VI.
Ein beliebter Gegenstand der mittelalterlichen Reimverse waren die kampfartigen Wechselreden, zu denen namentlich auch der Streit des Weines mit dem Wasser um den Vorzug gehört. Solch ein längeres strophisches Gedicht hat Thomas Wright mitgetheilt: The Latin Poems commonly attributed to Walter Mapes (London, 1841), p. 87–92, und Jacob Grimm (Kleine Schriften 3, 78) gibt aus einer venetianischen Handschrift Proben einer Version mit allerlei kleinen Abweichungen. Unser Freund Huseman hat sich diesen Stoff auch nicht entgehen lassen (Fol. 206); aber die Abweichungen seines Textes sind viel bedeutender, die Folge der Strophen eine ganz andere. Doch ist wieder die Uebereinstimmung zu groß, um einen neuen Abdruck des langen Gedichtes rathsam zu machen; der Eingang lautet hier so:
Somnium prodigiosum de Vino et Aqua mutuo litigantibus pro dignitatis apice.
In dem Wettstreit selbst sind die Abweichungen minder bedeutend; der Schluß aber lautet:
Neben dieser gelehrten lateinischen Poesie mit ihren kirchlichen Argumenten gibt es nun aber auch ein ganz volksthümliches deutsches Lied, in welchem der Ausgang umgekehrt ist, indem das Wasser den Preis davonträgt. Es findet sich in einer Umformung aus dem 16. Jahrh. in des Knaben Wunderhorn 2, 37, und fehlt auch bei Huseman, Fol. 211, nicht. Seine weit abweichende Fassung scheint mir ursprünglicher zu sein; aber die Sprache ist gemischt, oberdeutsch und niederdeutsch; letzteres wol in Westfalen erst eingedrungen. Mögen nun Andere sich an einer Herstellung des Textes versuchen: ich gebe ihn, wie ich ihn finde, nur mit Beseitigung einiger orthographischer Auswüchse.
Gerne hätte ich auch noch den allerliebsten Cantus de Lepore (Fol. 213) mitgetheilt; allein er ist schon im Anzeiger 4, 184 durch Maßmann abgedruckt. Die geschichtlichen Lieder auf Luther, die Gueusen u. a. überlasse ich andern Händen.
Zu spät leider habe ich, durch J. F. Böhmer’s Briefe aufmerksam gemacht, die merkwürdige Stelle des Salimbene über den Primas nachgelesen, welchen er für einen Kölner Canonicus des 13. Jahrh. hält. Hier finden sich nämlich die im Anzeiger 1868, Sp. 163, angeführten Verse Fertur in conviviis und In cratere in etwas anderer Gestalt auf S. 42 der Mon. Parm. et Placent. Vol. III. Ferner aber auch auf S. 41 die vortrefflichste Erklärung zu mehreren anderen von Zeibig im Notizenblatt von 1852, S. 26 mitgetheilten Versen, namentlich die Geschichte, welche das „Ascendit Walter, veniat bos unus et alter“ erklärt, wenn gleich die improvisierten Verse anders lauten. Es ist ganz klar, daß die Geschichtchen in vielförmig wechselnder Gestalt verbreitet waren, man sich aber meistens begnügte, den zugehörigen Vers aufzuschreiben, weil die Anekdote auch ohne schriftliche Hülfe leicht behalten wurde.
Die von M. Pangerl auf Sp. 199 d. Bl. mitgetheilte scherzhafte Urkunde des Vagantenprimas ist allerdings sehr merkwürdig; aber sie ist schon gedruckt durch P.Th. Mayer im Archiv f. Kunde Oesterr. Geschichtsqu. 1, 316, und benutzt von W. Giesebrecht in seiner vortrefflichen Abhandlung über die Vaganten oder Goliarden und ihre Lieder, in der Allg. Monatschrift, Jan. 1853, S. 35. Richtig aber ist, anstatt meiner dort mitgetheilten Vermuthung, die Beziehung auf die St. Pöltener Kirche, theils weil Oesterreich zum Passauer, nicht zum Salzburger Sprengel gehörte, theils weil Sighard in der That am 7. April 1203 als Probst von St. Pölten vorkommt. Zu dem Namen Surianus, welchen der Aussteller führt, bemerke ich noch, daß so auch der Fiedler (figellator) genannt wird, mit welchem Herzog Boleslaw von Liegnitz durch’s Land zog, bei Stenzel, SS. Rer. Siles. I, 28 u. 107. Ich benutze die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, um so lieber, weil in der neuen Ausgabe der Mon. Germ. 19, 568 der Text leider bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ohne alle Erklärung gelassen ist. Einen Suriarius flagellator zu erklären, dürfte freilich schwierig sein.
Heidelberg.
W. Wattenbach.