Title: Der zerstörte Tasso: Ausgewählte Gedichte
Author: Ferdinand Bruckner
Release date: May 17, 2016 [eBook #52092]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/52092
Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net
AUSGEWÄHLTE GEDICHTE
VON
THEODOR TAGGER
LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
Bücherei „Der jüngste Tag“, Bd. 62/63
Gedruckt Ende 1918 bei E. Haberland in Leipzig
| OHNMACHT UND AUFRUHR | Seite |
| Drei Stoßgebete | 9 |
| Der Dichter | 12 |
| Abraham und Lot | 15 |
| Eva und Susanna | 18 |
| Die Eselin | 20 |
| Lilie | 21 |
| Fantasia Contrappuntistica | 23 |
| Preludio, Fughetta ed Fuga Esercizio | 25 |
| Die Irren | 28 |
| Ariadne | 32 |
| Bilder und Aufraffung des Einsamen | 35 |
| Der Löwenbändiger | 38 |
| Das Bett | 42 |
| Der zerstörte Tasso | 44 |
| LANDSCHAFTEN | |
| Mann am See | 51 |
| Abendsonne | 52 |
| Späte Landschaft | 54 |
| Nacht | 55 |
| Ohnmächtige Stunde, Versailles | 56 |
| Landschaft | 57 |
| Nasser Abend | 58 |
| Mitternacht | 59 |
| Mittag | 60 |
| Winter | 61 |
| Sommerabend | 62 |
| PSALMEN DAVIDS | |
| Der erste Psalm | 65 |
| Der sechzehnte Psalm | 66 |
| Der einhundertundzweite Psalm | 67 |
| Der siebenundsechzigste Psalm | 70 |
| Der fünfundvierzigste Psalm | 71 |
| Der dreiunddreißigste Psalm | 72 |
| Der neununddreißigste Psalm | 74 |
| Der einhundertundneununddreißigste Psalm | 76 |
| Der einhundertvierundvierzigste Psalm | 80 |
| Der einhundertsiebenundvierzigste Psalm | 83 |
| Der einhundertfünfzigste Psalm | 86 |
Ich liebe dich, Herr. Aufgerissen
über alle Maßen stehe ich
zwischen den Tagen. Ich habe keine
Hinneigung mehr, bin nur noch Schwanken,
allem zugeöffnet —, und beraubt.
Aber
es kommt einmal deine Hand
und du verschließt mich
leise, daß ich reife und mich
ausblaue in mir. O,
hebe mein Weinen auf, Herr,
laß mich erseligen
an dir, du Grünen und du Träne an den Zweigen des Frostes.
Herr, du mein Mond,
o scheine mir wieder nächtliche Erlösung.
Gieße die heißen
und dunkelen Balsame aus deinen Händen,
hebe die Lider vor den Psalmen deiner Augen.
O, wie kannst du kühlen, sänftigen und verscheinen!
O, wie kannst du, Herr, überschleiern!
Sieh, ich leide hier an den schmerzlich schreckvollen Tagen,
ach, die brennenden Tumulte der Sonne wirren mich müd
und schwindelig, daß vor meinen Augen alles
auseinandersplittert. Ich fasse nicht mehr,
was die Erscheinungen sagen,
ich höre nicht mehr die Stillen in den Stimmen,
nur mehr das Klirren, ununterbrochen
und sehne mich, Herr, ach, nach dir, o du, du Herr,
du Nacht, du Dunkelblau der Tröstungen, du Überschleierer aller Anblendungen.
Alles in mir brüllt zu dir hin,
alles reißt sich dir zu.
Ich bin nicht mehr dein Baum und dein Wild,
dein Knecht und dein Kind.
Ich bin dein Hunger, deine Müdigkeit,
der Schlag aus deinem Mund,
und der Schmerz aus deiner Hand.
O Herr, o Donner
der über meine Himmel weht,
ich will zu dir restlos mich verflüchtigen,
o Blitz du, streife mich an und verbrenne
mich in die Landschaft.
Alle Schritte führen
mich den einen Weg,
südliches Orchester des Herzens
tausend Stimmen unter einem Stab.
Ich habe keine Bilder
und keine Gesichte stelle ich
vor den Blick, ihn zu verschließen.
Ungeheuer bauen sich
meine Leben auf.
Was ich fasse
zerteilen meine Hände in die Verse
des Augenblicks,
Ding weilen
in Sänften meines Denkens.
Lang und im geduldigen Lauf
trage ich sie vorüber an den Denkmälern
vergessenen Aufwands.
Anhauchen Herzen,
steigen schlagend vor meinem Munde auf,
Verzückungen der Knie — o welche Strophen!
Lieder, menschliches Veräußern,
strenge Hände, angelehnte Blicke,
und das weibliche Verschaukeln der Schultern,
aufgestellte Seelen und die Verschlingungen des Teppichs
umrasen sanft meine segelnde Stirn.
Führen
Zypressen der Blicke
mich in einen Hain,
drehen elektrische Bahnen
auf der Straße,
und klein um mich herum,
Menschen schwimmen.
Aber ich gehe,
wie Moses,
auf den Wellen
schaukelnd über sie hin.
Winkt der Turm Verheißung der Sammlung,
und ich breite die Arme, mich zu zerstreun.
Bahnhofshallen dunkeln
kirchlich an,
Wiesen blühen auf den Asphalten,
Autos werden breite, mähende Kühe,
die Welt steht still auf einer platten Scheibe.
Gott herbstet
vor meinen Augen,
aber ich trage mich nicht
zu seinem Verwelken hin.
Ich blüte,
unbegrenzt
kommen Farben ohne zu verfallen.
Pole sammeln mit fechtenden Spitzen sich wieder,
meine Brust trägt sie beide im Schoß.
Sommernächtig verkupfern kaum angekündete Lieder,
lösen langsame Blätter von den Herzen sich los.
Blutig wandet die Seele Blick und Gedächtnis,
alles wird Einkreis, Brot und gequält.
Bleibt ein Traum, schwarzes, dünnes Vermächtnis,
plötzlich stehen und verzählt.
Landschaften wellen keinen Hügel, und die berauschten
weißen Hirsche springen nicht mehr auf und ab.
Milchstraße, äthernde Augen, ländliches Geräusch vertauschten
sich und dunkelten in den Morgen hinab.
Zinnober und Sepia wäscht der gelbe Aufgang
aus dem Gesichte der Nacht. Ich gehe, unbändig angetan,
fröstelnd und vergeblich lang
über die Wiesen der Gassen hinan.
Da der Herr Abraham aus seinem Lande rief, ihm zu folgen:
sanft mit des Gläubigen unbedunkeltem Herzen nahm Abraham sich auf und folgte.
Fünfundsiebzigjährig zog er aus Haran mit den leichten Schritten des Jünglings
bis zum berühmten Tale und nahm Mühsal und Unruh späten Aufbruchs
mit der milden Demut des Wanderers zu Gott.
Gab voll Verheißung sein Weib dem Pharao preis, um zu leben,
und war Abraham wie der Strauch Strauch ist und blüht
und nicht fertig wird, es zu sein. Dieweil Lot sich krümmte
und feilschte um die Worte des Herrn, verbrannt sein Gesicht war
und nicht schimmerte zu den blauen Wiesen trächtiger Einfalt.
Doch der Herr hat verflucht sein Geschlecht und mit der Faust
gestoßen in die dunklen Keller von Neugier und Verbrechen.
Ließ erstarren sein Weib und die Töchter schänden vom Vater,
daß in die Ewigkeit sie der Mißbrauchnis des Lebens
unzüchtiges, drohendes Beispiel sind. Straflos schreien
die Taten des Herrn, aus der Menschen Lust und Wildnis
brechen geschlossene Leiber auf, und die Hände des Richters
pressen Eiter und Blut der Verruchnis aus den klaffenden Herzen.
Doch werden einmal Abraham und Lot
freundlich aufeinandergehen und sich umarmen.
Der eine bricht dem andern langsam von dem Brot,
aus dem die Paradiese bluten für die Armen.
Der jüngste Tag errötet alle Städte
und Sodom und Gomorrha duften unter Flieder,
die Wollust kauert sanft an einem Knabenbette,
nächtige Sünder singen Morgenlieder —
der Tiger hebt die ungekrallte Tatze,
schon lächeln Mörder und Blutschänder leise,
sorglos sitzt der Dieb und kaut auf offnem Platze,
und alles Leben stummet auf in niegehörter Weise.
Strahlt deine Keuschheit Schuschan durch das geläuterte Glas erhaben
in das betörte sündenflammende Babel
leicht mit dem Geruch des jungfräulichen Knaben,
der aus dem getöteten Abel
noch heute duftend strömt. Tausend Wege schäumender Verführung miedest du
in der Stadt lauten Versündens sanft wie ein Gruß
des Herzens. Die Wasser der Wollust schiedest du
und gingst, eine himmlische Wolke mit unbeflecktem Fuß.
Dieweil Eva, deine Schwester, in die Gärten
mildesten Verscheinens eine Schlange lockte und die Äpfel giftete.
Panther, Tauben und Hyänen nährten
sich vom sanften Anblick, aber deine Schwester überließ
sich dunkelnder Versuchung kleiner Triebe, und sie stiftete
Elend, Verfolgung und Scham in der Stadt warmen Verstillens, dem Paradies.
Doch werden einmal schwesterlich umschlungen
die beiden in den Himmel fahren
und ihre Körper auferstehend runden.
Engel haben dünne Zungen
schon angehoben, und wilder Honig sprießt ihnen entgegen.
Umringt von selig aufkläffenden Hunden
und freundlich angetan mit den zahlreichen Jahren,
kommt Gott und breitet über Niederungen
die eine Hand. Schmelzen die Sünden ausgesungen
und stehen Götter, Heilige und Scharen
himmlischer Geschwister — und alle leuchten im Gesang —
um dich und sehn dich an —
liegst, Eva, du im Paradiese wieder ausgestreckt,
keusch gehen deine Schenkel auf
und deine Blöße schimmert sanft und lang.
Hat der Heiland dich verkannt, du stilles Tier,
und setzte sich auf deinen Rücken, als er einzog.
War es nicht, als wollte er noch mit größerer Zier
strahlen von dir ab, die du so arm bist?
Aber unsäglicher Glanz ging aus von dir,
kahl und voller Dürftigkeit erschienest du auf
und zogst die Blicke nach den ungereinten Hufen,
hinter deinem klaffenden und harten Lauf
sprachloser Magdschaft. Alles auf der Erde hier
färbt ab von deinem langgedrückten Rufen
und erschrickt zu sich und seiner Nüchternheit
und wird ärmlich kahl und schier,
und es grauen die Gefühle an. Auf allen Stufen
stehen Dürftige zu Gott gewandt. Deine Demut schreit
häßlich und geschlagen von der Niedertracht,
während Jesus noch in Lumpen auf dir sitzt und strahlt.
Doch mild und von den Einfalten des Herzens eingeschlossen
sind deine Blicke blind und offen vorgerichtet und es lacht
die Landschaft blitzend erst von weißen Rossen
sanft in seligem Eindummen, während sie schon fahlt.
Die heilige Gertrudis und Anton von Padua stehen angetan,
aufrechte Statuetten auf den Lüften in deinem rosenlichten Glanz.
Schimmernd umweißt dein sanftes Blühen den heiligen Franz,
dich trägt Josef auf den Bildern mit Maria, der jungfräuliche Mann.
Die keusche Schuschan hat ihren Namen schon von dir,
und sie blaut noch immer vor den Augen angesonnt.
In den Kirchen aus dem Stengel kelcht der Welten Horizont,
und es umarmen deine Linnen schmelzend Mensch und Tier.
Du arbeitest nicht und du spinnest nicht, und selbst Salomon
hat Gott nicht bekleidet wie dich und deine Blumen.
Du wächst leise scheinend in den überhellten Ruhmen
aus des Heilands rechtem Auge, sitzt beim Weltgericht er auf dem Thron.
An Ferruccio Busoni
Choral auf dem Klavier, der vergeistigten Orgel.
Sanfte Weisen des Orchesters scheinen eines Chores ausspannenden Meergesang.
Gott ist in den Welten, geistlich Lied: die Welt,
männliches Thema, von mondenen Wolken bald umspielt und himmelgezogen.
Sanft und leicht, leise und begeistert
ruht entscheidender Aufstieg
auf frauenhaften Schultern.
Hebt des Chores Inbrunst
entbürgerlichten Bach in die Reiche
volkloser, geistoffenbarter Musik.
Wunder,
das Pianoforte von erlauchter Überstimmenschaft,
überstrahlt feuernd der Orgel erstickendes Gleichmaß,
blendet in Farben, orange, purpur und ocker
kommen die Klänge, festliche Gestalten,
Prozessionen mit Fahnen, Weihrauch und marienhaftem Blau.
Arien der Madonna
in leise durchlichtetem Sopran
lagern, schweben schäferwolkenweiß über den Köpfen mit.
Aber Nerven und Zuckungen und
die Konfessionen ekstatischen Gefühls
verschmelzen, aus Tasten gehoben
zu lebendigem Zittern angespannte Saiten.
Kommt die Fuge, zweifach,
dreifach und vierfach in das Firmament der Klänge
und die Wölbungen der Kontrapunkte aufgebaut.
Majestätisch, gütig, schweigsam und erhaben dringt B, A, C, H
in die Führung vor, und es gehen
mild und im milden Duft der Milch
die vier Stimmen schwesternhaft
ineinander ein.
Noch einmal erbraust, aus dem erstickenden Gleichmaß der Pfeifen gehoben,
der lebendigen, verzückt aufgespannten Saitenleiber
unbeschreibliches Schwingen,
ehe sie selig verklingend sich in der Ruhe südlicher Sonne dehnen
und das weiße Meer der Tasten
ebbt zur klaren, sanft spiegelnden Fläche.
An Ferruccio Busoni
Zartgestrichene Monotonie
italienischer Landschaft,
und braungrauende Horizonte wandern
in gleichmäßigen Hügeln.
Langsam beschattet die Sonne
unbewegte Luft und die getragenen Züge
ferner Schalmei.
Winzer im offenen Hemd
lesen gebückt und in frommer Trägheit.
Und der jungen Mägde gedehnter Ton
geht bedürfnislos und lang.
Pianopianissimo schreiten tänzerische Quarten
Triolen abwechselnd mit Achteln
durch die einschlafende Campagna.
Hebt mit süßer Ausdruckslosigkeit des Kanons
junger Bursche dunkelen Tenor in C.
Kommen bald die Mägde weich im Mezzo
und der Alten melodischer Baß.
Führen ihre unbesorgten Stimmen
freundlich und in abendlicher Rast.
Schimmerndes Untergehn der Sonne
rötet ihre offenen Brüste an.
Nun noch knabenhaft Soprane
singen ihr die letzten Töne nach,
lassen schon die Stimmen etwas steigen
weil es dunkler wird.
Unversehens
kommen sie zu viert in den Choral,
breiten angehaltne Töne
ehrfürchtig und dankbar.
Gehn die Mägde jetzt nach Brot und Beeren
und der Mezzoalt verstummt.
Werden die Tenöre ruhiger,
wischen sich die Stirn,
und die Bässe sagen wenig,
legen noch befriedigt, ungenau
letzte, tiefe, angeruhte Töne,
und verstummen trocken.
Lachen schon in einem Walzer
ihre ländlichen Gesichter,
bläst der Hirt die Melodie
durchgehend und ohne einmal
seine Flöte aus dem Mund zu nehmen.
Steht er plötzlich allegretto elegante
im Vierviertel, bleibt das tanzgewohnte Mädchen der Gitarre
doch entschlossen auf dreiviertel.
Lautes Durcheinander
rhythmischer Vergnügung,
springt der Bursch mit seinem Mädchen
unbeirrt im festen Tritt und heiß.
Geht der Weinkrug bei den Alten
her und hin, und sie lachen rot.
Sanfter, angelehnter Hirte,
schwarz gelockt und umschattet
sind die Augen, er verläßt den Takt jetzt gänzlich,
stürzt vom höchsten F
in sprudelnden Triolen
delikat herunter,
läßt sich kurz nur fangen
und wird wieder boshaft,
und die Tänzer, schwitzend, braun und ohne Atem,
lösen ihre abendlichen Reihn.
Wenn sie langsam die Arme breiten,
mit glashart aufgezückten Mienen,
dann ist es ihnen
als würden ihre Herzen schreiten
in Prozessionen unter Baldachinen.
Die Hände weihrauchweit in dem Empfang
und jenseits aller Berge stehn die Augen.
Doch manchmal halten sie, plötzlich aufgestummt,
als würden sie das Graun
gräßlich weiß und grell
ihrer Tage schauen:
sie haben die unbegrenzte Welt in sich,
und Wärterschritte rund herum.
Doch finden sie zu der Unendlichkeit die Brücken,
wenn ihre Seele einen Festtag fastet,
da ihnen königliche Herrlichkeiten glücken.
Nur schmerzt sie etwas, daß auf ihrem Rücken
der schwere Purpurmantel großer Herren lastet.
Als wenn sie über allen Hindernissen
ein wenig müde, aber sicher ständen,
sprechen sie viel von ihren Überflüssen
und greifen ein fühlbares Besitzenwissen
in ihren aufgeweißten Händen.
Sie haben eine enge Zelle.
Ihr Geist entfliegt, weil sie ihn quälen.
Er türmt sich sichtlich groß und stürzt in das Gefälle
ihrer Gedanken, wild, breit, und da wird der helle
Osterhimmel ein wallender Mantel ihrer Seelen.
Auf Filzspuren kommt die Nacht.
Fisteldünne Stimmen, müd gemacht,
singen in den geschlossenen Zisternen
Lieder von unerhört aufgetanen Fernen.
Jetzt ziehn Legenden durch das Herz der Kranken.
Wie gekühlt von schmalen Scheiben Eis
fühlen sie die Stirn.
Es summen selige Gedanken
in dem verwundeten Gehirn.
Immer dunkler eingeträumt, kommt,
auf Filzspuren, mondangepflanzt, die Nacht.
Nun sehn sie sich, einer hinter dem andern, in ihren weißen Nachtgewändern
und barfuß schreiten
auf Seide, Düften, Seligkeiten,
die sie unter die Füße hingedacht.
Jetzt, da sie wie die Kinder schlafen,
mit offnem Munde und ganz leicht,
fühlen sie die Stunde nicht mehr, die vorüberschleicht
und die Wunden nicht mehr, die sie einstmals trafen.
So werden sie mit offnem Munde sterben,
und wie hinübergleitend, und leise
aufgestummt in das Gestern.
Schreiende Landschaft steht gefaltet
gegen den bergigen Himmel auf. Bäume blasen
Verlassenheit, und ich finde dich nicht. Täglich altet
ruhig Sonne bronzen auf dem Rasen.
Dringen zisternende Lieder schmerzlich aus mir her,
wachsen vergeblich Schiffe und verschwinden wieder,
irrvoll gelassen, übernächtig duftend geht das Meer,
Arien und Einsamkeit senken sich undurchdringlich nieder.
Immer gleichförmig schaukelt das rote Beet
von Himmel und Wasser. Ich winke, Nacht tanzt,
am fernen Firmament, dünn und heiß, steht
Theseus mit dem Rücken gegen mich und verglanzt.
Habe ich dich gerettet aus gefräßigen Händen,
aber du fliehst. Brüllen schon Gräser mich an,
die ich wachsen sehe langsam an den Wänden,
Kuh und Hirsch und die Leoparden werden Untertan
meiner Verlassenheit. Alle geben mir ihr Gefühl,
ich zerfalle langsam und die langsamen Gesänge
halten mich nicht mehr. Kommt ein dünner Kiel,
leicht und unhörbar, an den ich meine Augen hänge,
landet er leer, und ich versinke staubend
zurück in meine monotone Ausfahrt.
Alle deine Bilder und die Küsse klaubend
bleibe ich arm und verwesend aufgespart.
Theseus, o deine Schritte runden
in meinem Leib. Ich reiße deine Spuren laut
aus mir heraus, ich schlage mich
in deine Augen zurück. Dröhnt schon
mein Körper dir entgegen? Ich fahre aus,
ich segle nicht mehr mit den Augen,
und nehme Schiffe, Lanzen, Steinwerfer,
Leoparden und wilde Hunde,
aufgehetzte Hähne jage ich
in dein Gesicht und fahre aus gegen dich,
dich zu zerbeißen. Meine Fäuste, meine Arme,
mein Mund, o Theseus, werden dich langsam verschlingen.
Die Luft wühlt deinen Namen über das Wasser
und erreicht dich doch nicht —,
wie du flohst, feig und betrügerisch.
Ich werde herrisch mich vor dir errichten,
und meine Rache wird entsinnend sein,
erdrosselt lege ich dich in meine Arme wieder,
kühl, langsam und ohne Leidenschaft befriedigen
sich meine heißen und verletzten Glieder
an deinem törichten Gesicht.
Einmal kommen die letzten Wunden
aus dem Blut herauf, durch sanfte
Erdrückungen fallen wir
in die Knie:
o gib leichtes
und ungläubiges Leben uns noch einmal,
scheinen nicht alle Wege
ausgeweitet zum roten Horizont?
Bohrmaschinen und Kräne wühlen
dröhnend, qualmig und mit rußvollen Spuren
täglich unser Herz heraus.
Es blutet längst nicht mehr rauschend,
aber die Tropfen,
wie Quallen und giftig,
verlassen uns schmerzvoll.
Eine Nacht, übergossen
und eingeschnitten von unbelaubten Zweigen,
schärfen in schreckenvollen Strichen,
und wie Messer stoßen sie mich ein.
Große aufgedunsene Steine
stehen einsam am Weg,
blähen meinen Hungermagen auf
und wackeln. Aber ich sehe
die beulende Landschaft aus Pappe,
schiefe Häuserfronten erzittern leinern und wild,
und ein Mensch mit aufgehobenem Kragen, und er
allein unter Regen,
spreizt sich, ein Drache, vor mir aus.
Zäune stehen stechend um leere
Bauplätze und Geröll. Große
Löcher schwimmen auf der Erde,
trockene Häuser sehe ich fern in den Dunkelheiten
eines Schlundes stehn. Es dröhnt nächtlich auf
aus den Kulissen, und ein Stück Eiter
springt mich an — ein gelber Mensch
grinst höhnisch und schlotternd,
seine Zähne schwimmen
in einer roten Lache und wehen
hin und her. Ich fliehe
vor den Schrecknissen seiner Hände,
dieser gequälten, hungrigen und sprunglauernden Tiere,
die er an den Seiten hängen hat.
Das schien eine Mauer, an die ich stieß,
ich falle furchtbar verletzt, das Haus dröhnt
in meinem Kopfe wider, schreit die Nacht
aus meinem Mund, und die Nasenflügel
knallen auf. Sterne, schießt
mir euern Schleim ins Gesicht!
Überbricht mich, denn ich will
nicht mehr leben, aber erstickt zugleich
vor meiner Wut. Ich fahre
in euren bettüberzogenen Himmel,
ich reiße die Laken des lieben Gottes herunter,
er soll nicht schlafen, wenn ich leide,
und nicht sitzen, wenn ich komm’.
Er soll nicht scheinen, wenn ich rufe,
nicht spielen, wenn ich vergeh’ —
zittern vor dem Weltgericht, das hinter
meiner Stirn auffährt —
und wenn meine gebeulte Faust aufschlägt
soll er sich verteidigen, der Angeklagte,
der Hauptangeklagte unaussprechlicher Vergehn,
und der Einsame wird Richter sein
über ihn und seine vorgetäuschten Leben.
Er ist im roten Frack mit einem Orden und macht
gerecht Verbeugungen nach allen Seiten.
Das Publikum, gespannt und einfältig,
klatscht in die Hände. Er sieht
die lauten Galerien um sich und tausend Menschen,
die ihm nie helfen werden. Er sammelt sich und fühlt:
sein Kopf steht gut. Die Angst ist fern. Doch wären
die tausend Menschen nicht, die lebhaft
und selbst ungewollt
in diesem Zirkus auf die Dunstwand malen,
wie plötzlich er aussähe, zerfleischten ihn die Tiere,
und wäre der Direktor nicht, der alles überrechnet,
klein, hager, jüdisch und eingebildet Honorare dreht
nach dem Applaus, und wäre nicht die nächste Nummer
schon wartend hinter dem Samtvorhang voll Staub —, und er,
Timolnandi, der berühmte Löwenbändiger,
auf den Programmen fettgedruckt und zweimal
mit schwarzen, weisenden Zeigefingern ergebenst angekündigt,
und hielten jetzt nicht plötzlich der Musik
dröhnende Blechklänge wie abgeknackst in heißer Luft:
er träte einfach ein zu seinen sanften Tieren,
versteckte fast die Peitsche, gäbe jedem
langsam und klar ein Zeichen und sein Wort,
ließe sich nieder auf den Stuhl und schliefe
leicht auch und beruhigt ein.
Denn diese Welt ist gieriger als der Löwe,
und seine Wildheit weckt sie
nur immer wieder auf.
Wie wurde um den frommen Urwald seines Herzens
erst ein Gefängnis eingebaut, und diese Stäbe
lassen durch enge Streifen Luft seinen
ausschnellenden Schmerz nie sich beruhigen.
Immer wieder, wenn schon sein Auge väterlich
sich schließen will, eilen auf jener andern Seite
Gestalten, reizend; und er liegt im Käfig fest, Sand,
nasses Laub und das Strecken der ungeheueren Ebene
noch in der Nase.
Doch die Manege der Galerien wartet,
trampelt und klatscht schon anspruchsvoll,
und statt still einzutreten in den Käfig,
macht Timolnandi, man verlangt Gefahr zu zeigen,
einen Sprung und knallt. Schon kreisen
die gallonierten Diener aufgeregt mit großen Stangen
und bieten eifrig, eingelernt und ahnungslose
Hilfe jedem sichtbar auf der Galerie. Die Löwen
liegen träg herum, doch man will Wildheit in den Logen,
Verfolgung, Katzensprung und Fellgeruch,
Timolnandi weiß es, und er knallt, feixt und springt.
Die Löwin sieht ihn ernst und freundlich an,
und alle Tiere stehen auf zur Arbeit. Sie machen
den Rundgang, der sie wenig unterhält,
und geben ihre Gruppenbilder. Der große Löwe
auf dem Stuhl öffnet den Schlund mit Furchtbarkeit und wartet
gehorsam auf den grellen Pfiff,
und schließt ihn wieder. Nun hebt die Löwin
seit langem stets nach jenem Pfiff die Tatze,
schon hat der Bändiger den Kopf darunter,
die Diener bleiben sprungbereit und halten selbst
den Atem. Es kommen noch die kunstvollen Figuren,
die Pyramide, eine Löwenwendeltreppe,
nun kommt noch der verfluchte Peitschenschlag,
den jene Bestien mit dem Geld von ihm verlangen,
und Timolnandi, tief betroffen, schmerzlich
ein jedesmal,
gibt einem Löwen mit der Peitsche dieses Opfer eines Hiebs.
Der Löwe brüllt und alle andern brüllen,
wie fühlt sein Herz mit ihnen ob der Schmach
während er springt, fuchtelt und pfeift,
die Diener laufen angstvoll und entsetzt zweimal
um den Käfig, und das Programm ist aus.
Timolnandi läßt den Karren wieder schieben,
das Publikum sieht lüstern seinen unberührten Frack,
der auch für morgen abend nicht gebügelt werden braucht,
und jenes vielsagende Zirkuslächeln auf der Lippe,
das ebenso bezahlt wird wie die Schauer
gequälter unschuldiger Wildheit, die gefangen ist.
Während der Bändiger vor Logen wie vor Galerie,
als wären es ausschließlich Fürsten, sich tief verbeugt
und ehrfurchtsvoll die Arme breitet,
die Hände schaukelt, sich immer wieder streckt
und wendet und verbeugt: „Und hinten hab’ ich einen Hintern“.