Unter den Erwerbungen, welche das germanische Museum in jüngster Zeit für die Abtheilung der kirchlichen Geräthe gemacht hat, befindet sich ein Kelch, welcher aus dem 14. Jahrh. herrührt und aus einer protestantischen Kirche in Franken angekauft wurde, wo er bis heute als Abendmahlskelch in Gebrauch stand und nur wegen Schadhaftigkeit gegen einen neuen vertauscht wurde.
Der Kelch (Fig. 1, s. Sp. 3) ist von Silber und vergoldet, mit getriebenem Fuß und Knaufe und an beiden Theilen mit emaillierten Silberplättchen belegt. Er hat eine Höhe von 17 Centim. Der Fuß ist rund, hat einen untern Durchmesser von 12,5 Centim. und zeigt einen niederen Anlauf, auf welchem sich getriebene Vierpässe in einer Reihe kleiner viereckiger Felder befinden. Am Fuße, der sich in elegant geschwungener Linie nach oben verengt, sind vier spitzbogige Wulste getrieben, unter denen je ein zweiter Wulst die Nasen zu den Spitzbogen bildet. Die Enden der Spitzbogen stoßen gegen vier abwärts gekehrte, stark hervorgetriebene Lilien. Unter jedem Spitzbogen ist ein Rundmedaillon hervorgetrieben und in demselben ein aufgelegtes Silberplättchen, das, ganz flach modelliert, je drei Figuren zeigt. Diese Medaillons waren ehemals gänzlich mit durchsichtigem Schmelz überzogen, der jedoch jetzt sehr stark beschädigt ist, so daß sich die Art der flachen Modellierung, die nicht durch Treiben, sondern durch Gravierung entstanden ist, sehr deutlich zeigt. Die Scene eines Medaillons stellt den sitzenden und segnenden Heiland dar, zu dessen Seiten Mann und Frau (die Donatoren) knieen. Der Grund des Medaillons war blau, der Mantel des Heilandes grün, das Untergewand violett. Das folgende Medaillon zeigt Maria mit dem Kinde sitzend; zu beiden Seiten dieselben Donatoren. Die Farben der Maria sind die gleichen, wie bei Christus; das Kleid der Donatorin ist gelb. Die zwei andern Medaillons zeigen den heiligen Nicolaus und die heilige Katharina stehend; zur Seite wiederum dieselben Donatoren, die sich also viermal finden. Die Farben sind auch die nämlichen. Je drei stark perlenartig hervorgetriebene Punkte füllen die Räume zwischen Medaillons und Maßwerk aus. Der Grund ist durch eingeschlagene Bunzen aufgerauht.
Ein horizontal gegliederter Ring leitet in den etwas engeren cylindrischen Ständer über, der in der Mitte durch einen Knauf unterbrochen ist. Die zwei Cylindertheile des Stieles sind graviert und tragen in Majuskelbuchstaben die Inschriften oben: ✠ AVE MA. unten: RIA GRA. Der Knauf ist glatt und besteht aus zwei flachen, aufeinander gelegten Kugelabschnitten. Aus dem Rande treten sechs vierpaßförmige Cylinder heraus, die an der Stirnseite sechs gravierte, mit durchsichtigem Schmelz überzogene Plättchen zeigen, auf denen sich ein Christuskopf, ein in Halbprofil gestellter bärtiger Kopf und die Zeichen der vier Evangelisten befinden. Die Thierfiguren sind zwar ihrer Kleinheit wegen nur eben angedeutet, aber in wenigen Linien sehr charakteristisch stilisiert, während sowohl die Köpfe am Knaufe, als die Figuren der Medaillons am Fuße ziemlich handwerksmäßig graviert sind.
Die Cuppa ist ganz glatt, hat eine obere Weite von 9,8 Centim. bei 6 Centim. Höhe, zeichnet sich aber durch die stramme Linie, in der sie aufsteigt, aus, und die sich am obersten Rande um eine leise Andeutung nach außen biegt. Die Form des ganzen Kelches ist bei aller Einfachheit sehr edel und nachahmenswerth. Sie verbindet Eleganz und strengen Ernst auf so schöne Weise, daß der Kelch als Muster für ähnliche neue Kirchengeräthe bezeichnet werden kann.
Die Sammlung von Reliquienbehältern des Museums enthält neben manchem Schönen ein nicht uninteressantes Stück, dem wir eine nähere Betrachtung widmen möchten. Bekanntlich sind die Formen der Reliquienbehälter so verschiedenartig, daß man gerade hier kaum erstaunt sein wird, eine neue Form zu finden. Das Gefäß, welches in Fig. 2 abgebildet ist, stammt aus der Jacobskirche zu Nürnberg. Es ist eine hölzerne, unten etwas abgeplattete Kugel, von etwas über 1 Decimet. Durchmesser, die ungefähr die Form eines Schädels hat, so daß sie stets als eine falsche Reliquie, nämlich als ein aus Holz gefertigter Schädel galt. Die Kugel ist mit einem alten Seidenstoffe überzogen, der an der Vorderseite durch eine längliche, schlitzartige Oeffnung, die mit Goldborten gesäumt ist, das hier mit weißem Lacke überzogene Holz zum Vorschein kommen läßt. Das weißlackierte Holz hat das Ansehen eines stark gebleichten Schädels, ist jedoch von vielem Küssen nicht nur sehr beschmutzt, sondern der Lack ist auch in der Mitte fast bis auf das Holz durchgeküßt. Jedenfalls schien der Betrug ein ziemlich plumper, indem die Verehrenden doch einen Knochen von lackiertem Holze unterscheiden mußten; auch ist ja ein Schädel nicht absolut kugelrund.
Der Stoff, womit die Kugel überzogen ist, erschien als so interessant, daß es wünschenswerth war, ihn, um das Muster vollständig zeichnen zu können, vom Holze abzulösen, da große Theile durch Falten verdeckt wurden. Dies wurde unlängst vorgenommen, und es zeigte sich nicht nur der Stoff, der hier abgebildet ist, in seinem schönen Muster, sondern auch, daß die daran geknüpfte Voraussetzung unrichtig war, und daß man, wenigstens bei Anfertigung des Gefäßes, dasselbe nicht als falschen Schädel anbringen wollte. Es fand sich, daß das Gefäß hohl gedreht ist und oben eine runde, durch einen passenden Deckel geschlossene Oeffnung hat. Das Innere ist nicht vollständig glatt, sondern zeigt die vom Ausdrehen entstandenen Ringe. An all diesen Ringen hafteten Spuren eines gelblichen, sandartigen Gegenstandes. Es zeigte sich auch, daß die Kapsel schon früher geöffnet war; denn der genau schließende Deckel war durch Ansetzen eines scharfen Instrumentes behufs, der Oeffnung etwas verletzt worden. Es dürfte also die Annahme gerechtfertigt sein, daß das Gefäß ehemals Erde von heiliger Stelle in sich barg, entweder aus dem heiligen Lande, oder von der Stätte, wo ein Märtyrer gelitten; möglich auch, daß sie auf den heiligen Jacobus Bezug hatte, in dessen Kirche die Kapsel, der, wie der Augenschein zeigt, viele Verehrung erwiesen worden war, sich befand.
Für die Zeitbestimmung der Entstehung fand sich an der hölzernen Kapsel, an der übrigens nur die vordere Oeffnung gefärbt ist, nichts vor; auch die unmittelbar darüber gespannte glatte, grobe Leinwand, welche das rohe Holz bedeckt, gab keinen Anhaltspunkt dafür. Nur der Stoff, womit die Kapsel überzogen ist, könnte einen solchen bieten; allein es läßt sich nicht nachweisen, daß er unmittelbar nach seiner Anfertigung und nicht erst später auf die Kapsel gezogen wurde. Wir müssen denselben also für sich betrachten.
Vergleichen wir ihn mit einer Anzahl von Stoffmustern, wie sie Bock veröffentlicht hat, so zeigt sich, daß derselbe wol im Stil am meisten Aehnlichkeit mit einigen italienischen Mustern hat (Gesch. d. liturg. Gewänder, I. Taf., XIV. Musterzeichner des Mittelalters, Taf. I und VI, Fig. 10 u. 11). Der Grund ist rosa, das Muster darauf gelblichgrün, die Blumen sind weiß. Eine Beschreibung des Musters ist durch die Abbildung erspart. Bock setzt diese Muster in’s 13.–14. Jahrh. Wir wollen einer solchen Autorität in diesem Fache gegenüber unsere Meinung nur schüchtern dahin aussprechen, daß der Naturalismus, die Schärfe und Energie der Zeichnung uns nur auf das 14. Jahrh. leiten würde. Es scheint uns indessen der Vergleich der von Bock publicierten Muster allein nicht ausreichend, um spanische, maurische, sicilianische und norditalienische Fabrikate streng von einander zu unterscheiden. Wir dürfen deshalb nicht geradezu die Frage nach dem Ursprunge dieses Stoffes dadurch als erledigt betrachten.
Nürnberg.
A. Essenwein