Bietet Agricola in den ersten beiden Theilen seiner Sprichwörter ursprünglich nur 748 Nummern?

Friedrich Hasenow theilt im Anzeiger 1867, Sp. 278 f. die dankenswerthe Beobachtung mit, daß in der Hagenauer Ausgabe der Sprichwörter Agricola’s vom Jahre 1534 Nr. 602 vollständig fehle, die Zählung mithin von 601 gleich zu 603 übergehe. Er scheint daran sowohl der Fassung als dem Titel seiner Mittheilung nach die Vermuthung zu knüpfen, daß ein ähnlicher Irrthum in sämmtlichen Ausgaben Agricola’s wiederkehre. Dies ist aber keineswegs der Fall, und somit dürfte Hasenow’s Mittheilung nach beiden Seiten ἅμα πρόσσω καὶ ὀπίσσο einer Ergänzung bedürfen. Ich selbst bin augenblicklich nur der ersten Hälfte dieser Aufgabe gewachsen; hoffe aber, daß das freundliche Eintreten J. Franck’s, dessen prüfendem Auge ich diese Zeilen zuerst unterbreite, gleichzeitig mit mir ein, wie Hasenow mit Recht bemerkt, in jedem Falle erwähnenswerthes Factum auf’s Reine bringen werde.

Die Hagenauer Ausgabe von 1529 hat die fragliche Lücke nicht. Die Gruppe der Sprichwörter, welche bloße Vergleichungen enthalten, umfaßt die Nummern 598–619. Was aber in der Ausgabe von 1534 unter Nr. 601 sich findet: „Geel wie ein wachß“, ist hier (1529) bereits Nr. 602; und so folgt denn auch ohne weitere Lücke Nr. 603: „Weysser denn schnee“. Voraus aber gehen ohne Irrthum in der Zählung Nr. 598. Er wirt so bleych wie ein asche, ascherfarb. 599. Weyß wie ein kreide. 600. Schwartz wie die erde. 601. Blaw wie der hymel. —

Ich halte billig jede Vermuthung zurück, wie etwa der Irrthum in der Zählung der Ausgabe von 1534 und wahrscheinlich auch der späteren Drucke könne entstanden sein; die Sorgfalt meines Freundes wird diese Lücke meiner Darstellung mit leichter Mühe auszufüllen wissen.

Nur zwei Worte gestatte ich mir noch im unmittelbaren Anschluß an Hasenow’s Mittheilung.

Hasenow nennt meine Untersuchung über Agricola’s Sprichwörter eine sorgfältige. Diese Sorgfalt hat sich augenscheinlich in der Vergleichung der Ausgaben von 1529 und 1534 schlecht bewährt; ich habe eigentlich nur aus Chr. C. am Ende ausgeschrieben, der mir alles hier zur Frage Stehende im wesentlichen erschöpft zu haben schien. Zweitens entschuldigt Hasenow das bisherige Uebersehen der Lücke an mir wie andern Forschern mit dem begründeten Hinweis, daß diese Vergleichungen (Nr. 598 ff.) nach allen Richtungen am wenigsten Interesse darbieten. Vielleicht aber hat die Gruppe auch abgesehen von dem sprachlichen Gewinn noch einen relativen Werth; sie charakterisiert gewissermassen die drei Sammlungen, die wesentlich von Agricola abhängen; die sogen. erste Egenolffische vom Jahre 1532, deren Autor kein Geringerer als S. Franck ist; die Klugreden von 1548–1615 und die zu Campen in den Niederlanden unter dem Titel Gemeene Duytsche Spreckwoorden 1550 erschienene Sammlung.

S. Franck, ein comprehensiver genius wie nur einer, hat den größten Theil dieser Sprichwörter in einer Nummer 355 zusammengefaßt mit dem kurzen Schlußwort: ein vergleichung etlicher ding mit anderm; die Campen’sche Sammlung bietet dieselben Gleichnisse in ihrer Vereinzelung; die Klugreden lassen sie sämmtlich fort. Gegen die Flüche Agricola’s verhalten sich alle drei Compilationen gleich ablehnend.

Schwerin.

Friedr. Latendorf.


Nachwort.

Dem Wunsche meines Freundes gern willfahrend, habe ich nur zu bedauern, eine auf Grund eigener Ansicht sämmtlicher Ausgaben des 2. Theiles nebst Gesammtausgaben vollkommen befriedigende und jeden Zweifel abweisende Auskunft zur Zeit nicht geben zu können, weil mir bis jetzt von den mit Bestimmtheit existierenden 15 Ausgaben nur erst 9 vorgelegen sind. Die Drucke, welche durch meine Hände giengen, und aus deren einem (Hagenaw, 1534) ich den in Rede stehenden Irrthum schon im Winter 1845[23] wahrgenommen und in meinen Collectaneen notiert hatte, sind mit einigen ihrer Fundorte folgende: 1. Hagenaw 1529 (Germ. Mus.; Berlin; Ottow’s Sammlung). — 2. o. O. (Erfurt) Melch. Sachse 1529. (Berlin; Ottow). — 3. Nürnberg, Joh. Stüchs 1530. (Augsburg: Stadtb.; Berlin; Ottow). — 4. Hagenaw 1534 „am xv. tag des Mertzen“ (Germ. Mus.; München: Staats- u. Univ. Bibl.; Berlin; Ottow; eig. Samml.). — 5. Hagenaw 1537 „am viij tag des Mertzñ.“ (Ulm; München: Staatsb.; Dresden; Berlin; Wolfenbüttel; Ottow). — 6. o. O. 1541. (Augsburg: Stadtb.; München: Staats- u. Univ.-Bibl.; Ulm; Berlin). — 7. o. O. 1558. (Germ. Mus.; Dresden; München: Univ.-Bibl.; Berlin; Ottow.). — 8. Wittenberg 1582. (Germ. Mus.; Augsb.: Stadtbibl.; München: Univ.-Bibl.; Berlin; Ottow.). — 9. Wittenberg 1592. (München: Staatsbibl.; Dresden; Berlin; Wolfenbüttel; Ottow).

Von diesen bietet, wie schon Latendorf selbst vollkommen richtig angegeben, die Original-Ausgabe v. 1529 (Nr. 1) die fragliche Lücke nicht; sie erscheint zum ersten Male in der ersten Gesammtausgabe (Nr. 4), während alle andern, mit Ausnahme einer einzigen — der aus derselben Hagenauer Presse unmittelbar folgenden Ausgabe (Nr. 5) — den Text der ersten nach Wort und Zählung genau wiedergeben. Es möchte darum der Schluß, daß auch die übrigen von mir noch ungesehenen Ausgaben der ersten Redaction gefolgt sind, wohl erlaubt sein. Zu Recht aber besteht in jedem Falle, und zwar für alle Drucke ohne Ausnahme, die Schluß- und Gesammtzahl 749[24].

Sonach ist das Aeußere der beiden Texte für die in Betracht kommenden Nummern 600–603 also gestaltet:

a. Hagenaw. 1529. Ander Theil. Bl. 156 ab.
(ebenso: Nürnberg, Joh. Stüchs, 1530).
(Bl. 156a) 600.

Schwartz wie die erde.

Die erde ist nicht allenthalben schwartz/ Inn Doringen ist sie schwartz/ am Reyn ist sie rot/ wie wol die schwartze erde zum Korn wachsen besser ist denn die rote/ vnd die rot zum wein wachsen besser denn die schwartze. Die heilige schrifft sagt/ daß der mensch aus roter/ nicht aus schwartzer erden geschaffen sey/ darumb sichs schleußt/ daß diß wort nicht an allen orten Deutschs landes war ist/ Denn an etlichen ortten ist eyttel sandt/ weder schwartze noch rote erden.

601.
Blaw wie der hymel.

Cesius.

Der hymel ist blaw/ wie wir sehen/ da her wir ein farbe nennen hymelblaw/ vnd ist eygentlich mehr graw denn blaw.

(Bl. 156b) 602.
Geel wie ein wachß.

Cereus.

Flauum heyßen die Roͤmer liechtgeel, Fuluum dunckelgeel/ Addam cerea quoque/ Geele spieling/ wachß geel ist todten farbe.

603.
Weysser denn schnee.

Ein Deutsche Hiperbole/ weyßer deñ der schnee/ so doch nichts fast weysser seyn mag/ deñ schnee. Die heilige schrifft sagt/ wie der Engel kleider/ welche den weibern nach der aufferstehung Christi bey dem grabe erschinnen/ sind weyß gewesen wie der schnee.

b. Hagenaw. 1534. Sybenhundert vnd | Fünfftzig Teütscher | Sprichwoͤrter... Bl. 6 v ab.

(Bl. 6 v a) 600.
Schwartz wie die erde.

Die erde ist nicht allenthalben schwartz/ In Doͤringen ist sie schwartz/ am Rein ist sie rot/ wie wol die schwartz erde zum korn wachsen besser ist/ denn... rote erden.

Cesius.

Der hymel ist blaw/ wie wir sehen/ daher wir eyn blawe farbe nennen hymelblaw/ vn ist eygentlich mer graw/ denn blaw.

601.
Geel wie eyn wachs.

Cereus.

(Bl. 6 v b). Flauum heyssen die Roͤmer liecht geel/ Fuluum dunckel geel. Addam cerea quoque pruna. Geelspilling/ wachßgeel ist todtẽ farb.

603.
Weisser denn schnee.

Eyn Deutsche Hiperbole/ weisser denn schnee/ so doch nichts fast weisser sein mag/ denn schnee...

Auf welche Weise aber ist dieser Irrthum in der Zählung entstanden? — Die Frage löst sich, wie mir scheint, einfach und ungezwungen durch die Ansicht der zu diesem Zwecke hier abgedruckten Texte. Der Setzer, welcher den Satz der Ueberschrift seiner Vorlage („601 Blaw wie der hymel.“) versäumt hatte, wurde zwar seines Irrthums bald gewahr, anstatt diesen aber an der rechten Stelle zu verbessern, zog er es aus Bequemlichkeit vor (die Seite war einmal gesetzt), ihn erst auf der folgenden durch Ueberspringung einer Nummer gut zu machen. Auch an anderweitigen falschen Bezifferungen und Ungehörigkeiten fehlt es diesem Drucke keineswegs. So sind nur die ersten 31 Blätter foliiert, wobei jedoch 26, 28 und 30 ausgelassen und statt 27 — 20, statt 29 — 30 gesetzt wurde. Custodierung findet zwar in der Regel Statt, doch ist auch diese dreimal in den Vorstücken und vierzehnmal im Texte vernachlässigt. Im Uebrigen zeigt sich die Ausgabe von 1537 auch sonst als unveränderter Abdruck derjenigen von 1534, der nur in unwesentlichen Dingen (deutsche Typen statt römischer für das Register, durchgehende Numerierung der Sprichwörter am Rande, statt bei der Ueberschrift etc.) von seinem Vorgänger abweicht.

Es sei mir verstattet, diese Gelegenheit zu benützen zu einer Bitte an die Leser des Anzeigers und die Freunde des deutschen Sprichworts insbesondere. Nopitsch in seiner Literatur d. Sprichwörter, S. 22, gedenkt einer Ausgabe der „Opera“ Agricola’s: Basel 1558. Fol., in welcher die Sprichwörter ebenfalls enthalten seien. Diesen Druck aufzufinden, wollte jedoch bis jetzt weder in einer bedeutenden Anzahl deutscher Bibliotheken gelingen, noch bin ich selbst in mehreren Hunderten von antiquarischen und Auctions-Catalogen ihm begegnet. Da nun außerdem Kordes in seinem „Leben Agricola’s“ (Altona 1817. 8.) und ebenso Latendorf in seinem vortrefflichen Buche: „Agricola’s Sprichwörter“ (Schwerin 1862. 8.), nicht minder sämmtliche mir bekannten literarischen und bibliographischen Handbücher älterer und neuerer Zeit[25] (Clessius, Jöcher, Adelung, Schellhorn, Jördens etc.) völlig von ihr schweigen, so bin ich in Folge dessen fast geneigt, einen Irrthum Nopitsch’s anzunehmen und die Existenz der Ausgabe überhaupt zu bezweifeln. Sollte ich aber meinestheils mich irren, so würde ich es mit dem größten Danke anerkennen, wollte ein Leser die Freundlichkeit haben, mir den Fundort derselben, sei es direkt oder durch diese Zeitschrift, mitzutheilen.

Annweiler.

J. Franck.