Das Meßbuch des deutschen Ordens.

Zu den unter sich mannigfach verschiedenen Particular-Meßbüchern[158], welche im Mittelalter und bis zum Jahre 1570 in verschiedenen Ländern, Diözesen und Orden im Gebrauch waren, gehört auch dasjenige, nach welchem der deutsche Orden in Preußen[159] den Gottesdienst feierte.

Ein solches Meßbuch liegt mir vor. Auf die Verschiedenheit des Textes desselben von andern gleichzeitigen Meßbüchern und dem später allgemein gewordenen Missale Romanum vom Jahre 1570 einzugehen, ist hier nicht der Ort. Uns interessiert nur das Buch als Denkmal des Schrift- und Bild-Druckes.

Dasselbe ist wenig bekannt, da es eine bibliographische Seltenheit ist. Selbst Panzer (Annales typographici) kannte es nicht. Zuerst machte der bekannte Bibliograph C. B. Lengnich in seiner Beschreibung der Allerheiligen-Bibliothek in der Marienkirche zu Danzig, in Meusel’s historisch-literarisch-bibliographischem Magazin (Zürich, 1791 ff.), auf den bibliographischen Werth desselben aufmerksam. Sodann wies Th. Hirsch in seiner vortrefflichen Geschichte und Beschreibung der Oberpfarrkirche St. Marien zu Danzig (Danzig, 1843), Bd. I, S. 213, auf den historischen Werth desselben hin. Endlich hat Domcapitular Dr. Krüger in der Zeitschrift für Geschichte Ermlands (Bd. III, S. 699 ff.) dasselbe in liturgischer Hinsicht behandelt. Doch ist es noch niemals genau beschrieben und der in demselben befindliche Holzschnitt seinem Werthe nach noch nicht gewürdigt worden.

Exemplare dieses Buches waren im 16. und 17. Jahrh. in Preußen noch häufig vorhanden und wurden damals (bis 1610) noch benutzt. Jetzt sind sie auch hier selten geworden.

In Danzig[160] besitzt von diesem werthvollen Buch die Allerheiligen-Bibliothek der Marienkirche drei Exemplare (Fol. Nr. 11, 12, 13), davon das zweite (Nr. 12) des Holzschnittes entbehrt, das letzte (Nr. 13) auch sonst noch defect ist. Außerdem befinden sich in der Allerheiligenkapelle derselben Kirche noch zwei Exemplare, davon dem einen ebenfalls der Holzschnitt mangelt, das andere aber, wohl erhalten, im August des Jahres 1867 durch den Küster Hinz in einem geheimen, bis dahin unbekannten Wandschranke der Marienkirche aufgefunden wurde. Die Stadtbibliothek besitzt zwei Exemplare, von denen das eine, mir vorliegende (A. 1866, Nr. 115), aus der ehemaligen Kapelle im Rathhause zu Danzig stammende, wohl erhalten ist, in dem anderen (H. S. B. XX B. f. 57) aber der Holzschnitt fehlt. Die Zappio’sche Bibliothek in der Johanniskirche hat sechs, in denen allen aber der Canon missae ausgerissen ist. Das von Th. Hirsch ebenfalls erwähnte Exemplar des Dr. v. Duisburg ist wahrscheinlich dasselbe, welches der Buchhändler T. O. Weigel in Leipzig im Jahre 1863 für 150 Thlr. gekauft hat, aber nicht mehr besitzt. Das von Th. Hirsch ferner angeführte Exemplar des Pfarrers A. Mundt in Käsemark bei Danzig, leider unvollständig, durch die Inschrift auf der ersten Seite: „Frm̄. B. MARIAE. de Oliua 1639 ex dona. Sanctimonial. Culmen.“ als aus dem Kloster Oliva stammend, bezeichnet, besitzt jetzt der Buchhändler Th. Bertling[161] in Danzig. Ein anderes, aus der Marienkirche zu Danzig stammendes Exemplar kaufte, nach Hirsch, im Jahre 1842 der Buchhändler Asher in Berlin und bot es später um 50 Francs aus. Außerhalb Danzigs befindet sich ein Exemplar in der königl. Bibliothek (Nr. 1414) zu Königsberg, ein anderes, unvollständiges, in der Gymnasialbibliothek (L. Fol. 124) zu Thorn[162].

Dieses Missale ist ein mäßiger Folioband von 13½ Zoll Höhe und 9¾ Zoll Breite. Das erste Blatt trägt den Titel:

Missalis notulans dn̄o-
rum teutunicorum imi-
tantis epigramma.

und in vier versificierten Zeilen die Notiz, daß Georgius Stöchs[163] zu Nürnberg[164] dasselbe gedruckt habe. Auf der Rückseite des Titelblattes steht eine Anweisung, die goldene Zahl zu finden. Dann folgt auf dem zweiten Blatte der „Exorcismus solis“ und auf der andern Seite am Schluß der hieher gehörigen Gebetformeln noch etwas über die goldene Zahl, woraus hervorgeht, daß dieses Buch um 1498 gedruckt worden ist. Die sechs folgenden Blätter enthalten, wie gewöhnlich, den Kalender; dann folgt auf drei Blättern ein „Supplementum notule fratrum teutonicorum“; darauf auf fünf Blättern außer einem „Ordo in presenti missali contentorum“ die „Cautele obseruande presbytero volenti diuina celebrare“. Nun erst folgt das Missale selbst. Während die vorhergehenden Blätter ohne Seitenzahlen sind, hat dieses 257 mit rothgedruckten römischen Zahlen versehene Blätter. Die erste Hälfte desselben mit der Ueberschrift: „Missale s’m notulam dominorū theutunicor.“ geht von Fol. I-CXXXVI; die zweite mit der Ueberschrift: „Incipit com̄ūe sanctorū s’m notulā dn̄ orū theutunicorum.“ von Fol. CXL-CCLVII. Jene hat 17, diese 15 von a-r und A-P signierte vollständige Quaternlagen. Statt der Blätter 137–139, welche fortgelassen sind, ist der Canon missae nebst einem voranstehenden Holzschnitt auf acht Pergamentblättern abgedruckt. Demnach hat das Buch im Ganzen 16 ungezählte und 254 gezählte Blätter von Papier und 8 ungezählte von Pergament.

Das ganze Werk ist mit hoher Meisterschaft mit großen, fetten, schön geformten gothischen Lettern auf starkes Papier und mit Druckerschwärze von intensiver Schwärze gedruckt. Die Ueberschriften und die Initialen sind roth. In dem Text befinden sich aber noch 36 größere, gedruckte Initialen, etwa 1½ Zoll hoch und ebenso breit, welche mit schönem gothischen Blattornament geschmückt und abwechselnd roth, grün, gelb und blau illuminiert sind. Einer (Fol. 116 b) ist, wahrscheinscheinlich aus Versehen, nicht illuminiert und der erste (Fol. 1 a) mit Goldgrund versehen. Jede Seite besteht aus zwei Columnen je 3¼ Zoll breit, 10 Zoll hoch und enthält 31 Zeilen. Nur der auf Pergament gedruckte Canon ist auf 14 Seiten, in ungetheilten Zeilen, mit sehr viel größern Missalbuchstaben gedruckt. Jede Seite des Canon enthält also nur eine Columne von 10½ Zoll Höhe, 7 Zoll Breite und 16 Zeilen. Der Canon hat sechs größere Initialen, ähnlich den beschriebenen, und am Anfang ein besonders ausgezeichnetes, 2¾ Zoll breites, 3 Zoll hohes Anfangs-E, in welchem das Opfer Isaaks dargestellt ist. Ein herabschwebender Engel verhindert den Abraham an der Tödtung seines Sohnes. Hinter Abraham ist ein Schaf neben einem Baume dargestellt. Das kleine Bild ist nicht ohne Geschick illuminiert. Abraham hat ein rothes, Isaak ein blaues, der Engel ein grünes Gewand an. — Diese Darstellung ist offenbar mit Bezug auf die Messe, mittels deren ja das Opfer Jesu wiederholt gedacht wird, und als Seitenstück zu der, auf einem besonderen Blatte dem Canon vorgesetzten Darstellung des am Kreuze hängenden Christus gewählt.

Auf der zweiten Seite des fünften Blattes des Canon ist auf dem untern Rande gewöhnlich das Schweißtuch Christi in colorierter Handzeichnung dargestellt, und auf der ersten Seite des sechsten Blattes sind an der entsprechenden Stelle vier Zeilen handschriftlich hinzugefügt.

Den höchsten Schmuck dieses alten Druckwerkes bildet aber der erwähnte, dem Canon vorgesetzte Holzschnitt (oder Metallschnitt[165]. Er ist 10¼ Zoll hoch, 6¼ Zoll breit. Es ist auf demselben Christus am Kreuze dargestellt[166], unter welchem Maria und Johannes (mit Bezug auf Evang. Joh. XXX, 26), mit großen, einfachen Heiligenscheinen versehen, in Kleid und Mantel, mit gefaltenen Händen trauernd stehen. Christus ist mit Heiligenschein und Dornenkrone dargestellt. Oben am Kreuze befindet sich die Inschrift I. N. R. I., unten links an demselben ein Schädel[167] und ein Armknochen. Der Fußboden ist mit Kräutern bewachsen. In der Mitte schlängelt sich ein Weg hin. Aus den fünf Wunden Christi fließt Blut. Drei fliegende Engel in faltenreichen Gewändern sind beschäftigt, dasselbe in Kelchen aufzufangen. Der Engel links von Christus hält in der Linken den Kelch unter das aus der Wunde der linken Hand fließende Blut, während er mit der Rechten sein weinendes Gesicht halb bedeckt. Der Engel rechts von Christus hält in beiden Händen Kelche, mit welchen er das Blut aus den Wunden der rechten Hand und der Brust auffängt. Der letzte Engel, hinter dem Kreuzesstamme, biegt sich hervor um das aus den Fußwunden fließende Blut aufzufangen. Der Hintergrund ist ganz leer gelassen.

Die Darstellung ist im höchsten Grade geschickt componiert, sehr übersichtlich, klar und enthält nur das Nothwendige. Der disponibele Raum wird in der trefflichsten Weise ausgefüllt. Das Ganze ist strenge symmetrisch, ich möchte fast sagen, architektonisch componiert, ohne irgendwie steif oder gezwungen zu erscheinen. Im vorliegenden Exemplar ist der Holzschnitt bemalt. Das Colorit stimmt vollständig mit der allgemeinen Beschreibung des für die Nürnberger Schule charakteristischen Colorits, welche T. O. Weigel in seinem Prachtwerke (Anfänge der Druckerkunst, Bd. I, S. XX) gegeben hat.

Da das Buch um 1498 sicher zu Nürnberg gedruckt, der Holzschnitt höchst wahrscheinlich daselbst illuminiert ist, so müssen wir wohl annehmen, daß auch Zeichnung und Schnitt dieses Kunstblattes[168] ebenfalls in Nürnberg, und zwar von einem sehr bedeutenden Künstler gefertigt worden sind.

Von dem vorliegenden Missale erschien später eine von Hagenau herausgegebene zweite Auflage, welche im December 1519 „per Thomam Anselmum Badensem“ gedruckt wurde. Dasselbe ist ebenfalls selten. Außer von Lengnich ist es wol von keinem Bibliographen angeführt. Ein Exemplar befindet sich in der Allerheiligen-Bibliothek (fol. 313) zu Danzig. Es hat außer 16 ungezählten 268 gezählte Papierblätter. Der Canon, derselbe wie in der ersten Auflage, ist mit denselben Lettern und demselben Holzschnitt auf 8 Pergamentblättern zwischen fol. 144 und 145 abgedruckt. Der Druck der großen, fetten Buchstaben ist vortrefflich.

Stöchs druckte im Jahre 1492 (27. Novbr.) auch ein „Breviarium secundum notulam dominorum teutonicorum“, ebenfalls eine bibliographische Seltenheit, welche Panzer (II, 212, Nr. 216) und Hain (Nr. 3942), aber nicht Brunet, erwähnen. Lengnich[169] und Hirsch[170] haben es beschrieben. Ein Exemplar (qu. 17) befindet sich in der Allerheiligen-Bibliothek. Eine zweite Auflage, welche derselbe Stöchs 1504 zu Nürnberg gedruckt hat, besitzt die Danziger Stadtbibliothek (XX B. qu. 282). Ein zweites Exemplar hat die Königliche Bibliothek (Nr. 1534) zu Königsberg, ein drittes bietet die Bertling’sche Buchhandlung in Danzig (Verzeichniß Nr. 17) zum Verkauf aus. Andere Exemplare einer dieser beiden Ausgaben scheinen die beiden Quart-Bände, das eine in Braunsberg, das andere in der Bibliothek (Nr. 1117) des Geheimen Archivs zu Königsberg zu sein, welche Krüger (a. a. O., Bd. III, S. 709) erwähnt.

Danzig.

R. Bergau.