»Bäumchen mein:

Sonnenschein?«

fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:

»Zwerglein, nein!«

so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei – und bekam mit einemmal keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme:

»Bäumchen mein:

Sonnenschein?«

aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen besorgt, stieß es die Tür auf – o weh, wie erschrak es! – alle sieben Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da – der Berg war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,« sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich – sie fanden es.

»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest.

»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem Heiderande.

Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft:

»Blanker, gelber Mond am Heben,

spiegle alles Erdenleben!«

Mehrmals und durcheinander schrien sie – das Männlein fürchtete schon, sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach einer Gegend.

»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd.

»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort.

»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer, Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast. O – wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O – bringt mich nach Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!«

Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest, und – hast du nicht gesehn? – ging's über die Geestberge, daß die Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten, warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die krabbelnd vollen Straßen zu stürzen – aber die Sorge um seine sieben Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.

Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer, hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken entlang zu ihm.

»Armer Wegweiser!« schluchzte es.

Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und mein Leuchten!«

»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst, sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.«

Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,« flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.«

Brausend erscholl Orgelton dazwischen.

»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen.

»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern. O Weihnacht!«

Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn nicht überreden konnte.

»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,« sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte. Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln, daß er miauschreiend zurückspringen mußte.

Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie Kinder.

Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn niemand kaufen wollen.

»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume – aber du bist keiner.«

»Doch – ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein, gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit, steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht zurück.«

Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.

Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten, weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.

»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.

»Armer Spielvogel.«

»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es lustig, nicht?«

»Komm mit nach der Geest.«

»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden. Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich muß singen!«

Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen mußten und Träume von Land und Licht träumten.


Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue – der Berg war so kahl, Regen drang in seine Wohnung – armes Männchen! Mit einemmal breitete es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das dunkle Wasser hinab.

Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas Besonderes, wenn sie ihn fangen.

Ein Sterben.

Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger, und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war.

Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen.

Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.

Plötzlich rührte Gorch sich.

»Mutter!« sagte er leise.

Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand zurück und ließ Truhe Truhe sein.

»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.«

Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf.

»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?«

»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.«

»Ist das Wetter sichtig?«

Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander.

»Es ist heller Mondschein, Gorch.«

»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte er dringender: »Laß mich sehen!«

Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben Mond, der groß und kalt am Heben stand.

Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und er schwer in die Kissen zurücksank.

Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und wieder blieb die Zeit stehen.

Bis Gorch abermals erwachte.

»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!«

»Was willst du damit?«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Er griff erregt in die Decken.

»Ich weiß nicht, wo es ist.«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu erzählen:

»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der ‚Pisagua‘ von Hamburg nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal. Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der ‚Lesum‘ von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer ‚Crawford‘ nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger, haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht ‚Nebelung‘ in der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer ‚Poseidon‘ neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen, Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster ‚Marie‘ sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge. Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool. Mit der ‚Columbia‘ von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her. Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit, Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon... Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown... Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht.

Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich: mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit gelben Mongolen und schwarzen Negern.

Gorch ermunterte sich wieder.

»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen, und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große Hansnarren! Mein Leben ist nicht umsonst gewesen, und ich habe was davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.«

»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.

Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.

»Nein, Heinrich. Da war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt, aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß, wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland gekommen sind. Ich habe gelebt.«

Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter den Rücken.

»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden. Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«

Der Fieberfrost schüttelte ihn.

»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt, Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen, Nebel, Sturm: alles war schön.«

»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«

»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber ich rate dir zu, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken, dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung gewesen und können die Jungen nicht mehr verstehen.«

Heinrich sah ihn fest an.

»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.«

»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen, und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See, Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...«

Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um höheren Ortes Verklarung abzulegen.