Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen Sitten-Einfachheit der höhern Stände.
Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.
In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.
Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu statten.
Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. – Während der häufig drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen Personals.
Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein »Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.
Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in Seeland erworben.
Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur Seite gestanden.
Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; – auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu denken!
Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter – »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.
Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.
»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«
»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«
»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«
»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes zu machen!«
Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der mißfälligen Vermählung für sie.« – Alslev war traurig geworden, im Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, jede nicht standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen gestellt!
Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück, während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer Mutter Kind; an Reichthum ist ihr ganz und gar nichts gelegen, obschon sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu wollen! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«
Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«
»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in meiner Hand!«
»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und – folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«
»Die Brüder haben recht, Helene!«
»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache) – als nun vor kurzem mein dritter Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er – o da fandet Ihr Alle, daß er recht hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? – Ich habe doch wahrhaftig den Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht gegeben, weil sie ihm den Apfel – –«
»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht heirathen –«
»Und warum?«
»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis dahin –«
Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie einmal hier –«
»Helene!«
Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar nicht – auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«
Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen! Helene! Helene!«
Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.