Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt, die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie innerlich nur von Abneigung, wohl gar von Haß gegen eine gewisse Person, oder gegen ihre Meinungen getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. —
So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt. In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis, mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort. Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren Glauben sah sprach er: Mensch, dir sind deine Sünden vergeben!“ — — Gott sei gedankt! Jetzt wird den Herren leichter um das Herz; sie haben — eine Gotteslästerung (!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten, heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch — — als Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit einer wundervollen That beschämte. Zur Vollendung ihrer Niederlage brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen; verbissene Wuth kochte in den Pharisäern — bei einem und demselben Werke Gottes. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? —