Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht scheinen; allein es war nicht so. Das Betragen Simon’s ist Bürge dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten — die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng — die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt pharisäisch.
Aber nun erst der Hauptauftritt! die Sünderin tritt in das Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen, dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des reinen Pharisäers bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen, wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ — so spricht er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich durch die That den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?
Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner gesetzlichen Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit vor den Augen der Menschen blickt er Jesus und die Sünderin mit verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß Jesus kein Prophet sei, weil er sich von einem solchen Weibe berühren ließ. Das Verdammungsurtheil war systematisch und rabbinisch vollkommen consequent; also mußte es wahr sein, so sehr es auch allem Geiste der Lehren und Thaten Gottes widersprach.
Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der göttliche Mittler. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin verglich mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners, der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.
Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz. Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens, schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter, der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf schulgerechte Lehrformen u. s. w.