»Gode Tiding von uns' Schepen!

Ditmer Koel hefft Kniphof grepen!

Söben Schep un hunnert Mann,

öbermorgen kommt se an.«

Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte, horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit.

Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ...

»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um die Ecke und erfüllte die Twiete. – »Grotmoder, hört ji? hört, hört! Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude erglühend, warf die Kätzchen ritsch – ratsch auf den Fußboden, stieß das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!«

Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.«

Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf.

»Wat hett se seggt?« – »Se seggt, Water smeckt söt!« – »O Mann, wat is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!«

Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf.

»Ho – nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach.

Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« – »As du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.«

Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich noch die Rufe mühsam entrangen:

»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...«


Ditmer Koel sollte leben: er lebte – und es kamen der Tag und die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln (Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen, die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner läutete die Glocken.

Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt; nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge. Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen bekannten Bürgern.

Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen. Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig Seeräuber, gefesselt und gekettet.

Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen, und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort. Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib. Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des Dänenhauptmannes.

Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.

Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging davon.

Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische und dänische Flüche schollen hinwider.


Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge, blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.

Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen: wat se mit den steden to donde hadde? – worauf Margarete den Brief verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht glauben.

Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte. Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an, brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.

Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter, aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige Gunst und ließ sie mit hinein.

Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel dabei.

Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe, dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte, schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen. Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte. Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern. Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und dieser wußte den Blick recht zu deuten.

Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen, er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es müsse noch einmal geschickt werden.

Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei. Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl.

Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof, damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn, Kniphof noch nichts zu sagen.


Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen! Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...


Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien – da läutete das Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf – er glaubte nicht mehr an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.

Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.


Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch, stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel. Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich. Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten. Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.

Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege. Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.


Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.

Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.

Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.

Schiffbrüchig.

Auf meiner dritten Reise.

Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu still zum Fischen.

Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln, das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.

Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir jetzt nach Wind aus.

»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, – und er hatte es noch nicht ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war bange – um es ehrlich zu sagen – bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht. Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.

»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.

»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.

»Worüm?«

»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich.

Nun lachte er.

»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«

Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht einzuschlafen.


Da – – – ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers. Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine – saßen sie fest? In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen. Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an Deck und erbebte.

Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und Schreien. Da – – – eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er sich gurgelnd seitwärts senkte.

»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer wieder rutschte ich hinunter.

Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.

»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.

»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi weg kommt.«

Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes, stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...

Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum bloß? ... Die Bootsleine! Die ...

Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun – saßen wir fest, fest an dem untergehenden Ewer.

»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres armen Ewers. Und nun kamen wir an die Reihe. Wir drängten wild nach hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.

»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.

»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und der See und den aufschießenden Blasen.

Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und dachte nach, während ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge erst an – und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.

Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen. Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht – jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief: die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über den Kopf – und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ...

Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden waren.

Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.

War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.



Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war – einer meiner sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich lebte, lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß er das Knarren der Gaffeln übertönte.

Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.

Schön und sternenklar war die Nacht.

Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte er sich und fragte:

»Na, wat is er los?«

»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«

»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in der Koje.

»In Gotts Nomen, Hinnik!«

Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem Wasser als nach den Häusern.

Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf. Kein Wunder – Jan Siebert hatte sie gezimmert.

Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein Wunder – Jan Siebert hatte sie gebaut.

Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das Wasser. Kein Wunder – Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.

So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das Herz warm.

Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.

»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen.

»Gu'n Dag, Jan-Unkel.«

»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du denn beschicken?«

Hinrich guckte nach der Elbe.

»Ick will giern up'n groten Kutter.«

»No See, Junge?«

»Jo.«

Der Baas sah ihn lange und prüfend an.

»Dien Vadder is bleben, Hinnik.«

»Großvadder is ok bleben – un Vadder is dorüm doch wedder no See gohn,« antwortete der Junge.

»Is din Mudder dormit inverstohn?«

Der Junge stockte.

»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd zu.

Der Baas nickte vor sich hin. – »Is good,« sagte er mehr zu sich als zu dem Jungen und klinkte die Tür auf.

Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als Fischerjunge.


Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht wurde noch bleicher.

»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no See?«

Jan Siebert nickte ernst.

Sie faltete die mageren Hände.

»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok no buten? Nee, nee – ick kann keen wedder no See seiln sehn. Ick hol 't ne ut.«

Er schwieg.

»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot em Buer warn oder Schoster oder Snieder, – ganz egol – ober no See schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.«

Der Baas war sich einig geworden.

»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.«

Sie atmete erleichtert auf.

»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.«

»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie schüttelte nur den Kopf.

»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot hebbt.«

Er war aufgestanden.

»Schall ick 't em seggen?«

Sie bot ihm die Hand zum Abschied.

»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.«


»Hinnik!«

»Wat schall ick?«

»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo fix Lust to, ne?«

Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen Säcken verhängt.

»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine Antwort bekam.

»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.

Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der bewegten, unendlichen See: – ein häßlicher, breiter Graben, der ihm alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ.

Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.

Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen.


Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene erwähnt worden – seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen – aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: – das konnte er nicht verwinden.

Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht mit dem Herzen dabei war.

Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut Ding seine Weile haben wolle.


Wer weiß – – –

Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.

Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre!

Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären!

Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten!

Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte, wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre.

Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge annehmen.


Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem Kutter gesehen habe.

»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß.

»Den leet de See keen Ruh.«

Sie weinte nur noch mehr.

»He will verdrinken als sin Vadder.«

Er schüttelte verweisend den Kopf.

»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See sehn hett, holt wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.«


Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt, – nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die Elbe herauf.

Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, – und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen?

Hinnik kam.

Erst zu Jan Siebert.

»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege Schollen aus dem Taschentuch springen.

»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an. Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl.

Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich, denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam.

»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach.

Er lachte.

»Keen Gedanke!«

Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

Er warf zwei Goldstücke hin.

»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.

»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. – Den Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no Wilhelmshoben. – Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen dor twee Dog för Wind.«

Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich guckte er sie aber doch an – und da sah er, daß ihr die Tränen in den Augen standen.

»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot mi man Fischer blieben.«

Sie war aufgestanden.

»In Gotts Nomen, Hinnik!«

Auf Helgoland.

Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.

Aber es erging ihnen wunderlich.

Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der See und sang von ihren Augen.

Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er der Sonne und sang von ihrem Haar.

Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der Möwen und sang von ihren Händen.

Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen Wald um Mittag.

Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise und versonnen:

»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«

»Ja, Ahne.«

»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch sehen konnte.«

»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«

»Das ist mein Glaube.«

Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.

Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.


Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen Fuß.

Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.

Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.

Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun pflegte.

Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.

Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien. Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen lassen. Nun war er eingeschlafen.

»Ahne, schläfst du?«

Sie schüttelte leis den Kopf.

»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das Sonnenland.«

»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«

»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein Auge?«

»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme geht.«

»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. – Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«

»Das ist sie, Ahne.«

»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf dem Wasser?«

»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«

»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet geduldig – und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen geht er hin und bettelt.«

»Ahne, der fremde Priester kommt.«

»Wieder, willst du sagen.«

Mit feierlichen Schritten kam er daher.

»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«

Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.

»Ein Herr? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden, freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und segnete?«

»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben und dich taufen lassen.«

Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.

»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern gehört hätte. Aber so ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin, hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land betrittst?«

»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht blind wärst, Königin ...«

»Ich bin nicht blind, ich sehe, seit mein Auge sich trübte. Sieh: wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß, ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre, wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine Schlacht.«

»Wer achtet dessen?«

»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem Kinde tust, das tust du ihm.«

Er gab keine Antwort.

»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen, sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum. Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.«

Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte, rasselte er mit dem Schwert und knurrte.

Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu gehen.

Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so viel von Lachen und Freuen sprach.

Schön-Helga bekam er aber doch nicht.

»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«

Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.


Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits. Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig, mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein Schiff auf den Bänken.

Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue – und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und schwitzen!«

Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.

Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen verlassen müsse, der Christ werde.

»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut.

»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!« rief Kai.

»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.

Da mit einem Male sagte der Priester:

»Muß den Felsen verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand. Der ist für das Christentum. ‚Der Felsen‘ hat sie gesagt!«

Und er blickte frei um sich.

»Gesagt, aber nicht gemeint!« sagte Kai; aber die andern waren doch still. Daran hatte keiner gedacht.

»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.

Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster drein.

Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.


»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«

Kai Rickmers räusperte sich verlegen.

»Er hat sich taufen lassen.«

»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«

Kai hustete noch mehr.

»Er wohnt auf dem Sand.«

»Auf dem Sand?«

»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.«

»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«

»Der Priester hat es anders ausgelegt.«

»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer das kann, kann alles.«


Es kam so.

Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe, die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach verloren.

Es wurde oben stiller und stiller.

Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch hin und fragte selten.

Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.

»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen, bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und hab gefragt und getan – und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach, – umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein Wort mehr.«

Und er lachte.

Sie verzog keine Miene.

»Nein – es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«

»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,« sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.«

Aber sie schüttelte den Kopf.

Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.

Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.

»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist keine Kunst.«

Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.

»Still – hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und Schwirren.

Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und verröchelte auf dem Estrich.

Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.

Eine tiefe Stille ging durch die Halle.

Endlich sagte die Königin:

»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht gedacht.«

Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.


Den dritten Tag war er es, der unter den Helgoländern stand und predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.

Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er fand den Frieden.

Auch die letzten kamen vom Felsen.

Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite und hörte ihm zu.

Da wurde es ganz still um die greise Frau.

Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.


Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah, wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...


Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und Steine glucksen.

Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.

Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht zu deuten.

Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.


Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt und gelacht.

Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude und Licht und Sonne.

Die sieben Tannenbäume.

Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und Hasen auf ihm ihr Wesen.

Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges Wasser getragen – und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel. Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis, ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit Wind und Sonne.

Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr, die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge es ein Kind an den Füßen.