Die alte Poetenstadt Graz beherbergt in unsern Tagen das Dichterquartett Rosegger, Wilhelm Fischer, Ertl, Decsey. Fischer ist der Romantiker unter den vieren, ein feiner und bedachtsamer Sinnierer, der durch alle Jahrhunderte deutscher Vergangenheit wandelt, um sich ein wenig fremd und unbehaglich an der Schwelle unserer Zeit wiederzufinden. Seine Dichtung fließt aus zwei Quellen: einer lyrischen und einer philosophischen. Beide durchdringen und vereinen sich zu einer »Poetenphilosophie«, die dem Gedanken lebendige Form und Seele gibt. So anmutvoll und innig Fischer die Dinge der Natur und des Menschenherzens zu schildern weiß, so stehen sie doch nie artistisch für sich, sondern immer unter der höheren Einsicht ihrer eigentlichen Bedeutung: »Es ist der Vorzug höherer Naturen, daß sie die Welt mit allen ihren Einzelheiten immer symbolisch sehen.« Diese Einsicht aber ist Fischers unerschütterlicher Glaube an das ursprünglich Gute im Menschen, ist Ehrfurcht und Andacht vor der Gottestat der Schöpfung, ist – mit einem Romantitel Fischers zu reden – »die Freude am Licht«. Ja, Licht, viel Licht ist in seinen Büchern: Licht, Wärme – Sonne. Sie wärmen innerlich und beglücken, mögen sie nun von alten Sitten, von Kindern, Märchen oder Gedanken erzählen. Aber freilich: die Jahre des Naturalismus waren Fischers nach innen gekehrter Art nicht gewogen; erst als die Gemüter aus der Dürre des nackt Gegenständlichen wieder nach tieferer Erquickung verlangten, besann man sich auf den Grazer Stadtbibliothekar und Stadtpoeten und griff froh erstaunt nach seinen neuen und älteren Büchern als nach dem lange vermißten Labetrunk. Viele, viele Jahre hat der Dichter (der am 18. April 1849 zu Tschakathurn in Ungarn geboren wurde) darauf warten müssen.
L. Adelt.
Die Rebenbäckerin.
Frau Walburga, Meisterin ihres Hauses und eine jugendliche Witwe, war nicht ganz so schlank wie die Reben, die sich an ihrem Fenster emporrankten, aber sie war blond, rosig, rundlich und ein hübsches Weib. Sie hieß auch die Rebenbäckerin, und nahrhaftes braunes und weißes Gebäck ging aus Stube und Laden hervor, die Käufer anzulocken und die Nachbarschaft zu versorgen. Sie wohnte in der alten Stadt Graz, nahe der südlichen Ringmauer und lebte unbeengt und ungekränkt, es sei denn, daß ihr die Ermahnung der Zunftmeister, sich baldigst wieder zu verehelichen, zuweilen Sorge schuf. Jedoch erkannte sie es selber als billig und ordnungsgemäß, daß die ehrsame Bäckerinnung wieder vervollständigt werde und daß sie, Frau Walburga, sich ein Haupt und einen Meister in nicht zu ferner Zeit erwählen müsse. Zwar besaß sie einen Altgesellen, der Heinrich Harer hieß und ihres Gewerkes redlich und emsig pflog, und der ihr nicht übler dünkte als ein anderer Mann, von dem es im Hinblick auf das Weib heißt: er soll dein Herr und Meister sein. Allein dieser Geselle hatte unterschiedliche sonderbare Eigenschaften, so daß sie sich nicht entschließen konnte, ihn zu einem vertrauteren Umgange zu ermuntern. Denn er mochte weder seine eigenen Guttaten ins rechte Licht setzen, noch die Vorzüge anderer nach Gebühr würdigen und war infolgedessen unfreundlicher, als es sich in der Nähe eines jungen Weibes geziemte, das von der Zunftobrigkeit verhalten wurde, sich nach einem passenden Ehewirte umzusehen. Und da sie es als den Brauch ihres Geschlechtes erkannte, dem Manne ein begehrtes Glück zu spenden, und dieses Gesellen Herz nicht gläubig genug schien für die Offenbarung eines solchen: so blieb sie die Meisterin und er der Knecht. Sie zuckte die Achsel, wenn sie seiner in der einsamsten Stunde gedachte, und schüttelte den Gedanken an ihn wieder ab. Das Gewerke jedoch gewann unter seiner Obhut eine günstige Ausbreitung, und dessen war sie wohl zufrieden.
Dann grüßte sie noch ein zweiter Geselle im Hause als Meisterin. Dieser war um einige Jahre jünger als Heinrich Harer, gehabte sich meistens wohlgemut, dankte dem lieben Herrgott für das Leben und alles holdselige, was darin sprießt, gar herzlich und schätzte demgemäß alles nach rechtem Verdienste; auch war er mit sich selber nicht unzufrieden. Er hieß Jost Seydlin.
Die beiden Gesellen hielten gute Kameradschaft miteinander, und Frau Walburga war auch damit wohl zufrieden.
Zuweilen dachte sie: »Wäre Jost, der wohlgemute Mann, mein Altgeselle, so würde sich das leichter fügen, was ich einmal zu tun verhalten bin; denn er ist hellen Angesichts und klaren Gemütes und würde sich leichtlich zu mir finden, sobald ihm nur mein Auge ein wenig zusprechen wollte in aller Züchtigkeit und ihm sagen, daß seine Art mir nicht zuwider sei; aber so ist er es nicht, sondern Altgeselle ist Heinrich Harer, der weiß nicht zu schätzen, was ein braves Weib wert ist.«
Beide Gesellen waren von guter Herkunft und im Unterlande geboren, Bürgersöhne, deren sich keine rechtschaffene Frau zu schämen brauchte, um mit einem von ihnen nach abgelegtem Witwentuch im hellen Gewande jugendlich und rosig zur Kirche zu gehen. So schaltete Frau Walburga denn über beide und über alles andere Gesinde als Haupt im Hause und mußte noch zur Zeit vergessen, daß über des Weibes Leib des Mannes Haupt ragen soll.
Eines Tages ging sie eine weise Frau um Rat fragen. Diese wohnte im Davidgäßchen und war kundig eines tiefen Blickes in verborgene Dinge.
»Sag mir an, gute Frau,« sprach die Meisterin, »was du von meinen künftigen Tagen zu wissen vermagst. Was mir zu Troste geschehen kann, das will ich gerne von dir hören und dir's auch herzlich lohnen, wenn es zutrifft.«
»Komm wieder am dritten Tage,« sprach die weise Frau.
Und als sie wiedergekommen war, empfing sie den Bescheid: »Du wirst, ehe das Jahr sich neigt, mit einem Manne zur Kirche gehen.«
»Ein Mann! ist das alles?« lachte die Meisterin; »und wie beschaffen ist er, mit dem ich zur Kirche gehen soll?«
»Wie einer, der sich alles holden zu seiner lieben Ehefrauen versehen mag und ihr redlich vergilt, was sie ihm treulich gewährt: so daß du dich ihm unterschmiegen und dein Haupt an seiner Brust bergen kannst.«
»Das soll mir nicht zum Untroste geschehen, Frau Monika,« sprach die Meisterin mit Erröten, »wenn es in Züchten nach dem Gebote der heiligen Kirche über mich erfüllt wird. Aber welcher Gestalt hast du ihn gesehen? Ist er braun oder blond?«
»Ich habe sein Bildnis nur zu nächtiger Weile gesehen, und da war es nicht zu erkennen, ob ihm brauner oder blonder Bart um die Lippen sproßt; aber es ist ein stattlicher Mann, das kann ich dir höchlich beteuern. Laß dir damit Genüge sein.«
»Das will ich,« sprach die Meisterin, lohnte der weisen Frau und ging mit erleichtertem Herzen heim. Als sie über die Herrengasse schritt, kam ihr die Stadtwache mit Pfeifen und Trommeln entgegen, und es gab einen hellen und freudigen Schall. Den nahm sie zur guten Vorbedeutung und lächelte, so daß ihr Antlitz überschienen ward und die Vorübergehenden sagten: »Seht, Frau Walburga, die Rebenbäckerin! Das ist ein junges Weib, das manchem Manne guten Mut geben könnte.«
Sie aber schritt weiter und dachte: »Wen erblicke ich zuerst, wenn ich ins Haus komme? Das will ich mir merken.«
Aber sie erblickte einen, bevor sie ins Haus kam. Denn vom Dache schien etwas Weißes herab, wie eine Gestalt, und als sie nahe gekommen war, blickte sie erstaunt hinan und rief: »Was tust du auf dem Dache, Geselle Heinrich?«
Er antwortete von oben her: »Eine Krähe rupfte das Gras zwischen den Schindeln aus, und einige morsche sind schon herabgefallen. Da rupfe ich das Gras selber aus und lege neue Schindeln an die Stelle von denen, die herabgefallen sind.«
»O du weiße Krähe!« sprach sie lachend, »wie du fürsorglich bist für mein Hausdach!«
Sie sah, wie sicher er sich auf seinem hohen Sitze gehabte, und dachte bei sich: »Herr Mennhart, mein seliger Ehewirt, hätte das Stücklein da oben nicht ausführen können, denn er keuchte schon, wenn er die Treppe hinanstieg, und die Leiter hätte ihn nicht getragen. Ich armes, junges Maidlein, als ich zu ihm mit dem Brautkranze kam, war er schon ungefüge. Nun habe ihn Gott selig!«
Sie ging ins Haus und da kam ihr Jost Seydlin entgegen, grüßte sie freundlich und sagte, daß er alles wohl verrichtet habe und daß das Gebäck schön geraten sei.
Sie lobte ihn und sprach: »Du tust allezeit, wie es einem guten Knechte geziemt, Jost!« und ging in ihre Stube. Dort sann sie darüber nach, wie es sich wohl fügen möchte; denn sie hatte Heinrich Harer zwar zuerst erblickt, aber nicht im Hause, und Jost Seydlin war ihr zwar im Hause begegnet, aber sie hatte ihn nicht zuerst gesehen. Das schuf ihr manches Bedenken den Tag hindurch, bis sie sich zur Ruhe legte. Da wollte sie acht haben auf das, was sie träumen werde, und entschlief mit einem kleinen Seufzer.
Am andern Morgen erwachte sie frisch und erzählte sich von ihrem Traume nicht viel; aber sie sah in ihrem Handspiegel, daß die Wange rot war, wie es sich für eine junge Frau geziemte. Dann ging sie hinab in ihrem dunklen Kleide, über welches die blonden Haare aus dem Kopfbunde hervorglänzten, rief Heinrich Harer und befahl ihm alles, was am Tage zu schaffen war. So sagte sie auch: »Geh' hinaus zu den Deutschherren am Leech und lege die Reitung25 vor um das Brot, das wir ihnen die Zeit her geschickt haben. Sie wollen nämlich die Abrechnung für das vergangene Vierteljahr, und bringe das Geld heim. Aber von morgen an schickst du mehr hinaus als bisher, wie dieser Zettel hier besagt, denn sie sind zufrieden mit unserer Art und bestellen auch Weißgebäck für Herrentisch und Siechensaal.«
Darauf ging Heinrich in seine Kammer, legte die Rechnung und zog seine blaue Sonntagsjoppe an, strich sich das dunkle Haar zurecht und machte sich auf den Weg. Bald schritt er durch das südliche Stadttor hinaus und ließ sich die sonnige Luft um Stirn und Schläfen streichen. Wenig acht hatte er der Blumen, die aus dem Grase lugten; doch als er auf den grünen Anger kam, da war ein Teich und es flog ein Storch auf, der erregte seine Aufmerksamkeit. Und wie das schon kommt, spann er seine Gedanken fort, als er weiter schritt:
»Wer unter eigenem Dache sitzt, sprach er, hat es gut; er erfreut sich an Weib und Kindern, ist Stadtbürger und die Leute schenken ihm Achtung. Er legt seinen Fleiß daran, seine Habe redlich zu mehren, und sein Wort gilt viel in der Zunft, wenn er zu reden anhebt. Wird er alt, kann er eine Tochter aussteuern oder einen Sohn in die Fremde schicken, auf daß er sich die Welt mit eigenen Augen betrachte. Kommt dann die Zeit, so sagt er sich: ›Das ist ein gutes Tagewerk, wo das Leben mit Arbeit vollbracht ward. Auch hab' ich leidlich gut Gemach all meine Tage gehabt und meinen Leib mit Ehren gefristet. Das hat Gott immerdar für mich gewaltet, weil ich seines Rates in Demut gepflegt habe nach der Stimme des Gewissens!‹ Also möchte einer sagen und wäre zufrieden. Ich aber bin ein solcher Mann nicht, weil ich mir nicht getraue, an etwas mich herzlich zu freuen, aus Furcht, daß es nicht anhalten und allzu rasch verschwinden werde. Täusche ich mich jedoch darin, so will ich es meinem lieben Herrgott im Himmel immerdar danken.«
Und er blickte in den blauen Himmel hinauf und machte ein ernsthaft Gesicht, das gar finster aussah. Das bemerkte der Pförtner noch, als Heinrich am Leech angelangt war und in das Haus der Deutschherren schritt; denn jener sprach:
»Geselle, schenkst du mir einen guten Tag, so mache keine bösen Falten dazu. Du hast noch eine glatte Stirn; warte, bis die Zeit dir die Jahre, die du ihr schuldest, in Kerben einschneidet. Das wird sie getreulich tun, so dir wie mir, der ich alt bin. Doch ist mir ein fröhlich Antlitz willkommener denn eines, worüber der Schatten eines Raben geflogen ist.«
Da lächelte Heinrich ein wenig und erwiderte: »Bruder Stockald, Ihr seht mehr, als ich Euch zusprechen kann; denn ich bin ein fröhlicher Bursche, der immer sagt: Nimm's, wie du's findst. Und find' ich Euch wohlgemut, so verdrießt es mich nicht, das weiß Gott.«
Und er schritt hinein zum Kastner, legte seine Rechnung und empfing das Geld.
Als er wieder in den Hof kam, sah er durch das Gatter den Gartenmeister in den Beeten schaffen und Pflänzlinge einsetzen. Dieser rief ihn zu sich, und Heinrich ging in den Garten und gesellte sich auf eine Weile dem freundlichen Manne und sprach: »Bruder Pilgram, Ihr schafft rüstig!«
»Wie sollte ich nicht, Geselle Heinrich! Scheint doch die Sonne, das Erdreich ist warm und feucht, und der Brodem, der aufsteigt, duftet mir ins Herz. Noch liegt der Schnee auf der Kuppe des Schöckels und die Gleinalpe ist weiß, doch auf dem Rosenberge grünt es, und es blüht in den Tälern. Arbeit schafft uns Zufriedenheit. Nimmt dich das wunder? So lange du wirkst, lebst du: das sag einer dem andern.«
»Jawohl. Seid Ihr auch glücklich, Bruder Pilgram?«
»Was heißt das, glücklich, mein Geselle? Ich bin ein alter Mann und tanze nicht mehr. Hab' auch wenig im Leben getanzt. Ich habe Genügen; das ist alles. Beginnt es zu sprossen, so lebe ich jedes Frühjahr aufs neue auf mit meinen Pflegekindern, den Pflanzen vielgestalteter Art. Man sagt: der tanzt gut, dem das Glück aufspielt; aber der schreitet geruhig, der den Tanzlärm weit im Rücken hat, wie ich, und mit keinem wüsten Kopfe zu Bette geht, wenn das Spiel aus ist. Mit mir hat es in all diesen Tagen keine Not mehr. Du aber, Geselle, magst noch tanzen.«
»Das ist wahr, Bruder Pilgram. Wo ich vor mich hinschaue, da wächst ein Tanzboden heraus. Meint Ihr nicht?« Und er lächelte ein wenig.
Darauf sprach jener: »Sei nicht vorlaut, mein Geselle. Dein Kopf steht immer zwischen den beiden Achseln, wo du auch hinschauen magst. Du bleibst der gewisse Heinrich Harer. Und ist in deinem Kopfe klarer Wein, so kannst du das Leben genießen. Sage nur niemals: Wann hab' ich nicht gewollt, dann hab' ich gesollt; und alles ist gut.«
Er setzte den Fuß auf die Gartenschaufel, grub in die Erde und warf die dunkle Scholle auf. Da splitterte etwas unter dem Grabscheite, und es waren Scherben, die in der Erde lagen.
»Siehe da,« sprach er, »tönerne Scherben!«
Er bückte sich, las die Bruchstücke auf und warf sie zur Seite.
»Das mag lange in der Erde gelegen haben. Oftmals schon stieß meine Schaufel auf solch irdenes Geräte, und viele solcher Gefäße stehen unversehrt im Hause. Die hat der Spittler an sich genommen und verwahrt darin allerlei, was er zu Heilmitteln für die Siechen zusammenstellt oder braut. Siehe, da ist wieder so ein Ding!«
Er hob eine kleine Vase auf und reinigte sie von der feuchten Erde, die daran klebte.
Das Ding mit dem schlanken Leibe und dem zierlichen Halse gefiel dem Gesellen gar wohl, und er sprach: »Wenn ich es hätte, das Gefäßlein, ich wollte es mir verwahren.«
Und der Gartenmeister erwiderte: »Trag es dem Bruder Spittler hinauf, vielleicht schenkt er es dir, denn er hat schon viel davon auf dem Gesimse seiner Arzneistube stehen.«
Das ließ sich Heinrich gesagt sein, nahm das fremdartige Ding und begab sich damit zum Spittler hinauf. Dieser war ein leutseliger Herr und hörte das Anliegen des Gesellen mit Vergunst an. Er sah ihm freundlich ins Antlitz und sprach dann schalkhaft:
»Heinrich Harer, ich habe dir schon längst etwas Gutes zugedacht, weil dein Gebäck uns ohne Tadel zu Hofe kommt. Dies nun hier ist ein gar wundersames Gefäß, das du mir gebracht hast, und dein guter Geist hieß es dich von mir begehren. Denn es stammt aus grauen Zeiten und ward aus dem heiligen Lande nach der Stadt Rom getragen. Und da die Römer vor vielen, vielen Jahren auch hier hausten, so haben sie es in der Erde zurückgelassen und verborgen wie ein seltenes Gut. Aber zum Schatze soll es erst für dich werden durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes, was ich aus dem heiligen Lande mitgebracht habe: etwas von einem köstlichen Elixiere. Und so lange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Das merke dir.«
Und er ließ den erstaunten Heinrich stehen, ging in ein Nebengemach und kehrte nach einer Weile mit dem Gefäße zurück. Das war nun mit einem dichten Stöpsel versehen, und etwas wie ein lieblicher Rosenduft stieg daraus empor, trotzdem es sorglich verschlossen war.
»Da nimm, Heinz. Du trägst nun die Zufriedenheit nach Hause, die ist in diesem Gefäße verschlossen. Verwahre es wohl und öffne es niemals, sonst fliegt sie dir davon.«
Er entzog sich dem Danke des Gesellen, der zufrieden mit seinem Schatze in die Stadt zurückging. Zu Hause gab er das empfangene Geld der Frau Walburga, stieg sodann in seine Stube hinauf und verwahrte das wundersame Gut gar sorglich in der Truhe, und dachte noch viel darüber nach, daß er nun die Zufriedenheit bei sich geborgen habe und allen Übeln, die ihn sonst angefaßt, hinfürder stattlich begegnen könne.
Er spottete zwar selber über sich und sprach: »Herz, stelle dich ungebärdig, wie du willst, du hast nun die Zufriedenheit!« betrachtete jedoch das Ding mit Scheu, und der Wohlgeruch, der daraus emporstieg, behagte ihm auf seltsam liebliche Weise.
Seinem Mitgesellen Jost Seydlin aber konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß etwas aus der Truhe heraus die Kammer durchduftete, und Heinrich teilte ihm auch mit, daß er ein kleines Töpfchen von Meister Altfried, dem Spittler bei den Deutschherren, bekommen habe und daß er es niemals öffnen dürfe; aber von der geheimen Kraft der Zufriedenheit, die darin verborgen war, berichtete er nichts, weil er selber nicht ganz daran glaubte und doch sich scheute, seinen Unglauben zu verlautbaren.
Dem Jost Seydlin gefiel das Ding, als er es ihm zeigte, gar wohl, und er begehrte es selber zu besitzen. Doch um Geld war es nicht feil und Jost Seydlin sprach mitleidig: »Das ist etwas für ein Weib, das eine feine Nase hat; was willst du damit, Heinz?«
Worauf jener erwiderte: »Daß ich es besitze, dessen bin ich zufrieden. Da sollst du nichts dawider haben, Geselle Jost. Ich will mich an seinem Geruche so lange erlaben, als ich zufrieden bin.«
Und er lächelte ein wenig, als er so sprach.
Jost ließ es dabei bewenden, denn er war gutherzig und mochte sonst auch jedem gönnen, was einer besaß.
Da geschah es aber, daß ein Gesellenschießen des Montags auf Pfingsten stattfand und die Innungen auf die Morellenwiese mit Armbrust und Zielbolzen hinauszogen. Heinrich Harer und Jost Seydlin waren auch dabei und wurden in die Rotte der Bäcker, Müller und Metzger eingeschrieben.
Es war ein gar festlich und fröhlich Treiben auf der Wiese, und viele bewährten sich als gute Schießgesellen, die um die ausgestellten Kleinode warben. In aufgeschlagenen Zelten saßen die Frauen und Mägdlein wohlgeschmückt, in festlicher Tracht, und sie ergötzten sich ehrsam und lobten jeden trefflichen Mann. Auch die alten Meister saßen beim Pfingstbiere und Weine inmitten ihrer Sippe als Häupter, lobten Sankt Martin, indem sie sich gütlich taten, und sprachen sich zustimmend aus über jeden gelungenen Schuß; denn es war eine gute Gesellenschaft zusammengeströmt, die mochte jedweder Innung zum Frommen sich reichlich Lob verdienen.
Der Abstand von den Scheiben ward bis zu 140 Schritten abgemessen, und jeder mußte ehrlich mit schwebendem Arm und aufgereckt schießen, wie es die Satzung gebot. Heinrich Harer und Jost Seydlin hielten sich wacker: die Zielbolzen, die mit ihren Namen bezeichnet waren, staken zumeist im innersten Zirkel der Scheibe. Endlich traf Heinrich zweimal den Nagel und war nahe daran, den ausgesetzten Preis von drei Goldgulden zu gewinnen.
Da sprach Jost Seydlin zu ihm: »Geselle Heinz! wenn ich dreimal den Nagel treffe unter den neun Schüssen, die mir noch bleiben und dir den Preis entraffe, was wirst du dazu sagen?«
Worauf Heinrich erwiderte: »Jost, das mag nicht sein.«
Und jener: »Was soll die Wette gelten? Ich will es Sankt Martin geloben.«
»Was du setzest, Jost; ich setze dagegen.«
»Wohlan denn, Heinz, ich wette mit dir um das Töpfchen, was in deiner Truhe liegt und das dir der Meister Spittler vom Deutschherrenhause geschenkt hat und setze dir dagegen mein welsches Weidmesser, dessen Griff mit Silber eingelegt ist.«
Heinrich sprach: »Das gilt.«
Da geschah es, daß Jost Seydlin dreimal den Nagel auf den Kopf traf und damit den Preis und zugleich Heinrichs Vase der Zufriedenheit gewann. Jost Seydlin war ein schmucker Geselle, und die Mägdlein sahen heimlich und offen auf ihn und lächelten ihm auch wohl zu; Heinrich aber war verdrießlich.
Ein Tanz im Grünen folgte auf das Schießen, und da tat sich Jost auch regsam hervor und war vergnügt.
Des anderen Tages öffnete Heinrich die Truhe und gab seinem Mitgesellen das Gefäß, das jener gewonnen hatte, und dachte bei sich:
»Nun ist es mit der Zufriedenheit wieder aus! Meister Altfried, der deutsche Herr, hat es gewiß gut mit mir gemeint. Doch sei es! ich bin nicht geboren, um zufrieden zu sein.«
Jost Seydlin betrachtete das Ding eine Weile und hatte sein Behagen daran; nach einiger Zeit aber sprach er: »Das wird einem schönen Weibe besser in die Nase duften als mir;« und schenkte es der Meisterin. Diese nahm es willig an, weil die Vase überaus zierlich war, und stellte das Geschenk mit freundlichem Danke in ihren Almer zu Kräutern und Heilsalben, die von Zeit zu Zeit für das Haus gebraucht wurden. So besaß nun Frau Walburga das Gefäß, das Heinrich Harers Zufriedenheit sollte sein. Sie aber sprach zu sich:
»Warum hat nicht er selber daran gedacht, mir das Riechtöpfchen zu verehren, bevor er es an Jost Seydlin durch eine Wette beim Gesellenschießen verloren hat, wie mir dieser erzählt hat? Er geht halt andern Dingen nach, als sich mir gefällig zu zeigen, und daß ich viel an ihn denke, dessen wird mir wohl guter Rat. Er will sich keine Gunst von mir erwerben, darum soll sein Lob auch nicht von mir gemehrt werden.«
Und ihr Antlitz, das unter dem blonden Haare heiter wie Tageslicht scheinen konnte, wenn ihr Herz guten Mutes war, wurde wie von einem Wölklein bedeckt, sobald sie Heinrich Harer erblickte. Dieser aber sagte sich:
»Ich weiß nicht, was an der Sache ist; jedoch meine Zufriedenheit habe ich verloren. Immer mehr wird es klar: Meister Altfried hat es redlich mit mir gemeint, und nun habe ich freventlich mein Gut dahingegeben. Das ist zur Zeit in einer Frauen Händen, deren Wille sich wenig glimpflich zu mir neigt, was ich nicht um sie verdient hätte, der ich mich ihres Dienstes fürsorglich angenommen habe. Aber das macht es, weil meine Zufriedenheit nicht mehr bei mir, sondern bei ihr steht; und darf ich verlangen, daß sie mir solche wiedergebe? Nein. Wie sollte ich ihr mit diesem Ansinnen nahen dürfen? Ich will's auch nicht.«
So blieb er unmutig wie vorher, während Jost Seydlin fröhlich mit sich und andern war. Frau Walburga hörte ihm auch freundlich zu, wenn er erzählte, wie trefflich er die Armbrust geführt; auch durfte er mit Fug den Zielbolzen rühmen, der ihm den Preis von drei Goldgulden gewonnen hatte. Sie lachte wohl mit ihm, aber als er ihr einmal zu nahe ins Auge blicken wollte, sprach sie als Meisterin:
»Geselle Jost, diese und jene Arbeit ist nicht getan; merk' auf den Lehrjungen, der feiert, weil du plauderst. Auf mein Gewerk muß ich sehen, daß meine Habe nicht schwinde. Wie sollte ich arme Witib mein Leben fristen, wenn ich nicht darüber wachte, daß alles von statten gehe und daß die Kundschaften zufrieden seien, wiederkommen, wenn sie gegangen sind, und Braun- und Weißbrot der Rebenbäckerin loben! Dabei wird die Habe gemehrt und ich darf mich sehen lassen. Wer hilfe mir sonst! Eine alleinstehende Frau muß in allem zwiefach fürsorglich sein, auf daß die Wirtschaft nicht den Krebsgang wandle. Dazu gehört aber, daß die Knechte ihren Fleiß daran legen, die Arbeit zu fördern!«
»Meisterin,« frug Jost darauf, »müßt Ihr denn immer allein stehen?«
Und sein hübsches Gesicht ward noch lebendiger als zuvor.
Rasch erwiderte sie: »Habe ich dir darüber Rechenschaft abzulegen, ob ich allein stehen mag oder nicht? Soll ich dich etwa um Rat fragen, mit wem ich zur Kirche gehen und zu wem ich mich fügen soll! Du gütiger Heiland, mit den Hauswirten hat es auch nicht lauter Trost, wie ich an meinem Herrn Mennhart erfahren habe, der noch keiner von den schlechtesten war und den Gott selig ruhen lasse! Da muß denn eine Frau vorsichtig sein und nichts übereilen!«
»Meisterin, wenn aber einer käme, der das Handwerk auf fremdem Boden schon gegrüßt hat; der zwar noch kein Altgeselle, aber es bald werden kann; leidlich jung und frisch, aus ehrsamem einheimischem Hause, dessen Vater ein gut Stück Geld in seine Hände zu legen vermöchte, um die Wirtschaft zu mehren; einer, der Euch holden Mut trägt: was würdet Ihr einem solchen zur Antwort geben?«
Da lachte sie hell auf und sprach: »Das weiß ich nicht. Müßte mir ihn wohl eher genau ansehen.«
»Und dann –?«
»Dann möchte ich sagen: Kommt morgen wieder!«
»Und wenn er morgen wiederkäme?«
»Dann wollte ich ihm sagen: Kommt so lange morgen, bis ich Euch sage: Morgen ist heute.«
»Das will ich mir merken,« sagte Jost Seydlin mit zarter Stimme.
Sie aber sprach mit köstlich hellem Lachen: »Geh', geh', Geselle. An die Arbeit. In die Backstube! Da magst du dich erkühlen. Das sei dein Lohn, weil du so mit mir redest.«
Und Jost Seydlin ging von dannen und war rot vor Freude, weil das Auge der Frau ihm zugeglänzt hatte. Er verstand sich auch darunter alles Gute und war mit sich zufrieden. Er dachte sich: »Du bist auf fremder Erde gewandert, Jost, und dir ward sauer und süß bekannt; warum sollst du nicht darauf denken, dir den eigenen Hausstand zu gründen mit einer Frau, deren junger, stolzer Leib noch wie magdlich blüht? Das laß dir gesagt sein, Jost.«
Und er machte einen Freudensprung, als er in die Backstube trat. Dort lag ihm ob zu schaffen, wie es einem ehrlichen Gesellen in seinem Gewerke geziemte: das Brot nach gutem Gewichte kräftig und nahrsam reifen zu lassen, denn der Altgeselle Heinrich war diesmal abwesend und in die Mühle nach Leuzendorf gegangen; weshalb Jost zu allem sehen, überall Hand anlegen und alles überwachen mußte. Dabei war sein Sinnen so wohlgemut und wonnesam in die Zukunft gerichtet, daß er seines Werkes zur Stunde weniger sorglich achtete, als es sonst geschehen wäre.
Das wurde denn am nächsten Tage in unerfreulicher Weise ruchbar. Denn als an einem Wochenmarkttage standen auf dem Platze vor der städtischen Schranne die Bäcker in den Brotbänken und hielten feil. Auch Frau Walburga waltete mit dem Lehrjungen Cyprian, der ihr zur Hand ging, ihres Gewerkes und des Verkaufes.
Der Brotschreiber, Meister Niclas, kam und prüfte das Gewicht alles ausgestellten Gebäckes nach Satzung auf der Wage und tat auch so mit dem Brote der Rebenbäckerin. Da zog er seine Brauen plötzlich empor; er nahm einen zweiten Laib und fand das nämliche wie vorher; er nahm einen dritten Laib und das Ergebnis blieb das gleiche, worauf er verkündete:
»Nach Inhaltung und Ordnung der Brottafel allhiesiger Stadt Graz wird das Gewicht eures Brotes, Frau Walburga Mennhartin, als ungenügend und zu gering befunden; denn es fehlen satzungsgemäße sieben Lot auf das Pfund; weshalb erstlich der Preis von vier Pfennigen auf die Hälfte herabzusetzen ist und Ihr, Frau Walburga Mennhartin, sodann der herkömmlichen Buße verfallen seid.«
Damit ging er und die Rebenbäckerin blieb bestürzt zurück. Ihr war der Markt verdorben und sie dachte, daß sie entgelten müsse, was Spruch und Forderung der Altmänner von ihr heischen würden. Da litt es sie nicht länger zu verweilen, sie verließ den Markt und ging in das Haus des Zunftmeisters, Adam Grasweins. Dieser hatte schon durch den Brotschreiber von dem Ereignis vernommen und mochte gerne ein strenges Antlitz zeigen, jedoch gelang ihm dies der jungen Rebenbäckerin gegenüber nicht gänzlich, als er sie bestürzt in die Stube treten sah. So sprach er denn freundlich:
»Ei, Frau Walburga, Ihr bringt mir böse Mär. Wahrlich, Ihr habt Euch nicht guter Dinge beflissen, als Ihr Euer Brot mit unechtem Gewichte zu Markte brachtet. Da müßt Ihr Buße leisten, wie es die Satzung heischt. Und ist es mir leid, weil es Euch betrifft, eine junge, ehrsame Witib, so vermag ich Euch doch nicht zu helfen. Setzt Euch hieher, liebe Frau!«
Und sie erwiderte: »Meister Graswein, ich habe bisher immer mein Gewerk in Ehren geführt und noch weiß ich nicht, welch böser Zufall dies zuwege gebracht hat, einen meiner Knechte also zu betören, daß er des rechten Maßes und Gewichtes vergessen hat. Nun sagt mir, was soll die Sühne sein?«
»Die Sühne, Frau Walburga! Ei, Ihr müßt ein Bad in der Mur nehmen, weil Ihr so hübsch seid.«
»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«
»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre. Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. – Das ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun, werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter, einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum, liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der Ehe ihren Lauf.«
Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und ging in ihr Haus.
Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:
»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr unterscheiden konntest.«
»Besänftigt Euer Gemüt, Meisterin,« erwiderte Jost demütig. »Ich weiß von keinem andern süßen Weine, als daß ich Euch zu tief in die hellen Augen geblickt habe, und davon ist mir allerdings eine solche Wirrnis im Haupte erwachsen, daß ich des rechten Gewichtes verfehlt habe. Auch hat vielleicht die Katze am Backtroge gerochen, was alleweil Unheil bringt, wie Ihr wißt, obgleich ich dem Lehrjungen Cyprian aufgetragen, der Katzenwache zu pflegen.«
»Schweig mir davon, böser Schalk, und rede dich nicht auf die Katze aus. Was du getan hast, das ist mir zum Schaden geschehen. Und soll ich etwa schuld sein, daß du keine Augen im Kopfe hast?«
»Meisterin, eben weil ich Augen im Kopfe habe, die von Eurer Holdseligkeit zu sehr erfüllt wurden, habe ich nicht klar gesehen.«
»Höre, Geselle! dieses Werkes, mich unnützerweile anzublicken, sollst du ledig stehen und dich deiner redlichen Arbeit annehmen. Ach, ich armes Weib, nun soll ich ihn gar verblendet haben, daß er Übles schaffe!«
»Nein, Meisterin, Ihr könnt nur zu gutem Schaffen anregen.«
»Schweig still und bring mich nicht noch mehr auf! Deine sanfte Rede achte ich keine Bohne wert, wenn du kein getreuer Knecht bist, der für die Ehre der Wirtschaft sorgt. Was soll nun daraus werden? Kennst du die Sühne, die auf unrechtes Brotgewicht steht?«
»Ich kenne sie, Meisterin; es ist die Bäckerschupfe. Doch nehme ich die Strafe willig auf mich und gehe für Euch gerne ins Wasser, der ich für Euch lieber durchs Feuer ginge. Was ist auch in dieser Sommerzeit schlimmes um ein Bad in der Mur? ich lasse mich gerne da hineinschnellen, und lachen die Leute, so lache ich mit. Weiß ich doch, daß Euch damit alles wieder ins gleiche gebracht wird, was durch dieses mein leidiges Versehen verschuldet wurde.«
»So? Du willst die Strafe für mich auf deinen Leib nehmen?«
»Das ist mir eben und recht, Meisterin.«
»Das mag nicht sein, Jost. Du könntest dich im Wasser erkälten, denn du bist ein überaus zierlicher Geselle. Mir wäre leid um dich. Das muß Heinrich Harer, der Altgeselle, tun, nicht du.«
»Aber, Meisterin, wenn ich mich der Sühne mit Herzenslust unterwinde um Euretwillen und um meines eigenen Fehles willen, was habt Ihr dawider? Ich bitte Euch, so Ihr mir Gunst erweisen wollt, einem, der Euch immerdar getreulich zu dienen hofft, – so laßt mich tun, wie ich gesagt habe.«
»Nein, das mag nicht sein, Jost. Um dich wär' mir bange, daß du dich zu rasch erkühlen könntest. Heinrich ist härter als du, und mag sich dem billig unterwerfen. Laß es dir gesagt sein und widerrede mir in nichts, soll ich dir fürder gut sein.«
Und ihre hellen Augen lachten ihn an, ob freundlich, ob spöttisch, daß wußte er nicht zu deuten; doch war er zufrieden mit sich.
Sie aber dachte: »Wer gibt mir einen gesunden Rat, wie ich Heinrich Harer dazu gewinnen möchte, daß er mir gehorsam sei?«
Und als dieser aus der Mühle heimkam, rief sie ihn freundlich in ihre Stube und hieß ihn, sich nahe zu ihr setzen, weil sie um eine wichtige Sache mit ihm Rat zu pflegen hätte. Sie teilte ihm zuvor das Ereignis haarklein mit, um zu sehen, wie er sich dazu verhalten würde.
Heinrich sprach: »Das ist uns ein Schade und ein Spott. Wie konnte sich Jost also vergessen? Was hat ihm so kläglich den Sinn verwirrt?«
»Was ihm den Sinn verwirrt hat, Heinrich, wie soll ich das wissen? Doch ist geschehen, was nicht zu ändern ist. Aber wenn du mir hilfst, so habe ich nimmer Sorge um mein Leben. Du sollst dich für mein Haus und Gewerke der Sühne unterziehen, und alles wird wieder eben sein wie vorher.«
»Ich? Was sagt Ihr? Das soll Jost tun. Wer kann mich des verübten Fehlers zeihen?«
»Niemand. Aber wenn du die Strafe um meinetwillen auf dich nimmst, so bist du mein Stellvertreter und gibst mir in meiner Bekümmernis ganze Freude, Heinrich.«
»Meisterin, wie könnt Ihr verlangen, daß ich ins Wasser geschnellt werde um etwas, was ich nicht begangen habe, und daß ich dann in törichter Weise umhergehen soll? Das wäre mir leid.«
»Heinrich, mir liegt es am Herzen, daß ich kein Leid an dir sehe; aber auch du sollst mich aus meiner Kümmernis erretten und mein Gewerk wieder frei machen dadurch, daß du dich fügest. Laß dich den Spott der Leute geringe achten; du bleibst nach wie vorher ehrlich und hast meinen Dank gewonnen.«
»Nein, Meisterin.«
Da seufzte sie und sprach:
»Ach, ich armes Weib, wie freundlos und verlassen stehe ich in der Welt, und niemand nimmt sich meiner an.«
Und eine Träne blinkte in ihrem Auge.
Da ward Heinrich bewegt und sagte:
»Meisterin, Ihr tut mir unrecht!«
»Nein; da hast du meine Hand, ich will nichts von dir begehren, was dir unmöglich dünkt zu erfüllen.«
Sie reichte ihm die Hand, die sie lind in die seine schmiegte, und in ihrem blauen Auge blinkte noch immer die Träne, als sie sich bekümmert gegen ihn neigte, und er vermeinte das warme Blut ihres jungen Leibes gegen sich rauschen zu hören; doch war es nur sein eigener Herzschlag, der rascher ging. Und da geschah es, daß er plötzlich einen leisen, feinen Duft einatmete, der ihm überaus köstlich schien; der kam aus dem verschlossenen Kasten, in welchen Frau Walburga die Vase gestellt hatte, die Heinrich vom Meister Spittler, dem Deutschherren, bekommen hatte. Ohne daß er wußte woher, stieg es wie eine bezaubernde Zufriedenheit in seinem Herzen auf; sein dunkler Blick, der noch immer nach der Träne in der Meisterin Auge sah, erglänzte wärmer, und er dachte:
»Wer mag ihr widerstehen, so sie bekümmert ist und holdselig wie nie vorher! Sie wirrt mir beinahe den Sinn.«
Und er sprach: »Meisterin, sei es Torheit oder nicht: ich will tun, was Ihr mich heißet.«
Da dankte sie ihm mit Lächeln und freundlichen Worten:
»Wohlan, du treuer Knecht, du hast es um mich verdient, daß ich dich immer in Ehren halte. Nun geh an deine Arbeit! ich will es dem Meister Graswein vermelden, daß du als mein Stellvertreter die Buße auf dich nimmst.«
Heinrich ging, und als er aus dem Bereiche des jungen Weibes gekommen war, sprach er: »Du hast dich in einen törichten Handel eingelassen, Geselle; aber wer war noch nie ein Tor, so ihn ein Weib dazu machen wollte? Das hörte ich immer sagen und habe es nun an mir selber erfahren.«
Und er war wieder unzufrieden; denn das Gefäß der Zufriedenheit besaß Frau Walburga.
Sie aber ging zu Meister Graswein und teilte ihm mit, daß Heinrich Harer ihr Stellvertreter sei. Das lobte der Zunftmeister und hielt Heinrich für den rechten Mann, Haus und Ehre zu behüten, welche letztere nach vollzogener Sühne wieder hergestellt sein werde. Weil Heinrich sich mit gutem Willen ihres Dienstes bisher immer beflissen habe, so sei er es wert, Gunst von ihr zu empfangen. »Und ist er erst dein trauter Ehewirt, so wird er noch deine Habe mehren, liebe Tochter, obzwar dein Anwesen schon jetzt stattlich ist und du des guten Ackers vor dem Tore und des Weingartens am Rosenberge nicht entbehrst, wie ich weiß. Das sei dir auch herzlich gegönnt, daß du dich wieder mit einem guten Meister deines Lebens freuen magst, denn dir jungem Weibe ziemt solches gar lieblich, wenn auch deine Wange noch mehr erröten wird, als wie jetzt, da ich dieses in Ehren sage.«
»Aber, Vater Graswein,« sprach sie, »wie denkt Ihr gleich so vieles! Behüte mich Gott, daß ich etwas übereilen sollte, was noch lange nicht so nötig ist, als Ihr meint. Habe ich gesagt, daß mein Knecht Heinrich mir so zu Gesichte steht, daß ich nicht an ihm vorbeiblicken könnte? Ach, da müßte ich verunehrt sein, und mein guter Ruf wäre geschmälert! Das sollt Ihr nicht denken, Meister Graswein.«
»Nun, nun, Tochter!« begütigte er sie; »das wird sich alles zur Zeit fügen, und ich gedenke bald fröhlich zu sein, nämlich, wenn du Hochzeit hältst.«
»Das wird noch lange nicht sein,« sagte sie und lächelte dem Altmanne freundlich zu, der ihr auch bedeutungsvoll zunickte, und so schieden sie.
Heinrich aber wartete mißmutig auf den Tag, der ihm von den Zunftältesten, die zur Frist Morgensprache an der Lade hielten, mit Spruch und Forderung bestimmt wurde, für die Verletzung der Brottafel in herkömmlicher Weise zu büßen. Es war der St. Jakobstag, und zwar zur Zeit des Sonnenunterganges, da die Bäckerknechte, die an ihm das Urteil vollstrecken sollten, Feierabend hatten.
Zur bestimmten Zeit bewegte sich denn der Zug mit dem armen Sünder in der Mitte, von einem großen Haufen Volkes geleitet, vom Zunfthause im Sacke aus durch das innere und äußere Murtor bis zur Brücke und schwenkte nach rechts in den Wehrgang ab, der zwischen Strom und Ringmauer lag. Dort war der Schneller errichtet, in dessen Korb sich herkömmlicherweise der notdürftig bekleidete Büßer setzen mußte, um in die Mur geschnellt zu werden. Dann wartete seiner ein Nachen im Wasser, um ihn herauszufischen; und darauf kam der allerspöttlichste Schluß der peinlichen Handlung, indem der getauchte Sünder durch die Gasse der johlenden Volksmenge heimrennen mußte, um sich zu trocknen.
In solcher Weise begann denn auch jetzt das Schauspiel und nahm seinen Verlauf.
Heinrich setzte sich in den Korb, versuchte zu lächeln und blickte finster. Die Stange des Schnellers stand schräg über den Strom geneigt; die Seile, welche in den Rollen gingen, wurden angezogen und der Büßer schwebte hinan; dann ließen die Knechte die Seile plötzlich fahren und der Korb mit dem Insassen wurde dermaßen in die Flut geschnellt, daß die Woge darüber hinwegrauschte und kein Haar am Kopfe des Büßers sichtbar blieb.
Alsogleich begannen sie den Korb wieder emporzuwinden, der Nachen war bereit, um den Getauchten aufzunehmen; aber da war das Unerhörte geschehen: ein Schrei des Staunens und des Entsetzens erhob sich, denn der Korb war leer. Hatte der Darinsitzende sich nicht an den beiden Henkeln festgehalten, oder geschah es durch andere Ursache, genug, die Woge hatte ihn mitgerissen, er war fortgespült worden: Heinrich Harer war verschwunden.
Die Sonne war hinter dem Frauenkogel untergegangen, der Strom floß halb im Dämmer, halb im Lichte des Abends dahin, und wie auch alle spähen mochten, kein menschlicher Leib war fernab in der Flut zu erblicken. Ausrufe des Bedauerns und der Klage erhoben sich laut und lauter: »Er ist tot! er ist dahin, der wackere Heinrich ist verschwunden. Die Mur trägt seinen toten Leib nach Wildon hinab!« Nur einige besonnene Männer meinten, daß Heinrich unter dem Wasser davongeschwommen sei.
Dieses glaubte auch Jost Seydlin, dem es bekannt war, daß sein Geselle trefflich schwimmen und auch eine beträchtliche Strecke unter dem Wasser den Atem an sich halten konnte, wie er es gesehen hatte, wenn jener in Leuzendorf an der Mühle zu baden pflegte. Freilich schien ihm die Sache nicht geheuer, denn er dachte: Heinrich ist stark, aber die Mur ist doch stärker; und da er sich die Schuld an dem ganzen Ereignis zumessen mußte, so ward sein Herz bedrückt. Doch entschlug er sich wieder bald der Sorge, indem er allen, die umherstanden, sagte: »Sorgt nicht! Heinrich, der kühne Geselle, geht nicht unter. Das hat er mit freiem Willen getan, um nicht gebadet wie eine Maus unter dem Spotte des Volkes heimrennen zu müssen. Das glaubt mir!«
In gleicher Weise suchte Jost Frau Walburga zu beruhigen, die tödlich erschrocken war, als sie zu Hause das Ereignis vernommen hatte, und zunächst in Klagen ausbrach, dann Jost des ganzen Handels zu beschuldigen anfing, so daß er zerknirscht von dannen schlich, jedoch zwischen den Zähnen immer noch murmelte: »Ich verwette meinen Kopf, daß Heinrich heil davongekommen ist.«
Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, die Bürger der Stadt hatten den Fall sattsam besprochen und dann ihre Haustüren geschlossen und sich zur Ruhe begeben. Frau Walburga jedoch konnte keinen Schlaf finden; sie saß einsam in ihrer Stube und klagte und rang mit Angst und Hoffnung. Es war dunkel um sie; kaum sandte von außen der halbe Mond etwas Licht herein, der gegen Westen am Himmel stand, und dunkel war ihr Herz und kaum von halber Hoffnung durchleuchtet.
Sie dachte: »Seh' ich Heinrich noch einmal in meinem Leben wieder, so will ich ihm alles Gute, was ich vermag, erweisen, ich armes Weib! Ist es aber, daß er gestorben ist, dann will ich keine Freude mehr im Leben haben. Hilf mir, heilige Walburga, mit deiner Fürsprache, und ich will dein Andenken mit zwei der schönsten Wachskerzen minnen, die Meister Sebald, der Lebzelter, in seinem Laden hat! Auch will ich an der Kirchtüre den Armen durch drei Wochen teilen, so viel ihrer dort stehen, das gelobe ich dir!«
Da tönte ein leiser Laut durch die dunkle Stube: »Frau Walburga!«
Sie schrak zusammen, so daß ihr Busen sich ungestüm hob und senkte, und sie lauschte ängstlich.
Deutlich vernahm sie noch einmal den Ruf: »Frau Walburga!« und er tönte vom Fenster her.
Sie raffte sich auf und schritt hoffend und zagend dahin und siehe! draußen schmiegte sich ein Antlitz ans Gitter, und zwischen den Blumenstöcken hindurch erkannte sie im Dämmerlichte der Nacht Heinrich, der an dem Weinrebenstocke an der Giebelseite des Hauses emporgeklettert war und sie mit Namen anrief.
Sie frug ihn mit unterdrücktem Jauchzen freudiglich: »Heinrich, bist du es?«
»Ich bin's,« flüsterte er, »die Haustüre ist verschlossen, öffnet mir, Meisterin.«
»Warte,« flüsterte auch sie, »ich komme hinab. Ach, es sieht dich wohl niemand vor meinem Fenster?«
»Die Rebenblätter verbergen mich, Meisterin,« antwortete er.
»Laß dich wieder hinab, Heinrich, ich komme gleich.«
Sie zündete ein Lämpchen an, nahm den Hausschlüssel von der Wand und ging leise auf den Zehen die Stiege hinunter, barg das Flämmchen mit der Hand und öffnete die Türe. Er kam herein und sie verschloß wieder die Haustüre, faßte ihn bei der Hand und sprach: »Komm, daß dich niemand sehe!«
Das Gesinde schlief schon, nur aus dem hintern Gebäude, wo die Backstube lag, drang ein Lichtschein in den Hausflur und sie führte ihn hinauf in ihre Stube. Dort angelangt, stellte sie das Lämpchen auf den Tisch und sprach: »Du hast dich in dem Murwasser erkältet, Heinrich.«
Sie öffnete rasch eine Spinde und gab ihm ein Kleid, das einst Herr Mennhart getragen hatte, und gebot ihm, sich darein zu hüllen, daß er sich erwärme, während sie sich abwandte.
Heinrich tat nach ihrem Geheiße, und dann kehrte sie ihm ihr ängstliches und doch lachendes Antlitz zu und sprach: »Ach, wie hab' ich mich um dich gesorgt! Wie warst du so verwegen, dem Strom zu trauen! Doch es hat dir nicht geschadet, du lebst und bist da. Wie war ich bekümmert! Ich hätte in meinem ganzen Leben keine frohe Stunde mehr gehabt, wenn dir etwas zugestoßen wäre! Du Armer, hast mein Gebot erfüllt und nur ich wäre schuld an deinem Untergange gewesen! Aber nun ist's gut, und ich will es Gott und allen Heiligen herzinniglich danken, daß dir kein Unheil widerfahren ist. Wie hast du es nur angestellt, böser Knecht, mich so zu verwirren und auch alle Leute, die nichts mehr von dir sahen, als du ins Wasser geschnellt wurdest. Man erzählte mir's.«
»Hätte ich mich sollen dem Spott des Volkes aussetzen und nach Hause rennen? dann wäre ich zeitlebens in törichter Weise umhergegangen. Nein, ich schwamm unter dem Wasser, solange ich es vermochte, und als ich wieder auftauchte, war ich auf einer dämmerigen Stelle des Stromes angelangt, wo man mich nicht sehen konnte. Dann hab' ich mich nach links in den Stadtgraben hinein gewendet; denn ich habe gewußt, daß dort am südlichen Wehrturm ein Wasserpförtchen ist, welches in Friedenszeiten immer offen steht und durch das man leichtlich hereingelangen kann. Dort hab' ich mich nahe der Mauer so lange im Schilfe geborgen, bis die Nacht gekommen ist, daß mich niemand sehen konnte, und dann schlich ich mich behutsam hindurch und bin hierher gekommen, wie Ihr seht, Meisterin.«
»So verwegen warst du, Heinrich! Und das kalte Gebirgswasser! Wie leicht hättest du dich für dein Leben verkälten können! Und deine Hände sind noch starr und kalt; ich will sie dir mit meinen eigenen wärmen. Nein, laß nur! Du hast es um mich verdient. Doch warte, so wird es besser sein.«
Sie nahm ein lindes Tuch und rieb ihm die Pulse an beiden Handgelenken eifrig; dann trocknete sie ihm die noch immer feuchten Haare an den Schläfen und richtete bald Worte des Bedauerns, bald des Vorwurfes an ihn, so daß es Heinrich warm wurde.
»Meisterin, wie sorgt Ihr so traulich um mich!« sprach er. »Mir ist unter Euren linden Händen wärmer denn je geworden, und weil ich Euch so nahe in die Augen sehe, vermeine ich schier, der lichte Mai sei gekommen, der alle Herzen zur Freude bewegt. Ihr seid mir so nahe, daß ich Euch umfassen kann, und da ist mir's, als blühte die Stube um mich her.«
»Nein, laß mich, Heinrich. Und sieh, hier am Arme bist du verwundet, du hast dich verletzt!«
»Geritzt. Das bedeutet nichts.«
»Wie du das weißt! Nein, ich habe ganz nahe eine Heilsalbe im Almer, damit will ich deines Armes pflegen.«
Sie öffnete die Tür des Kastens und nahm, wie sie meinte, das Töpfchen mit der gewünschten Salbe heraus; aber in aller Eile versah sie sich, und es war ein anderes Gefäß, was sie in der Hand hielt. Und da geschah es, daß ihr dasselbe zu Boden fiel und alsbald in Scherben zerbrach. Ein wundersamer Duft erfüllte plötzlich die Stube.
»O weh!« klagte sie, »wie habe ich fehlgegriffen! Das ist das Riechtöpfchen, welches du, Heinrich, vom Meister Spittler bekommen hast, und nicht die Heilsalbe: das liegt nun in Scherben.«
Heinrich aber ward verwirrt und dachte: »Liegt nun meine Zufriedenheit in Scherben, so muß die Fraue sie mir wiedergeben. War es mir doch vorher, als blühte die Stube um mich her. Nun blüht es in der Tat plötzlich wie von tausend Rosen; solch köstlicher Geist war in der Vase verborgen, daß davon die Stube in einen Rosengarten verwandelt ist und ich wie trunken bin.«
Dann sprach er: »Meisterin, als mir der deutsche Herr das Töpflein geschenkt hat, da pries er es als gar wundersam. Es stammt aus grauen Zeiten und ward aus dem heiligen Lande hierher getragen. Aber zum Schatze soll es erst für dich werden, Heinrich – so seine Worte – durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes und überaus Holdes. Und solange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Also war meine Zufriedenheit in dieser Vase verschlossen, die ist nun verloren. Jetzt steht aber die Sache so, daß der Geist, der darin verschlossen war, mein Herz trunken gemacht hat und unzufrieden, und nur wenn Euer Herz, Meisterin, sich zu mir in Liebe gesellt, kann ich wieder zufrieden werden. Und trunken wie ich bin, vermeine ich, daß sich das Glück zu mir gewendet hat, und ich will es festhalten und nimmer verlieren.«
Da vergaß er auf alles, begann das junge Weib zu trauten und wollte um sein Mannesrecht mit ihr dingen.
Sie aber entrang sich bald ihrer Schwäche, hielt ihn fern und faltete die Hände bittend:
»Nein, Herzensheinz! das sei dir verwehrt! Ich habe dich auch lieb, aber so deine Treue mir unverloren bleiben soll, darfst du nicht deinen Willen wider Gott vollbringen. Denn ich will früh und spät der Zucht und Ehren pflegen und nur, wenn wir zueinander gebunden sind durch das Wort des Priesters in der Kirche, dann will ich dich deiner Treue genießen lassen und dir Macht über mich geben. Denn dann steht es auch in meinem Willen, daß ich dir hold sei. Bis dahin aber bin ich dir fremd, Herzensheinz, und du sollst mir gehorchen, wenn du mich lieb hast. Dann will ich dir auch dereinst als dein Eheweib freudiglich Gehorsam leisten. Nun aber sollst du gehen, weil es nicht gut ist, daß wir länger beisammen bleiben.«
»Sei es denn!« sprach er leise. »Mein Wille und meine Zufriedenheit stehen bei dir, und darf ich um dich freien und bist du mein holdseliges Weib, so will ich Zeit meines Lebens der Unzufriedenheit widersagen.«
Und also schied er von ihr.
Da hatte die weise Frau Monika und auch Meister Graswein, der Altmann, doch recht behalten. Denn eine fröhliche Hochzeit ward am St. Martinstage gefeiert, als Meister Heinrich Harer mit seinem angetrauten Weibe aus der Pfarrkirche St. Egydi mit Festgeleite nach Hause kam. Das wird ein zufriedener Mann werden, dachte sich mancher. Am Abend tanzte auch Jost Seydlin fröhlich, und als er in die Nähe der jungen Ehefrau kam, sagte er: »Heut ist morgen, nicht wahr, Meisterin?«
»Ja, heut ist morgen und das ganze Leben.«
Jost aber dachte sich: »Ist's nicht die, so wird es wohl eine andere sein, die ich bekomme,« und war mit sich zufrieden.