Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, – was davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus, denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten. Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen Gewöhnung.

Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief ihn dahin zurück.

Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! –

Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.

Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.

Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme. Seit Christian VII. Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt, so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs VI. erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater, dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.

Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. – All diese kleinen Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald, jede begütigende Vermittlung versagte.

Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das in der Wiege verwais'te Kind, – die Mutter war in Wochen gestorben – fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter, prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte, waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen. – Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.

So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.« Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. – Helene war sogar einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.

Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn; sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«

Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden. Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern Bildern füllt – ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder immer nur der Bauern Rechte und seine eigenen während des Unrechts vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine entsetzliche Sclaverei! – Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und – schwieg.

Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich ihr die Sehnsucht in den Frühling.

Die Nordermule seufzte noch schwerer – Helene wies ihre Bewerber bloß auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie komisch-ernst.

»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule entsetzlicher als die Sieben vor Theben.

»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als – die Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen, durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert, wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter, und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam, hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres Familienschlosses.«

»Und die Mutter?« – die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und Regenguß, zu gleicher Zeit.

»Ach, ma bonne, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter starb, au beau milieu de ses succès, als es ganz unmöglich war zu verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen – erwachsen wären!«

»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen, sie fanden nie einen Mann und –«

»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen Mann – im Mond? Den man nicht heirathen kann, weil er bürgerlich ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die ganze ihn natürlich mitheirathende Familie ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch –«

»Helene!«

»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die milde, geduldige Eva –«

Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.

Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die Portraits der drei Fräulein machen – und die Liebenden sahen einander zum ersten Mal.

Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen der Natur aufruft aus dem Schlummer – alle anderen Empfindungen der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt: der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen – o, wer ewig an dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche nie die Sonne der Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der Erde verbinden! –

Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens. Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last; mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich, daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang; nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher. Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit, die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher, aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden, nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, – trotz seines Kummers war Thorald unbeschreiblich glücklich!

Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute; Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute. »Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen- und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.

Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen. Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, – die alle ihn von Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; – man konnte ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu vertreiben.

Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.

Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben; eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen; seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie, sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe, bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,« sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«

Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen stets von neuem träumte. – Die kleine Nordermule schwamm in Thränen, welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.

Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind Unterricht empfangen, – etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten kleinen Webstühle, – »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der Stunden, in welcher –«

Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den Mund. – Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten ebenfalls dorthin.

Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue Porcellan-Kachelofen, – das Alles paßte weit eher zum Aeußern des Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete Großmuth Alexanders, – ein Eckschrank die kleine Hausapotheke, und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher, poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte, mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, – sie nehmen allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum andern Gemach führenden Gängen. – Wie es schien, hatte man sie aus dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. –

Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner Wiesenblumen, – Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen und Aufsätze, – Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. – Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. – Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin Ulrikens.

Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, – »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. –

»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.

Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, – am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden Räume verlassen, – der Anblick war ihr unerträglich.

Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.

Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die Lösung dieses traurigen Räthsels!«

»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld – wenn es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«

Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest – komm setze Dich zu mir.«

Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu wissen schien, davon zu reden; – so hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! –

»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert haben! – Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem Leibe inwohnende Seele ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf einem ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und so wird denn Fluch und Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« – Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?

»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«

»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich seinen Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.

Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! – Aber die Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen Bahn, auch – dem eigenen Kinde, das diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der Mutter gekostet – dem Neugebornen fluchte er. – Der unnatürliche Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre uns die Buße seiner Schuld.

Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu können. –

Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben – selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen Vaterhause. –

Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte – ja es nicht einmal zu wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. – Als er mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie – hiermit beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«

»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«

Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! –«


Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes – »aber die Tante, wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller Entsetzlichste! war sie denn –«

Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung fortzufahren – in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal – zufällig wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu – sie war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm – wie der Blitz stand Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt. – Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben. –

»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« – Besinnungslos vor aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung des Gewehrs seitwärts. – »Unsinniger!« rief sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit Füßen treten läßt?«

Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee, ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen giebt es hier?« – rief sie in namenloser Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«

Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere Worte verließ er die Frauen – Helene rang nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen, was eigentlich vorgefallen. – »Unvorsichtige!« flüsterte sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu können wähnst! – War Thorald hier im Schloß?«

»Nein, dort am Weiher.«

Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe nie den auf einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« – sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.

Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein Adelstolz – warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen Landes, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt, dies hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen –« Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See, »mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«


»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien! – Ach, sie sind – und vielleicht mit vielem Recht – stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch gleich gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, dann erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren ungeschmälerten Platz, erst dann ihn mit Euch theilen. Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers – und in so fern sein Kopf klar genug, auch des Bauern!«

»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene – das Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.

Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! – Eva sprach fast niemals über sich – Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht – sie war selbst von der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in diesem Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem mächtigen Gefühl des Mädchens. –

»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod –« sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu sagen – »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen – es war darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste Stellung zwischen den Bauern und seiner Familie, besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt – so lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, – ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen verlierend, – »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; – nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt; – als wir in den viereckigen Hof traten, blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang das Brüllen des reichlichen Viehstandes – an einer andern Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf – jetzt öffnete sich die Thüre, mein Vater – er war ein Greis geworden – erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt Ihr mich noch?« – mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er bewillkommnend küßte – mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! – Mir schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten Sessel – Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich rief; – beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! – Christian versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach heute.« – Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater und Brüder dem Wagen – o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke – ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite – die Pferde zogen an, wir rollten fort; – als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« –

Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für einen Moment in den Hintergrund gedrängt.

Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß zu dem Mädchen das man heirathen will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren, wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu sein durch eigene Schuld.

Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer andern Verbindung sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine Art Bürgschaft, ein bonheur allemand, daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche Rückreise Thoralds.

»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der Künstler, – ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens, – »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«

Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte er scharf. – Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen – er zögerte einige Secunden – –

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf – es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht – mein Herr? Nein, ich muß einen Boten –«

Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu verhindern – »ich werde ihr das Billet senden,« sagte er kurz. Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und schrieb.

Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, denn das Blatt ging ohne Siegel; – Christian hatte sich in anständiger Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die Solution eines naturhistorischen Problems – fast hatte er die ganze Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene zwischen den Zeilen durch zu lesen verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen anvertraut.

Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich dem Schlosse zu.

Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen das Billet überbrachte – sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.

Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen – daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung auf! – Was können sie mir denn thun, diese hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante – nein, nein, die Zeiten sind vorbei!«

Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das noch offene Fenster – der Wind erhob sich eben, es war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern des Schloßbaues – es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen zu entgehen gemeint; – Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle, – wieder eine – so fort Woge um Woge! Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; – wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth – und mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.


Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen. Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig sein Kommen ganz einzustellen. – Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht – im Hause schien Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu Bette geschickt.

Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut – endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; – plötzlich erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.

Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.

Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es fast die Knie berührte.

»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante Ulrike Seele!« – hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer gewahrte.«

Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte Scheu, lächerlich zu erscheinen; – alle von der Natur stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. – Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. – »Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.

»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt – sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur wir vielleicht eben vertilgen!«

In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie –«

»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«

»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.

»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte, bitte.«

Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.

»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen – er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.

Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden, kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.

Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen Informator bekannt machen könne« – das war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung – man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.

Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Draußen brach sie in helle Thränen aus – ihr war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. – Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch Jahre vergehen, – meinte er selbst, – ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß noch Gelehrtere, Würdigere als er – und allerdings regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.

Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!

Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian II. willen bis auf diese schon damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte – ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.