Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.

Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu regieren, meine Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«


Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen verspäteten Gast verkündete.

Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.

Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«

»– Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«

»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« – In diesem Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«

»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren uns!«

»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr dem Vater übergabt!« –

»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen aus Herzensgrund.«

Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen – –«

»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß Alles noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«

»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau –

»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« – »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«

Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »das ist das Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter, »das ist Großvaters Hand,« – »dies Mutters Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! –

»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, – dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« –

»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu lieb zu tragen.« –

»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern – dichter und dichter umdrängten ihn diese. –

»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, viele Meilen umfaßt!«

Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und breit, – wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre mir das Leben! – Bücher fehlen mir sehr! die sind theuer, denn zu Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften – und das ist die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«

»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. – »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne Säen und Pflanzen!«

Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die Natur an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«

»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«

Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung und ging bald über auf's Allgemeine. –

Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich überwältigend. Er stand noch mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle geendet.

Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian VII. durch Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des Augenblicks.

Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms, – seit drei Monaten liegt ein Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, – nun Ehrwürden, ist's nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu uns redet!«

Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen. –

Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene Christian auf sie, – er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, sie wird glücklicher sein!« – Die kleine Nordermule aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und Leiden, – »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!

Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.

Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel: Schach! –

Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche noch die einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.


Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! – O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! – Das Bewahren der Körper im Schnee war eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl seiner stündlich Bedürfender litt darunter!

Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen, schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! – Im Gefühl seines guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. – Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.

Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der unglücklichen Königin) – war die einzige, welche außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des »edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.

Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.

Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian VII. fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.

Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.

Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft – Thorald aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!

Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager – Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei schwere Caleschen in den Hof – die Neuvermählten waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis mitzählenden Pseudo-Gräfin, die erste Visite gemacht –


Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen auf – sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche Mark ihres Lebens – und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie Christians Titel führe.


Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen, russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.

Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!

Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.

Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.

So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! – Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt – verletzen müssen!

O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England, Deutschland – wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben sollen!«

Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.

Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte. Sie schrieb:

»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern die Deinen stärker – dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. – Vergieb den trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind; darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!

Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. – Ich werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«