Ludwig Thoma:
Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech

Eine kämpferische Natur ist Ludwig Thoma, der Peter Schlemihl des »Simplizissimus« und Mitbegründer des »März«, der unerbittliche Peitschenschwinger über alles, was ihn bureaukratisch, engherzig und heuchlerisch im lieben Bayernlande scheint, der schärfste Satiriker und urwüchsigste Humorist der jüngeren Generation und – darüber hinaus – der beste Schilderer des bayrischen Bauerntumes. Seine Fähigkeit, sich in andere Existenzen einzufühlen, ist erstaunlich: er ist »Lausbub«, Bauernbursch, ländlicher Abgeordneter, Krieger, Vagabund, ist es restlos in Denkungsart, Haltung, Ausdrucksweise, Schicksal. Nie stört eine Wendung, die im Munde des Sprechenden unecht klingt; nie tun sich Ausblicke auf, die über den Horizont des dargestellten Kreises hinausgehen. Es hieße indes das Wesen des künstlerischen Schaffens verkennen, wollte man diese auffällige Unmittelbarkeit der Schilderung als naives Fabuliertalent deuten. Sie ist im gleichen Maße auch Ausdruck einer hohen und gepflegten literarischen Kultur, die das eigene Ich des Autors hinter dem Gestalteten unsichtbar macht. Gerade dadurch, daß Thoma die Menschen und ihre Zustände für sich selber reden läßt, erzielt er soziale Wirkungen, um die sich die Tendenzschriftstellerei mit grellen Farben und dicken Unterstreichungen vergebens bemüht. Und darum wirkt auch sein Humor so außerordentlich: weil er aus den Dingen selbst hervorgeht und nicht erst von der vorgefaßten Absicht des Dichters in sie hineingelegt werden muß. Thoma, der am 21. Januar 1867 zu Oberammergau geboren wurde und vom Jus zur Literatur kam, handhabt mit gleicher Meisterschaft das pointierte politische Gedicht wie den Leitartikel, die kurze satirische Skizze wie den wuchtig ausholenden Bauernroman (»Andreas Vöst«), den auf einen witzigen und schlagkräftigen Einfall gestellten Einakter wie das Volksstück großen Stils (»Magdalena«).

L. Adelt.



Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.

Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern wird in der deutschen Welt.

Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.

Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein billiges Winterquartier verschaffen können.

Und das ist hart.

Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.

Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.

Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!

Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender Handwerksbursche. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn der Apfelbaum am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue Luft nachschaut. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn die Kornähren sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll, wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.

Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber24 in die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?

Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht, oder die Schneeflocken wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?

Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es nicht tropft.

Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. –

Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver Landesfürst.

Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in gewissen Beziehungen zu ihm.

Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.

Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.

Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen des Simon Lackner.

Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht übel, wenn seine Gendarmen grob und rauhhändig waren.

Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe liebenswürdig geschaffen.

Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?

Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm nicht innewohnte.

Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein schützendes Dach zu kommen.

Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag, hinaus.

Dort versteckte er sich in einen Holzschuppen, welcher gegenüber dem Eingange der Anstalt lag, und wartete.

Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie mit lauter Stimme:

»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«

Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise ein Winterquartier verschaffen wollte.

Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.

Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.

Man wußte es nicht mehr anders.

Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: »Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom Holzschuppen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.«

Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.

Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl is a …«

»Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen schon Ihre fünf Monat.«

Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich durch das Herzogtum Neuburg.

Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III. sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen, ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war nicht ernst gemeint.

Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die Wintersnot hinweggeholfen hat.

Ist das nicht hart?

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