Zur Symbolik im 14. Jahrhundert.

Bild und Stein bewahren uns treu die symbolisierenden Anschauungen unserer Vorfahren, und Lied und Predigt bieten uns deren Erklärung. Einen wenigstens in einigen Zügen bemerkenswerthen Beitrag zur christlichen Symbolik gegen Abschluß des Mittelalters enthält das Büchlein „der gebißen spiegel“ (Papierhandschrift Nr. 194 der Stiftsbibliothek Lambach, vom 15. Jahrh.), welches mit Mystik stark versetzt ist und in seinem letzten Theil — einer ursprünglich für sich bestehenden kleineren Abhandlung — die sieben Hauptsünden und die denselben entgegenstehenden Tugenden als Gewappnete folgendermassen schildert.

I.
„Die hochfart chumpt auf einem tyr haist dromedarius,
hat guldein harnesch angelegt,
auf dem helm furt er einen phau,
an dem schild einen adlar,
an dem waffenroch einen chrenten leben,
in der hant ein praitz swert.
Dew vnchausch reit auf einem wilden peren,
hat auf dem helm einen chrancz von rosen
furt an dem schild ein siren
an dem roch ein basalischen
in der hant ein guldein choph voller vnrainchait.
Dy geittichait sitzt auf einem tir haist orix
auf dem helem furcz ein scheren,
am roch ain aichhorn
an dem schilt ein tir haist mocerontes.
Der zorn sitzt auf einem chemel,
auf dem helm furt er ein sparber,
an dem schilt ein winunden hunt,
an dem roch ein merbunder haist forca.
Der neyd sitzt auf einem trachen
auf dem helm furt er ein nest mit pein,
an dem schilt ein fledermaus,
an dem roch ein slangen.
Dew trachait sitzt auf einem essel,
auf dem helm furt er ein affen,
an dem schilt ein pufel,
an dem waffenroch ein liepharten.
De full oder frashait sitzt auf ein wilden chatzen
furt auf dem helm ein fugs,
am schilt ein heicht.
am roch ein tyr haist panthion.
II.
De diemutigehait sitzt auf einem phantyr (pantel),
furt auf dem helm ein chrancz von pluennden beinstochen,
an dem schilt zwo laitter,
an dem boffenroch ein greiffen.
De chauschait sitzt auf einem aingehurin,
furt auf dem helm ein chrancz von weißen, gelben vnd grunen liligen,
an dem schilt furt sy einen engel,
an dem roch einen wolf.
Dew miltichait sitzt auf einem tyr haist eale,
furt einen helm gezirt mit edelm gestain haißent iaspides,
an dem schilt ein galander vogel,
an dem roch ein storchen.
De geduld sitzt auf einem helfant,
auf dem helm furt sie ein agnum,
an dem schilt leocafaniam (leocofonam?)
an dem roch ein schoff.
De lieb sitzt auf einem tyr haist orasius (erasius?),
furt auf dem helm ein coredulum (vogel),
an dem schilt ein pellican,
an dem roch ein arpium (arpia — vogel).
De andacht sitzt auf einem tyr haist campulus (compolus?)
auf dem helm furt sy ein chranz von ruten, darin sitzt ein nachtigal,
an dem schilt ein vogel haist augophilon,
an dem roch ein fenix.
De messichait sitzt auf einem hirßen,
furt auf dem helm ein nest mit jungen raben,
an dem schilt ein otter (vischotter),
an dem roch ein slangen.“

Obwohl die Anwendung manchmal nicht treffend genug, öfter noch zu weit hergeholt erscheint, so ist dennoch manche interessante Notiz in der Ausführung zu finden. Wir können auf Weiteres verzichten, nachdem derselbe Gegenstand, für den wir hier eine neue Quelle erschlossen, in der Literatur nicht neu ist, und verweisen nur auf die im Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen V. Band, Seite 583 ff., gegebenen „Archäologischen Notizen“ von Dr. G. Heider und J. V. Häufler, wo ein etwas ausführlicher gehaltener Text desselben Gegenstandes aus einem Manuscript zu Göttweih — dort als „Note wider den Teufel“ bezeichnet — mit vielen Anmerkungen abgedruckt ist. Von den vielen Darstellungen erwähnen wir nur die Regensburger Teppiche des 15. Jahrhunderts. Als Verfasser erscheint in dem Manuscripte ein Prediger von Amberg:

„Das puchlein dewsch hat gemacht herr prediger von amwerg durch großer diemüttiger gepett willen der woll geporen grozzen vnd herrn hannsen von scharffeneck vnd des durchleichtigisten herrn ludweig chunig von vngern, dalmacie hochster rat. dy red lert her martin.“ Das ganze Büchlein scheint aus Sermones oder Tractatus verschiedener Verfasser zusammengesetzt zu sein. — Der genannte König Ludwig ist wol der Erste dieses Namens, der von 1342–1382 regierte. Da er 1355 Dalmatien sich unterworfen hatte, so ist nicht zu zweifeln, daß obige Uebersetzung zwischen 1355–1382 stattgefunden habe. Genauere Angabe über Johann von Scharfeneck sowohl, als über den Prediger von Amberg ist wünschenswerth.

Lambach (Oberösterreich).

Pius Schmieder.


(Mit einer Beilage.)


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