XVII.
Ueber Heuchelei im Urtheilen.[22]

Heuchler! Das Ansehen des Himmels wisset ihr zu beurtheilen, aber bei den Zeichen der Zeit vermöget ihr es nicht?“ — Auch bei dieser Stelle glaubt man es unserm Herrn gewöhnlich auf sein Wort, daß et seinen guten Grund gehabt habe, die Pharisäer Heuchler zu nennen; aber selten bekümmert man sich darum, zu seiner eigenen Warnung und Belehrung, die Ursache dieses Vorwurfes zu erforschen. Und doch liegt sie so nahe!

So viele und so große Wunder hatte Jesus bereits gethan vor den Augen Israels. Waren dieß nicht kennbare und leicht verständliche Zeichen Gottes zu ihrer Zeit, die ihnen sagten, was jetzt geschehe, und was bald kommen werde — das Reich Gottes mit seinem Sohne? Gehörte dazu mehr Schärfe und Tiefe des Verstandes, als zu den alltäglichsten Wetterprophezeihungen? Wo fehlte es denn? Im Herzen; an gutem Willen; an reiner Liebe zur Wahrheit. Die Natur sahen die Pharisäer nicht als ihren Feind an; von ihr befürchteten sie nichts für ihr System, für ihre Ehre oder für ihren Beutel. Ganz anders verhielt es sich mit Jesus. Darum wurde ihr Geistesauge böse, neidisch, trübe; sie sahen nicht an Jesu Lehren und Thaten, was sie am Himmel wahrnahmen — weil sie nicht wollten. Obwohl die Zeichen so deutlich waren, als Wolken, Farbe, Wind im Luftkreise, so verstunden sie doch davon so wenig, daß sie von Jesus ein „Zeichen vom Himmel“ verlangten, d. h. ein ungewöhnliches, recht viel Lärm und Aufsehen erregendes Spektakel. Ihr triefäugiger Sinn und Verstand erblickte in den göttlich wohlthätigen Heilungen Jesu nur etwas Gemeines, Alltägliches; sie argwöhnten sogar — wie in unsern Tagen — nur Täuschung und Betrug. Ein klarer Beweis, daß sie an Jesus ihren Mann nicht gefunden hatten, daß er bisher noch gar nicht nach ihrem Sinn und Geiste gehandelt hatte; darum waren sie auch nicht aufgelegt, ihn zu verstehen und anzuerkennen. Fand nun hier nicht Tücke des Herzens, Krümmung der Seele statt? Entwickelte sich nicht daraus nothwendig Verdüsterung der Erkenntniß? —

Doppelsinn im Herzen, getheilt zwischen Gott und der Welt, hinkend auf beiden Seiten, ist der Heuchler nie im Stande, jede Sache in ihrem natürlichen und wahren Gesichtspunkte zu fassen, und ein richtiges Urtheil zu fällen. Diese Verkehrtheit im Urtheilen ist es auch, was Jesus hier vorzüglich bestimmte, die Pharisäer der Heuchelei zu beschuldigen. Davon überzeugt uns am besten die Verbindung, in welcher die eben behandelte Stelle bei Lukas vorkommt. Das unserm Herrn aufgedrungene Schiedsrichteramt, welches die unübertrefflichen Lehren über Reichthum, Vertrauen auf Gott und Wachsamkeit veranlaßte; dann die tiefen Bemerkungen über die entgegengesetzten Wirkungen der Stiftung seines Reiches im Vorhergehenden geben mit dem folgenden Licht genug, um uns zu zeigen, worinn nach dem Sinne Jesu Heuchelei des Urtheiles bestehe. Wie lehrreich sind in dieser Beziehung die Erzählungen von den hingerichteten Galiläern und von der Heilung der Frau am Sabbate[23]! Man kann durch Vergleichung und Nachdenken daraus lernen, wie groß das Gebiet der Heuchelei sei, wie tief ihre Wurzeln in das Innerste unseres Herzens dringe, wie mannigfaltig sich ihre Erscheinung gestalte. Wer soll sich zu Betrachtungen dieser Art nicht hingezogen fühlen, da dieselben mit unserm Heile in so naher Verbindung stehen?