Dezembernacht

Als Schüler hab ich eine Nacht

In meinem Zimmer mal durchwacht,

Die Stunden wollten kaum entweichen;

Da plötzlich mir zur Seite stand

Ein Knabe, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Bleich war sein schönes Angesicht,

Bei meiner Lampe trautem Licht

Hat er gelesen und geschrieben;

Mild lächelnd und gedankenschwer

Und träumend blickte er umher,

Die ganze Nacht ist er geblieben.

Grad war ich fünfzehn Jahre alt,

Und wollte einmal durch den Wald,

Quer durch die braune Haide streichen.

Da plötzlich an dem Raine stand

Ein Jüngling, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ich suchte aus dem Wald nach Haus,

Der fremde Gast hielt einen Strauß

Und eine Laute in den Händen;

Er grüßte freundlich mich, doch stumm,

Dann drehte er sich halb nur um,

Des rechten Weges mich zu senden.

Als dann mein Herz zum erstenmal

Verraten ward und sich in Qual

Gewunden unter schweren Streichen,

Da plötzlich an dem Herde stand

Ein Fremdling, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Stumm stand er dort, in sich gekehrt,

Die Rechte trug ein blankes Schwert,

Die Linke zeigte starr nach oben;

Als hätt er um mein Leid gewußt,

Rang sich ein Seufzer aus der Brust,

Dann ist er wie ein Traum zerstoben.

Als ich in der Gesellen Kreis

Von edlem Weine einmal heiß

Zu kecker Rede gab das Zeichen,

Da plötzlich mir vor Augen stand

Ein Zecher, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Purpurlappen, ganz geflickt,

Hat unterm Mantel vorgeblickt,

Die magere Hand hat ihm gezittert;

Stumm hob das Glas der fremde Mann

Und schweigend stieß er mit mir an,

Da ist mein Glas im Nu zersplittert.

Ein Jahr darauf, die Zeit entflieht,

Hab ich an einem Bett gekniet,

Des Vaters Mund sah ich erbleichen.

Da plötzlich ihm zu Häupten stand

Ein Waisenkind, schwarz sein Gewand,

Es glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Engel, der dem Schmerz erliegt,

Erschien er dort, vom Leid besiegt,

Gleich mir, des teuren Toten Sohne;

Die frohe Laute war umflort,

Das Herz von einem Schwert durchbohrt,

Das Haupt trug eine Dornenkrone.

Noch oftmals hab ich ihn gesehn

An meiner Seite schweigend stehn

In meines Lebens schwersten Stunden,

Die rätselhafteste Vision!

Ist er ein Engel, ein Dämon?

Ich hab ihn überall gefunden.

Da später, müde und verzagt,

Ich Frankreich Lebewohl gesagt,

Der bittern Qual mich zu entwinden,

Da all mein Hoffen war verdorrt,

Da ich an einem fremden Ort

Wollt sterben oder Leben finden,

Zu Pisa und im goldnen Mainz,

Zu Cöln, im Angesicht des Rheins,

Zu Nizza unter grünen Myrten,

In den Palästen von Florenz,

Im Wintersturm, im jungen Lenz,

Hoch in den Alpen, bei den Hirten,

Zu Genua, wo wild die See

Das Ufer peitscht, und zu Vevey,

Zu Havre an der Klippe Wänden,

Dort wo Venedig schläft und träumt,

Die Adria am Lido schäumt,

Um in Lagunen feig zu enden,

Wo ich auch immer ohne Mut

Gewandert bin, wo mir das Blut

Geströmt aus meines Herzens Wunden,

Wohin mich meine Unrast trieb,

Wo mich durch ihr verdammtes Sieb

Gepreßt die ewig gleichen Stunden,

Wo nur das Rätsel dieser Welt

Des Daseins Freude mir vergällt,

Wenn ich dem Durste wollt genügen,

Wo immer, was ich längst gesehn,

Ich wieder sah vorübergehn,

Den kleinen Menschen mit den Lügen,

Wohin auf meiner Fahrt ich kam,

Wo in die Hand das Haupt ich nahm,

Um mich am Wege auszuweinen,

Wo ich durch das Gestrüpp gehetzt

Und wie ein Lamm zerzaust, zerfetzt

Dann niedersank auf kalten Steinen,

Wo immer mir ein Leid gedroht,

Wo ich verzweiflungsvoll dem Tod,

Dem letzten Freund, die Hand wollt reichen,

Stets plötzlich mir zur Seite stand

Der Ärmste, schwarz war sein Gewand,

Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

An Frau M.

Selbst wenn die Qual, die meine Seele leidet,

In ihr entfachte noch einmal die Glut,

Selbst wenn das Schicksal, das dies Glück mir neidet,

Mir ärmsten gönnte solch ein seltenes Gut,

Selbst wenn die Scham, die jetzt dich von mir scheidet,

Mir alles schenkte, was still in dir ruht,

Selbst dann, du Kind, von Unschuld fromm bekleidet,

Hätt ich zur Liebe weder Witz noch Mut.

Doch wenn dereinst die müden Sinne schwinden,

Wenn diese Welt nichts mehr in dir bewegt,

Wird die Erinnerung dich mir verbinden.

Magst du dich freuen, dich in Schmerzen winden,

In deiner Hand wirst du die meine finden,

Du hörst mein Herz, das an dem deinen schlägt.

Lebewohl!

Lebwohl! Gott heißt dich weiter gehen,

Nur dich, da meiner er vergißt,

Auf Erden gibt’s kein Wiedersehen ...

Jetzt weiß ich, was du mir gewesen bist.

Nur keine Tränen, keine Klagen,

Ich beuge mich, das Schicksal spricht,

Mag dich dein Schiff von dannen tragen,

Ich sehe lächelnd zu und weine nicht.

Die Hoffnung läßt dich sorglos scheiden,

Voll Hochmut kehrst du wieder her,

Und jene, die beim Abschied bitter leiden,

Die kennst du dann gewiß nicht mehr.

Lebwohl, zieh deinem Traum entgegen,

Da du im Rausche nach Gefahr nicht fragst,

Noch blendet dich der Stern auf deinen Wegen,

Noch lockt das Irrlicht dich, nach dem du jagst.

Einst lernst du, magst du jetzt auch prahlen,

Welch reiches Glück ein Herz gewährt,

Das uns versteht, und welche Qualen

Wir dulden, wenn sich’s von uns kehrt.

Victor Hugo

1802-1885

Der Abend des Sämanns

Nun will der müde Tag entweichen,

Still liegt vor mir das weite Tal;

Die Sonne sendet im Erbleichen

Hernieder einen letzten Strahl.

Dem armen Alten dort, der schweigend

Sich durch die graue Flur bewegt

Und in die Furchen, tief sich neigend,

Der Zukunft frohe Ernten legt.

Und wie der lange schwarze Schatten

Des alten Mannes Werk durchmißt,

Weiß der, dies Werk ging gut von statten

Am Tage, der gesegnet ist.

So geht er säend auf und nieder,

Er schreitet durch die weite Flur,

Er kommt und geht und streuet wieder,

Stumm folgt mein Sinnen seiner Spur.

Verschleiert ruhen alle Fernen,

Der Schatten wächst, er rauscht und schwillt,

Er reckt empor bis zu den Sternen

Des Sämanns königliches Bild.

Abend auf dem Meere

Komm, das Segel füllt sich wieder,

Dieser Abend ist so schön,

Steig mit mir zum Ufer nieder,

Laß dem Fischer seine Lieder,

Laß der Welle ihr Gestöhn.

Wollen hier im Schatten sitzen,

Hinterm Segel, das sich bauscht;

Wenn die Wogen uns bespritzen,

Seh ich deine Augen blitzen,

Höre, wie die Brandung rauscht.

Komm, wir wollen stumm verehren

Dieser Schöpfung hehre Pracht.

Sprich, mein Lieb, kannst du erklären,

Daß mein Auge stets voll Zähren,

Daß das deine immer lacht?

Sprich, wie kommt es, daß mein Denken

Gallenbitter in mir haust,

Daß mich selbst die Augen kränken,

Die sich stets zur Erde senken,

Während du den Himmel schaust?

Wo ich mich im finstern quäle,

Strahlt dir silbern jeder Stern,

Während ich die Schatten zähle,

Leuchten deiner frommen Seele

Tausend Welten nah und fern.

Bis zum Ende unsres Lebens

Brüllt um uns die Flut und dräut;

Keiner lebt, der seines Strebens

Frucht stets pflückt, der nicht vergebens

Saaten in den Boden streut.

Unbekannt mit unserm Ziele

Rudern durch die Flut wir keck,

Ach, in frevelhaftem Spiele!

Bald flieht aus dem leichten Kiele

Mut und Hoffnung, wir sind leck.

Weh, die Ruder, sie zerschellen,

Sturmwind fegt die Segel fort,

Laute Hilferufe gellen,

Haushoch türmen sich die Wellen,

Wälzen wild sich über Bord.

Gott hat Mühsal uns als Lehen

Überreichlich zugeteilt,

Wohin wir uns immer drehen,

Einen werden stets wir sehen,

Der in Hast vorübereilt.

Welchen Weg? Stets den der Ehren!

Wohin du? In meine Schmach!

Du? Dem Zweifel will ich wehren!

Du? Nach Ruhm steht mein Begehren!

Du? Der Liebe lauf ich nach!

Hastet nicht auf allen Wegen,

Hastet nicht zu jeder Frist,

Mögt Euch plagen, mühen, regen —

Eilt ja nur dem Land entgegen,

Daraus keine Rückkehr ist.

Jenem Land, wo alles endet,

Ob Ihr weinet, ob Ihr lacht,

Keinen Duft die Blume spendet,

Wo kein Sonnenstrahl Euch blendet,

Jenem Lande ewiger Nacht.

Weshalb alle diese Mühen,

Dieser Neid und diese Pein?

Trinkt Euch satt, die Wasser sprühen,

Seht im Laub die Früchte glühen,

Lebt und liebt und dann schlaft ein.

Ob Ihr emsig wie die Bienen

Nur der Arbeit wart gewohnt,

Ob Euch je ein Glück erschienen,

Ob Ihr mit zufriednen Mienen

Tag und Nacht habt schwer gefrohnt,

Allem ist ein Maß gemessen,

Alle Blüten fallen ab,

Ihr verliert, was Ihr besessen,

Aller Dinge harrt Vergessen,

Aller Menschen harrt das Grab.

Gott wird einst zurück uns fodern,

Fällt den Baum mit einem Streich,

Heißt der Flamme Glut verlodern,

Schiffe auf dem Grund vermodern,

Spricht zur Blume: Werde bleich!

Spricht zum kühnen Schlachtensieger:

Mensch, das letzte Wort ist mein!

Wate nur im Blute, Tiger,

Steige höher, stolzer Krieger,

Tiefer wird dein Fall nur sein.

Spricht zum Weib von Evas Stamme:

Schmücke dich, nutz deine Zeit,

Staub vom Staube, Schlamm vom Schlamme,

Einen Augenblick sei Flamme,

Asche dann in Ewigkeit!

Dulden mußt du’s und ertragen,

Ausgelöscht bist du im Nu;

Willst den Herren du verklagen,

Dich zu überheben wagen?

Groß ist er und klein bist du.

Jedem ist der Kampf beschieden,

Ob er zweifelt, ob er glaubt;

Not und Elend sind hinieden,

Doch der Herr im ewigen Frieden

Schüttelt lächelnd nur das Haupt.

Alles was wir hier erstreben,

Alles schwindet und zerstiebt.

Ach, die Schatten, sie entschweben,

Und es bleibt von deinem Leben

Nichts, wenn niemals du geliebt.

Will das Haupt in Demut neigen,

Leise, leise, stör mich nicht!

Blicke nach der Sterne Reigen,

Während ich in tiefem Schweigen

Höre, was die Woge spricht.

Bangend und mit bleichem Munde

Frag ich, mit gespanntem Ohr

Horch ich .... wehe, aus dem Schlunde,

Von des Meeres tiefem Grunde

Quillt nur trüber Schlamm empor.

Nimmer folge meinen Blicken,

Sie versenken sich in Nacht,

Sollst das Auge aufwärts schicken,

An dem Sterne dich erquicken,

Der dir froh entgegenlacht.

Sieh ihn hoch am Himmel stehen,

Wie er glänzt und strahlt und scheint,

Gottes Lächeln wirst du sehen,

Mich laß nach dem Menschen spähen,

Der in seinen Qualen weint.

Aus den Orientalen

I.

Eine Bucht und grüne Hügel,

Die sich spiegeln in der Flut,

Reiter steigen in den Bügel,

Frohe Lieder, froher Mut!

Hier die Zelte, dort die Rosse;

Schlanke Männer bei dem Trosse

Schärfen Schwerter und Geschosse

In des Feuers roter Glut.

Überall freut den Nomaden

Seiner Sonne helles Licht,

Und die Maid, zum Tanz geladen,

Weigert sich dem Krieger nicht.

Winde spielen mit dem Sande;

Solch ein Reigen auf dem Strande

Zeigt das Weib im Festgewande

Schöner als ein Traumgesicht.

Spiegeln sich, dem Ebenholze

Gleich, im Wasser diese Fraun,

Lacht das Angesicht, das stolze,

Jauchzen sie, wenn sie sich schaun.

Melkt jetzt das Kamel, das schnelle!

Weiße Milch spritzt aus dem Quelle,

Seltsam rinnt der Strahl, der helle,

Durch der Hände tiefes Braun.

Munter plätschern sie im klaren

Wasser, das von Salze schwer;

Sagt, wo kamen diese Scharen,

Diese fremden, gestern her?

Plötzlich kreischen schrille Becken,

Rosse wiehern, Kinder schrecken,

Wellen, die das Ufer lecken,

Stürzen sich zurück ins Meer.

II.

Die Wüste .... Furcht und Schrecken,

Nur Sand und nichts als Sand,

Wie weit mag sie sich strecken,

Versengt, verdorrt, verbrannt!

Nichts Lebendes will weilen,

Die Hügel selbst zerteilen

Im Winde sich, enteilen

Wie Flugsand auf dem Strand.

Es ziehen Karawanen

Nach Mamre und Ophir,

Frech kreuzen ihre Bahnen

Das heilige Revier.

Schwer schleppt durch heiße Dünen,

Wo keine Halme grünen,

Verwegenheit zu sühnen,

Sich keuchend Mensch und Tier.

Der Wüste tiefes Schweigen

Hört Gott der Herr allein,

Ihm ist sie erb und eigen,

Er markt sie ohne Stein,

Läßt Dünste sich erheben,

Die dieses Meer umschweben,

Sie zittern und sie beben

Und hüllen alles ein.

Der Kaisermantel

Ihr, deren Werke Labsal schaffen,

Ihr, die um Beute zu erraffen

Nach flüchtigem Wohlgeruch nur strebt,

Ihr, die Ihr den Dezember fliehet,

Den Blumen ihren Duft entziehet

Und uns den süßen Honig gebt,

Ihr, deren unbefleckte Lippen

Am reinen Tau des Morgens nippen,

Ihr, denen Keuschheit Lust und Pflicht,

Der Blüten liebliche Genossen,

Ihr Bienen, die dem Licht entsprossen,

Setzt Euch auf diesen Mantel nicht!

Ihr hochgemuten, arbeitsfrohen,

Die Ihr noch keinen Feind geflohen,

Stürzt Euch, Ihr Bienen, auf den Mann!

Von Euer Flügel Gold getragen

Sollt Ihr den Schuft mit Pfeilen jagen,

Fragt ihn: „Wofür siehst Du uns an?

Verräter Du, wir sind die Bienen!

Dem Frieden stiller Hütten dienen

Mit unseren Körben wir zur Zier.

Wir schwärmen durch die klaren Lüfte,

Aus Rosen saugen wir die Düfte,

Auf Platos Lippen wohnen wir.

Zu Nero magst Du Dich gesellen,

Dich neben Karl den Neunten stellen,

Der nach des Volkes Blute lechzt.

Nicht des Hymettus Biene habe

Des Mantels Hut, sie hat der Rabe,

Der auf dem Hochgerichte krächzt.“

Ihr sollt ihn peinigen, ihn lähmen,

Das Volk, das vor ihm bangt, beschämen,

Stecht ihm die Augen aus, dem Wicht!

Sollt mitleidlos ihn jagen, hetzen,

Wenn Menschen feige sich entsetzen,

Hält Euer Stachel das Gericht.

Die Ordnung ist wieder hergestellt

Die treten uns mit frechem Hohne

Und das Verbrechen trägt die Krone,

Das Recht des Volkes wird gebeugt.

An allen Grenzen unserer Lande

Ragt heut ein Denkmal unserer Schande,

Die Ehre ist erwürgt und schweigt.

O edle Freiheit großer Ahnen,

O Republik mit deinen Fahnen,

Die einst geragt zum Himmelsblau,

Du wurdest schnöde überlistet,

Des Kaiserreiches Sünde nistet

Verräterisch im stolzen Bau.

Die Zeiten sind vom Fluch besessen,

Mein Volk, du hast dich selbst vergessen,

Du wurdest feiler Lüge Raub.

Gesetz und Recht ward dir zu nichte,

Was kümmert dich die Weltgeschichte

Und deiner Väter heiliger Staub?

Willkommen seid ihr meinem Herzen,

Verbannung, Armut, bittere Schmerzen,

Willkommen, tränenreiche Zier.

Es heult der Wind durch meine Hütte,

Die Trauer naht mit düsterm Schritte,

Stumm setzt sie sich zur Seite mir.

Im Unglück finde ich euch wieder,

Gestalten meiner ersten Lieder,

Für die das Herz so heiß entbrannt.

O Freiheit, Mannesmut und Tugend,

Geliebte meiner frohen Jugend,

Auch euch hat schnöde man verbannt.

Sei mir gegrüßt, du Wasserwüste,

Sei mir gegrüßt, o Jerseys Küste,

Wo Englands altes Banner weht!

Dem Flutgebrause will ich lauschen,

Den Wogen, die im Winde rauschen,

Der Welle, die im Sturm vergeht,

Den Möven, die sich schaukelnd wiegen,

Die schaumbespritzt gen Himmel fliegen,

Vergoldet von der Sonne Strahl;

Wie sie sich aus der Flut erheben,

So ringt empor zu neuem Leben

Die Seele sich aus ihrer Qual.

Lied

Du Waldespfad mit schwanken Zweigen,

Ihr Täler, Hügel, rings umher,

Weshalb die Trauer und das Schweigen?

— Der einstmals kam, kommt nimmermehr.

Am Fenster keiner von den Lieben,

Verwelkt die Blumen und verdorrt,

Sprich, Haus, wo ist dein Herr geblieben?

— Ich weiß es nicht, mein Herr ist fort. —

Sei wachsam, Hund! — Wozu mich plagen?

Das Haus ist leer, du siehst es ja! —

Mein Kind, wem gelten deine Klagen?

Und deine, Weib? — Ihm, der nicht da.

Wo weilt er? — Jenseits ferner Meere.

Was seufzt ihr, Wogen, um den Stein?

Wo kommt ihr her? — Von der Galeere.

Was bringt ihr? — Einen Totenschrein.

Lied

Tot sind die kleinen Täubchen,

Das Männchen und das Weibchen,

Die Katze fing sie ein;

Zernagt sind ihre Reste,

Wer kehrt zurück zum Neste?

O arme Vögelein!

Vom Hirten keine Kunde,

Tot sind die treuen Hunde,

Der Wolf bringt Euch Gefahr.

Es zittern Eure Leiber,

Wer scheucht den feigen Räuber?

O arme Lämmerschaar!

Er muß im Kerker sterben,

Sie im Spital verderben,

Im Hause pfeift der Wind;

Kein Freund betritt die Stiege,

Wer schaukelt deine Wiege,

O armes, armes Kind?

Ein Spiel

Einst machte, laßt es Euch sagen,

Der Herrgott voller Behagen

Mit Satan eine Partie.

Jedweder hielt seine Karte,

Der setzte Bonaparte,

Der andere Mastai.

Ein armer winziger Pfaffe,

Ein kleiner prinzlicher Laffe,

Welch jämmerliches Spiel!

Gott machte es, ohne Zweifel

Mit Absicht, daß dem Teufel

Der ganze Einsatz verfiel.

„Dein sind sie,“ rief mit Lachen

Der Herr, „was wirst du nun machen?“

Der Teufel blickte voll Hohn;

Er packte die beiden Kleinen,

Auf Petri Stuhl setzt er einen,

Den andern auf Frankreichs Thron.

Des Kaisers Zeitvertreib

Dumpf tönen der Verbannten Klagen,

Das Grab ist nah und Frankreich fern.

Du schwelgst bei festlichen Gelagen,

Kannst Frauen im Theater jagen,

Das Hifthorn ruft zur Hatz den Herrn.

Rom wird dich salben und dich krönen,

Die Könige duzen Dich erfreut ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Des Schicksals Groll trifft nur die Besten,

Nur Männerseelen das Exil.

Du wohnst in ragenden Palästen,

Hast Gärten, Wälder, bei den Festen

Treibt Venus ihr verbuhltes Spiel.

Frech rasen die bekränzten Schönen,

Der Dienst des Bacchus wird erneut ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

In Ketten schleppen hinter Gittern

Gefangene keuchend Stein auf Stein.

Hallali tönt es, Wälder zittern,

Fanfaren schmettern, Rüden wittern,

Die Birke glänzt im Mondenschein,

Dort schwimmt der Hirsch! Hört Ihr ihn stöhnen?

Die Meute folgt, der Herr gebeut ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Im Kerker leert des Elends Schale

Ein Mann, vor Hunger stirbt sein Sohn.

Der Wolf füllt Tigern die Pokale,

Der Pfaffenkaiser zecht beim Mahle

Aus der Monstranz. Es blickt voll Hohn

Ein Faun auf ihre Schmach, sie frönen

Gelüsten, die sein Ekel scheut ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Gespenster der Erschlagnen wimmern,

Die Toten finden keine Ruh.

In prächtig ausgeschmückten Zimmern

Seh ich den Wein im Becher schimmern,

Die Dame trinkt dem Sieger zu.

Der Seele Blöße zeigt ihr Höhnen,

Des Leibes Blöße zeigt ihr Kleid ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Das Fieber endet Eure Klagen,

Gefangene, bald seid Ihr frei.

Es schwelgt bei üppigen Gelagen

Der Troß mit lärmendem Behagen

Und singt und lacht und küßt dabei.

Die edlen Ritter zu versöhnen,

Wird wahllos Huld und Gunst verstreut ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Es wandelt Männer in Skelette

Cayennes heiße Fieberglut.

In unseres letzten Ludwig Bette

Erwartet dich die Lagerstätte,

Wo auch dein Oheim einst geruht.

Du wirst dich schnell daran gewöhnen,

Horch, wie der Pöbel hurra schreit ...

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

O weint, die Freiheit ward erschlagen,

Ein Dolchstoß hat sie umgebracht.

Doch jetzt ist keine Zeit zum Klagen,

Der Bräutigam steigt in den Wagen,

Der Cäsar feiert Hochzeitsnacht.

Singt Brautgesänge, Ihr Kamönen,

Dem Mörder, der um Frankreich freit ....

Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,

Morgen dräut

Sturmgeläut!

Die Sühne

I.

Entglitten waren ihm zum ersten Mal die Zügel,

Zum ersten Male hingen seines Adlers Flügel.

Nur graue Tage. Langsam kehrte er zurück,

In Moskaus Flammenmeer versank des Kaisers Glück.

Es schneite. Und soweit die Ebene sich streckte,

Soweit verschwand sie in dem Schnee, der sie bedeckte.

Kein Banner fliegt und kein Kommandoruf gebeut,

Das große Heer von gestern eine Herde heut.

*                    *
*

Im Sattel sitzen die Trompeter traumverloren,

Der bleiche Mund ist an die Hörner angefroren,

Granaten, Bomben und Kartätschen sind vereist,

Die Grenadiere wissen jetzt, was zittern heißt.

Mechanisch trotten sie des Wegs, die alten Kerle,

Im grauen Barte glänzt des Eises kalte Perle.

Es schneit, es pfeift der Wind. Barfuß ziehn sie einher,

Auf Glatteis, ohne Brot, den Weg kennt keiner mehr.

Soldaten sind es nicht, nicht Herzen, die empfinden,

Es sind nur Träume, die sich durch den Nebel winden,

Ein Zug von Schatten, matt, verblichen und erschlafft,

Ringsum die Einsamkeit, unendlich, grauenhaft.

*                    *
*

Der Kaiser sieht die Not, stumm bleibt sein bleicher Mund.

Noch steht der Baum, doch trägt er schon des Fällers Zeichen;

Der Riese, dessen Wipfel keiner konnt erreichen,

Der nie den Hieb der Axt, den Beilschlag nie gekannt,

Er fühlte des Geschicks, des Meisters schwere Hand.

Erschauernd hörte er die dumpfen Hiebe schallen

Und sah rings um den Stamm die Äste niederfallen,

Sie alle sinken hin, ein jeder wird gefällt.

Still schleichen bis zuletzt sie um des Kaisers Zelt,

Um auf der Leinwand seinen Schatten nur zu sehen,

Und wenn sie dort dann die Gestalt, sein Bild erspähen,

Scheint ihnen noch sein Stern. Und all die Pein, das Leid

Ist Majestätsbeleidigung, des Schicksals Neid.

Doch er, den keine Kraft bis dahin übermannte,

Er wandte sich zu Gott, dess’ Zeichen er erkannte.

Daß dieses eine Buße war, das ahnte er,

Doch nicht wofür. Gebeugt frug er und sorgenschwer

Vor den Legionen, die im Schnee begraben waren:

Ist dies die Züchtigung, Gewaltiger der Scharen?

Da hörte seinen Namen er im Dämmerschein,

Und eine Stimme quoll aus Nacht und Dunkel: Nein!

II.

Waterloo, Waterloo! still liegst du jetzt und träumend

Im weiten Kessel, dem die Woge überschäumend

Mit wildem Sprung entquoll! In diesem grünen Tal

Hielt der gefräßige Tod ein fürchterliches Mahl.

*                    *
*

Gemetzel, ein verhängnisschwangrer Tag. Der Mann

Erkannte, daß der Sieg ihm in der Hand zerrann.

Noch stand als allerletzter Rückhalt seine alte

Erprobte Garde unberührt im Hinterhalte.

Vorwärts! rief er, zum Kampf, die ganze Garde vor!

Wie eine Springflut bäumte es sich wild empor.

Dragoner und Lanciers, die Helden aller Zonen,

Die Grenadiere, tapferer als Roms Legionen,

Der Donner und der Blitz im Rohr der Artillerie,

Die letzten Helden von Friedland und Rivoli,

Sie gingen in den Tod, ins sichere Verderben,

Und jubelnd grüßten sie noch ihren Gott vorm Sterben.

Ein einziger Ruf erscholl: Der Kaiser hoch! und dann

Marschierten sie in festem Tritt, Musik voran,

Die ganze Kaisergarde in den Höllenrachen,

Der englischen Kanonen spottete ihr Lachen.

*                    *
*

Mit einem Mal durchlief Verzweiflung alle Glieder,

Das gräßliche Gespenst schlug Mut und Hoffnung nieder,

Die Bataillone wichen rückwärts, bleich, entsetzt,

Die Fahnen waren ihnen nur noch Lumpen jetzt.

Die blasse Furcht, das Riesenweib mit schwankem Schritte,

Hob das verzerrte Haupt empor in ihrer Mitte,

Die Männerherzen zwang sie plötzlich in den Bann,

Von links, von rechts ein Schrei nur: Rette sich, wer kann!

Zurück! schallt es aus tausend Kehlen. Alle wanken,

Kein Widerstand, kein Halt, es sinken alle Schranken,

Besinnungslos strömt alles hin, das Herz versagt ....

Verdorrte Blätter, die der rauhe Herbststurm jagt!

Im Graben liegen schon die Protzen und Lafetten,

Ein jeder rennt, ein jeder will das Leben retten.

Sie werfen ihre Adler fort, Helm und Gewehr,

Die Veteranen fliehn, die Preußen hinterher.

Verbranntes Stroh im Wind, was einst ein Heer gewesen,

Jetzt flattert es wie Spreu, gefegt von Gottes Besen.

*                    *
*

Napoleon sah ihren Fall. Die Woge spülte

Geschütz und Roß und Mann und Banner fort. Da fühlte

Er des Gewissens Not, die Schande und die Schmach.

Er beugte sich: Ich bin besiegt, mein Schwert zerbrach,

Mein stolzes Heer entfloh wie vor dem Wolf die Schafe,

Gib Antwort, strenger Gott, ist dieses meine Strafe?

Da drang ein Laut wie Stahl ihm kalt durch Mark und Bein.

Im Donner der Geschütze rief die Stimme: Nein!

III.

Er stürzte. Gott hat für Europa andere Ruten.

Im fernen Meere liegt umwogt von wilden Fluten

Erloschenen Vulkans ein abgesprengter Teil.

Das Schicksal nahm den Hammer, Nägel, Eisen, Seil,

Es packte ihn, den bleichen Räuber seiner Blitze,

Und kettete ihn lachend an des Felsens Spitze.

Es lockte Englands Geier an; in ekler Gier

Zernagte ihm das Herz das widerliche Tier.

Erloschen ist der Sonne märchenhafter Schimmer,

Vom Morgen bis zur Nacht dieselbe Öde immer,

Der Kerker und die Einsamkeit und Schmerz und Weh,

Die Wache an der Tür, am Horizont die See,

Der nackte Fels, das Einerlei, endlose Räume,

Die Segel ziehn vorbei wie hoffnungslose Träume,

Die Woge braust, es pfeift der Wind, er heult und gellt ...

Leb wohl, mein Wappenschild, leb wohl, mein Purpurzelt,

Leb wohl, du Roß, das stolz den Cäsar einst getragen,

Das Diadem zerbrach und keine Trommeln schlagen!

Kein König liegt im Staub und küßt des Mantels Saum

Verzerrten Angesichts ..., vorbei der Kaisertraum!

*                    *
*

Den Bildern denkt er nach, die aus dem Nebel steigen,

O Ruhm, o Glanz, o leeres Nichts, o ewiges Schweigen!

Der Adler kennt ihn nicht, der seine Schwingen reckt,

Die Könige haben ihm den Kerker abgesteckt,

Entrinnen kann er nie den Blicken seiner Späher.

Und seine Stunde kam. Der Tod rückt immer näher,

Er wuchs in seines Lebens tiefe Nacht hinein

Wie in den Wintertag des bleichen Morgens Schein,

Die Seele fröstelte schon längst auf dunkeln Wegen.

Da eines Tages legt er auf das Bett den Degen

Und flüstert: es ist Zeit! Still hat er sich gestreckt,

Der Mantel von Marengo hat ihn zugedeckt,

All seine Schlachten standen an des Kaisers Bette.

Er aber sprach: Jetzt endlich ist gesprengt die Kette,

Sieg, Sieg, dort fliegt mein Aar, ich sehe ihn, er steigt!

Zum Sterben hatte er das müde Haupt geneigt,

Da sah er durch die Schatten, die auf’s Auge fielen,

Herrn Hudson Lowe über seine Schwelle schielen.

Laut schrie der Riese, den der Könige Fuß zertrat:

Das Maß ist voll, mir ist vergolten, was ich tat,

O Herr, genug des Zorns, laß ab von deinem Grimme.

Ich habe schwer gebüßt! Noch nicht ...! rief eine Stimme.

IV.

Das schwarze Mißgeschick ist wie die Nacht entflohn,

Im Tode stieg der Kaiser wieder auf den Thron.

*                    *
*

Die Schlacken fielen ab, in hellem Glorienschein

Erstrahlte jetzt sein Bild, von dunkeln Flecken rein.

Des Ruhmes Glanz hat die Gerechtigkeit bestochen,

Verstummt ist sie, sein Urteil hat sie nicht gesprochen,

Arcole lebte nur und Ulm und Austerlitz.

Wie in die Gräber alter Zeit stieß Menschenwitz

In jener großen Jahre tiefen Schutt den Spaten.

Die Völker jubelten, die Zeugen seiner Taten,

So oft darin des Konsuls Marmorbild sich fand,

So oft daraus des Cäsars Erzgestalt erstand.

V.