Schon der königliche Sänger spricht von Leuten, welche „segnen mit dem Munde, und doch im Herzen fluchen,“ deren „Worte glatt, wie Oel, unter deren Zunge Dolche sind.“ David lernte sie als seine furchtbarsten Gegner kennen. Dieselbe Erfahrung machte unser Herr. Er hatte Menschen um sich, welche seine Denk- und Redeweise einstudirten, sich ihm mit verstellter Lernbegierde näherten, zur Verstärkung des Scheines wohl gar ernstliche Sorgen für ihr Seelenheil blicken ließen, gar demüthig um Belehrung über die wichtigsten Gegenstände baten — alles bloß in der boshaften Absicht, ihn bei solcher Gelegenheit in die damals geführten Streitfragen zu verwickeln, und durch freimüthige Entscheidung derselben verhaßt zu machen. So schlich sich einmal ein Gesetzgelehrter an ihn heran, und trug die Frage vor: „Lehrer! was muß ich thun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Schon die Ausdrücke sind hier mit Sorgfalt und Bedacht gewählt. Jesus sprach gerne von ewigem Leben, und bezeichnete damit den höchsten, vollkommensten Zustand, welchen der Mensch in sittlicher und religiöser Hinsicht für Zeit und Ewigkeit erreichen kann. Die heiligen Schriften des A. B. hatten sich derselben Sprache schon bedient; aber aus den Schulen der geistlosen Rabbinen war sie verbannt worden oder doch verdrehet. Sie stritten sich lieber, selbst in ihren erbaulich sein sollenden Vorträgen an das Volk, darüber, ob die Sitten- oder die Ceremonialgesetze den Hauptpunkt der Gottes-Verehrung ausmachten; und die Zahl derer, welche sich für Opfer und Gebräuche entschieden, war aus sehr nahe liegenden Gründen nicht die kleinere, bei dem großen Haufen aber die beliebtere. Stellte der Schriftgelehrte die Frage in der gewöhnlicher Schulform, so konnte er nicht hoffen, Jesus in die Falle zu bringen; darum heuchelte er die Sprache unseres Herrn, und glaubte nun, seiner Sache gewiß zu sein. Ueberdieß war der Punct, wie man wohl sieht, von höchster Bedeutung; es handelte sich um das Wesen der Religion. Die Frage selbst lautete so allgemein und unbestimmt, daß die entgegengesetztesten Antworten statt finden konnten.
Dazu wurde auch dem Gesetzgelehrten freier Spielraum gegeben. Er mußte sich selbst in seiner Schlinge fangen. „Was steht im Gesetze geschrieben? Wie liesest du vor“ — in der Synagoge oder im Tempel? Mit dieser Gegenfrage nöthigte ihn die göttliche Weisheit, die Antwort selbst zu geben, und zwar aus dem Gesetze, nicht nach Lehrmeinungen der Schule. Ganz im Sinne Jesu berief er sich auf die geistreichste Schriftstelle, welche hier beizubringen war. Er hatte die Lehrart unseres Herrn gut und richtig gefaßt, und wußte sich fein genug zu wenden. Allein alle Schlauheit half nichts. „Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben,“ hieß es, und damit hatte Gottes Wort entschieden. Einwenden ließ sich nun eigentlich so geradezu nichts; das fühlte der Schriftgelehrte nur zu gut. Für das Gegentheil stunden ihm keine Schriftstellen zu Gebote. Aber er war nun in eine ärgerliche Verlegenheit gerathen. Entweder mußte er den Verdacht auf sich ruhen lassen, daß er gleiche Gesinnung mit dem Lehrer von Nazareth hege, oder er gab sich auf einer andern Seite bloß, als uneingeweihter und ungeschickter Vertheidiger seiner Schule. Doch half er sich noch einiger Maaßen heraus durch eine neue spitzfindige Schulfrage: „Wer ist mein Nächster?“ — Spitzköpfige, engherzige Rabbinen hatten auch da den hohen, reichen Sinn der heiligen Schrift sich und andern verkümmert, dadurch daß sie unter dem Nächsten nur den Juden verstanden wissen wollten. Dieser Lehre der Alten mit dürren Worten zu widersprechen, war eben nicht ganz rathsam, schon um einen langen und heftigen Streit zu vermeiden. Da stund unserm Herrn ein unfehlbares Mittel zu Gebote — die Parabel. In dieser lag die Antwort und der Beweis, beide durch eine Geschichte anschaulich gemacht, so klar und unwiderleglich, daß sie dem überraschten Schriftgelehrten das Geständnis abzwang, „der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat“, d. i. der Samarite sei der Nächste des Juden gewesen. Nun konnte er auch nicht mehr läugnen, daß die Liebe ächter Art weder an eine Nation, noch an eine Religionsform, noch an einen Stand gebunden sei, sondern dort walte, wo ein edles Herz sich finde, welches dem göttlichen Zuge folgt. Schwer mag es allerdings den Rabbi angekommen sein, solche Dinge einzuräumen, die mit seiner Lehre in geradem Widerspruche stunden; und wohl wurde es ihm noch sauerer darum, weil seine Glaubensgenossen, ein Priester und ein Levite, die Gott und sein Gesetz so genau im Kopfe hatten, eine gar schlechte Rolle spielten neben dem hochherzigen, menschenfreundlichen Samariten.