Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: – das Bild eines zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen Eigensinn!
Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese nie zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! – Er vertröstete sie auf den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle an ihr Vertretenden zu gewinnen.
»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«
»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«
»Zwei, – drei Jahre! Alslev!«
»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben überdauern!«
»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns bringen,« – wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. »Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.
Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! –
Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes zu heben. – Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. – Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.
Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig ist die Gegend.
Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.
Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung edler Proportionen.
Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.
Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.
Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.
Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art Bewegung, – wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht noch eigentlicher Exaltation, – die momentane Ueberspannung all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der vorgelegten Hand. – Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war Alles still. – Wunderliche Einbildung! sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, – in demselben Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre einzige Sorge. – – Die Figur wurde compact, – sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, – es war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!
Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.
Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang, – nach wenigen Secunden war ihr die volle Geisteskraft zurückgekehrt.
Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.
Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger deutete den Gang entlang. – Wohin? hinaus? der Treppe zu?« – Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen, – die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich mischten und theilten, – zusammen- und wieder auseinander flossen, – wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, – Gesang, – Schlaf.
– In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht der Priorinnen des Stifts, – die Königin nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt, – auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos wiederholt; – »überall das Wappen der Königin!« dachte Helene, – »ja, an den Wänden, – über der Thüre des Refectoriums, die nach dem Gange führt, überall das Wappen,« – sie erwachte? – Hell und klar drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, – sie warf ihn zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch kann glücklich sein,« sagte sie, »auch ich will glücklich sein.«
Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen Erbtochter; – zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie nur der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!