Wie bedeutend die Kenntniß der älteren deutschen Sprichwörterliteratur seit den Arbeiten von Nopitsch — 1822. 1833. — gewachsen ist, zeigen viele Arbeiten der Neuzeit in diesem Literaturzweige. Zu den hierbei bisher schwerlich bemerkten Schriften gehören die nachstehend beschriebenen.
„Catechesis oder vnderricht, für die klainen vnd großen kinder, nach dem brauch der Christlichen kirchen zů Haylprun̄...“ Auf dem in einem Holzschnitte eingefaßten Titel und in der vom 27. des Weynmonats 1530 datierten Vorrede ist „Caspar Gretter Gundelßhaymer, Schůlmayster“ als Verfasser genannt. Gretter oder Gräter war später Hofprediger des Herzogs Ulrich von Württemberg. (Vgl. auch Gödeke’s Grundriß, I, 237, 67.) Das Buch enthält in 8o 64 ungez. Bl., Sign. A-H., das letzte Blatt leer. Die letzten drei Blätter enthalten der Angabe nach Sprichwörter unter folgender Ueberschrift: „Damit kain Bletlin leer bleyb an disem Büchlin, hab ich auch den Jungen zů gefallen, Ettliche gemaine vnnd breuchliche Sprüchwörtlin auß den Weysen Männern verteutscht vnd hinzů gesetzt, bittend, mein trewen fleyß vnd gůtwillig hertz im besten zů erkennen vnd anzůnemen.“
Bei der geringen Zahl der Sprüche und der anscheinend sehr freien Uebertragung wird die Quelle der Sprüche schwierig zu ermitteln sein. Vielleicht führt eine genauere Vergleichung von „Das buch von dem leben vnd sitten der heydnischen maister“ (vgl. Panzer, Annalen, Bd. 1, S. 186), oder noch eher von dem Sebastian Franck’schen: „SIben weisen in Grecia berümpt“ (vgl. Weller, Annalen Bd. 2, S. 303) auf die Quelle. Die wenigen bemerkenswertheren Sprüche sind:
Eine größere Sammlung von deutschen Sprichwörtern ist von S. 75 bis 112 enthalten in:
„Nova GRAMMATICA Linguae Germanicae... Oder Neue Teutsche Sprach-Kunst,... durch GEORGIUM BARENIUM. Nebst beygefügten Büchlein, darin über tausend Teutsche Sprichwörter, sinnreiche Redens-Arten und Reime enthalten... Nordköping,... 1707.“ 8o. — Die Sprichwörter sind je nach dem ersten Worte alphabetisch geordnet. — Die Mehrzahl bilden die in vielen Sammlungen gewöhnlich wiederkehrenden Sprichwörter und Redensarten. Einige mögen hier hervorgehoben werden:
In der Vorrede ist das durch Göthe beliebt gewordene: „Gold’ne Aepfel in silbernen Schalen“ — nach der Luther’schen Bibelübersetzung eigentlich „mit silbernen Bildern“ — benützt. Die Vorrede beginnt: „Nach des weisen Königes Ausspruche, ist ein Wort zu seiner Zeit geredet, wie göldene Aepfel in silbernen Schalen. Solche Worte seien vornemlich die kurtzbündigen Reden und Land üblichen Sprichwörter.“
40 Sprichwörter sind enthalten in:
„Neue Sammlung alter Sprüchwörter... lebendig vorgestellet in einer Schlittenfahrt von den Herrn Studenten in Freysing den 18. Jänner, Da IM VVInter z’ FreIIsIng aVCh kaLter SChnee VVar... Freysing...“ 4o. 4 Bl. — Beispiele sind:
Unter „drei“ bringt Wander’s Sprichwörterlexikon 69 Sprüche und Redensarten. Eine größere Menge von Sprüchen, welche indessen großen Theils weder als sprichwörtliche Redensarten anzusehen, noch einer andern bestimmten Art der Spruchpoesie zugezählt werden können, enthält eine in meinem Besitze befindliche Handschrift von 24 Blättern, 4o, mit dem Titel: „Aller güetten ding sollen Drey sein. Ein Khuertzes Tractatl, Von Vrsprung bemeltes Sprichworts mit Inserierung 100 Exempl Sprüch vnd Lehrn thails aus heiliger schrifft. Item von allen gueten Tugenten, in Geist- vnd Weltlichen, Hoch- vnd niedern Ständen, mit fleiß Zusamb getrag.“ Als Verfasser ist in der Widmung Hieronymus Wysing genannt, der in der Grafschaft Tirol lebte. Einige Proben folgen hier:
Dem Anschein nach, was hier aus Mangel an Hilfsmitteln jetzt nicht näher geprüft werden kann, ist eine größere Reihe von Kupferstichen von Gerardus de Lairesse (geb. 1640 zu Lüttich, † 1711 [1712?] in Amsterdam) vorhanden, welche zum Theil sprichwörtliche Unterschriften enthalten. Von diesen Blättern besitze ich nur die mit nachstehenden Unterschriften versehenen Stücke:
Im Berliner Kupferstichkabinet im neuen Museum fand ich nur die Blätter Nr. 70 bis 74 und von denselben war nur 71 mit der Zahl versehen, während bei den übrigen die Zahl fehlte — Herausgeber der Sammlung ist Nicolaus Visscher, der auch noch herausgab: Afbeeldingen der voornaamste Historien, soo van het oude als nieuwe Testament. Amsteldam s. a. — Unter den Kupferstichen dieser Sammlung sind auch biblische Sprüche, welchen häufig entsprechende lateinische Sprüche der Classiker beigefügt sind, und unter welchen sich auch Sprichwörter finden.
Die Frage in der dreizehnten Lieferung des Wander’schen Sprichwörterlexikons nach der Uebersetzung der Adagia des Erasmus durch Sprengius wird in der zu erwartenden Arbeit des Dr. Suringar in Leyden eine Beantwortung finden. Nach einer gefälligen Mittheilung desselben ist die freie Uebertragung Erasmischer Sprichwörter wahrscheinlich in den Loci communes etc. Basel, 1572 — Nopitsch S. 205 — von Sprengius enthalten, der zugleich die alte niederländische Sprichwörtersammlung stark benützte — Anzeiger 1854, S. 268. — Die Vorrede dieser Loci communes ist S. A. J. unterzeichnet, also ebenso, wie die bei demselben Verleger 1576 und 1582 erschienenen beiden Ausgaben der: Carminum proverbialium... loci communes; in gratiam juventutis selecti, addita plerumque interpretatione germanica, welche Nopitsch S. 208 — wol auf Jöcher und also mittelbar auf Thomasius de plagio literario gestützt, — dem Germberg zuschreibt.
Landeshut in Schlesien.
A. M. Ottow.