96) Der internationale Congreß für Alterthumskunde und Geschichte nahm nach dem vorausgeschickten Programm vom 14.–21. September seinen Verlauf. Die Betheiligung war zahlreich; hervorragende Gelehrte vom In- und Auslande hatten sich eingefunden, letztere namentlich aus Frankreich, Belgien, England und Rußland. Geleitet von den Präsidenten Berghauptmann Nöggerath und geh. Regierungsrath von Quast, unterstützt von den Generalsekretären Prof. aus’m Weerth und Dr. Dognée aus Lüttich, theilte sich die Versammlung in drei Sectionen: für die Urgeschichte, das heidnische Alterthum und für die christliche Zeit. Schlossen sich die Vorträge auch nicht genau an das aufgestellte Programm, so kamen doch die darin zum Vorwurf gebrachten Fragen fast ohne Ausnahme zur Behandlung, und wenn es, namentlich was die erste Section betraf, in der Natur der Sache lag, daß eine vollständige Lösung der Fragen nicht gegeben werden konnte, so galt es doch viel, den Standpunkt klar gelegt zu sehen, bis zu welchem die Wissenschaft sich der Lösung genähert hatte. Von besonderem Interesse war es, Vertreter von Fächern, die bis dahin kaum noch gemeinschaftlich auf einen Punkt hingewirkt, denselben Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchten und so verwandschaftliche Berührungen einzelner Zweige der Wissenschaft aufgedeckt zu sehen, deren Begegnung äußerst anregend und befruchtend wirken mußte. Durch alle in Betracht kommenden Umstände begünstigt, fanden auch die Ausflüge nach archäologisch wichtigen Punkten in der näheren oder ferneren Umgebung der Stadt Bonn zahlreiche Betheiligung, so nach der Doppelkirche zu Schwarzrheindorf, den Ruinen von Heisterbach, Godesberg, Rolandseck u. s. w. Vor allem wurde ein Besuch der archäologischen Merkwürdigkeiten der Stadt Köln unter kundiger Leitung des Stadtarchivars Dr. Ennen und des Herrn von Quast eine Fundgrube der Belehrung. Mehr noch galt dieses von der für den Congreß im Capitelsaale der Münsterkirche und einem Theile des Kreuzganges angeordneten Ausstellung, zu welcher die Dome zu Trier, Aachen, Limburg, Minden, die Kirchen zu Essen, Deutz, Xanten, Quedlinburg, St. Denis bei Paris, das Musée des Souverains daselbst, das königliche Museum zu Berlin, der Verein der Alterthumsfreunde im Rheinlande, das germanische Museum zu Nürnberg, die Bibliothek zu Gotha, der König von Preußen, die Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, von Wied und viele Private, namentlich mit Rücksicht auf sonst schwer zugängliche Schätze des Alterthums, beigesteuert hatten, worin Stoff zu eingehenden Besprechungen für alle Sectionen, namentlich aber Material für eine Uebersicht der Geschichte des Email gegeben war, wie sie reichhaltiger und entsprechender niemals beisammen gefunden sein dürfte.
97) Das berühmte Bild in der Marienkirche zu Danzig: „Das jüngste Gericht“, ist von den neuem Kunstkritikern bekanntlich fast einstimmig als ein Werk Hans Memling’s anerkannt worden. Früher hielt man Johann van Eyck, dann Albert von Ouwater, Hugo van der Goes oder auch Roger van der Weyden für den muthmaßlichen Urheber. Jetzt ist aus Brügge die Kunde nach Danzig gelangt, daß Weale, ein bedeutender Forscher auf dem Gebiete altvlämischer Malerei, den Niederländer Stourbout als den wirklichen Maler des Bildes ermittelt habe. Laut eines noch existierenden Contracts hat Stourbout „Das jüngste Gericht“ für eine mailändische Adelsfamilie gemalt, die Weale aus den Wappenschildern auf der Rückseite des Gemäldes noch bestimmt zu recognoscieren gedenkt.
(Ill. Ztg. Nr. 1315.)
98) Dem Dr. Salviati in Venedig, dessen Glas-Mosaiken und Gläser auf der letzten Pariser Ausstellung gerechtes Aufsehen gemacht haben, ist die Restauration der bekannten mosaicierten Marienstatue zu Marienburg für den Preis von 1100 Thalern übertragen worden.
R. Bergau.
99) Da die bisherigen Publicationen von Frick, Büsching etc. des historisch wie künstlerisch gleich wichtigen Ordenshaupthauses Marienburg, welches man wol mit Recht als die bedeutendste aller aus dem Mittelalter uns erhaltenen Profanbauten bezeichnen kann, als ungenügend sich erwiesen, bereitet Blankenstein in Berlin eine neue, vollständige, dem hohen Werth des Gebäudes und dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Aufnahme und Publication desselben vor.
R. Bergau.
100) Der König von Preußen hat die Summe von 20,000 Thlrn. als Beitrag zum Ausbau der Liebfrauenkirche in Trier bewilligt.
(Ill. Ztg. Nr. 1316.)
101) Bei Gelegenheit des Umbaues der Sacristei des Kölner Doms mußte das an der Ostseite stehende altare fixum abgebrochen werden. Die im sepulchrum vorgefundene Urkunde ergibt die interessante Notiz, daß der Altar bereits im Jahre 1271 (die letzte Ziffer ist nicht mehr deutlich, dem Anscheine nach aber eine 1), also 31 Jahre nach der Grundsteinlegung des Doms, und zwar durch den sel. Albertus Magnus, consecriert worden ist. Die Urkunde lautet: In Nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Consecratum est hoc altare a venerabili patre Domino Alberto episcopo quondam Ratisbonnensi regnante rege Rudolfo sub venerabili patre nostro Syfrido Coloniensi Episcopo in honorem Thome martyris atque pontificis, Beatae Mariae Magdalenae et Gregorii Papae anno Domini MCCLXXI in vigilia Cosmae et Damiani.
(Organ f. chr. Kunst Nr. 17.)
102) In Köln ist im Garten eines Hauses der Christophstrasse, bei der Ausschachtung eines Kellers, 10 Fuß tief, das untere Stück eines schmalen römischen Weihaltars aus Jurakalk gefunden worden. Erhalten ist nur der Sockel und der Schluß der Inschrift: SVLEVIS S* L* M* P. Sulevis solvit (oder sua?) lubens merito posuit. Die matres Suleviae, denen der Altar gewidmet war, sind auch sonst bekannt. Ein in Deutz gefundener, ihnen geweihter Stein ist verloren gegangen, ebenso ein auf der Schweppenburg bei Andernach befindlicher Altar. In Italien, Frankreich und England findet man sie. Aber auch in der Einheit kommt eine Göttin Sulevia oder Sulivia vor. Der Name des Weihenden begann hier die Inschrift. Die Weihungsformel weicht von der gewöhnlichen ab. Der Stein ist vom Museum erworben worden.
(Ill. Ztg. Nr. 1316.)
103) Bei Gelegenheit einer Rectification des Pflasters auf einem öffentlichen Platze der Stadt Zürich stieß man auf zahlreiche Gefäße und Scherben römischen Ursprungs. Diese waren auf einem so geringen Raume vereinigt, daß von einer planmäßigen Ausgrabung viel zu erwarten ist. Dr. Ferd. Keller vermuthet, daß hier ein römischer Tempel gestanden sei.
(Dies. Nr. 1319.)
104) Ein altgermanischer Grabhügel auf dem Palmberge bei Vippach-Edelnhausen ist kürzlich im Interesse der Sammlungen des Germanischen Museums in Jena von dem Conservator desselben, dem Dr. Klopfleisch, ausgegraben worden. Auf dem Boden des Berges befand sich ein 4 Fuß hohes, etwa 30 Fuß langes und 20 Fuß breites Steinpflaster, auf welchem das Leichenfeuer gebrannt hatte, wie die vielen Kohlen und Aschenstellen bewiesen. Diesen pflasterartigen Steinaltar hatte man, nachdem das Leichenfeuer ausgebrannt, mit schwarzer, von anderwärts hergeschaffter Erde bedeckt. Auf diesem künstlich bereiteten Fußboden lag im Mittelpunkt der ganzen Anlage, von welcher übrigens nach der Peripherie des Hügels zu einige Nebenaltäre ausliefen, das Feuerspuren an sich tragende, vollständige Skelet einer Frau; zu ihren Häupten fand sich in einer zerdrückten Urne ein Häufchen geglühter Menschenknochen, wol ein Theil der irdischen Reste ihres Gemahls. Ringsherum lagen viele Reste geschmolzener Bronze, darunter eine wohlerhaltene fibula, Reste anderer Nadeln, eines medaillonähnlichen Schmuckes und eines bronzenen, verzierten Gefäßes. Zur linken Seite des Skelets fanden sich drei von der Erdlast zerdrückte, theilweise verzierte Urnen ohne Inhalt, und etwas weiterhin die vollständigen Reste eines Rosses, jedoch ohne Schädel, da dieser den Göttern dargebracht wurde, während man das Fleisch des übrigen Körpers beim Todtenopfermahl zu verzehren pflegte. Zur rechten Seite des weiblichen Skelets lagen, mit kleinen Bruchsteinen umsetzt, die theilweisen Skeletreste eines Mannes. Bei einer andern Grabstelle desselben Hügels, welche zu dem in der Peripherie befindlichen Skeletkranze des dienstbaren Gefolges gehörte, waren nur die Füße von den Hüften an beigesetzt, und zwar vollständig und in geordneter Lage. Die Reste von Holzpfählen, die sich um das im Mittelpunkt bestattete Paar vorfanden, werden wol die Träger gewesen sein, auf denen man die Häupter der hier geopferten Thiere, Kränze u. dgl. oberhalb des Hügels befestigte. Ueber die ganze Oberfläche des beschriebenen künstlichen Bodens, auf welchem die zwei Hauptpersonen und die Urnen lagen, waren ferner außer gebrauchten Mahlsteinen von Kalk zahlreiche Scherben der Gefäße, die beim Todtenopfermahl gedient hatten, zerstreut, darunter die Reste einer reich verzierten römischen patera der Kaiserzeit.
(Ill. Ztg. Nr. 1312.)
105) In dem neuen Flußbett der Lippe hat man kürzlich wieder ein altes Schiff gefunden, welches wie dasjenige, auf welches man vor drei Jahren beim Durchstich der Lippe stieß, die primitivsten Formen hat. Es ist nämlich ein ausgehöhlter Baumstamm. Die Höhlung ist zwar mit Hauwerkzeugen ausgeführt; dagegen sind die Schnäbel und Seiten im rohen Zustande geblieben. Seine Länge beträgt 24 Fuß und seine Breite in der Mitte 2½-3 Fuß. Das 1865 aufgefundene und jetzt im Provinzialmuseum zu Münster befindliche Schiff hat dagegen behauene und geglättete Seiten.
(Korr. v. u. f. D. N. 531.)
106) Am Nachmittage des 5. October sammelte ein Mädchen von Lustnau (unweit Tübingen) im sog. Lustnauer Wäldchen am Oesterberg Eicheln. Von einer nicht sehr alten Eiche fielen einige Eicheln in’s Gebüsch zwischen zwei aufrechtstehende Steine; das Mädchen wollte sie holen, und als sie die Steine entfernt hatte, fand sie einen großen irdenen Hafen mit zwei Henkeln, angefüllt mit über tausend alten deutschen Silbermünzen aus dem Mittelalter, von der Größe eines Kreuzers bis zu der eines Sechsbätzners, mit undeutlichem Gepräge und theilweise mit Grünspan bedeckt.
(Ders. Nr. 533, nach dem Schw. M.)
107) Nach Art. XII des Friedensvertrages, welchen Bayern und Preußen vor zwei Jahren abgeschlossen, sollten „die in dem k. b. Archiv zu Bamberg befindlichen, im Wege kommissarischer Verhandlung zu bezeichnenden Urkunden und sonstigen Archivalien, welche eine besondere und ausschließliche Beziehung auf die ehemaligen Burggrafen von Nürnberg und die Markgrafen von Brandenburg fränkischer Linie haben“, an Preußen ausgeliefert werden. Das Resultat der kommissarischen Verhandlungen, welche vom 22. Juni bis 1. August darüber stattfanden, ist nach der Hoffm. Korresp. (Korr. v. u. f. D. Nr. 479) folgendes. Die betreffenden Archivalien belaufen sich auf 3071 Stück, bestehen aus Akten, Korrespondenzen und Verträgen der brandenburgischen Fürsten, welche sechs Jahrhunderte in Nürnberg, Ansbach, Bayreuth, Kulmbach residiert und regiert haben, und haben sämmtlich nur noch historischen Werth. Es gelang dem k. b. Kommissär, den Grundsatz zur Anerkennung und Durchführung zu bringen, daß jedes Stück, welches auf Bayern u. seine Geschichte Bezug habe, Bayern verbleiben müsse. Preußen erhielt dagegen die Familienkorrespondenz der Brandenburger, ihre Hausverträge, Eheberedungen, Verhandlungen über Apanage, Morgengabe, Witthum u. Leibgedinge, die Aufzeichnungen über Geburten, Heiraten, Erziehung, Unglücks- und Todesfälle der Prinzen und Prinzessinnen u. dgl. m. Im Ganzen erhielt von den 3071 Stücken Preußen 1401 und behielt Bayern 1670, wobei 135 Stücke unter beide getheilt wurden. Zu bemerken ist noch, daß von wichtigern Urkunden entweder bereits alte Copien oder zweite Exemplare sich vorfanden, oder, sei’s für Bayern oder Preußen, angefertigt werden und die Urkunden, von welchen Bayern noch Abschriften machen will, noch zurückbehalten sind. Auch ist in Bezug auf das jetzt in Bamberg verhandelte Archivmaterial das Prinzip vollster Gegenseitigkeit in der Benützung, sei es zu amtlichen oder wissenschaftlichen Zwecken, stipuliert worden.
Verantwortliche Redaction: A. Essenwein. Dr. G. K. Frommann. Dr. A. v. Eye.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.
(Mit einer Extra-Beilage.)