H. Otte hat S. 592 der vierten Auflage seiner vortrefflichen kirchlichen Kunst-Archäologie eine kurze Charakteristik der mittelalterlichen Baukunst im Ordenslande Preußen gegeben, welche jedoch einiger Berichtigungen bedarf. Sei es mir gestattet, an dieselbe einige Bemerkungen zu knüpfen, welche das Resultat jahrelangen, liebevollen und eingehenden Studiums der Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen (soweit die Denkmale derselben mir zugänglich waren) sind.
1) Die Kirchen in Preußen haben keineswegs „regelmäßig“ Schiffe von gleicher Höhe. Aus älterer Zeit (14. Jahrh.) finden sich öfter Basiliken, wie das im Correspondenz-Blatt der deutschen Geschichts-Vereine 1865, S. 32, Note 2 von mir gegebene Verzeichniß beweiset. Außerdem haben die Kathedralen zu Marienwerder und zu Königsberg ein höheres Mittelschiff, freilich ohne Oberlicht. Aehnlich war es, wie ich kürzlich nachgewiesen habe (Jahrbücher für Kunstwissenschaft, Bd. I, S. 134), in der alten Marienkirche zu Danzig, und ähnlich scheint es auch bei den Kirchen St. Katharinen und St. Nicolaus zu Danzig und den Pfarrkirchen zu Putzig und Pestlin beabsichtigt gewesen zu sein. Erst später, seit dem 15. Jahrhundert, werden Hallenkirchen allgemein.
2) Dasselbe gilt in Betreff des geraden Chorschlusses. Der polygone Chorschluß findet sich bei den Kirchen des 14. Jahrhunderts mindestens eben so häufig als der gerade, wie ein von mir angelegtes vergleichendes Verzeichniß aller aus eigener Anschauung oder Abbildung mir bekannten Kirchen im Ordenslande Preußen zeigt. Es war in den verschiedenen Gegenden verschieden. Fast alle älteren Kirchen im Umkreise von Marienburg z. B. haben einen polygonen Chor. Sogar bei der Schloßkirche zu Marienburg findet er sich, wo man doch vorzugsweise Ursache gehabt hätte (vergl. die treffende Bemerkung in C. Schnaase’s Gesch. d. bildenden Künste VI, 352), den geraden Abschluß zu wählen. Seit dem 15. Jahrhundert aber kommt der letztere, mit den reich ausgebildeten Ostgiebeln, auch bei Pfarr- und Klosterkirchen allgemein in Gebrauch; doch nicht ausschließlich, denn z. B. die aus dem Ende des 15. Jahrh. stammende Kirche zu Stuhm ist polygon geschlossen. Da aber der größeste Theil (Heilig-Leichnam hat einen polygonen Chor) der Kirchen Danzigs (Zusammenstellung der Grundrisse bei J. C. Schultz, Radirungen I, 15) späterer Zeit (dem 15. Jahrh.) angehört und daher geradlinig geschlossen ist und die andern Baudenkmale im Ordenslande Preußen wenig bekannt sind, hat sich die Meinung gebildet, daß der gerade Chorschluß der in Preußen zu allen Zeiten herrschende gewesen sei. Die von Fr. v. Quast auf Taf. XXIII seiner „Denkmale der Baukunst“ gegebene Zusammenstellung von Abbildungen kleinerer Kirchen (aus engem Kreise) mag dazu beigetragen haben, diese Ansicht zu bestätigen.
3) Die Zinnen (wie bei St. Marien zu Danzig) und ein zinnenartiger Aufsatz (wie bei St. Johann zu Danzig) dürften wol nur bei Bauten späterer Zeit (Ende des 15. Jahrh.) als Ornament, und auch nur seltener, vorkommen. Dergleichen waren, wie Fr. v. Quast (Preuß. Prov. Bl. 1851, Bd. XI, S. 20) bereits nachgewiesen, nicht einmal bei den Ordenshäusern in Gebrauch. Man bediente sich zur Vertheidigung vielmehr der bedeckten Wehrgänge.
4) Wehrgänge an Kirchen kommen wol nur bei Kathedralen (Marienwerder, Königsberg, Frauenburg), welche wirklich zur Vertheidigung eingerichtet waren, und bei Schloßkirchen vor. Bei Pfarrkirchen habe ich sie nie gefunden. Letztere waren wol auch nie befestigt.
Die künstlerisch meist sehr bedeutenden und kunsthistorisch wichtigen Baudenkmale des Ordenslandes Preußen sind bisher noch viel zu wenig erforscht, in entsprechender Weise eigentlich nur von Fr. v. Quast und C. Schnaase, welcher, trotz der mangelnden Vorarbeiten, mit gewohnter Meisterschaft eine sehr vortreffliche, allgemeine Darstellung geliefert hat, gewürdigt worden. Es ist auf diesem Felde noch sehr viel zu thun. Es fehlt vor Allem an einer historisch-kritischen Untersuchung der einzelnen Monumente. Eine systematische Entdeckungsreise durch die Provinz Preußen würde noch manches treffliche Denkmal an’s Licht bringen, würde erst das Material herbeischaffen zu einer eingehenden Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen. Möchte eine solche möglichst bald ausgeführt werden, bevor die stürmisch vorschreitende Neuzeit Alles zerstört hat! —
Danzig.
R. Bergau.