In den letzten Tagen unseres Herrn nahm alles einen weit höhern Schwung, einen viel raschern Gang; Thaten drängten sich auf Thaten, Reden auf Reden. Noch ein Mal durchbrach die untergehende Sonne der Gerechtigkeit die düstern Wolken des Hasses und der Verfolgung, und leuchtete in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit, um die Herzen der Menschen für Wahrheit und Liebe zu entzünden. Aber auch die Werkzeuge des Fürsten der Finsterniß verdoppelten ihre Kräfte, ließen boshafte Ränke, tückische Arglist, offenen Haß und verbissenen Grimm in allen höllischen Farben der Heuchelei spielen, und erhöhten dadurch die Majestät des Glanzes, der vom Sohne Gottes ausgieng.
Zu Bethanien erscholl das Allmachtswort: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kam heraus. Wer vermag den Eindruck dieser erstaunlichen That zu beschreiben? Was mußte sich in den Herzen der Maria und Martha und gleichgesinnter Zuschauer regen? Wie demüthigend und erhebend zugleich werden sie die Nähe Gottes gefühlt haben? „Viele von den Juden, die zu Maria gekommen waren, und sahen, was er that, glaubten an ihn.“ Dieß waren keine gemeinen Leute, sondern angesehene Männer aus der Hauptstadt. Bisher hatten sie sich nicht zu recht finden können in Bezug auf die göttliche Sendung Jesu; aber dieser außerordentliche Thatbeweis überwog alle Zweifel und Bedenklichkeiten; sie wurden überzeugt, und bekannten ihre Ueberzeugung laut am Grabe. An ihnen erfüllte sich das, was Jesus in seinem Dankgebete gesprochen hatte.
Aber wer hätte es glauben sollen? Einige blieben ungerührt bei der erhabenen, wahrhaft göttlichen That. Es waren wohl dieselben, welche die unschätzbaren Thränen Jesu am Grabe seines Freundes mit ihrer Lästerzunge begeiferten, und die lieblichen Worte bewegter Seelen: „Siehe! wie lieb er ihn hatte!“ mit unmenschlicher Gefühllosigkeit als Zeichen der schmerzlich gefühlten Ohnmacht des vorgeblichen Propheten deuteten. „Konnte der, welcher die Augen des Blinden aufthat, nicht machen, daß dieser nicht starb?“ — Welche Herzen! Welche Gesinnungen! Das war die fromme Bildung, welche die Pharisäer den ihrigen gaben! Wem schaudert nicht vor dieser pharisäischen Gerechtigkeit, welche taub gegen die Stimme der Natur, unempfindlich gegen die zartesten Rührungen der trauernden Liebe, ausgelernt in boshafter Verdrehungskunst wüthende Schlangenbisse des unversöhnlichsten Religionshasses in die Unschuld der reinsten Menschlichkeit thut? Befremden kann es da freilich nicht mehr, aber Entsetzen über den Abgrund der Verkehrtheit und Verhärtung erregt es, wenn man lieset: „Einige aber aus ihnen giengen hin zu den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus gethan hatte.“ Wie mit der erfreulichen Nachricht eines unerwartet entdeckten Verbrechens eilten sie in die Hauptstadt, um anzusagen, der verhaßte Nazarener sei plötzlich in Bethanien erschienen, und habe da schon wieder einen Todten erwecket. Waren es gutmüthig dumme Werkzeuge der Pharisäer, oder wußten sie, was sie thaten, und warum? In beiden Fällen bebt der wahrhaft Gute zurück — ein Mal vor der schrecklichen List und Gewalt heuchlerischer Gottesgelehrter, und dann vor der furchtbaren Selbstverblendung befangener, herzloser Systematiker, wie sie damals in Judäa waren.
Welch’ ein großes Gewicht die Pharisäer zu Jerusalem auf diese Anzeige legten, läßt sich daraus abnehmen, daß sogleich der hohe Rath sich versammelte, um in seiner Weisheit zweckmäßige Maaßregeln zu ergreifen gegen den kühnen Volksverführer. Dieß war wirklich der Standpunkt, auf welchen sie ihre Leidenschaft gestellt hatte. Johannes lüftet den Schleier, und läßt uns mehr als Einen Blick in das Geheimniß der Bosheit thun. In ihre Berathungssaale legten sie, weil sie unter sich und einander gleich waren, die Maske der Heiligkeit ab, und äußerten ihre Gesinnungen unverholen: „Was thun wir? Denn dieser Mensch thut viele Zeichen.“ Eine ganz andere Sprache, als die, welche · sie vor den Ohren des Volkes führten: „Er treibt die Teufel nur durch den Obersten der Teufel aus.“ — „Was hat er dir gethan? Wie hat er deine Augen aufgethan?“ Da leugneten sie die Wunder, oder wollten wenigstens den Schein gründlicher und redlicher Zweifler haben. Jetzt können und wollen sie nicht mehr läugnen, aber auch nicht glauben. Sie gerathen in Verlegenheit; denn es liegt am Tage, daß Jesus Wunder thut, Wunder sind aber nach ihrer eigenen Lehre Beweise göttlicher Sendung; warum erkennen sie Jesus nicht als Propheten? Hat er etwa nur Scheinwunder verrichtet? Auf denn! Entdecket den Betrug, entlarvet den Verführer, und weiset das Volk zu recht! Fehlt es euch doch nicht an kritischem Scharfsinn und feiner Verdrehungskunst; die Geschichte des Blindgebornen beurkundet, daß ihr Sterne der ersten Größe am allerneuesten exegetischen Himmel sein könntet —
„Wenn wir ihn gehen lassen, werden alle an ihn glauben.“ Das war ein Mal aufrichtig gesprochen; nicht die Lehre, nicht die Wunder stunden ihnen im Wege, sondern die Person Jesu und das allgemeine große Ansehen, welches er sich ohne ihr Zuthun, ja gegen ihr Wollen und Sträuben erworben hatte. Sich glaubten sie zurückgesetzt zu sehen, ihr Ansehen zernichtet, ihre Lehrstühle entbehrlich gemacht, wenn der Nazarener so viele Anhänger finde. Jesus hätte nicht nur ihre Menschensatzungen, er hätte Moses und die Propheten angreifen und umstürzen dürfen, wenn er nur Befreiung vom römischen Joche geprediget, den Pharisäern geschmeichelt, ihnen hohe, einträgliche Stellen in seinem Reiche versprochen hätte. Da er aber nur von Besserung, von einem himmlischen Reiche, von Freiheit durch lebendige Wahrheit, von Demuth und Selbstverleugnung, von reiner Liebe sprach, und dieß Alles, ohne von ihnen dazu autorisirt zu sein: so konnte Gott mit dem ganzen Himmel wohlthätiger Kräfte und Thaten an diesen selbstsüchtigen Frommen nichts ausrichten; sie drückten die Augen zu vor dem Glanze seiner Herrlichkeit; sie verhärteten ihr Herz gegen seine Vaterstimme; sie stritten gegen Gott, um ihre Religion zu vertheidigen.
Aber mit welchen Waffen wollen sie sich in diesen entsetzlichen Kampf wagen? Mit geistigen nicht: diese haben sie nicht; sondern mit dem Rüstzeuge dieser Welt. „Dann werden die Römer kommen und uns Land und Leute nehmen.“ Höret ihr die staatsklugen Väter des Volkes? Da sie unsern Herrn von sittlicher und religiöser Seite nicht mit Grund anklagen, da sie seine Wunderthaten nicht leugnen oder widerlegen konnten, so liehen sie seinem göttlichen Plane der Menschenerlösung eine politische Wendung. Durch den Glauben an Jesus war der Staat bedroht. Eigentlich aber drückten sie sich nur zweideutig aus; denn der Staat — das waren sie. — — Die Geschichte bestätiget es unwiderleglich, daß nach dem Tode unseres Herrn die fanatischen Pharisäer sich von den schlechtesten Betrügern, als vorgeblichen Messiassen (Joh. V, 43), zu allen Greueln der Empörung hinreißen ließen; worauf dann wirklich die Römer kamen, und ihnen Land und Leute nahmen. Diejenigen aber, welche an Jesus glaubten, entgiengen diesem Grausen erregenden Untergange des jüdischen Staates. — Es bleibt aber ein für alle Jahrhunderte merkwürdiger Zug des Verfolgungsgeistes scheinheiliger Heuchler, daß die Pharisäer die Sache der Religion so listig mit der Politik zu vermischen wußten.
Wie Bileam wider seinen Willen Israel segnete, so weissagte Kajaphas das größte Heil für das Menschengeschlecht, da er Tod und Verderben über Jesus schnaubte. „Besser ist es, Ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk zu Grunde gehe.“ Wie wahr im Sinne Gottes, und wie entsetzlich im Munde des staatsklugen Oberpriesters! Der Mann war würdig in dem Rathe der Pharisäer oben an zu sitzen, obwohl er selbst nicht zu diesem Orden gehörte, sondern Sadducäer war. Aber in listiger Verstellung und vermummter Ungerechtigkeit gab er dem wüthendsten Pharisäer nichts nach. Ohnehin haßten die Sadducäer Jesus so sehr, als die Pharisäer. — Das rasche, blutige Wort riß die erbitterten, aber unschlüssigen Pharisäer aus ihrer Verlegenheit. Ob Jesus schuldig oder unschuldig sei, kam jetzt nicht mehr in die Frage; sondern ob er noch länger geduldet werden könne, oder nicht. Sie fanden ihn unerträglich für ihre Lehre und mehr noch für ihre Lebensweise; also war er gefährlich, staatsverderblich — todeswürdig. Von nun an dachten sie ernstlich auf seinen Untergang und auf die Mittel dazu. Um aber doch auch die Form des Rechtes zu beobachten, machten sie einen Befehl bekannt, daß jeder eifrige Jude gehalten und verbunden sei, den geheimen Aufenthaltsort Jesu anzuzeigen, damit man ihn ergreifen könne.
Woher ist denn diesen weisen Vätern der Muth auf ein Mal so sehr gewachsen, daß sie es wagten, öffentlich die Hand nach Jesus auszustrecken? Diese Kühnheit ist so groß nicht, als sie beim ersten Anblicke zu sein scheint. Sie hatten ja schon einen vorbereitenden Schritt gethan durch das Verbot, Jesus für den Messias zu erkennen. Da er sich dadurch von seinem Lehren und Wirken nicht abschrecken ließ; da es vielmehr von seiner Messiaswürde immer lauter wurde: so schien dieser zweite Befehl nicht übereilt zu sein. Ueberdieß durften sie auf ihr priesterliches Ansehen doch auch etwas rechnen, besonders zu Jerusalem und in Judäa; und für diese Gegend scheint die Aufforderung besonders gegolten zu haben wegen dem Aufenthalte Jesu während der Festzeit. Endlich war ihr Anhang unter dem vornehmen und niedrigen Pöbel immer noch groß und stark genug, um die sich erst bildende Parthei unseres Herrn zu überwältigen, da sich ohnehin nur gute, stille Menschen an ihn anschlossen. Man vermißt also auch bei diesem offenen Mordanschlage die Fuchsnatur der Heuchler nicht.
Einen schönen Contrast mit der im Finstern schleichenden Bosheit der Pharisäer bildet die ächte Klugheit und der wahre Muth, welchen Jesus in seiner immer schwieriger werdenden Lage bewies.
Er wollte sterben zum Wohle der Menschen, aber nicht früher und nicht anders, als es der Wille seines Vaters war. Darum wich er mit der besonnensten Vorsicht der Verfolgungswuth seiner erboßten Feinde aus, und zog sich nach Ephraim zurück, einem Städtchen, welches nahe an der Wüste lag, und ihm einen sichern Zufluchtsort gewährte. In dem Charakter unseres Herrn lag also weder die unüberlegte Hitze des Fanatikers, der sich blindlings in Gefahr und Tod stürzet, noch die schwachherzige Feigheit des Heuchlers, der Wahrheit und Tugend menschlichen Rücksichten opfert. Durch weise Mäßigung ward er uns Muster der Nachahmung. —
Als seine Stunde gekommen war, legte er einen Muth und eine Entschlossenheit an den Tag, welche seine Freunde in die höchste Begeisterung versetzte, und alle Feinde in die schrecklichste Verlegenheit stürzte. Wer hätte es erwartet, daß er sich sobald wieder nach Bethanien wagen würde? Ja, er ließ sich von Maria als den Retter ihres Bruders auf eine ausgezeichnete Weise verehren, billigte nicht nur ihre dankbare Gesinnung, sondern nahm sie sogar gegen pharisäische Seitenbemerkungen des Judas und der von ihm verleiteten Jünger in Schutz.
Niemals trug Jesus seine Wunderthaten zur Schau; aber eben so wenig verbarg er sie ohne Noth. Dießmal wollte er die Erweckung des Lazarus so laut und öffentlich bekannt gemacht wissen, als es möglich war; denn diese That war entscheidend.
Was werden die Hohenpriester von diesen scheinbaren Widersprüchen der Schüchternheit und Kühnheit in dem Betragen Jesu gedacht und gefaselt haben? Ungefähr dasselbe, was noch heute sadducäische Feinde und pharisäische Freunde von seinen Lehren und Thaten träumen und schwätzen.
An der heiligen Flamme des Gottbegeisterten Führers entzünden sich die Herzen Aller, die mit frommem Vertrauen um ihn sind. Dieß war der Fall bei Maria, Martha und Lazarus. Unverholen bekannten sie sich zu dem verfolgten, geächteten Lehrer von Nazareth, liebten und verehrten ihn als ihren Freund und Retter vor den Augen Aller, in der Nähe der Hauptstadt, in dem Angesichte seiner Todfeinde, die mächtig, angesehen und gewissenlos genug waren, um alles Böse fürchten zu lassen.
Das Volk — war es anders gesinnet, als die hochherzigen Geschwisterte? Schaarenweise zog es nach Bethanien, sahe Lazarus, und glaubte an Jesus, gegen das scharfe Verbot der Hohenpriester: Die Wahrheit sprach zu laut zum Herzen des gemeinen Mannes, daß er nicht Gott mehr hätte gehorchen sollen, als den Menschen.
Anstatt durch solche auffallende Zeichen auf Gottes Wege aufmerksam zu werden, „giengen die Hohenpriester damit um, auch den Lazarus zu tödten.“ War es möglich, die Verblendung weiter zu treiben? Konnte verhärtete Bosheit und Heuchelei schrecklicher wüthen? Gottes Werke wollte menschliche Tücke widerlegen — durch doppelten Mord!!!
Unserm Herrn blieb von allen diesen Planen gewiß nichts verborgen; deßungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, festen Sinnes den letzten Schritt zu thun, und seinen feierlichen Einzug zu Jerusalem als Messias zu halten. Welch’ ein Muth! Welche unerschütterliche Ergebung in den Willen seines Vaters! Aber auch andererseits welche Reinheit, welche Demuth, welche göttliche Hoheit! — Da zieht er den Oelberg heran — David’s und Gottes Sohn — auf dem Füllen einer Eselin, das mit Kleidern seiner Jünger gepolstert ist.
Schaaren seiner Jünger und Verehrer begleiten ihn mit frohen Gefühlen. Jetzt kommt er auf die Spitze des Berges; Jerusalem, die prächtige, die sündhafte liegt zu seinen Füßen; ihr Anblick entflammt seine Begleiter zum lauten Triumphgeschrei — Jesus zerfließt in Thränen der Wehmuth und Erbarmung. — Kleider bedecken die Straße, Palmzweige wehen in den Händen, Freudenruf erfüllet die Luft — Ihm glänzt die Thräne im Auge. So ist er seinen Feinden furchtbar und unbezwinglich! —
Hier lernet Heuchelei und Wahrhaftigkeit, beide in ihrer Siegeshöhe, kennen; jene fliehen, diese nachahmen!!
Der Einzug unseres Erlösers zu Jerusalem giebt uns noch Gelegenheit zu mehr als Einer interessanten Vergleichung der Pharisäer mit andern geradsinnigen Menschen.
„Meister, verbiete es doch deinen Jüngern!“ So fuhren die Pharisäer unsern Herrn an, als die Schaaren seiner Verehrer ein lautes Hosianna dem Sohne Davids erschallen ließen. Die Jünger und die Volkshaufen, welche nach Bethanien gekommen waren, wurden durch die wechselseitig erregte Erinnerung an die großen Thaten Jesu ganz begeistert; sie waren jetzt gewiß, daß er und kein Anderer der Messias sei; darum gaben sie dem mächtigen Drange ihrer überzeugten Herzen nach, und drückten sich lebhaft und stark genug aus. Jesus ließ es geschehen, weil dieser ehrende Zuruf nur volle und reine Wahrheit enthielt. Die Sache so angesehen, gehörte doch nicht wenig freche Tadelsucht und schamlose Eigenliebe dazu, Jesus öffentlich darüber Vorwürfe zu machen. Aber hatten denn die Pharisäer auch hier wiederum gar so Unrecht? War Jesus nicht vom Synedrium förmlich als falscher Prophet und Messias erklärt worden? Wie konnten die alten, frommen Väter Israels sich so ganz an ihm versehen, wenn er der Sohn Gottes wirklich gewesen wäre? Was bedurfte es da noch einer eigenen Untersuchung jedes Einzelnen, wo die Vorsteher schon so bestimmt entschieden hatten? Diese unberufenen Tadler handelten im Geiste ihrer Sekte, und konnten sich in ihren Augen an einem Menschen, wie Jesus war, unmöglich versündigen.
Die Wahrheit dieser Erklärung wird unwiderleglich bestätiget durch den Ausbruch pharisäischen Unwillens, welchen Johannes erzählt: „Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet; sehet, die ganze Welt läuft ihm nach!“ Sie hatten also schon gegen Jesus entschieden; einer nähern Prüfung wollten und konnten sie weder gemeinschaftlich noch für sich selbst seine Lehren und Thaten nicht mehr unterwerfen. Ihr ganzes Bemühen war nur dahin gerichtet, ihn um das Zutrauen des Volkes zu bringen, oder, wenn dieß nicht möglich wäre, aus dem Wege zu räumen. Daher der niederträchtige, feigherzige Zorn, als keines von beiden gelingen wollte. Und doch bildeten sie sich dabei ein, die Stützen der Wahrheit und Religion zu sein. Wie liebenswürdig erscheint hier der gemeine Jude, der sein redliches Herz dem Zuge des himmlischen Vaters folgen ließ, und Jesus als Messias bekannte, ohne einen Pharisäer zu fragen!
Als Jesus nach seinem Einzuge im Tempel verweilte, kamen Blinde und Lahme zu ihm, um geheilt zu werden. Der laute Ruf seiner Thaten, besonders der wiederbelebte Lazarus, hatte sie ohne Zweifel zu diesem Schritte ermuntert — und zu ihrem Besten. Sie wurden wieder hergestellet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten waren Augenzeugen dieser göttlichen Thaten, die doch wohl laut genug für seine Messiaswürde sprachen; sie sahen und hörten die Freude, den Jubel und Dank der Geheilten gegen Gott und seinen Sohn — und blieben ungerührt! Aber noch mehr! Knaben fanden sich auch dabei ein; diese hatten es schon in den Straßen gehört, und hörten es jetzt von den Geretteten wahrscheinlich wieder mit Enthusiasmus ausrufen, daß Jesus der Sohn David’s sei; was war daher natürlicher, als daß sie mit jugendlicher Unschuld und Freude nachriefen: Hosianna dem Sohne David’s?! Dieß brachte die Pharisäer außer sich. „Hörest du, was diese sagen?“ Wie herzlos, wie empörend, und doch auch lächerlich klingen diese Worte im Munde der Meister Israels!! Jünger, Kinder — Steine verkündigten die Ehre unseres Herrn; die Heuchler fluchten ihm, und segneten sich dabei — Jehova zu Ehren! —
Kein Wunder! Jesus hatte sie auch zu arg gereizet. Zum zweiten Male nahm er ihnen ihr frommes Gewerbe im Tempel, indem er die Verkäufer austrieb. Dieß war in ihren Augen offenbar nur Rachsucht gegen sie, die er unter dem Schutze des mit ihm eingezogenen Volkes verübte. Da es schon Abend war, mußten sie es geschehen lassen; aber sie sannen wüthend auf Wiedervergeltung. Wie mancher Pharisäer wird sich in der folgenden Nacht wie ein getretener Wurm auf seinem Lager gewälzet und auf Racheplane gedacht haben!
Der Tag brach an; Jesus kam in den Tempel; das Volk strömte herbei; Jesus lehrte, wie gewöhnlich; die Hohenpriester und die Aeltesten des Volkes stellten sich auch ein; sie hatten schon ein Mittel ausgesonnen, sich für die Schmach des vorigen Tages empfindlich an ihm zu rächen. Todeshaß im Herzen, Brandmale im Gewissen, Ruhe im Gesicht, Wahrheit und Recht im Munde, Amteswürde im Gange — so traten sie zu Jesus, unterbrachen seinen Vortrag und stellten feierlich die Frage: „Sage uns, aus welcher Vollmacht hast du das gethan? Und wer hat dir die Macht gegeben?“ — Es war nicht so leicht, auf diese listige, unerwartet vorgelegte amtliche Frage auf der Stelle eine genügende Antwort zu geben. Wer Mißbräuche abstellen will, muß dazu befugt sein; Jesus hatte dieß gethan, und zwar auf eine für den Priester- und Levitenstand gar nicht ehrenvolle Weise. Sie hatten ihm dazu keine Erlaubniß gegeben; und er würde wohl auch vergeblich darum nachgesucht haben. Mit gutem Grunde konnten sie also ihm Verletzung der bestehenden Ordnung, Kränkung ihrer Ehre und Verminderung ihres Ansehens vorwerfen. — Aber Jesus war ja als Messias in die Stadt eingezogen, und hatte mithin als solcher gehandelt! Eben dieß war es, worauf sie lauerten. Wie geschwinde würden sie ihm Beweise seiner Messiaswürde abgefordert, diese ungültig und nichtig befunden und ihm, als Betrüger, den Prozeß gemacht haben! Die Heuchler maßen unsern Herrn nach ihnen selbst; darum verrechneten sie sich so sehr. Reinheit des Herzens, Heiligkeit des Lebens, Wahrheit der Lehre, Weisheit und Kraft Gottes — dieß waren die Waffen, mit denen er den großen Kampf für uns kämpfte. Er war bereit, sich zu verantworten, und öffentlich sich als Messias zu bekennen, sobald die Hohenpriester eine vorläufige Frage öffentlich beantworten würden; nämlich, ob Johannes, der Täufer, ein Prophet gewesen sei, oder nicht? Bejaheten sie die Frage, so hatte Jesus einen göttlichen Gesandten zum Zeugen, daß er Gottes Sohn sei; ein für Juden unwidersprechlicher Beweis! Leugneten sie die Sendung des Täufers, so mußten sie Beweisgründe anführen; woher wollten sie aber diese nehmen? Jesus war also auf jeden Fall gesichert — durch Wahrheit; sie geriethen in die schrecklichste Verlegenheit. Welche Hölle mit allen Aengsten der Verzweifelung und Ohnmacht werden diese Elenden empfunden haben! Da stunden sie vor den Augen des Volkes; sagten sie ja, so mußten sie mit Schande abziehen; sagten sie nein, so drohten die gemeinen Leute, ihnen mit Steinwürfen den Gegenbeweis ihrer Lüge zu machen. Ihre Fuchsnatur fand noch einen Schleichweg — sie wußten es gar nicht, ob Johannes von Gott oder Menschen gekommen sei. Nun blieb auch Jesus seine Antwort schuldig. Aber lieber wollten sie die Sache unentschieden lassen und mit Schande bedeckt abziehen, als dem verhaßten Nazarener Recht geben. —
Winkelzüge dieser scheußlichen Art, Verleugnung der Wahrheit und Anhänglichkeit an die Lüge unter der Maske des Guten mit solcher Tücke und Verhärtung — welche Warnung für uns Alle! Wie sehr sollen wir uns hüten vor den Anfängen und leisesten Spuren der Heuchelei um nicht so zu enden!
Jesus ließ Manches der Art ohne besondere Bemerkung an sich vorübergehen; aber dieser Vorfall ergriff ihn selbst zu lebhaft, regte gerechten Unwillen und tiefes Mitleid zu sehr in ihm auf, als daß er den Pharisäern ihr Unrecht nicht hätte zu verstehen geben und noch einen Versuch zu ihrer Besserung machen sollen. In malerischen Gegensätzen schilderte er ihr Betragen gegen Gott und seine Gesandten, und brachte sie auch dießmal dahin, sich selbst das Urtheil zu sprechen. Ein gewaltiger Stich aber mußte ihnen durch ihr Herz gehen, da Jesus vor allem Volke den Täufer für einen Propheten erklärte, und ihre erheuchelte Unwissenheit beschämte. Kränkender konnte überdieß kaum etwas sein, als daß er Huren und Zöllner mehr bei Gott gelten ließ als sie, die angepriesenen Musterbilder ächter Frömmigkeit. Ein ernster, wohl zu beherzigender Wink, daß Gott Sünder, die offenen Ungehorsam verüben, aber denselben innig und thätig bereuen, liebevoll aufnimmt, während er Frömmler, die scheinbar seinen Willen thun, im Geheimen aber seinen Namen schänden, und keine Reue fühlen, wohl gar auf Belohnung Anspruch machen, mit richterlichem Unwillen verwirft! Der gewöhnliche Sünder spricht: „Ich will nicht,“ und thut zuletzt doch noch den Willen des Vaters; der schlaue Heuchler sagt mit schmeichelnder Miene: „Ja, Herr!“ und thut das Gegentheil. Mit welchem haltet ihr es lieber, Menschenkinder?! — —
Doch unser Herr war damit noch nicht zufrieden, bloß überhaupt das Betragen dieser Leute gerüget, und die göttliche Sendung Johannes in Schutz genommen zu haben; sie hatten in seinen Augen — und bei wem nicht? — eine noch schärfere Ahndung in Bezug auf ihr Verhalten gegen seine eigene Person verdient. Aber er kleidete diesen äußerst eingreifenden Verweis in Parabeln ein — von den Pächtern des Weinberges und von der königlichen Mahlzeit.
Sie faßten auch den Sinn so richtig und ganz, wenigstens so weit er sie betraf, daß sie schon nach der ersten Parabel fest entschlossen waren, sich seiner zu bemächtigen, und ihm für die Zukunft Gelegenheit und Macht zu solchen Angriffen zu nehmen. Nur eines hielt sie ab — Heuchelei. Mit dem Volke wollten sie es nicht verderben; denn dieses hielt Jesus für einen Propheten, und entschiedene, öffentliche, formwidrige Prophetenmörder wollten sie doch nicht sein. Listiger waren sie doch, als — ihre Väter.
Als aber Jesus auch die zweite Parabel mit gleicher Unbefangenheit und Unerschrockenheit vortrug, riß ihre Geduld, die Furcht ward überwunden auf einer Seite, auf der andern waren sie noch gefesselt davon; darum „giengen sie hin, und hielten einen Rath, wie sie ihn fienqen in seiner Rede.“
In diesem Rathe ward ein Projekt beliebt, ihn sagen zu machen, daß dem Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der Wahrheit war ihnen noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit, und machten Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen; es sei nicht recht, daß man dem Kaiser Zins gebe; und dann war er verloren — meinten sie.
Aber wie macht man ihn das sagen? — Die schlauen Füchse kannten sich, und wußten, daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt, wenn sie in Bewegung gesetzt ist. Deßwegen beschloßen sie weiter, ihm durch verstelltes Lob und durch Anerkennung seiner Competenz das Herz vorher groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen geraden Sinn und sein Nichtachten der Person vor dem Volke zu loben, damit er geneigt würde, gleich eine Probe davon gegen den Kaiser zu geben.
Das Alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger — Und Herodis Diener mußten gleich mitgehen, damit es bei dem Zeugenverhör desto weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde, die den Sieg mit ansehen und ausbreiten helfen sollten. Ja oder Nein! und in beiden Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen, und also dem Hauptprojekte ausweichen, so verdarb er es beim Volke, das den Zins ungern bezahlte, und von seinem Messias Befreiung von allem fremden Joch erwartete.
Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre unter gleichen Umständen gewiß Zehn- gegen Einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gieng’s nicht.
„Da nun Jesus ihre Schalkheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versuchet ihr mich?“
Das war der freimüthige, gerade Sinn &c. den sie aus Schalkheit gelobt hatten, wahrhaftig; aber anders, als sie erwarteten.
Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausganges nicht; denn sonst wären sie selbst gekommen, und hätten nicht ihre Jünger geschickt. Indessen hatten sie doch ohne Zweifel, gute Erwartungen, und sie haben ohne Zweifel den Deputirten Jüngern in einem nicht geringen Tone von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten gewiß ihre heimliche Freude, daß Christus von dem allem nichts wisse, und ihrem ehrbaren Gesichte nicht ansehen werde, was hinter ihrer Frage stecke. Da kann man denken, wie sie erschrocken sind, als unser Herr Christus anfieng zu sprechen, und seiner Gewohnheit nach nicht dem Gesichte, sondern dem Herzen antwortete.
„Wessen ist das Bild und die Ueberschrift?“ Fühlst du nicht den feinen Sinn? — Ueber das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des Kaisers. — Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre Glückseligkeit nichts entschied. — Ueberhaupt war die ganze Frage über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und gerade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte, ob es recht sei, die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen? — Man sieht, wie die Pharisäer eigentlich stunden, und was von allen Seiten für Anlaß und Raum zu bitterer Antwort war; und Gott weiß, daß sie hier nicht unverdient gegeben wäre. Aber Er war zu gut, bitter zu sein. Auch war er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten, und über die Künste der Pharisäer und Welt-Weisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig zu machen.[25]
Die Antwort unseres Herrn war entscheidend und beschämend; der Sieg vollkommen. Erstaunt über seine Weisheit und Scharfsichtigkeit schlichen sich die jungen Männer davon, welche als Werkzeuge boshafter Tücke gedient hatten. Sollte sich nicht Mancher darüber geschämt haben? Sollte nicht bei Manchem ein Zweifel an der Redlichkeit und Wahrheitsliebe der Meister in Israel aufgestiegen sein? Wenn wir in ihren Herzen hätten lesen können! Was mag Jesus darin gesehen haben! — Wie unglücklich macht doch Heuchelei!
Aber auch wie unheilbar! Wer hätte es erwartet, daß die Pharisäer nach so vielen, schmachvollen Niederlagen die Angriffe auf Jesus nicht aufgeben würden? Und doch war es so. Kaum waren die albernen Einwürfe leichtsinniger Sadducäer gegen die Auferstehung mit Würde und Nachdruck beantwortet, als schon wieder eine Parthie zusammentrat, und die alte Streitfrage über das wichtigste Gebot im Gesetze wieder auf die Bahn brachte. In Galiläa und Judäa blieb sich diese Secte gleich; engherzig, streitsüchtig und eigenliebig drehte sie sich stets im Kreise um denselben Punct und verwarf und verfolgte Jeden, der diesen Kopf und Herz betäubenden Kreisgang nicht mitmachte. Was half es, daß Jesus sie auch in Jerusalem in diesem Stücke zurecht wies? Sie hörten, wandten sich weg, warfen seine Antwort weg — aber nicht ihren Haß gegen ihn. Bewundern muß man in solcher Lage die Langmuth und die Liebe Christi, der nicht müde wurde, seine Todfeinde zu retten, noch weniger müde, als sie, ihn zu verderben.
Ein höchst demüthigendes Beispiel von der tiefen Geistesarmuth der in ihrer Einbildung an Gotteskenntniß überreichen Pharisäer liefert die letzte Frage, welche Jesus ihnen vorlegte. „Was dünket euch von Christus? Wessen Sohn ist er?“ — „David’s“ war die fertige Antwort, die sie mit schülerhafter Hast und wohl nicht ohne hämischen Seitenblick über die Leichtigkeit der Frage gaben. Allein sie hatten nur halb die Wahrheit getroffen. Sobald daher Jesus auch die andere Hälfte verlangte, und sie mit David’s eigenen Worten darauf hinwies, verstummten sie, und „konnten ihm nichts antworten.“ War es möglich? Sogar nothwendig. Die Heuchler suchten nicht Gott, sondern unter einem heiligen Namen nur sich; sie forschten nicht nach Wahrheit, sondern unter gutem Vorwande nach eigenem Vortheile; daher wollten sie als Messias zunächst einen Sohn David’s, groß, mächtig, reich, angesehen, kriegerisch, allenfalls auch gesetzlich fromm und den Heiden feindlich. Dabei fanden sie ihre Rechnung. Wie hätten sie da an eine höhere — göttliche Natur und Würde des Messias denken, wie die Frage unseres Herrn auch nur verstehen können! Gottes Sohn war ihnen etwas Unbedeutendes gegen einen Helden, der die Römer schlug, und ihre Beutel und Bäuche füllte. Unter seiner milden Regierung hätten sie wohl auch Jehova — und sich Wolken von Weihrauch aufsteigen und fette Opfer bluten lassen.
Schmerzlich wird es den hochgelehrten Rabbinen doch gefallen sein, daß sie mit der Antwort auf eine so wichtige, und wie man allgemein vermuthen mußte, ihnen wohl bekannte Frage ins Stocken geriethen; und dieß dem neuen Lehrer gegenüber, auf den sie gewiß nicht selten mit Verachtung herabsahen, weil er in ihren Erblehren und Zusätzen zu Moses nicht bewandert war, ja nicht einmal Werth darauf legte. Was dachte wohl das umstehende Volk? Ein neuer Grund, sich zu schämen und zu ärgern. So stößt der Heuchler am Ende überall an.