Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß die Feier des Sabbates ein Grundgesetz der israelitischen Religion war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit. Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln, Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen — bis zur Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth — wie überall bei der Heuchelei.
Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen, daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen — zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in ihrem Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern, ungescheuet den Sabbat zu schänden.
Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen Schule hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an die heil. Schrift selbst; und da war das Recht auf seiner Seite. Im Gesetze Moses war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im Stande, noch weiter zu gehen, und ein unverwerfliches Beispiel aus Gottes Wort anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der Hohepriester Achimelech und David so gehandelt hatten? Warum tadelten denn die Pharisäer nicht auch das Gesetz Gottes, welches den Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?
Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den Menschensatzungen und Erblehren seiner Feinde Gottes Wort und That entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht erst gezeigt werden.
Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er doch noch besondere Gründe bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der Heuchelei ins hellste Licht setzen.
Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die Sabbatsruhe brachen; denn es geschah im Tempel und folglich zur Ehre Gottes. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten, als jene, da „Er größer sei, als der Tempel.“ Damit gab er sich deutlich genug zu erkennen, als den Sohn Gottes, als die lebendige Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte. Es ist ein trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.
Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit deutet er auf die eigentliche Quelle, aus welcher der Vorwurf der Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht, Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen! Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie — zu unserer Belehrung und Warnung.
„Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des Sabbats willen da.“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende, Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche — und für alle Zeiten Anwendbare recht tief und innig zu fühlen.
Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so wichtige als damals anstößige Folge ab: „Also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbates!“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn bezeichnet den Menschen überhaupt, und insbesondere den Messias. Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist dieser Feier zu behalten — nämlich Ruhe, frohen Genuß vor Gott, Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten, Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe. Solche reine und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.
Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern, für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche freuet sich nicht mit ihnen?
Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der Ehre Gottes — wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.
Dießmal gab ein Mann mit einer lahmen Hand Anlaß zu einem merkwürdigen Vorfalle. Es war Sabbat; die Synagoge hatte sich gefüllt mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme. Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte. Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: Ob es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun? — Was sollten sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen? Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. — „Sie schwiegen,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. — „Sie schwiegen,“ damit die geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. — „Sie schwiegen“ — wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die niederträchtigsten Ränke schmiedet!!
„Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.“ Der göttliche Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die Pharisäer!
Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle Jahrhunderte!!!
„Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.“ Mit diesen Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß hin, in welchem er, als Sohn, mit dem Vater steht, und leitet daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. Gott entweihet den Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere und Gottes würdigere Schutzrede für die Heilung des 38jährigen Kranken am Sabbate läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit Steinwürfen beantworten — das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein, die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei Menschen möglich, welchen Ehre bei Menschen, die glänzte und in die Augen fiel, mehr galt, als die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte; welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf Moses Ansehen und Schriften beriefen, während sie im Leben seine Lehre und seinen Geist verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias nicht glaubten, weil sie ihrem Interesse widersprach. War es für solche Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie Heuchler nannte? nicht umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an Wahrheitssinn fehle, daß das Wort Gottes und die Liebe Gottes nicht in ihren Herzen wohne — —
Die Lehre, daß Religion nicht bloße Aeußerlichkeit der Gebräuche, daß Menschenliebe ihre schönste Krone sei, daß Gott selbst sich als Muster dafür aufstelle — diese Lehre war lebensgefährlich für unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern Herzen gewichen? —