Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt – aber ach! – Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! – Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« – war er entschlossen zu halten.

»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«

Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis zu erkaufen.

»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. – Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«


Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.


Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich verborgen.«

»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt sein –«

»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne die Professur gewährt – sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind noch nicht reif!«

»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene besser! Hier hilft nur die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod abwarten und –«

Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, – »und in zwei Monaten ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. –«

»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie abhängt, oder abhängen wird, denn –«

»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen Friedrich geblieben; aber Graf Joachim –«

»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden Abstammung nie zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner Bedingung es zu thun. – Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach Wallöe!«

»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht! Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste –«

»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«

»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach Frankreich oder England zu fliehen.«

»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«

»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes –«

»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen –«

Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich blieb!

Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! – Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben – später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach Aalholm berufen.

Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all ihrer Träume gewoben – für noch blüthenlosere Tage, voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge aufgebürdet worden.

Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.

Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer Tage – die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. – Sie hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu weilen. –

Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise die Thüre ihres Stübchens – es war Graf Christian, der eintrat.

»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was in Helenens Seele sich zuträgt – ich brauche mich nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen werden – Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner Schwester; – ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen – die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen – auch diesen Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht unbeachtet – und man kann sie doch nicht bewachen lassen.«

Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.

»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen? ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« – Glühendroth wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen – schreien Sie! ich – begreifen Sie denn nicht? – ich werde angezogen in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen Diener befehlen? – Sie werden das sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend hinzu, »oder – hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? – Ist es möglich!« rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«

»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, bleibt auch das Herz jung!«

Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, »vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person« – das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen – »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während sie da saß und weinte – und begab sich, fest entschlossen, Alles zu Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen Thugge.

Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit diesen Worten:

»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«

»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«

»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. – Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? – Ach der Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, – sehen Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden – sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr Alle bewegt! –«

»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? – Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit – wo er allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll, nicht Brüder und Schwestern –«

»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer Krisis, –«

»Abwarten! – Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«

»O wohl und oft!«

»Und – auch von meinem Vater?«

»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«

»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe zu hoffen?« –

»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen nach Island gereis't und –«

»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« – Der gute Pfarrer schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«

Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.

Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.

»Es war im Frühling des Jahrs 1763« – ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an Helenens Ohr – ein Schauer überflog ihre Glieder, sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns herüber kam – hier im Lande mag es wohl schon Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; – über die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag – das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs wegen – war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden sicher war« – der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.

Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide – »ich bin wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn – Thorald hat nicht gewollt! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis erblüht!«

»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. –

Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. – Immer größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach Island zu gehen, um sie zu holen.

Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns besorgt – es hat wohl so kommen sollen, nach des Allmächtigen Willen! – Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen Absicht zu sprechen – plötzlich horcht sie auf! ihr Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach Island?« fragt sie, »wer will nach Island?« – Wir erzählen ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird – aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit – sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes ihres Gesichts – »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.

Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.

»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.

Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! – Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« – »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend – »ja Ulrike, ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«

»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg – da liegt Skalholt, und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur seiner gedacht – immer – nie weiter gedacht – immer nur sein, sein bis zum Tode!«

Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht mehr. – Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«

Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.

»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.

Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.


Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.

Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse und Blanda – und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, – mit thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.

Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd übergab.

Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn – als müßte er einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag ihn berührt – dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.

Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung hörte er dem Grafen zu. – »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! – wie dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! –«

Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! – Endlich richtete er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt – ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« – Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre zog er leise hinter sich zu. –

Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.

Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt geblieben, zu willfahren.

Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. – Wenn Ihr einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; – die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«