Geistliche Scherze des Mittelalters.[156]

VI.

Ein beliebter Gegenstand der mittelalterlichen Reimverse waren die kampfartigen Wechselreden, zu denen namentlich auch der Streit des Weines mit dem Wasser um den Vorzug gehört. Solch ein längeres strophisches Gedicht hat Thomas Wright mitgetheilt: The Latin Poems commonly attributed to Walter Mapes (London, 1841), p. 87–92, und Jacob Grimm (Kleine Schriften 3, 78) gibt aus einer venetianischen Handschrift Proben einer Version mit allerlei kleinen Abweichungen. Unser Freund Huseman hat sich diesen Stoff auch nicht entgehen lassen (Fol. 206); aber die Abweichungen seines Textes sind viel bedeutender, die Folge der Strophen eine ganz andere. Doch ist wieder die Uebereinstimmung zu groß, um einen neuen Abdruck des langen Gedichtes rathsam zu machen; der Eingang lautet hier so:

Somnium prodigiosum de Vino et Aqua mutuo litigantibus pro dignitatis apice.

Historia.
Factum est convivium liberale multum,
Epulis et poculis splendide excultum.
Illic postquam genio satis est indultum,
Reliquerunt socii vino me sepultum.
Extasis.
Raptus sum in spiritu, non in carne gravi,
Jamque fere tertium caelum penetravi,
Factusque exanimis non parum expavi,
Ubi mirabilia haec consideravi.
Causa.
Ad examen residens in excelsis Deus,
Cum coepisset spiritus trepidare meus.
Ecce coram iudice Thetis et Lyeus
Accusant alterutrum ut actor et reus.

In dem Wettstreit selbst sind die Abweichungen minder bedeutend; der Schluß aber lautet:

Discussio.
Ad haec Cives caelici debite pensatis
Vini rationibus, atque approbatis,
Clamant omnes fortius vocibus elatis:
Pax in terra populis bonae voluntatis!
Sententiatio.
Quibus ego vocibus tandem post examen
Excitatus, retuli somnii velamen,
Affirmans veraciter Sanctorum dictamen,
Quod vinum prae ceteris praestans sit liquamen.
Conclusio.
Si quis haec crediderit, gaudens dicat Amen.

Neben dieser gelehrten lateinischen Poesie mit ihren kirchlichen Argumenten gibt es nun aber auch ein ganz volksthümliches deutsches Lied, in welchem der Ausgang umgekehrt ist, indem das Wasser den Preis davonträgt. Es findet sich in einer Umformung aus dem 16. Jahrh. in des Knaben Wunderhorn 2, 37, und fehlt auch bei Huseman, Fol. 211, nicht. Seine weit abweichende Fassung scheint mir ursprünglicher zu sein; aber die Sprache ist gemischt, oberdeutsch und niederdeutsch; letzteres wol in Westfalen erst eingedrungen. Mögen nun Andere sich an einer Herstellung des Textes versuchen: ich gebe ihn, wie ich ihn finde, nur mit Beseitigung einiger orthographischer Auswüchse.

Carmen Germanicum de Vino et Aqua.
 1. Nu hoeret ir Herren all gemein
Wol van dem Wasser und dem Wein,
Ein idlichs wil das beste sein,
Keins wil das ander leiden,
Wollen sich beide scheiden.
 2. Der Wein der sprach: Ich for de kron,
De luide ich frolich machen kan,
Es sei gleich frowen oder man,
So kan ichs frolich machen,
Das sie vor frouden lachen.
 3. Das Wasser sprach: Hor merk mich, Wein,
Auß mich badet man die kindelin klein,
Die fissche dhon stedig in mir sein,
Und driuet de Mole mit suise,
Wesschet alle ding im huise.
 4. Der Wein sprach: Wa ich eim won by,
So bestet er twen oder drei,
Und driuet auch kortwil mancherlei,
Gleichmessig einem Affen,
Es sy Ley oder Paffen.
 5. Das Wasser sprach: Min ist der pryß,
Aus mir wescht man de Schleyerlin weyß,
De Hembdlin auch mit ganzem flyß,
De Luide auch zu mir keren,
Dhogent thu ich sie lehren.
 6. Der Wein (der) sprach: Man ist mir hold,
Man guith mich in sulver und rodes golt,
Und betalt mich mit reichem solt
Und drincken mich mit freuden
Und dhon sich van dir scheyden.
 7. Das Wasser sprach wol to dem wyn:
Es mach nemandt entraten myn,
Und ich moth teglich by en syn,
Zu backen und zu kochen,
Durchuß de ganze wochen.
 8. Der Win (der) sprach: Man pflegt min baß,
Man fatet mich in ein starkes faß.
Hoer Wasser, wie gefelt dir das?
Man leth dich stedig rinnen,
Din ist man zu viel finden.
 9. Das Wasser sprach: Ich bin so werth,
Das mein all diese welt bogert,
De vogel im luft, de wurz der erdt,
Deßgleichen zu den muiren
Braucht mich Burger und Buiren.
10. Der Wein sprach: Hore was ich sag,
So einer arbeidt den ganzen dag,
So nem ich im syn moih und klag,
Und maches frolich singen,
Dhot danzen und auch springen.
11. Das Wasser sprach: Man deglich schout,
Wie ich erquick roven und kruit,
Und alles das nur wert gebaut,
Bogert nur miner hulffe,
[Du] dhost solver zu mir gylffen.
12. Der Wein sprach: Wasser hab din rou,
Und lass mich mit dir komen zo,
Du hast den pryß spade und fro,
Vor Fursten und vor Herren,
Ich mach din nit entberen.
13. Das Wasser hat den pryß all zidt,
Wann es den groiten nutze geit.
Es hat mich warlich nit[157] erfrout,
Darum lave ich den Weine:
Kum her, ich laß dich eine.

Gerne hätte ich auch noch den allerliebsten Cantus de Lepore (Fol. 213) mitgetheilt; allein er ist schon im Anzeiger 4, 184 durch Maßmann abgedruckt. Die geschichtlichen Lieder auf Luther, die Gueusen u. a. überlasse ich andern Händen.

Zu spät leider habe ich, durch J. F. Böhmer’s Briefe aufmerksam gemacht, die merkwürdige Stelle des Salimbene über den Primas nachgelesen, welchen er für einen Kölner Canonicus des 13. Jahrh. hält. Hier finden sich nämlich die im Anzeiger 1868, Sp. 163, angeführten Verse Fertur in conviviis und In cratere in etwas anderer Gestalt auf S. 42 der Mon. Parm. et Placent. Vol. III. Ferner aber auch auf S. 41 die vortrefflichste Erklärung zu mehreren anderen von Zeibig im Notizenblatt von 1852, S. 26 mitgetheilten Versen, namentlich die Geschichte, welche das „Ascendit Walter, veniat bos unus et alter“ erklärt, wenn gleich die improvisierten Verse anders lauten. Es ist ganz klar, daß die Geschichtchen in vielförmig wechselnder Gestalt verbreitet waren, man sich aber meistens begnügte, den zugehörigen Vers aufzuschreiben, weil die Anekdote auch ohne schriftliche Hülfe leicht behalten wurde.

Die von M. Pangerl auf Sp. 199 d. Bl. mitgetheilte scherzhafte Urkunde des Vagantenprimas ist allerdings sehr merkwürdig; aber sie ist schon gedruckt durch P.Th. Mayer im Archiv f. Kunde Oesterr. Geschichtsqu. 1, 316, und benutzt von W. Giesebrecht in seiner vortrefflichen Abhandlung über die Vaganten oder Goliarden und ihre Lieder, in der Allg. Monatschrift, Jan. 1853, S. 35. Richtig aber ist, anstatt meiner dort mitgetheilten Vermuthung, die Beziehung auf die St. Pöltener Kirche, theils weil Oesterreich zum Passauer, nicht zum Salzburger Sprengel gehörte, theils weil Sighard in der That am 7. April 1203 als Probst von St. Pölten vorkommt. Zu dem Namen Surianus, welchen der Aussteller führt, bemerke ich noch, daß so auch der Fiedler (figellator) genannt wird, mit welchem Herzog Boleslaw von Liegnitz durch’s Land zog, bei Stenzel, SS. Rer. Siles. I, 28 u. 107. Ich benutze die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, um so lieber, weil in der neuen Ausgabe der Mon. Germ. 19, 568 der Text leider bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ohne alle Erklärung gelassen ist. Einen Suriarius flagellator zu erklären, dürfte freilich schwierig sein.

Heidelberg.

W. Wattenbach.