich für ihre Lieblingsneigungen ein Privilegium zu erschleichen; denn sie liebten nicht Gott, nur sich selbst. Darum sagte Jesus: Das Reinigen der Schüssel ist gut und gesetzlich; aber euren Händen könntet ihr eure überspannte Mühe ersparen, und sie zu etwas Besserm anwenden, als zu ewigem Fegen und Waschen. Theilet den Armen von euern Speisen mit! Machet auch diesen einen frohen Tag! So werden eure Speisen Gott wohlgefälliger, als durch die pünktlichste Reinigung. Wie weise, wie göttlich — aber wie ärgerlich und anstößig!
Es ist bekannt, daß Berührung eines Todten gesetzlich verunreinigte.[32] Daher flohen die Juden selbst Grabstäten, damit sie dem Gesetze nicht zu nahe traten. Wer unwissend an einen solchen Platz kam, und es hintennach entdeckte, war allemal in seinem Herzen unruhig, ob er nicht unrein sei; und er nahm es lieber an, als daß er das Gesetz verletzte. Daraus wird es denn auch begreiflich, daß das Tünchen und Einfassen der Grabmäler nicht bloß eine Ehrenbezeugung für die Verstorbenen, sondern auch eine Warnung für die Lebenden war.
Treffend benützte Jesus diese Sitte in beiden Rücksichten, um den Charackter der Heuchler bis zum Leben ähnlich zu zeichnen. Einmal galten die Pharisäer wegen ihrer Gesetzlichkeit in den Augen der Meisten für Leute, von denen für Tugend, Ehre und Gut nicht nur nichts zu fürchten, sondern wohl noch Gewinn zu erwarten war. Deß ungeachtet waren sie Ehebrecher, Verläumder und Geizhälse. Es gieng also den Leuten mit ihnen, wie mit unbekannten Grabstäten. — Wer aber wie Jesus, den Lügengeist dieser Menschen kannte, ließ sich durch kein tugendhaftes und religiöses Gepränge täuschen; ein böses und verkehrtes Herz grinsete als Schreckgestalt aus der Larve der Heiligkeit. Auch die schönste Grabstätte betrat der Jude nicht ohne Noth, weil Aas und Knochen darin waren. Vielmehr machte ihn eben die weise Farbe des Grabes noch aufmerksamer. So ergieng es auch Jesus mit den Heuchlern seiner Zeit! — —
Sichtbar wurde Jesus zu diesem charackterischen Zuge der Pharisäer hingeleitet durch den unmittelbar vorhergehenden Gedanken von der übertriebenen und verkehrten Sorgfalt für Reinigung der Schüsseln &c. Aber eben durch diesen Zusammenhang springt die innere, sittliche Unreinigkeit und die gleißnerische Denk- und Handlungsweise der Pharisäer um so mehr in die Augen; so wie sich im Verfolge die Rede von den Grabstäten der Propheten höchst natürlich anschließt.
Die Pharisäer setzten ein großes Verdienst darein, die Grabmäler der Propheten mit frommer Spende zu schmücken. Daß sie dabei lange Gebete sprachen, die Tugenden und den hohen Glaubensmuth der Männer Gottes anpriesen, zu ihrer Nachahmung nach ihrer Art ermunterten, versteht sich von selbst. Wer sollte es von solchen heiligen Sprachmaschinen anders erwarten? Nicht genug; sie tadelten noch die früher verstorbenen Israeliten — „ihre Väter“ —, daß diese die Propheten gemordet hatten. Auch dieser fromme Unwille wurde gewiß mit allem äußerlichen Ernste und Abscheu ausgesprochen. Allein Jesus fand gerade in alle diesem Machwerke das wahre Kennzeichen, daß sie „Söhne der Prophetenmörder seien“, d. h. nicht nur leibliche Nachkommen, sondern auch Erben ihres Sinnes und Nachahmer ihrer Thaten — an Jesus und seinen Jüngern!!! — Diese neuen göttliche Gesandten waren ihnen eben so unwillkommen, als ihren Vätern die frühern; denn sie widersprachen ihren Lehren und Thaten zu laut und zu stark, als daß ihre versteckten Leidenschaften nicht hätten hervorbrechen und die giftigste Rache an diesen „Söhnen Gottes“ nehmen sollen.
Furchtbar ertönt von da an die Stimme des Weltrichters; Donner Gottes sprechen aus seinem Munde, um die Frevler heilsam zu erschüttern, und von blutigen Thaten zurückzuschrecken — umsonst! wie konnte ihnen der verachtete Galiläer mit Drohung göttlicher Gerichte etwas abgewinnen, da sie seine göttlichen Thaten verworfen hatten!
Jesus wußte das; nur wollte er auch dieses letzte Mittel der innigsten und thätigsten Feindesliebe nicht unversucht lassen. Sie ließ er nun ihren Weg zum Verderben ziehen; allein sie rissen Stadt und Land mit sich hinein. Dieser Gedanke gab dem Affekte unseres Herrn eine ganz entgegengesetzte Richtung. Statt der Richtersprüche ertönte die wehmüthige, mitleidsvolle Stimme der zärtlichsten Vaterlandsliebe, welche die Ihrigen blind und taub dem Untergang entgegeneilen sah. Wie rührend klagt er! Wer preßte dem göttlichen Herzen solche Trauertöne ab? Heuchelei! — O, laßt uns fliehen vor dieser giftigsten aller Ausgeburten der alten Schlange! Lassen wenigstens wir uns warnen, da es die Zeitgenossen nicht thaten! Jesus spricht so deutlich, so ernst, so liebevoll zu uns; hören wir ihn doch, da es noch Heute ist!! —