Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein, frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen, selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes hatte sie vermocht, die Zolleinnehmer ihrer Tage für öffentliche Sünder zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche Reinigkeit verletzet.
Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters; er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten Schaafe aufzusuchen — und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen, über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. Matthäus wird als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.
Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei, sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen, wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie natürlich, wie zwanglos, wie thatenreich ist der ganze Hergang! Wie edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten, fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.
Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes. — —
Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern Herrn!!! — Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?
Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge die Jünger von Jesus abwendig zu machen.
Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte sich, nicht die Jünger; denn er wußte zu gut, wem der Vorwurf gelten sollte. Und welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und schilderte die göttliche Milde seines Berufes.
Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte; wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht Schriftgemäßer sich als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als Seelenarzt auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?
Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter Eigennutz war, bewies ihre Lieblosigkeit gegen alle Menschen, und ihre an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende. — Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst. Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich: „Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer!“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die von Gott selbst ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und ertödtend das von Heuchlern mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz — welche Gegensätze!!
Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte alle Sünder zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme, maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer, konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen sich von selbst an ihn an.
So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß wiederkauen.
Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es, trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie vor Zöllnern und Sündern zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!
Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers eifersüchtig waren auf das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen, vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer, seinem Berufe und Zwecke gemäß, geführt, und wozu er sie, als Vorbereitung zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in ihr Interesse zu ziehen. Je tiefer und stiller aber eben darum freier und zwangloser die Religiosität unseres Herrn war, desto leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen, daß Jesus, der mehr sein wolle, als der große Johannes — schwerlich werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben — nicht einmal die Kennzeichen alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge von Männern vorgetragen, welche im Geruche der Heiligkeit stunden; wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern Herrn öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für seine Jünger zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte? Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will, darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!
Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten, waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit Wurzel und Stamm verderbt wird.
Ueber das Gebet gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort. Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen Schutzreden, daß Jesus dem Geiste des Gebetes keinen Zwang angethan wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit Trauergebräuchen zur Zeit der Freude, mit neuen Lappen auf alte Kleider. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum Stifter unserer Religion haben? — Junger herber Wein, der dem Gaumen nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.