Kassen Witt sin Freeree.

Kassen Witt lewt sin Gild.

He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner, mokt sich 'n Swien fett – un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern schreen müssen.

Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt – un dorüm harr doar keeneen anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen – un kunn Sill ne ganz god up em teuft hebben? – Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech.

Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs.

Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn ehr up de Bank.

Kassen füng an to hoffen.

»Nobend, Sill.«

»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst? Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?«

Kassen sett sich up 'n Löhnstohl.

»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol, Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen, du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung. Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?«

»Och, Kassen Witt! – Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust uppe Nees!« –

Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder.

Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater, un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür.

»Ne, min seute Koater?«

Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus.

»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is.

»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no, ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder.

As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin.

»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull.

Kassen bier, as harr he nix hürt.

»Lang mi mol 'n Rietsticken her.«

Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng Kassen an:

»De Wieber döht all nix.«

»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se di woll dien scheune Nees twei.«

»Könnt se all weeten.«

»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest 'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen dinkst.«

Kassen wör gnatterig.

»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr freen.«

Nu kree Gierd dat Gucheln.

»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt? Dat is nich so leicht.«

Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?«

Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.«

Kassen snack sinniger.

»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up 'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.«

»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?«

»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr, nehm se keen Mann.«

Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep he de Oogen tohoop:

»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.«

»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern Koater.«

»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück Veehwark. Drull ehr man den Koater.«

»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is, kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.«

Gierd teuh em an'n Arm.

»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans nimmst du ehr to Fro.«

»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?«

»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk – doarmit basta.«

Kassen stöker dat Füer no.

»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.«


Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz. Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder, wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, – un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr, steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang. Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr.

»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ...

Kassen sä jo, ober he keek ne üm.

»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?«

»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as wenn he ehr dull to wür.

»Ne, eulich! Heß em ne sehn?«

»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n Böön!«

»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.«

Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen:

»Dien Koater is di wegloopen?«

»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!«

Kassen keek no Hamborg rup:

»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße mokt. Wokeen harr dat dacht!«

Sill leet em ne utsnacken.

»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.«

Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut – ober de un seuken!

Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!« roopen.

Annern Dag söch se noch.

»Kassen, wat komm ik ok doch an.«

He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn. To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt nehmen.

Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn.

Poar Doog loater keem he wedder.

»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.«

Sill schüer sich de Oogen.

»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs 'n vernünftigen Kirl.«

Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he. Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr.

Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt:

»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.«

»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr wesen.«

»Sill, war ne krank doarbi.«

»Kassen, dat kann kommen.«

Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater truert.

Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne nee – den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer – un no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.«

Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten.

Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull. Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben.


So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin Streich wür em glückt.

Ober dat keem doch 'n beetjen anners.

Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken, mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat allens gehürig inne Ling. To güng he wieder.

Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn.

»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!«

»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot up de erste Tripp.

Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't Foahrtwoater hin.

»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de Ameriko! Wat förn Diert!«

Ober Sill keem ne.

Se reep wedder:

»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.«

»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn ward se em ne gewoahr.

Se güng ober spöttenup.

De Sook wör mau.

»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger.

»Worüm ne?«

»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.«

»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se.

De Sook wör mau.

»Au ... au ... au ...« jaul Kassen.

Se stünn still.

»Wat heß?« freug se.

»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.«

Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn.

»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder.

Mit 'n Mool füng de Koater up'n Böön an to jaulen.

Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek.

»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!«

Doarmit se de Bööntripp rup.

Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in Sicherheit wür.

Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen.

Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch Tied.

To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä keen Goodendag un nix.

Un de Koater mit hoogen Stiert achteran.


Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht, woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is.

Sien Gild lewt he noch – ober van dat Freen will he nix mihr weeten.


Anhang.

schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt, leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie, Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas, blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr, all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat, Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl, stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf, eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne, nicküpp=nickte.

Pulli.

Hamburg war Baas.

Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland, der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen, ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und selbstverständlich in Besitz.

Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeräuberzeit, dem Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über sich und Grillen unter sich hatte.

Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing, seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte.

Armes Schreiberlein.


Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln.

»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?«

»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen lebhaft.

»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer.

Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand.

»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß.

»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit weg. Man zu!«

Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein, scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief.

Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los.

»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle, wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun konnte.

Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein, dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe: »So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!«

Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli blieb und wedelte.

»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im Weiterwandern.

»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der Lehrer.

Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat du di utsehn mokst!« – und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg geschwärzt waren.

»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch, was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang, Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken, den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann, Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich.

»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!« Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen, muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus geschickt oder gejagt werden.

Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her geschwommen war, rief es ihn zurück.

Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte.

»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl: »Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging.

»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn, schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu scheuchen. »Nach Haus!«

Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück.

»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf. »Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.«

Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter.

Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein, und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden.

»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer.

Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.« Und es sah nachdenklich aus.

»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen.

»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,« antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich.

»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen.

»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den dankbar winselnden Hund.

Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und schlappte Wasser.

»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres. So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern herangekommen waren.

»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig.

»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und sprang auf die Füße.

»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten.

Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine Gluckhenne zwischen ihren Küchlein.

»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns aber nach, dann soll er mit mir.«

Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn.

Wie du draußen auf dem bergigen Wege

durch Rennen und Springen ergötzt uns hast,

so nimm nun auch von mir die Pflege

als ein willkommner, stiller Gast.

Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot finden würde.

Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte.

Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot.

Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch unter die Duchten.

»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?«

»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen.

Armes Schreiberlein!

Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden. »Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend.

Aber der Fährmann war aufmerksam geworden.

»Hört de Hund ne dorto?« fragte er.

»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.«

»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt zurückwich.

Dann stieß er eilig ab.

Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm, aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es da und sah nach dem Hund.

In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut.

Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die Schnauze vor, als wollte er schwimmen.

»De swümmt gliek,« rief ein Knecht.

»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu finden.

Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein.

Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben.

Armes Schreiberlein.


»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen.

Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen.

Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte:

»Das mag Sie rechtfertigen, mich nicht!«

Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen mußte.

Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre.

Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied.

»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.«

»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu schrecken.

Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen. Das war alles, was sie zu hören bekamen.

Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen.

Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den Fährmann zur Eile.

»Wedder röber?« fragte dieser.

»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm, das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes.

Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg. Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.«

Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl.

»Pulli! Pulli!«

Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem Moor entgegen.

Aber kein Hund war zu sehen.

Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor, daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen.

»Pulli, neem büst du?«

Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete. Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle Wolkenhände über ihren stillen Schein.

Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben. Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte warnend über Baum und Halm.

Armes Schreiberlein – warum stehst du still vor dem breiten Graben; hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden?

Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg!

Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt dein Hut!

Armes Schreiberlein ...


Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte.

Armes Schreiberlein ...

Sonntagnachmittags.

Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen, die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden, stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird – sie fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.

Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.

Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen, beim einen mehr, beim andern minder.

Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen, und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen.

An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht.

Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.

Dann sitzen wir am Fenster.

Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.

Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und Stichlinge gefangen.«

»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am wenigsten fängt.

Dann wird es wieder still.

In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise ... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem, braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht freilich auch nicht mehr viel zu reden.

Harm sagt in die Stille hinein:

»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle sieben einen.«

Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und glücklicher Menschen.

»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und wir lassen sie gewähren.

Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.«

»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.«

»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden.

»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.«

»Auf der Elbe?«

»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.«

Ich guckte ihn schweigend an.

»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja genug da!«

»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu.

»Ick weet allns! Ick weet allns!«

»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune. Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so waren auch die Stürme noch nicht dagewesen – und die Stürme gingen mit der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt, wenn er vorher gepflügt hatte.«

Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen, nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und dem rauchenden Stock entgegen.

An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.

Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah.

»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?«

»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei Büsum da.«

»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen. Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?«

»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben.

Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir sagen gar nichts mehr.

Hans Otto.

Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie gesehen, – bis die riesige Bake sie ablöste.

An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen.

Die auf der Reede von Cuxhaven – twüschen de Baaken, wie die Schiffer sagen – liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten, die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort: »Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen an Burd« – also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu sagen hat, – an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten, – und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun, das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus; dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto: »... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang, desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und verlegen und schämte sich ihrer fast.

Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den ersten Zelten und Körben von Duhnen.

Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so, denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre.

Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem:

»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?«

Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile herangestäubt und rief immerfort:

»Ist das deine Fahne? Ja?«

Das war Hans Otto.

Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu:

»Hast du die Fahne selbst gemacht?«

»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.«

»Du kannst fix was!« lobte er.

Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen bin ich ein großer Stümper.«

»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann.

»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,« sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann schnell wieder auf.«

»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen.

»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.«

Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften:

»Wind! Wind!«

Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf, und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei.

Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto, komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein' Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin.

Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig.

Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn kennen und – was schon schwieriger war – unterscheiden, die wohl auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze, Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen, weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und kurzsichtig – die arme Frau! – und wir mußten ihr deshalb den Namen von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu beachten!

Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war.

Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!«

Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu, und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer, kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen?

Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa Helgoland sein? Gewiß nicht, was?

Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen kleinen.

Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün, vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und Strauch?

Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf Blankenese geraten?

Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. – Wie lange wir noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe, die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten gespart werden können.

Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen ...

Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen!


Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ...

... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel schreibe: Hans Otto.

Das soll ein Gruß für dich sein!

Ditmer Koels Tochter.

Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!«

Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier up'n Namiddag? Morgens köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!« – »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.«

»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol 'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach, versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es aber schon nach der Elbe wehen ...

Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen, gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete: