Heilige Heimat,

meiner Ausgesetztheit

unbeschreibliches Gehäuse,

und nach den Umdonnerungen des Gehenden

windgestillte Zuflucht, o du

weiße Madonna der Beschützung:

Trost vor den Erschütterungen des Draußen

und seinem ungleichen, bösen Schwanken.

Trostreiche Mutter, die mich einwiegt

in Ruhe und Sammlung —,

und die sanftesten Verzückungen des Ichs,

Einkehr zu mir und Aufruf

meiner Abgeschiedenheiten schenkt.

Maßlos versplittert und angetan mit den erbärmlichsten Geschwüren der Feinde

und den Aussätzen mitmenschlicher Berührung —

wie linderst du aufgepflanzte Wunden und Angriffe gegen mein inneres Leben,

das nun auf ruhigen, strömenden Bahnen leise zurückkehrt,

und heilst mit den Wärmen,

Geborgenheiten

und Verschmelzungen des Schoßes

Willkür und Verzweiflung.

Das Blut aus deinen linnenduftenden Armen

übergeht in meine Verwirrungen,

kühlt fiebernde Pulse und den heroischen

Aufwand

vergeblichen Einsatzes. Du,

marienhaft,

senkst schwesterliche Rührung

und die verzeihenden Gefühle

demütiger Unerreichbarkeit

in die Flocken meines Herzens,

einst das zerstückelte wieder

zu den sanften, gesammelten und ergriffenen

Schlägen gläubiger Aufrichtung und des glückselig lächelnden Aufblickes zu Gott.

DER ZERSTÖRTE TASSO

I.

Das dünne Zirpen der Harfen

um mein Haupt, und leblos lösen

Akkorde von den Ohren sich,

große unwirtliche Töne.

Durch die Waldung schimmern

Tücher sanfter Rötung hin und her.

Abendliche

Szene taut hinter Blumen gelb auf, es folgen dicht

die weißen, kleinen Wolken.

Ich hebe die Hand mit gespreizten Fingern,

leise, schmerzlich löst sich Krampf

gegen die Landschaft, und die Knöchel spüre ich

gebettet

in segelnder Luft.

II.

Himmel spannt gefasert.

Grün liegt aufgeschlagen auf den

weiten Flächen der Erde,

ein Hügel wellt gelenkig

in den Horizont hinauf.

Stürmische Sonne umsticht mich,

daß ich wirrend fliehe, schreiend

mein Herz verweißt.

Und ich gehe schon ganz auf und auseinander

in den Äther und die rinnende Bläue sprengt

meine Lunge mich aus.

III.

Fäuste schließen mich ein,

Gewänder werfe ich ab. Ich stehe

selbstlos angedrängt und verzweifelt

wie eine zerwindete Fahne gezückt

gegen den zudunkelnden Himmel,

ich, Dichter der Leben, schreiender Gott,

vertausendfacht geboren und gelebt,

in die Stunden

der millionen Leben hineingesaugt.

Flucht, o tobsüchtige Befreiung,

aber wie sich herausbeißen

aus den geschlossenen Lippen der Sänger

und aufbrechen die Münder der Mädchen?

IV.

Nackte Zehen klatschen

über meiner Stirn. Bin ich wach, sind

die Nächte aller Frauen

mir auferlegt?

Gehen die Türen,

die Gemächer verdunkeln,

Fackeln stehen nicht mehr. Huschen

weiße Hemden und eilige Beine

an mir vorbei.

Erfaßte ich eine.

Ich zerdrückte sie tödlich an

meinem gestemmten Körper.

Meine Hände kriechen schon. Ich liege

versteckt und geduckt auf den Fließen.

Ruft der Mond euch heraus?

Aber ich zerfresse euch die Schritte,

ich zerschlage eure Knöchel klirrend.

Kommt nur, mit meinen Liedern, auf dem bereiten Mund,

an mir vorbei. Die Stunden sind wild gezählt.

Ich breche von unten

mit meinen Fäusten in euch hinein.

V.

Dunkler Kerker, angeleuchtet

von meinen Augen. Deine Wände zerschmelzen

vor meinem Finger. Und ich gehe

über die geschlossenen Wiesen,

die hinter dir stehn.

Meine Schritte sind heilig,

die Schritte des Dichters,

und auf Wasser sinken sie nicht ein.

Ich fliehe mit den Spitzen auf den Spitzen der Gräser,

selig breiten Mücken summende Gefolgschaft aus,

aufschreien gebückte Fische,

Würmer und Schlangen, Elefanten mit roten Satteln

schweben langsam hin und her. Hunderttausend

Hirsche fliegen mit dünnen Beinen.

Der Himmel dreht sich mir wie ein Teppich entgegen,

er verblättert zu Zweigen unter meinen Füßen,

und die Fanfaren des befreiten Jerusalem

stehen als brennende Kugeln den Weg.

LANDSCHAFTEN

MANN AM SEE

Der Mann steht unter dem eingedrückten Hut schon spät

in der Landschaft. Kühl und von grauenden Nebeln verwäscht

die Luft. Weißer Riese, der Berg, geht

über den See, dunkeln die Wasser, und es verlöscht

links geräuschvoll der Wald. Blauen die Sterne schon angestrengt

herunter, nasse Lichter ziehen um die Horizonte herum,

der See geht auf, biegen die Ufer, und er versenkt

immer wieder sich in den Himmel, eine große Kehle. Stumm

segeln Küsten vorbei. Rufe, sagenhaft, schlagen

an das Herz des späten Mannes, doch er bleibt herbstend, ungenau erregt,

während auf den Wassern Bäume in schattenhaften Kugeln jagen

über den Berg und den Wald, der sich immer wieder hebt und in die Kniee legt.

ABENDSONNE

Grüne Berge, weitgeflächt, schaukeln in den Himmel auf,

Schluchten rote Rosen, ausgefaltet, scheinen himmelauf.

Flüsse werden gläsern dicht und brennen in der Erde,

springen weiße schlanke Hirsche durch die Luft,

schwarze Pferde, aufgenüstert seliger Gebärde,

sternen glanzvoll ein in Duft.

Schreie wiegen über Gipfel und der See voll roten Mohn

rundet sich zu einem dünnen angestrengten Ton.

Schäumende Sonnen

voller Salz geht mein Atem

abendverzückt und ciaconnen

über Wiesen und Herz. Flüsse fiebern in den Fersen,

Knie spannen sich verzückt

und aus weitgetanen Seelen glückt

tierisches Verversen.

Rasen mildgedehnte Hände

und das gezeltete Gehirn

abendsternt. Gehen die verschichteten Gelände

der Luft über das himmlische Angesicht,

verschmelzen im Blitz der blauenden Brände

Ampel und Dunkelheit, Mond und Licht.

Grünen die Büsten auf gefeuerten Balkonen,

Brust der Menschheit wehet auf,

dröhnen die wiegenden Anemonen

mitten im himmlischen Verlauf.

SPÄTE LANDSCHAFT

Die Bitterkeit der Abende fließt

sickernd durch die Landschaft auf das Feld.

Gezinkter Stern für Stern verschießt.

Stumpf und mit der Fülle Mond entseelt

ein großer Wald sich ein.

Gehäusig und verdichtet fällt

der Himmel ständig und ein Stein

auf diese unerschöpflich dunkle Nebelwelt.

Schweben langsam Himmelstücher auf

und eine Wolke schaukelt vor den Mond.

Summende Erde wiegt verschlossen auf

und über allen Gräsern tont

ein Schatten aquamarin, körperlos gefüllt.

In Schleier grau und wehend eingehüllt

frauengleichem Moll weich schreiten Terzen,

und unaufhörlich rollt um sanft gespannte Herzen

der nächtliche Verlauf.

NACHT

Magischer Urwald des Himmels breitet

sich, Wolken schleichen

schwarze Panther. Grau verliert

ihr Schritt. Der Mond reitet

auf, das große Zeichen

der gekreuzten Sterne

phosphoresziert

grün und grundlos. Voller Nässe

wäscht die Ferne zusammen und schwimmt aufgeblasen,

Nacht und Regenmesse

dröhnt mit schwarzen Stimmen

an die Scheiben der Luft,

heimatlos und irrend

unter keinem Dach.

Menschen schon verglimmen

und die dunklen Spiegel rasen.

OHNMÄCHTIGE STUNDE, VERSAILLES

O, gehn wir den Weg bis zum Wasser,

den langen, ausgehöhlten,

die Bäume stehen kalt und grau

auf beiden Seiten in Kutten,

die Mönche des Herbstes.

Der Weg ist bilderlos und lang,

wie ein Gang

in den Klöstern.

Kein Leben schreit auf,

nicht eine Krähe wirrt und der See

glänzt bös und angefault.

Mein Herz schlägt ohne Atem,

angehalten, fröstelnd und schwer

in den Klöstern des Bluts.

LANDSCHAFT

Der Berg geht über den Wiesen auf

großtümlich und mit offenen Armen. Kühe

weiden ernst und voll sanfter Bückung.

Fern und in glänzender Verrückung

faltet sich mit einiger Mühe

der Himmelssturz hinauf.

Seine Fasern gelben wie alterndes Pergament

und die Wolken eilen fußlos unten vorbei,

segelnde Unbesorgtheit. Weit und leise

tönt ihre weiße Reise

zurück, Krähen stechen, mit dickem Schrei

blitzen sie ein in das Firmament.

NASSER ABEND

Dumpfen die kugelnden Sternbilder nassen Abend ein

und die Luft schleiert in den hängenden Fäden des Regens

langsam und grau zu einem Weiher ein. Dünn geht ein Schein

durch die hängenden Wasser und in die Ermüdung eines Bewegens

aufglotzender Chimären, naßstechend, bettet sich Spleen.

Fernen stehen undurchsehbar um mich herum,

und welches Wissen, daß sie ohne mich weiter unter dem Himmel ziehn,

sonnig blau beschienen und freundlich, während ich stumm

einsame unter den fallenden Kuttichen, wie ein Mönch mich zwänge

durch der Regen lange, drohend dunkle kalte Klostergänge.

MITTERNACHT

Über die sich verschließenden Wiesen jagen

letzte, tuschtiefe Wolken leicht,

Nacht schwebt in Sänften vorübergetragen,

Monde galeeren, Sterne verflaggen

und das Firmament glast und entweicht.

Gehen die stürmischen Himmel schon ein

in das verzückte Luftreich da oben,

sammelt sich rötlich verfließender Schein,

Wolken verweiden, Bläuen vertoben,

schaukeln die Erde in Finsternis ein.

Herrisch ziehen die Planeten auf

wachsen zu Wäldern, Schluchten und Ozean

schleifen zerstörend stromauf —

sinken die Sterne und der Mond, vertan,

spreizt ein breites Gesicht. Zartes wogendes Bewegen

schleiert und dunkelt, und das Herz seelt aufgetan

durch die Landschaften des Äthers nachtverwegen.

MITTAG

Opium kriecht spurig im Gedächtnis

auf, schwarzes Morphium tont die Welt,

der Landschaft weißkohlenes Vermächtnis

mittagdunkelt überhellt.

Rote Striche schießen nieder,

platzt das kugelnde Firmament,

heiß wirren die gezogenen Lider,

das kühle Zimmer verbrennt.

Maulwurf hält leise angeschienen,

Sonne knäult das Blut,

in den Hintergründen tut

Muschel des Horizonts sich auf.

Jagen über die Gipfel der Herzen Blumen

und ich verstreue mein Blut an die staubende Seele,

himmelhoch schichtet mein Fuß in den Ruhmen —

stürzet die Landschaft und bronzen zerwässert der Tag.

WINTER

Steinen die Gefühle in müder Erschrockenheit unerwartet ein,

und in der Menschen sich schließenden Brust verglasen

die Weiher. Vor dem schon immermehr dünnenden Sonnenschein

steht in geschichteten Scheiben die Luft, klirrend

und gefroren und das heiße Rasen

der Herzen hält verwirrend.

Breitet das Eis sich hart und stumm

auf Bewegen, steifen die Gedanken

und verloren, plötzlich schon alt,

fahlen Gesichter und letzte herbstrote Ranken.

Tiere in Käfigen gehen unruhig um,

werden sprachlos und kalt.

SOMMERABEND

Gehen über den Fluß leichte versonnte Schritte des Himmels schon

und die Wolken schatten einen blauen undurchwirkten Ton

auf die rundenden Wellen. Dunkelt der Grund grün und scheinen

schlanke blitzende Forellen vorbei, sickert ein grelles Weinen

der gehenden Sonne nach durch die Fasern der Luft,

Feldblumen schließen sich, Büsche und Sträucher schleiern in Duft.

Silbern verschießen Villen und Brunnen und der Polarstern heilt,

nachtblauender Heiland. Bäume verelfen aufrecht und hinter der weißenden Wiese

steht der Horizont getan, hebt breite Hände gleichmäßig gegen diese

verballende Abendnacht, die kühl und schäumend sich verteilt.

PSALMEN DAVIDS

DER ERSTE PSALM

Der nicht wandelt mit den Gottlosen

gebenedeit, der nicht die Sünde geht

und bei den Spöttern nicht ruht

lobsingt des Herren Worte Tag und Tag.

Ist ein Baum an den eilenden Bächen

ruhig reift klar,

nie braunen die Blätter ihm,

dem alles gerät und sich versammelt

doch die Gottlosen zerstreuen.

Im Wind sind Spreu

werden nicht geduldet im Gerechten

und versinken ihre Wege vor Jehova.

DER SECHZEHNTE PSALM

Hüte mich, Herr,

denn ich bin eingezogen in Dich.

Ich bin gut

Deinen Heiligen und Herrlichen —

fahlen unnennbare

Läufer hinter erlogenem Gott.

Du aber, Herr, wirst mein Erbe,

der immer sitzt an meiner Rechten,

und meine Ehre ist fröhlich,

in den Nächten gehe ich auf,

sicher liegt mein Fleisch.

Du wirst Deinen Heiligen nicht

verwesen lassen — ist

ewig der liebliche Atem um Dich.

DER EINHUNDERTUNDZWEITE PSALM

Nicht länger verberge Dein Antlitz, Herr,

Stunden meiner Angst — jetzt

neige Dich mir und rasch

antworte gleich, rufe ich Dich auf.

Gehen meine Tage vorüber

wie der Rausch

und es verbrennen mir

die Knochen im innern Herd.

Geschlagen wurde mein Herz

und es verdorrt

wie das Gras

und ausgebrannt ist mir Gedächtnis

und ich vergaß mein Brot.

Aber ich heule mich

aus und auseinander

und es erdrückt mein Fleisch

schon die Knochen.

Ich bin ein Pelikan in der Einöde

und die Nachteule in den Ruinen

und ich wache verlassen —

ein Sperling allein auf dem Dach.

Meine Feinde schmähen mich

und höhnen meinen Namen,

denn ich aß die Asche wie das Brot

und Weinen kam in meinen Trank

vor Deiner Ungnade und Wut,

aufhobst Du mich und schleudertest

mich weit — meine Stunden

sind wie der Schatten

wenn er verweht —,

und ich trockne ein.

Aber Du herrschest, Ewiger,

unabänderlich dauerst Du

die Zeitalter,

Du stehest auf in Mitleid,

denn es ist Zeit über Zion,

denn der Augenblick ist gekommen,

denn wir lieben diese Steine

und haben Schmerz für den Staub.

Dann werden die Völker

fürchten den Namen des Ewigen

und alle Könige der Erde

den Glanz.

Herr, wiedergebaut steht Zion

und strahlt Deinen Glanz —

Betteln die Verlassenen laut

und Du verjagst sie nicht —

melden es kommenden Geschlechtern

Dich zu loben,

Deine Erscheinung auf den

Erhöhnissen der Heiligkeit —

herabfielen Deine Augen

von den Himmeln

und du hörst das Zittern der Schuldigen

und machst los

die vor dem Tod sich neigten.

Sammeln sich alle Völker

und die Königreiche Dir zu dienen.

Er schlug ab meine Kraft unterwegs,

er kürzte meine Tage.

Herr! Nehme mich nicht heraus

aus der Mitte meiner Tage.

Deine Jahre gehen immerdar

durch die Zeitalter.

Du hast die Erde geschmolzen

wurden die Himmel

von Deinen Händen gemacht.

Sie zerfallen — Du überwährst,

sie altern wie ein Kleid — Du

wirfst sie fort und wechselst

sie wie ein Kleid.

Immer bist Du, Gott, Dir gleich

und Dein Jahr ist ohne Aufhör.

DER SIEBENUNDSECHZIGSTE PSALM

Möchte

Gott Mitleid mit uns

haben und uns benedein.

Ließe

sein Angesicht herab

er auf uns scheinen.

Gekannt wird Deine Stimme

auf Erden

und Dein Gruß

bei allen Nationen.

Alle Völker werden

Dich preisen

Lob singen alle Völker

führest sie zur Erde, Herr.

DER FÜNFUNDVIERZIGSTE PSALM

Dichter Herz lobsingt einem König —

schönster Du der Menschen

holdselige Lippen,

umgürte leicht das Schwert

und ziehe gerechten Weges.

Wendet Deine Hand Stütze

und Erhaltung den Armen.

Versende die Pfeile,

fallen Völker in die Knie

und es fällt der Feinde König.

Unverrückbar in die Tage

steht der Herr Dein Stuhl

und es steilt der Szepter,

unter Freudenöl wandelt

des Königs Kopf und

Myrrhen sind Deine Gewänder

trittst Du aus den chryselephantinen Palästen.

DER DREIUNDDREISSIGSTE PSALM

Gerechte erfreut Euch des Herrn

lobredet! Feiert ihn mit der Harfe

singt ihn auf den zehn Saiten der Lyra —

singt ein neues Lied, daß

Eure Stimmen zittern und die Instrumente.

Aufrecht ist das Wort des Herrn

und seine Werke sind treu,

sein Wort schuf die Himmel,

die Heere des Himmels schuf

der Atem aus seinem Munde mit

einem Mal. Er sammelt

die Meerwasser auf einen Haufen

und er spricht, so ist es geschehn

und er zerstreut die Entschlüsse der Nationen

und wendet das Schicksal der Völker,

doch die Schicksale seines Herzens dauern

durch die Zeitalter.

Herabblickt vom Himmel er

auf alle Kinder der Menschen,

keines Königs Macht errettet

vor dem Herrn,

und kein Pferd kann fliehn

vor dem Herrn:

liegt sein Auge auf die ihn fürchten

und auf die ihn erwarten,

daß er befreie die Seele vom Tod

und stütze in der Hungersnot.

DER NEUNUNDDREISSIGSTE PSALM

Ich überwache meine Stimmen

daß ich nicht Sünde begehe

mit der Zunge, Herr.

Ein Zaun bindet

den Mund mir, solang der Böse

vor mir schwebt

und zu verführen versucht.

Ich stumme in der Stille ein,

Enthaltung des Wortes

übe ich bis zum Verschweigen des Guten —

doch mein Schmerz schwillt

immer lauter an

hitzt mein Herz in mir,

und das Klagelied

umschlingt mich leidenschaftlich:

Herr, zeige mir mein Ende

und das Ausmaß meiner Tage.

Du schufst meine Dauer

vier Finger breit — und ich

bin nichts vor Dir — ach jeder Mensch,

aufrecht und stehend

ist nichts als Vergeblichkeit

alles ist Eitelkeit.

Ach der Mensch lustwandelt

sicher doch ein farbloser Schatten

ach und vergeblich und eitel

jede Bewegung und Sammeln von Gütern

— doch wer wird sie besitzen?

Befreie mich, Herr, ich schweige, laut

geschlossen bleibt der Mund,

weil Du ihn mir schlossest,

doch wende ab die Züchtigung,

ich vergehe vor dem Schlag Deiner Hand.

Fassest Du den Menschen an den Sünden

zerfällt wie von Motten zerfressen

selbst Schönheit an ihm —

alles ist Eitelkeit und vergeblich.

Höre mich, Herr, sei

vor meinen Tränen nicht taub,

ich bin nur ein Fremder vor Dir

ein Vorübergeher wie meine Väter

o lasse mich los,

daß ich

meine Kräfte versammele

bevor ich gehe und nicht mehr bin.

DER EINHUNDERTUNDNEUNUNDDREISSIGSTE PSALM

Mein Lot, Herr,

warfst Du

und erkanntest mich.

Alles weißt Du

jetzt, wann ich sitze

und wann ich

mich erhebe,

und von der Ferne

enthüllst meinen Gedanken,

der Du siehst

wann ich gehe,

und wie ich mich

hinlege — alle Wege in mir

vollenden Dich.

Ach Herr, noch

ist das Wort auf meiner Zunge,

und der Gedanke endet

in Deinem Gedächtnis schon.

Du hast mich geschlossen

vorne und hinten,

und Deine Hand liegt

mir oben und unten —

o welche Weisheit

mir so unerreichbar

mir — wohin

ginge ich,

und wäre nicht

in Deinem Geist,

wohin flöhe ich

und wäre

nicht vor Deinem

Angesicht?

Steige ich in den Himmel

und Du bist da,

liege ich im Bett der Hölle

Du bist da,

trügen die Flügel

der Tagesdämmerung

mich an das Ende des Meeres:

wieder, Herr, wieder

Deine Hand

unterstünde

mich und Deine

Rechte

beschützte mich.

Wollten

mich die Nebel

überhüllen — aber

die Nacht um mich

leuchtet an,

hell scheinen und sanft

die Nebel Dir

und aufleuchtet in Strahlen

die Nacht,

in den blendenden Finsternissen.

In der Nacht des Schoßes

schufen Deine Hände

mein Bildwerk

und die Nieren.

Ich lobe herrlich Dich,

der ich gemacht wurde

auf eine wunderbare Weise.

Sind Deine Werke alle

erfremdend wunderbar,

und im Geheimnis

meine Knochen:

schufst Du

wie die Gewebe

gearbeitet sind

unbeschreiblich

in den Orten

unter der Erde.

Deine Augen sehen mich,

da noch

im Teig der Lebenden

ich unterging,

und meine Tage

hast Du eingetragen

in das Buch

und in die Reihe geordnet,

da sie nicht einmal begonnen.

O wie teuer,

Herr, sind mir Deine Gedanken,

o wie groß,

Herr, ihre Anzahl!

Lasse Du

sterben den Bösen —

gehet ihr Männer des Blutes

von mir —

ihr schwöret falsch

seinen Namen, schändet ihn

nicht Missetat?

o ihr Bösen,

wachet auf aus

den brüllenden Höhlen

der Verruchnis:

ihr verbrechet an Euch.

DER EINHUNDERTVIERUNDVIERZIGSTE PSALM

Herrlich der Vater

stehet ein Fels,

führet die Hände im Kampf

und in den Schlachten unsere Finger!

O Wohltat Du,

o meine hohe Zuflucht,

Befreier,

Schild meiner Rückkehr,

was ist der Mensch,

daß ihn siehst

und um ihn sorgst,

und der Sohn des Menschen

daß Du

in den Augen ihn hältst?

Und er gleichet

dem Windhauch,

sind seine Tage

wie der Schatten,

der vorübergeht.

O Herr! senke

Deine Himmel nieder

und steige herab,

rühre die Berge an

daß sie flammen!

mache blitzen und

zerstöre sie,

schütte Deine Pfeile über sie

und sie fliehen.

Erhebe, ach, Deine Hand auf,

und befreie mich

und ziehe

aus den großen Wassern

mich heraus,

und aus der Hand

des fremden Sohnes,

dessen Mund laut wagt

die Lüge

und dessen Rechte betrügt.

O Herr, ich singe Dir

ein neues Lied,

ich lobpreise Dich

auf den zehn Saiten der Leier —

Dich, ach, der Befreiung gibt

den Königen —

der errettet David,

Deinen Diener,

vor dem tödlichen Schwert.

Laß unsere Söhne

wie die wachsenden Pflanzen

sein in ihrer Jugend,

und zierlich geschnitten

Gärten in den Palästen

unsere Töchter.

Fülle

unsere Gewölbe,

und lasse die Lämmchen

vertausendfachen sich auf den Feldern,

und die Ochsen überlade

mit ihrem Fett,

und gebe, Herr

keinen Lärm und Angriff,

und keine Abbrüche

in den wohnlichen Straßen.

DER EINHUNDERTSIEBENUNDVIERZIGSTE PSALM

Lobet den Herrn,

psalmet den Herrn,

es ist gut,

es ist süß,

es ist verseligend.

Er schuf Jerusalem

und eint

die Zerstörten,

und heilt

die zersplitterten Herzen,

und überspannt

die klaffenden Plagen.

Er zählt die Zahl der Sterne,

allen ruft er

einen Namen aus.

Unser Herr

ist groß und von Macht,

und kein Ende hat

seine Klugheit:

die stützt die Elenden

und niedertritt die Bösen

unter die Erde.

Besingt die Wohltaten

psalmet

seinen Namen.

Er füllt mit Unwetter

die Himmel, und bereitet

für die Erde den Regen,

und läßt auf den Bergen

ausschlagen die Körner

und nährt die Tiere

und die schreienden Kleinen des Raben.

Nicht vollendet ist

der Herr im Pferde,

und in den leichten

Männern des Wettlaufs,

aber ihn erfreuen

die ihn fürchten

und die warten: —

seine Güten kommen.

O Jerusalem, lobe

den Herrn,

der kräftigt

Deiner Tore Stangen,

und segnet

die Kinder in Dir,

und hält den Frieden in Dir,

und die Weizenmärkte

macht er sättigend.

Aussendet er die Befehle

zu Erden, und es laufen

über sie eilig seine Worte,

sinket wie Leinen

sein Schnee und Raureif

streut er wie Asche aus.

Und er schleudert in Stücken das Eis —

wer hält

vor der Kälte des Herrn?

Aber er kennt sein Wort

und alles schmilzt

bläst sein Hauch —

und die Wasser

gehen davon.

DER EINHUNDERTFÜNFZIGSTE PSALM

Lobet!

Lobet für die Heiligkeit!

und diese Ausweitung der Macht!

Lobet für die hohen

Tatsächlichkeiten des Herrn

ihn ohne Aufhör,

im Ruf der Drommete

in den Winden der Leier

und Harfen

und mit den

Pauken des Tanzes

und den Streichern

und flötend: lobet!

lobet!

lobet!

und mit den

tiefen, strömenden Zymbeln

und den Zymbeln,

die widerhallen

unaufhörlich

widerhallen hallen

HALLELUJA!

Anmerkungen zur Transkription

Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):