Multiplicationsornamente in den Fußbodenfliesen des Mittelalters.

(Nebst einer Tafel mit 4 Abbildungen.)

Je mehr sich das Studium der alten Kunst erweitert, je mehr auch die Aeußerungen derselben in den Kreis der Studien gezogen werden, welche auf untergeordneteren Gebieten der menschlichen Thätigkeit erwachsen sind, um so mehr werden neue Gesichtspunkte gefunden und längst gefundene befestigt und näher präcisiert, die zur richtigen Beurtheilung der Kunstthätigkeit im Großen und Ganzen, zur Beurtheilung der Aeußerung des künstlerischen Gefühles im Volke in seiner Gesammtheit führen.

Zum großen Theile hängt die weitere Vertiefung in den Gegenstand mit den Bemühungen zusammen, die Kunsttraditionen der Vorzeit nicht nur zu erkennen, sondern sie auch für unsere Kunst, für unsere Gewerbsthätigkeit nutzbringend zu machen. Es sind vorzugsweise gewisse allgemeine Gesichtspunkte, die hauptsächlich erst durch diese Bemühungen aufgeschlossen worden sind, und die jetzt weiter verfolgt werden. Dahin gehört, wie die Formen auf allen Gebieten der menschlichen Kunst- und Gewerbsthätigkeit einer jeden bestimmten Zeit einen solch innerlichen Zusammenhang tragen, daß eine Harmonie nicht denkbar ist, wenn man Formen aus einer andern Zeitperiode hineinmengt, ohne dieselben gänzlich umgebildet, ohne sie aus dem Geiste und der Sprache einer Zeit in den Geist und die Sprache der andern Zeit übersetzt zu haben, der das Gesammte angehört, in welches sich die einzelne Form einfügen soll. Und so ist denn ein genaues Studium der Chronologie für jedes einzelne Specialgebiet der Kunstthätigkeit in’s Leben gerufen worden.

Fig. 1.
Fig. 2.

Anderseits zeigt sich aber auch, daß bei aller Gemeinsamkeit des Geistes doch die Formen auf jedem besonderen Gebiete zu jeder gleichen Zeit andere sind, daß ein anderes Gesetz hier vorgewaltet, nämlich das, daß Bestimmung, Material und Arbeitstechnik einen solch mächtigen Einfluß ausüben, daß man nicht ungestraft Formen eines Gebietes auf ein anderes ohne eine ähnliche Uebersetzung übertragen darf; ja, daß gewisse und sogar sehr viele Formen geradezu unübersetzbar, daß sie ausschließlich an ein bestimmtes Kunstgebiet geknüpft sind. Wenn uns das Studium der Vorzeit zeigt, daß nicht immer die allervollste Consequenz hier gewaltet hat, so zeigt es uns aber gerade durch die vereinzelte Ausnahme in — sit venia verbo — abschreckenden Beispielen, wie unbeugsam das Gesetz selbst ist.

Fig. 3.
Fig. 5.
Fig. 4.

Die Praxis allerdings hat diesen durch sie und in ihrem Interesse vorzugsweise hervorgerufenen Studien noch immer nicht so allgemeine Beachtung geschenkt, als wünschenswerth; die Wissenschaft, die Erkenntniß hat sicher durch sie gewonnen.

Fig. 6.
Fig. 7.

Es geht so in der hohen Kunst und ist einer der vielen Gegensätze, die im Geiste unserer Zeit liegen. Längst hat Lessing in seinem Laokoon darauf hingewiesen, daß nicht jede Aufgabe für jedes Kunstgebiet passend sei, und daß nicht eine Kunst der andern den ihr allein zugehörenden Boden streitig machen, sich nicht Aufgaben usurpieren soll, die der Schwester ausschließlich zugewiesen sind. Man hat Lessing Denkmale errichtet, aber seinen Ausspruch haben unsere Künstler nicht berücksichtigt, ja, fast wäre zu sagen, je höher sie stehen, um so weniger haben sie sich daran gehalten. So geht es denn auch auf andern Gebieten; man wirkt und webt Stoffe, deren Muster nicht dem naturgemäßen Formenkreis der Wirkerei angehören; man malt Fenster, ohne zu bedenken, welche Aufgaben die Glasmalerei hat u. s. w. Man sucht das höchste auf jedem Gebiete in den Seiltänzerkunststückchen, indem man gerade mit vielen Mitteln und vieler Mühe das macht, was einem andern Kunstgebiete angehört und dort sich mit wenig Umständen geben läßt. Wir haben oben gesagt, daß eben die Absicht der Nutzbarmachung der Vergangenheit das Studium gefördert habe, und müssen so auch in einem rein wissenschaftlichen Blatte für diese praktische Frage eine nähere Prüfung in Anspruch nehmen, da eben sie uns hinleiten soll zur Erforschung eines auf einem Specialgebiete von den Alten befolgten Gesetzes. Man gestatte uns deshalb noch einige Worte. Eine Verkennung, die lange auf unsere Industrie ihren Einfluß geltend machte, liegt in der verschiedenen Aufgabe einer Flächendekoration und der plastischen Behandlung. Die Aesthetiker haben sich lange vergebens bemüht, diese Unterschiede darzulegen, und es scheint, daß erst die Wirkung der massenhaften Vorführung der Erzeugnisse des Orients, der dem richtigen Gesetze stets treu geblieben ist, auf der Pariser Ausstellung des vorigen Jahres einen mächtigen Einfluß ausgeübt hat. Zeigt sich ein großes Gesetz für alle Dekoration der Fläche, welcher Art sie auch sei, wonach sie eben durch einfache, klare Linien und einfache Nebeneinanderstellung der Farbentöne ihre größte und ihre vollberechtigte Wirkung erzielen muß, so ist doch wieder auf jedem Einzelgebiete eine großer Unterschied. Man bemüht sich deshalb stets mehr, diese einzelnen, in der Natur der Sache begründeten Formenkreise zu erkennen, und sucht in Schriften, wie in Museen dem Publikum durch größere Serien die einzelnen Formen darzulegen.

Fig. 8.
Fig. 9.

Ein solches Gebiet der Flachornamentik, das seine eigenen Bildungsgesetze hat, liegt für die Fußbodenfliesen vor, und man hat gerade diesen in neuester Zeit so viel Aufmerksamkeit zugewendet, daß die Sammlung solcher Fliesen, welche das germanische Museum in Original und Abgüssen besitzt, eine beträchtliche Wichtigkeit um so mehr erhalten hat, als auch die Wiederanwendung von dergleichen jetzt häufiger geworden ist[29].

Fig. 10.
Fig. 11.

Die Fliese muß so hart als möglich gebrannt und, da sie eine Ebene bilden soll, möglichst wenig im Brennen verzogen, ferner, da sie ein Beleg des Fußbodens ist, nicht zu dick sein. Es ist also naturgemäß, den Fußboden, um dies alles zu erreichen, aus möglichst kleinen Stücken herzustellen. Diese können eine von einander verschiedene Farbe haben und nach allerlei linearen Mustern geschnitten sein; sie werden so in bloßer Zusammensetzung, ohne jede weitere Verzierung, einen angenehm aussehenden Fußboden bilden. Beispiele der Art sind auch in der Sammlung des germanischen Museums. Da jedoch die Belegung des Fußbodens mit verschieden geformten Einzelstückchen große Sorgfalt erfordert, langsam vor sich geht und vor Allem dabei nöthig ist, daß die einzelnen Stücke möglichst genau passen, so hat man complicierte Zusammensetzungen nur seltener gemacht; man hat sich in der weitaus größten Zahl von Fällen daran gehalten, einfach quadratische Plättchen von gleicher Größe nebeneinander zu stellen. Diese Plättchen sind in der Regel zwischen ein und zwei Decimeter im Quadrat angefertigt. Sehr viele zeigen nun ein in sich geschlossenes Muster als Verzierung. Ein Thier, eine Rosette oder Aehnliches schmückt jedes einzelne Plättchen.

Fig. 12.
Fig. 13.

Das Handwerk, welches diese Fliesen zu liefern hatte, ist jedoch ein ziemlich ordinäres. Die kleinen Thiergestalten, theilweise unvollkommen, theilweise, um sie eben sichtbar zu machen, nur mit rohen Linien angedeutet, konnten die Ebene des Fußbodens nur unruhig machen, keineswegs aber sie schmücken. Es bedurfte zu diesem Zwecke einer einfacheren, größeren Zeichnung, und man kam somit darauf, die einzelnen Fliesen so zu ornamentieren, daß mehrere zusammen ein größeres Muster darstellten. Auch hier war wieder eine compliciertere Anordnung nur selten. In der Regel haben alle einzelnen Plättchen das gleiche Ornament, und aus der mehrfachen Zusammensetzung der einzelnen Plättchen entsteht durch die Multiplication das größere Ornament. Die Anordnung mußte so getroffen werden, daß sodann die Conturlinien der einzelnen Plättchen das Ornament nicht störend durchschnitten.

Um den starren geraden Linien der Plättchenquadrate einen angemessenen Gegensatz zu geben, spielt gerade der Kreis eine Hauptrolle in diesen Multiplicationsornamenten. So findet sich eine ganze Reihe, bei denen der Viertelkreis, aus dem einen Ecke des Plättchens als Mittelpunkt beschrieben, eine Quadratseite als Radius hat, so daß je vier aneinander stoßende Plättchen einen gemeinsam geschlossenen Kreis zeigen, in welchem das Ornament eingeschlossen liegt, wobei das freibleibende Dreieck entweder durch einen den Kreis überschreitenden Ornamenttheil eingenommen ist, oder wieder je vier aneinander stoßende solche Dreiecke ein gemeinsames Ornament bilden. Der Kreis besteht selten blos aus einer einzigen Linie, sondern meist aus einem breiten Bande, das zwischen zwei Kreislinien eingeschlossen ist. (Fig. 1. 2. 3. 4. 5.)

Oft sind, wie in Fig. 1. 2. 3. die Conturlinien der Plättchen geradezu in das Ornament hereingezogen, so daß sich kreuzende Bänder die kreisförmigen durchschneiden. Das Bild des ganzen Ornaments entwickelt sich oft überraschend aus der Zusammenstellung. Es ist nicht möglich, jedes einzelne Muster zusammengestellt hier zu geben; wir haben jedoch unter A auf beiliegender Tafel die Fig. 5 in der Zusammensetzung vor Augen geführt. Bei einer andern Reihe von Mustern ist der Kreis kleiner und hat nur etwa die Hälfte einer Quadratseite zum Radius (Fig. 6); wieder andere haben eine Reihe von concentrischen Kreisen (Fig. 7 u. 8). Man kann hierher auch Fig. 4 rechnen. Bei der Composition dieser Muster ist die größte Aufmerksamkeit nöthig. Die Fig. 8, schon der Renaissance angehörig, sieht sehr unscheinbar aus, während sie in der Zusammenstellung bei B unserer Tafel sehr befriedigt, dagegen z. B. Fig. 4. in der Zusammenstellung ziemlich unbefriedigend aussieht.

Fig. 14.
Fig. 15.

Wir kommen nun an eine Reihe von Mustern, bei denen zu dem ersten, aus dem Ecke beschriebenen Kreis ein zweiter, aus dem gegenüberliegenden Ecke geschlagener hinzukommt (Fig. 9. 10. 11.). Die Wirkung dieser Muster ist wieder eine total verschiedene. Es bilden nämlich die Spitzwecken eine Art Netz, in dessen einzelnen Maschen sodann die größeren oder kleineren Rosettchen in der Mitte sitzen, die durch das an den Ecken, die als Mittelpunkt gedient haben, befindliche Ornament gebildet werden.

Fig. 12 zeigt abermals ein daraus weiter entwickeltes Motiv: dort ist durch eine Diagonale des Quadrates die Hälfte des Spitzwecken abgeschnitten; im Ornament ist jedoch die Form beibehalten. Das Muster (C) wirkt sehr reich. Daß die einzelnen Theile nicht vollständig an einander passen, hat in der rohen Handhabung des ganzen Handwerks seine Ursache, läßt aber doch den Grundgedanken des Ornaments unberührt.

Bei Fig. 13 sind Kreise aus allen vier Ecken, die sich kreuzen, beschrieben. Die Zusammensetzung (D) ist gerade hier am überraschendsten. Das unscheinbare Einzelmuster entwickelt sich zu einer interessanten und hübschen geometrischen Zeichnung. Wie bei B (Fig. 8), so haben die Conturlinien der Plättchen für die Zeichnung allen Werth verloren, ja sie sind gewissermassen eine störende Erinnerung an die Technik.

Ebenso ist es bei Fig. 14, wo durch zwei Diagonalen eine Anzahl Kreise durchschnitten sind, die nicht aus den Ecken, sondern aus dem Mittelpunkt der Platte und aus dem Mittel der Quadratseiten geschlagen sind. Die Absicht, ein größeres Muster aus gleichen, kleineren Elementen zu erhalten, fällt bei Fig. 13 und 14 vollständig weg. Es ist im Gegentheil das Muster verkleinert. Aehnlich ist der Fall bei Fig. 15, nur mit dem Unterschied, daß das im Einzelnen ganz ansprechende Muster in der Multiplikation ein kleinliches, nichtssagendes Bild hervorbringt.

Es führt uns das schließlich zu der Lehre, daß diese Muster mit Vorsicht zu componieren und daß die einfachsten, naturgemäßesten in der Regel die schönsten sind. Man muß sich an die Eigenthümlichkeiten der Sache selbst anschließen und diese künstlerisch zur Geltung bringen, nicht aber darauf ausgehen, unbekümmert um die Technik, ein sonst an sich schönes Ornament herzustellen. Die Mannigfaltigkeit in der Einheit tritt nie besser hervor, als wenn jedes Einzelne das, was ihm eigen ist, charakteristisch hervorkehrt. Darin, daß alle Charakter haben, liegt ein so mächtiges Einheitsband, daß alle noch so divergierenden Formen zusammengebunden werden.

Wir wollten hier nur über ein Ornamentationsprinzip sprechen. Die chronologische Entwicklung, die Verschiedenheit der Durchführung in der Glasur, der eingeritzten oder flach plastischen oder eingetieften Zeichnung werden wir bei anderer Gelegenheit hervorheben, wenn wir auf die ganze Sammlung eingehen und auch die Muster besprechen werden, die nicht aus dem Prinzip der Multiplication hervorgegangen sind. Für die Selbsterfindung dieses Wortes bitten wir um Entschuldigung. Das so erfundene Wort schien das Gestaltungsprinzip am besten zu bezeichnen.

Nürnberg.

A. Essenwein.