Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler – als aber Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter zu.
»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und bestellen!«
Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange dazu!
Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der Revolutionairen. – Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet – »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie, theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und Frische.«
»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten zugleich meine Hochzeit zu feiern.«
Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der längst skizzirten Idylle zu schreiten! –
Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten.
»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte, sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« –
»Um Himmels willen, ma bonne,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«
»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«
»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden, wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige. »So ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«
»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.
Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre, daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle sechs und funfzig Jahre!«
»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde die drei Schwestern.
»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten, allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing. Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange ihr ansehen. – Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei, wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang, und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge trocken im weiten Kreis.« –
»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«
Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen, sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit vergessen.«
Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.