Ein hebräischer Druck des Sigenot.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts bildete sich unter den Juden Deutschlands mehr und mehr ein neuer Zweig der Literatur aus, welcher in Uebertragungen und Bearbeitungen nicht nur hebräischer, sondern auch deutscher Bücher in jene jüdisch-deutsche Mischsprache bestand, die bis auf den heutigen Tag (doch jetzt mehr als Satire) unter den Israeliten in Wort und Schrift vielfach in Uebung geblieben ist und früher fast immer mit hebräischen Buchstaben und nach einem den deutschen Lauten angepaßten Systeme dargestellt wurde. Diese jüdische Volksliteratur erreichte ihre Blüthe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh., als durch die Verfolgung, die über die Juden in Polen ergieng, diese in alle europäischen Länder zerstreut wurden. Im Anfang beschränkte sie sich fast nur auf das religiöse Gebiet, indem meist Theile der heil. Schrift, Gebete Stücke des Cultus und Ritus, moralische Abhandlungen der Rabbiner u. a. m. in dieses volksthümliche Gewand gekleidet wurden; später jedoch griff man auch nach profanen, namentlich unterhaltenden Stoffen, unter denen wieder die Ritter- und Heldengeschichten, Volks- und Märchenbücher (König Artus Hof, Kaiser Octavian, Herzog Baba der Fromme, Ritter Sigmund und Magdalena, die sieben weisen Meister, die Schildbürger, Eulenspiegel etc.), auch einzelne Volkslieder u. dgl. die beliebtesten waren.

Eine reiche Sammlung dieser Erzeugnisse ist die des ehemaligen Prager Rabbiners David Oppenheim, die (früher in Hannover) jetzt in der Bodley’schen Bibliothek zu Oxford sich befindet und deren Verzeichniß mehreren Zusammenstellungen der jüdisch-deutschen Literatur als Grundlage gedient hat. Vgl. Naumann’s Serapeum, IX. Jhg., Nr. 20 ff. Einen willkommenen Nachtrag zu denselben glauben wir in folgender Mittheilung über ein in der Hof- und Staatsbibliothek zu München in einem Sammelbande (A. Hebr. 377) enthaltenes Stück geben zu können, auf welches wir durch Herrn Custos J. Klausner daselbst aufmerksam gemacht wurden. Es ist dies eine Uebertragung des bekannten, zur deutschen Heldensage gehörigen Gedichtes von Sigenot, und zwar der späteren Bearbeitung desselben, wie solche in Drucken des 15.–17. Jahrh. vielfach verbreitet wurde (s. v. d. Hagen, Grundriß, S. 26–33. Gödeke, Grundriß, S. 70). Dieselbe erstreckt sich jedoch nicht sowohl auf die Sprache, wie bei den übrigen Stücken dieses Literaturkreises, sondern sie besteht nur in einer ziemlich genauen Uebertragung des Textes, wie er sich in diesen Drucken darstellt, aus der deutschen in die hebräische Schrift, wobei jedoch für unsere Vokale nicht die hebräische Punktierung, sondern eine eigene Bezeichnung angewendet ist; nämlich:

a = א (oder ohne Bezeichnung); e= ע und י; tonloses e = י (oder ohne Bezeichnung); i = י; anlautend אי; o = ו, auch א, anlautend או; u = ו, anlautend auch או; ä = ע (e); ö = וי oder ע (e); ü = וי; au = וי, anlautend אוי; äu und eu = עוי; ei = יי, anlautend איי, auslautend ייא; ie (diphthongisches) im Auslaut יא. Für w steht װ, für ch כ, auslautend ך, für f und v פ. Alle Dehnungszeichen der deutschen Orthographie fallen weg, Doppelconsonanten sind vereinfacht.

Dieser in hebräische Schrift umgekleidete Sigenot umfaßt 196 Strophen auf 22 Blättern in kl. Quart. Das erste derselben trägt auf der Vorderseite nachstehenden Titel in einer Einfassung:

„ein schön lid un gros riter(sch)schaft wert ir drinen gefinden. gar kurz weilig zu leien[36] fer weiber un meidlich. verteischt[37] gar bescheidlich genant mit namen her ditreich. zu kaufen arm un reich in einem gelt rechten. aso wert enk[38] got (er sei gelobt![39]) behüten fer bösen anfechten.

gedrukt in der gelobten stat Kraka unter dem gewaltigen köng sigmunds im Jahre 357 in der kleineren Zahl (d. i. 5357 = 1597).“

(Unten in der Einfassung:) „durch die Hand (des) isaak ben (Sohn) des herrn aaron von prostiz.“

Oben in der Einfassung steht mit hebräischen Worten: „Dies ist das Thor des Herrn, die Gerechten werden dahinein gehen“ (Psalm 118, 20).

Auf der anderen Seite des ersten Blattes beginnt das Gedicht selbst, dessen Strophen durch Absätze, die Reimzeilen aber nur durch ein Punkt unterschieden sind.

Wir geben hier die ersten drei Strophen in buchstäblich getreuer Uebertragung der hebräischen Schriftzeichen und mit in den Noten beigefügter Vergleichung der wesentlichen Varianten des alten Druckes „durch Friderich Gutknecht zu Nuͤrnberg“ (um 1560), den O. Schade auf’s neue (Hannover, K. Rümpler. 1854) in 150 Exemplaren hat abdrucken lassen.

WOLT ir her schaft hie betragen[40]. gros abenteier wil ich eich sagen. fon sterken sturmen un herte. die der berner um[41] hildbrant leit. fil menchen sturmen er da streit. bis das in got ernerte. es mocht im anders nit dergan[42]. er reit alein aus beren. durch menchen wilden vinstern plan[43]. das mocht ir heren geren. gros lib un leid im da geschach. fon einem starken risen. kam er in un gemach.

da der berner bei hildbrant sas. di zwen worden auch reden das. was si heten erstriten(.) mit irer held kreft[44] hant. also sprach sich meister hildbrant. ich hob so fil erliten. wol fon den starken eisengrein. un fon sein wilden weib[45]. si het mir nach[46] das leben mein. gescheiden fon den leibe. si zwang mich unter[47] ire bein. ich must sein da gebliben(.)[48] das wendeit[49] ir her ein[50].

her ditreich sprach jo das ist war. dein leben stund als um ein har. da si dich het um fangen(.) unter ireh achsel[51] si dich zwang. dein wer di war kegen ir so krank. es was um dich ergangen. ich schlug ir ab das heibte zwar. fon stund must si dich lasen. hildbrant sprach her das ist war. si was gros on masen. wo si nach (noch?) in der erden leit. ich leid nie herter druken. bei ale meiner zeit.

Nach der Schlußstrophe (196): „Si traten zu den rosen an“ etc. heißt es:

„ausgenomen von galchot[52] un auf judisch verteischt gar schön aus der masen kurz weiliglich drinnen zu leien[36] klein un ach grosen. darum mit dem kaufen seit geschwinden. fil leicht wert ir sie bald nimer gefinden. den sie werden ferzukt werden. durch dieses Verdienst wert uns got (er sei gelobt!) füren ins heilig land un erden.

die fürbit fon den schutphim[53] die es haben aus weiten landen gebracht und druf vil haben verzert mit namen

aharon bar (Sohn des) abraham schlita aus der heiligen Stadt botko(w)iz (?).

jakob bar joseph seligen Andenkens aus der heil. Stadt eisenstat.“

Zum Schlusse geben wir hier noch kurz den ganzen Inhalt dieses Sammelbandes an:

1) Außerordentliche Gebete zwischen dem Ueberschreitungs- und dem Wochenfeste. 1593. (hebräisch.)

2) „Ein schön Frauenbüchlein.... wie sich eine jegliche Frau soll halten etc.“ Posen. 1602. (deutsch.)

3) Sigenot.

4) Das Weihrauchstreuen; (deutsch.)

5) Das Lied von dem Rabbi Mosche Zart. 1603. (deutsch.)

Anfang: Mein Gott ich will dich preisen und loben alle Tag.

Nürnberg.

Dr. Frommann.