Zur Geschichte der Feuerwaffen.

(Schluß.)

Eine Reihe interessanter Handfeuerwaffen bieten die Zeugbücher Kaiser Maximilian’s in der k. k. Ambraser Sammlung in Wien, von denen das german. Museum durch die gefällige Vermittlung des Herrn k. k. Hauptmanns Quirin Leitner Durchzeichnungen erhalten hat. Wir geben darnach verkleinert die der vorigen Nummer beiliegende Tafel.

Einen nicht unwichtigen Beitrag zur Geschichte der Handfeuerwaffen bildet ein Gemälde im german. Museum vom Jahr 1502, welches den damals vor Nürnberg stattgehabten Kampf der Nürnberger mit Markgraf Casimir von Brandenburg darstellt. Das Bild ist 1,82 lang und 2,28 Met. hoch; die einzelnen Figuren sind 16 Centim. hoch. Leider ist es jedoch nicht miniaturartig ausgeführt, sondern mit Deckfarben auf Leinwand ziemlich flüchtig gezeichnet, so daß das Detail der Gewehrformen nicht mit Sicherheit entnommen werden kann. Fig. 3 zeigt zwei Mann aus diesem Bilde, welches die Angaben Toll’s vollauf bestätigt, daß man nämlich damals die Gewehre an der Wange angelegt habe. Ob ein Schloß am Gewehre war, und auf welche Art die Entzündung stattfand, kann aus dem Bilde nicht entnommen werden, obwohl der eine Krieger etwas in der Hand hat, das einer Lunte ähnlich sieht.

Das Radschloß reicht bis in die ersten Jahre des 16. Jahrh. hinauf. Nach Toll ward es schon 1506 in Geißlingen und noch 1533 in Oesterreich verboten, da es lange für schädlich gehalten wurde. Man sieht aber noch im 17. Jahrh. auf alten Abbildungen meist den Luntenhahn. In Wallhausens Kriegskunst zu Pferdt (1616) hat die Infanterie Luntengewehre, die Cavallerie aber Radschloßkarabiner. Das german. Museum besitzt einige solche Gewehre, die dem 17. Jahrh. angehören und zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die allgemeine Waffe des Fußvolkes gewesen zu scheinen.

Fig. 3.

Auch an mehreren Hakenbüchsen des 16. und 17. Jahrh. kommt noch der Luntenhahn vor, während die früheren blos Zündlöcher theils oben, theils an der Seite zeigen. Ein Bruchstück eines schweren Infanteriegewehres aus dem dreißigjährigen Kriege hat gar keinen Hahn, sondern blos ein Zündloch mit Pfanne; ein anderes zeigt einen ungeheuer langen Kolben von 0,90 Met., offenbar, um den Schützen vor der Flamme der Pfanne zu decken.

Unter den Radschloßwaffen des german. Museums dürfte wol die älteste eine Pistole sein, etwa aus der Mitte des 16. Jahrh., bei welcher sich der Drücker nicht unten, sondern oben befindet, so daß man sich denken könnte, er sei mit dem Daumen in Bewegung gesetzt worden, wenn nicht der Drücker dem Daumen zu wehe gethan hätte, da er aus einem ziemlich dünnen Blechstreifen besteht, dessen scharfe Kante angegriffen werden müßte. Ein Loch in demselben läßt annehmen, daß eine Schnur daran befestigt war, an welcher gezogen wurde, um die Pistole abzuschießen.

Fig. 4.

Wenn wir einem der von Toll ausgesprochenen Sätze entgegentreten möchten, so ist es der, daß das Luntenschloß erst nach dem Radschlosse erfunden sein könne und daß, weil das Kölner Einladungsschreiben von 1501 schon ein Luntenschloß zeigt, das Radschloß vor 1501 entstanden sein müsse. Wir können uns recht gut die gleichzeitige, von einander unabhängige Entstehung beider denken. Interessant ist, daß auch beide an manchen Waffen gemeinsam zu finden sind, wie überhaupt eine doppelte Vorrichtung nicht selten vorzukommen scheint; wenigstens sind solche an mehreren Exemplaren des german. Museums combiniert. So unter Anderem an einem einzelnen Schlosse unserer Sammlung, wo kein Zweifel bestehen kann, daß hier nicht etwa eine spätere Abänderung vorliege, sondern daß man die Absicht hatte, eine doppelte Vorrichtung anzubringen, um auf jeden Fall sicher zu gehen. Hier wendet sich, wie gewöhnlich, der Halter des Steins am Radschlosse gegen das Gesicht; ein Schwammschloß steht da hinter und schlägt vom Gesichte weg gegen die Pfanne. Von besonderem Interesse ist auch ein Gewehr mit der Jahreszahl 1571, das eine doppelte Zündvorrichtung hat, nämlich ein schon ursprüngliches Steinschloß und den Luntenhahn.

Wie hoch das Steinschloß hinaufgeht, sind wir augenblicklich nicht in der Lage anzugeben.

Fig. 5.

Wir geben unter Fig. 4 die Abbildung des Gewehres von 1571 und in Fig. 5 das Schloß in halber Naturgröße. Der Lauf hat eine Länge von 1,00 Met.; der Durchmesser an der Mündung im Lichten beträgt 0,015 Met., die ganze Länge des Gewehres von der Mündung bis zum Ende des gekrümmten Kolbens 1,40 Met. Zum Zielen ist bei O ein konisches Röhrchen auf den Lauf aufgelegt, durch welches man das Zäpfchen P sieht. Der Lauf ist unten achteckig; gegen die Mündung wird er rund; die Jahreszahl 1571 ist auf der Oberfläche des Laufes vor dem Röhrchen O eingegraben. Der lange Hebel N setzt den Luntenhahn in Bewegung, der, wie gewöhnlich, so eingerichtet ist, daß er sich von der Pfanne wieder entfernt, sobald der Hebel losgelassen wird. Der Drücker M dient zur Bewegung des Feuersteins. Wenn der Hahn gespannt ist, so steht er, wie in Fig. 5, senkrecht. Dreht er sich bei Berührung des Drückers um seine Achse, so schlägt der Stein gegen das Kreissegment H, welches fast die Breite des Steines und, ähnlich wie das Rad des Radschlosses, an der Cylinderfläche tiefe Rinnen hat. Zugleich bewegt sich jedoch der Ansatz A am Hahn, welcher unten abgerundet ist, über das oben abgerundete Ende B des Stängchens B C, dessen Ende B durch eine Feder von der Unterlage weggedrückt wird, so daß das Ende C, welches rückwärts einen Haken hat, den Stiel E K packt, welcher einen Deckel L auf der Pfanne G hält. Bewegt sich nun A über B, so wird dieser Punkt gegen den Grund gedrückt, C entfernt sich vom Grunde und das Häkchen läßt den Stiel E K los. Die Feder D E drückt nun bei E den Stiel E K zurück, so daß sich der Deckel L unter der Feder F weg von der Pfanne losschiebt und die auf H sich bildenden Funken auf die Pfanne fallen.

Dem Schlusse des 16. Jahrhunderts gehört ein Falkonet an, das, von Eisen geschmiedet, mit zwei Schildzapfen versehen ist und unmittelbar bei den Schildzapfen zwei Handgriffe (Delphine) hat. Dasselbe hatte offenbar seinen Platz in einem engen Gelasse, wo das 2 Met. lange Rohr nicht zurückgeschoben werden konnte; um es zu laden, wurde daher der hintere Boden herausgeschraubt, die Ladung von rückwärts eingeschoben und mit einer tiefeingreifenden Schraube der Boden wieder befestigt. Diese Art der Rückladung, die keineswegs rasch von statten gehen konnte, ist verschieden von den Kammergeschützen. Die Festigkeit des Verschlusses und die Sicherheit der Bedienungsmannschaft hängt dabei natürlich von der Güte der Schraube ab.

Wie aus dem Aufsatze auf Sp. 262 ff. des vorjährigen Anzeigers nach einem Manuscripte im germanischen Museum hervorgeht, hatte man die Hinterlader blos der Raumersparniß wegen auf engen Thürmen, wo nicht Spielung genug war, um die ganze Kanone von der Brustwehr wegzuschieben und zu laden. Für solche Fälle ist auch ein Modell aus dem 17. Jahrh. erdacht, das aus dem Dresdener Zeughause stammt, von dem wir jedoch nicht wissen, ob es blos als Versinnlichung einer Erfindung gemacht, oder ob es etwa Nachbildung eines bestehenden und gebrauchten Geschützes ist, woran wir jedoch zweifeln möchten. Es ist eine Doppelkanone; zwei mit dem Boden aneinander stoßende Röhren liegen so auf einer Lafette, die dicht an der Brustwehr stehen kann, daß ein Lauf nach vorn herausschaut, der zweite nach hinten. Der nach hinten stehende Lauf wird wie eine gewöhnliche Kanone geladen, dann wird die ganze Doppelröhre um die Mittelachse gedreht, so daß die geladene Röhre nach vorn steht und losgeschossen werden kann, während sodann die zweite Röhre gleichzeitig geladen wird. Das Umdrehen scheint eine etwas merkwürdige Manipulation und das Zielen geradezu unmöglich, da der Lauf sich gar nicht feststellen läßt, so daß kaum die Sache praktische Bedeutung gehabt haben dürfte. Das Gleiche kann von einem Modell in der Sammlung des german. Museums angenommen werden, das drei unter einander communicierende parallele Kanonenläufe zeigt, so daß man drei Schüsse auf einmal geben konnte. Auch die zierlichen Modelle der Orgelgeschosse mögen zwar bestehenden Geschützen direkt nachgebildet sein, wie man ja solche Höllenmaschinen schon in sehr alten Zeiten hatte; allein eine große Verwendung, die wirklich auf die Kriegsführung Einfluß gehabt hätte, fanden sie niemals. Zwei Modelle unserer Sammlung von Kanonen mit den Jahreszahlen 1625 und 1695 haben nicht runde, sondern flachliegende oblonge Röhren, so daß sie nach der Meinung einiger Sachverständigen dazu dienten, Kartätschen zu schießen, um sie möglichst horizontal zu zerstreuen.

Ein schön gearbeitetes Steinschloßgewehr, mit der Inschrift: „Du Vivier Würtzburg“ bezeichnet, gehört dem 18. Jahrh. an. Es ist zur Hinterladung eingerichtet; der Kolben dreht sich um ein Scharnier herab, so daß metallene Patronenhülsen, an denen sich zugleich die zugedeckte und mit Pulver versehene Pfanne befindet, eingeschoben werden konnten, und man somit sehr rasch feuern konnte, wobei jedoch der Schütze eine ziemliche Anzahl der schweren geladenen Patronen (man kann sie als förmliche Kammern betrachten) im Bandelier vorräthig haben mußte. Etwas jünger ist ein dreiläufiges Revolvergewehr (Drehling) mit Steinschloß, sowie ein anderes Hinterladungsgewehr, das schon in den Schluß des vorigen oder in den Beginn unseres Jahrhunderts fällt; endlich ein dritter Hinterlader, der als Modell für Napoleon I. verfertigt worden war.

Wir ergreifen diese Veranlassung, eine frühere Mittheilung unseres Anzeigers zu berichtigen. Im Jahrg. 1862, Sp. 261 ist nämlich von der Bombarde Sigismunds von Tirol die Rede, welche in jener Zeit als Geschenk des regierenden Sultans von Rhodus, wo sie stand, nach Paris in die Sammlung des Kaisers gelangte. Die Inschriften darauf lauten nach einer uns vorliegenden genauen Zeichnung und Gypsabgüssen, die wir der Freundlichkeit des Hrn. Oberstlieutenants Köhler in Danzig danken, folgendermaßen:

1) Um die Mündung:

die kateri huis ich vor meinem gebalt hüet dich das vnrecht straf
ich jörg evdarfer gos mich.

2) Auf der Mitte des Geschützes oben: Sigmvd ertz|herzog ze öster|reich. ff. MCCCC | vnd im LXXXVII (also 1487).

3) am oberen Ende vor dem Zündloche:

jörg..... gos mich.

Nürnberg.

A. Essenwein.