Der problematische Wappenschild auf zwei Erzdenkmälern in der Stiftskirche zu Aschaffenburg.

In der Stiftskirche zu Aschaffenburg befinden sich zwei vom Kurfürsten, Cardinal Albrecht von Mainz in den Jahren 1525 und 1530 gestiftete Erzdenkmäler. Dieselben enthalten bekanntlich einen seltsam gebildeten Wappenschild, dessen Bedeutung zur Zeit noch nicht genügend enträthselt ist. Ich versuche es daher, den bereits darüber aufgestellten Vermuthungen eine neue hinzuzufügen und deren Prüfung der Kritik Sachkundigerer zu unterstellen.

Das an der Nordwand des Chors der Stiftskirche zu Aschaffenburg angebrachte Madonnenbild von Johannes Vischer aus dem Jahre 1530 enthält auf dem Rahmen, der die in einer Strahlenglorie stehende Figur der Maria mit dem Christuskinde umgibt, zwölf Wappenschilder, sämmtlich von gleicher Form, aber auf ihrem Felde mit verschiedenen Emblemen geziert. In der von dem Kreissegment, welches den Rahmen auf der obern Schmalseite bekrönt, gebildeten Lünette sind drei Schilder, im Dreieck stehend, angebracht. Auf dem höchsten, die Spitze des Dreiecks bildenden, ist das Schweißtuch der heiligen Veronika mit dem Christuskopf, auf dem rechten, an der Basis des Dreiecks, ein durchbohrtes Herz, auf dem linken der Speer und der Ysop, mit dem Schwamm sich kreuzend, in den Winkeln der Kreuzung die drei Nägel dargestellt.

Die beiden verticalen Rahmschenkel sind mit je drei Schildern besetzt: die beiden obersten enthalten die durchbohrten Hände, die beiden folgenden die durchbohrten Füße des Heilandes, mit dem in der Lünette befindlichen durchbohrten Herzen die fünf Wunden darstellend; in der dritten Reihe befindet sich im Schilde rechts die Säule, daneben die verschlungenen Stricke, womit Christus an die Säule gebunden war, links ein Schild mit Kreuz, Geisel und Ruthe, also die Marterwerkzeuge.

Weiter befinden sich auf den unteren Ecken des Rahmschenkels, zu beiden Seiten gleich, die fraglichen räthselhaften Wappenschilde, in vier Felder getheilt, auf der Kreuzung der brandenburgische Adler, in den Feldern links oben und rechts unten je drei Krüge, rechts oben und links unten je drei Körbe. Endlich ist in der Mitte des Rahmensockels ein brandenburgisches Wappen mit den erzbischöflichen Insignien angebracht, dessen Mitte die Schilde von Mainz, Magdeburg und Halberstadt, die Felder der brandenburgische Adler, der pommerische Greif, der vierfach getheilte Hohenzollernschild und der burggräflich nürnbergische Löwe einnehmen.

Den vorbeschriebenen, ihrer Bedeutung nach räthselhaften Wappen sehr ähnlich, und jedenfalls gleichbedeutend, ist der in der Mitte des untern Rahmschenkels von dem Monumente des Cardinals Albrecht (das sich dem Madonnenbilde gegenüber an der Südwand vom Chore der Stiftskirche zu Aschaffenburg befindet) angebrachte Wappenschild, der sich von den oben beschriebenen lediglich dadurch unterscheidet, daß die Viertheilung nicht durch bloße Linien, sondern durch ein wirkliches Kreuz gebildet wird.

Der fragliche Wappenschild mit seinen sechs Krügen und sechs Körben wurde zur Zeit sonst nirgends gefunden und kein Wappenbuch gibt darüber irgendwelche Auskunft. Es ist kein Orts-, Geschlechts- oder Familienwappen, kein Stifts-, Kirchen- oder Corporationswappen, kein geistliches noch weltliches Wappen; es muß daher ein redendes, ein allegorisches, für einen besonderen Zweck erdachtes sein. Darauf deutet ganz besonders die Gesellschaft, in welcher sich die beiden Wappenschilde am Madonnenbilde befinden, hin, die sämmtlich als redende Wappen sich darstellen und neben denen, schon um der Einheit der Gesammtdarstellung willen, an ein anderes als ein ähnlich redendes Wappen kaum wird gedacht werden können. Das Wappen des Stifters allein dürfte eine Ausnahme gestatten. Die heraldische Darstellung beginnt unten mit dem Leben und geht durch die Leiden, um an der höchsten Höhe mit dem Tod zu enden.

Da Cardinal Albrecht sein eigenes Denkmal sowohl, wie das Madonnenbild bei Lebzeiten fertigen ließ und selbst Kunstliebhaber war, so unterliegt es wol keinem Zweifel, daß er bei der Conception der beiden Erzgüsse influierte und dem Künstler wol die Aufgabe stellte, in den Randverzierungen des Madonnenbildes Christi Leben, Leiden und Sterben anzudeuten, wie dies bei Gemälden sehr häufig in den Predellen geschieht. Dabei sollte das Madonnenbild das Pendant des kurfürstlichen Monumentes sein, dessen Rahmen mit den Geschlechtswappen des Stifters geschmückt war. Es führte dies mit Nothwendigkeit darauf, jene Andeutungen ebenfalls in Wappenschildform, den gegenüber angebrachten Geschlechtswappen entsprechend, darzustellen. Nun boten zwar die Marterwerkzeuge, die fünf Wunden und das Schweißtuch geeignete, auf das Leiden und Sterben Christi bezügliche Embleme für heraldische Darstellung dar; welcherlei Embleme sollten aber gewählt werden, um Christi specifische Lebensthätigkeit in Wappenschildform anzudeuten und heraldisch darzustellen? Es war dies ohne Zweifel eine schwierige Aufgabe. Sei es nun, daß der Stifter oder der Künstler auf die Idee verfiel, die Geschichte von Christi Wundern dafür auszubeuten, und zwar die Stelle im Ev. Marci VI, 34–44, wo Christus mit fünf Broden und zween Fischen 5000 Mann gesättigt hat und die Jünger noch „zwölf Körbe voll von Brocken und von den Fischen aufhoben“, dann die Stelle im Ev. Johannis II, 6, wo Christus auf der Hochzeit zu Cana das Wasser in Wein verwandelte, und wo es heißt: „Es waren aber allda sechs steinerne Wasserkrüge gesetzt, nach der Weise der jüdischen Reinigung; und giengen je in einen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen (den Dienern): Füllet die Wasserkrüge mit Wasser, und sie fülleten sie bis oben an. Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es. Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und wusste nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das Wasser geschöpft hatten), rufet der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten den guten Wein, und wenn sie trunken geworden sind, alsdann den geringeren; du hast den guten Wein bisher behalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus that, geschehen zu Cana in Galiläa und offenbarete seine Herrlichkeit; und seine Jünger glaubten an ihn.“

Körbe und Wasserkrüge eigneten sich aber vortrefflich zu heraldischen Emblemen; und so möchten sie denn in die Reihe der Wappenschilde eingereiht worden sein, um auf Christi wunderthätiges Leben, wie er fröhlich mit den Fröhlichen gewesen, und wie er mit dem geringsten Speisevorrath Tausende von Menschen zu sättigen vermochte, hinzuweisen, wie die fünf Wunden und die Marterwerkzeuge auf sein Leiden und Sterben Bezug haben.

Es ist noch übrig, die Bedeutung des Adlerschildes im Centrum der fraglichen Wappenschilde zu erklären. Ich erkläre mir diese, auf den Cardinal Albrecht, den Brandenburger, speciell bezügliche Zuthat in folgender Weise:

„Jesus offenbarete in seinen Wundern seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.“ Der brandenburgische Adler war das Siegel, wodurch sich auch Cardinal Albrecht als Christi Jünger bekennt, also das heraldisch dargestellte Bekenntniss, dass auch er an Christus glaube, wie die Jünger thaten, nachdem sie die zwölf Körbe aufgehoben und die sechs Krüge Wasser in Wein verwandelt gesehen. „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ ist ja noch heute die Devise des brandenburgischen Herrscherhauses.

Es könnte gegen diese meine Erklärung des problematischen Wappenschildes vielleicht eingewendet werden, daß sich der gleiche schon an dem 1525, also fünf Jahre früher, als das Madonnenbild, gefertigten Denkmal des Cardinals Albrecht vorfinde, an welchem sich nicht, wie bei jenem durch die Darstellung der auf das Leiden und Sterben bezüglichen Embleme, Veranlassung geboten habe, auch auf das wunderthätige Leben bezügliche Embleme anzubringen. Ich entgegne darauf:

1) daß der in der Mitte des untern Rahmschenkels am Albrechtsmonument angebrachte Wappenschild, der sich nur durch das die Viertheilung bildende wirkliche Kreuz von den ähnlichen Schilden am Madonnenbilde unterscheidet, gleichsam in nuce dieselbe Bedeutung heraldisch darstellt, die an jenem in ausführlicherer Darstellung zur Anschauung gebracht ist. Körbe und Krüge deuten auf das wunderthätige Leben, das Kreuz auf Leiden und Sterben Christi, der Adler auf das Glaubensbekenntniß des Stifters.

2) Ich entgegne ferner, daß, wenn der Gedanke dieser allegorischen Darstellung wirklich erst bei Fertigung des Madonnenbildes erwacht sein sollte, es auch nicht außer dem Bereich der Möglichkeit liegt, daß das fragliche Wappen am Fuße des Albrechtsmonumentes nachträglich eingesetzt und gegen das dort vorhanden gewesene ausgewechselt worden sei, zumal der mittlere Theil des untern Rahmschenkels mit dem fraglichen Wappen, wie die vorhandenen Nähte zeigen, augenscheinlich besonders eingesetzt ist und überdies in der Reihe der Geschlechtswappen mehrere fehlen, wie das Wappen des Fürstenthums Rügen, das Wappen von Cassuben, die man beide an dem Denkmal von Albrecht’s Vater im Dom zu Berlin angebracht findet.

Dies ist die muthmaßliche Erklärung, die ich von dem problematischen Wappenschilde geben möchte, womit ich jedoch Sachkundigeren in keiner Weise vorgreifen will, die vielmehr ihrem Zweck entsprechen würde, wenn sich eine weitere Discussion daran knüpfen sollte.

Meiningen.

Döbner.