Clément Marot

1495-1539

Lied

Willst du dein Herz erquicken,

Mußt einen einzigen Blick

Du meiner Liebsten schicken,

Gott schenk ihr Gunst und Glück!

So hold wirst du sie finden,

Daß dir zur selben Stund

Wohl tausend Schmerzen schwinden,

Ihr Gruß macht dich gesund.

Die Gaben meiner Schönen

Erfreuen Herz und Sinn,

Die Sehnsucht läßt mich stöhnen,

Wenn ich nicht bei ihr bin.

Ihr Liebreiz macht mich beben,

Bleich werd ich, wie der Tod,

Doch ihre Huld schenkt Leben,

Verscheucht, was mich bedroht.

An den König, als ich bestohlen wurde

Ein Unglück, Sire, alleine, das kommt selten!

Euch, Herr, wird dieses Wort als Wahrheit gelten;

Es kommt zu zweit, zu dritt, in ganzen Scharen,

Ihr habt es leider selber ja erfahren.

Und ich, ich bin kein Fürst, bin überhaupt

Vor Euch ein Nichts. Doch wenn Ihr es erlaubt,

Erzähle ich die schönste der Geschichten.

Von meinem Diener will ich Euch berichten

Aus der Gascogne, ein Lügner und ein Dieb,

Er soff und fraß und wußte, wo er blieb,

Ein Lümmel, wie vom Galgen abgeschnitten,

Im übrigen bei allen wohl gelitten,

Ein Bursch, in den die Dirnen sich vernarrten,

Ein flotter Kerl bei Kegeln und bei Karten.

Der ehrenwerte Herr bekam nun Wind

Von jener Summe, die Ihr mild gesinnt

Mir jüngst gemacht zur gnädigen Verehrung,

Von meines Beutels plötzlicher Beschwerung.

Des Nachts — er pflegte länger sonst zu liegen —

Ist er in meine Kammer eingestiegen

Und nahm das schöne Geld noch vor dem Morgen.

Ich glaube kaum, er wollte es nur borgen,

Denn keinem hat er was davon gesagt.

Um wenig hat er sich grad nicht geplagt,

Mein Hut, mein Wams, mein Gurt fiel ihm zum Raube,

Die Stiefel und der Mantel und die Schaube;

Das beste, was ich nur bei Hofe trug,

War diesem Kenner grade gut genug.

Ihr hättet ihn, es fehlte wohl nur wenig,

Für mich genommen, hoher Herr und König.

Zum Schluß begab sich dann mein Seneschall

Des graden Wegs in seines Herren Stall.

Das schlechte Pferd mißfiel dem guten Jungen,

Flugs hat er auf das bessere sich geschwungen,

Den Sattel nahm er und das Terzerol

Und nichts vergaß er als das Lebewohl.

Er spürte um den Hals vielleicht ein Würgen,

Doch war der Held beritten wie Sankt Jürgen.

Den Herrn hat er nicht aus dem Schlaf geweckt,

Der war nicht gut gelaunt, als er’s entdeckt.

Der Herr war ich. Ihr werdet es verstehen,

Der Morgen hat mich nicht vergnügt gesehen,

Fort waren alle meine schönen Kleider

Und auch das beste meiner Rosse leider.

Daß auch das liebe Geld so schnell verschwand,

Begriff schon etwas eher mein Verstand,

Denn Euer Geld, vermeld ich untertänig,

Wird niemals bei mir warm, mein Herr und König.

Doch damit ist das wenigste erzählt.

Es ist noch etwas, was mich härter quält,

Was mich bei Tag und Nacht nicht mehr verläßt

Und mir in Kürze sicher gibt den Rest,

Was in die Erde bringt mich armen Mann,

Wo ich dann lustig weiter reimen kann.

Mein armer Körper windet sich und leidet,

Mein Leib ist manchmal schier wie ausgeweidet,

Drei Monat ist der Kopf schon eingezwängt,

Die Brust ist stets beklommen und beengt,

Die Beine können kaum den Rumpf noch tragen,

Ganz ausgemergelt ist mein armer Magen.

Die Krankheit scheint mich langsam aufzuzehren,

Sie peinigt mich — ich sag’s in allen Ehren —

Sie peinigt mich, mein König, ganz genau,

Wie den Pariser seine liebe Frau.

Was sag ich noch! geschwunden ist der Leib

Fast ganz, und nur zu Eurem Zeitvertreib

Blieb etwas noch von meinem Geist am Leben,

Viel kann er freilich nicht zum Besten geben.

Um diesen kargen Rest, der vor Euch steht,

Bemüht sich, Herr, die halbe Fakultät,

Betastet meinen Puls, hält weisen Rat

Und kündet als gewisses Resultat,

Der Frühling heilt bestimmt mein bitteres Weh.

Sehr gut gesagt! Was ich davon versteh,

Ist dies: soll ich den Frühling nicht mehr sehn,

Werd ich im Winter schon zu Grunde gehn;

Bin ich dagegen schon im Winter tot,

Dann hab ich um den Frühling keine Not.

So quäl ich mich neun lange Monat schon.

Verkauft ist alles, was mir der Cujon

Nicht stahl. Ich hab mich kümmerlich gepflegt,

Das ganze in Latwergen angelegt.

Doch, gnädiger Herr, deshalb dürft Ihr nicht meinen,

Daß ich mit Bitten will vor Euch erscheinen;

Verwechselt mich nicht etwa mit dem Pack,

Das ewig nur die Taschen füllen mag.

So manchen gab es, der nur immer nahm,

Dazu, mein Fürst, besitz ich zuviel Scham,

Auf Ehre, Sire, ich nehme nichts geschenkt!

Doch wenn Ihr etwas mir zu leihen denkt,

Sag ich nicht nein. Denn wie es geht, so geht’s,

Ein Gläubiger macht einen Schuldner stets.

Und wißt Ihr, Herr, wie ich die Schuld will zahlen?

Das weiß noch keiner, Sire! ich will nicht prahlen,

Ihr ahnt ja nicht, wie glücklich Ihr es trefft,

Ihr macht dabei ein glänzendes Geschäft,

Es ist wahrhaftig keine Übertreibung!

Ich geb Euch eine sichere Verschreibung

— Verlangt Ihr Zinsen, Herr? — auf jene Frist,

Wo einmal alle Welt zufrieden ist,

Und wenn Ihr lieber wollt, mein Fürst, vielleicht

Auf jenen Tag, da Euer Ruhm verbleicht.

Traut Ihr Euch nicht, die Forderung so zu buchen,

Will ich mir ein paar gute Bürgen suchen,

Wenn Euch die Fürsten von Lothringen passen,

Könnt Ihr ja die im Notfall für mich fassen.

Doch weiß ich wohl, Euch kommt’s nicht in den Sinn,

Daß ich nicht sicher und nicht ehrlich bin.

Indessen hat man gerne was in Händen,

Deshalb will ich den Schuldbrief daran wenden,

Der ist im Todesfall, bei meiner Ehr,

So gut, wie wenn ich, Sire, unsterblich wär.

Falls etwas mir zu leihen Ihr geruht,

Laßt mich’s in Gnaden wissen, seid so gut;

Auf meinen Gütern — kennt Ihr sie nicht, Sire? —

Erbaut ich jüngst ein neues Luftschloß mir,

Das muß ich jetzt bezahlen. Nur ein Tor

Sorgt nicht bei Zeiten für die Zukunft vor.

Das wäre alles so in großen Zügen,

Ich habe weiter nichts hinzuzufügen.

Wollt ich noch eine Zeile niederschreiben,

Ich fürchte, Sire, ich könnte übertreiben.

Dann schrieb’ ich: Herr und König der neun Musen,

Der alle ihre Weisheit trägt im Busen,

Du König, mehr als Mars an Ehren reich,

Du König, dem kein anderer jemals gleich,

Gott gebe Dir und Deinem stolzen Thron

Des Erdballs ganzen Umkreis noch zum Lohn,

Sowohl zum Heil der rollenden Maschine,

Wie auch, daß Dir zum Ruhme solches diene.

Pierre Corneille

1606-1684

Stanzen

Läßt mein Angesicht auch sehen,

Gräfin, daß die Zeit verstrich,

Euch wird es nicht besser gehen,

Seid Ihr erst so alt wie ich.

All und jedem drückt ihr Zeichen

Auf die Zeit, eh’ sie entweicht,

Eure Rosen wird sie bleichen,

Wie sie mir das Haar gebleicht.

In denselben Bahnen gleiten

Ewig die Planeten hin,

Was Ihr seid, war ich vor Zeiten,

Und Ihr werdet, was ich bin.

Immerhin darf kühn ich sagen,

Etwas, Gräfin, nenn ich mein,

Was vielleicht in späten Tagen

Noch wird unvergessen sein.

Sind auch holde Reize Euer,

Wißt, ein Reiz, den Ihr jetzt haßt,

Strahlt einst noch in hellem Feuer,

Wenn der Eure längst verblaßt.

Er nur wird den Ruhm bewahren

Euren Augen, Eurem Haar,

Er erzählt nach tausend Jahren,

Was an Euch mir teuer war.

Bei den Bürgern jener Welten

Hat mein Wort noch guten Klang,

Werdet Ihr für schön dann gelten,

Schuldet mir Ihr dafür Dank.

Wollet gnädigst drum bedenken:

Ist ein Graukopf keine Zier,

Muß man ihm doch Achtung schenken,

Gleicht er, schöne Gräfin, mir.

Pierre-Jean de Béranger

1780-1857

Meine Berufung

Ich kam auf diese Erde

Geängstigt und verzagt,

Kaum hätte aus der Herde

Ich je mich vorgewagt.

Mein Weinen und mein Klagen

Verhauchte fast im Wind,

Da hörte Gott ich sagen:

So singe doch, mein Kind!

Der Reichtum fährt mit vieren,

Verlacht des Armen Not,

Wenn sie vorbei kutschieren,

Bespritzt uns nur der Kot.

Euch habe ich im Magen!

Doch macht der Zorn mich blind,

Dann höre Gott ich sagen:

So singe doch, mein Kind!

Weich bin ich nicht gebettet,

Zum Einerlei verdammt,

Gefesselt und gekettet

An mein bescheiden Amt.

Muß ich zu sehr mich plagen,

Daß Brot mein Arm gewinnt,

Dann höre Gott ich sagen:

So singe doch, mein Kind!

Manch Glück hab ich gefunden

In meines Lebens Mai,

Die Jahre sind entschwunden,

Es ist damit vorbei.

Doch will mein Herz mal fragen,

Warum das Glück zerrinnt,

Dann höre Gott ich sagen:

So singe doch, mein Kind!

So will ich ewig singen,

Will singen bis zuletzt,

Will jedem Freude bringen,

Den mein Gesang ergötzt.

Wo frohe Herzen schlagen,

Die freundlich mir gesinnt,

Da höre Gott ich sagen:

So singe doch, mein Kind!

Die Dachkammer

Die Bude unterm Dach! Ich seh sie wieder,

Wo frohe Armut Lehrerin mir war,

Ich hatte meine Freunde, meine Lieder,

Mein Mädchen hatte ich und zwanzig Jahr.

Der Narren lachte keck ich und der Weisen,

Da ich des Lenzes Blütentraum genoß,

Sechs Treppen hoch durft ich mich glücklich preisen

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Ein Bodenloch! Ich kann es nicht bestreiten;

Hier war’s, wo meine harte Bettstatt stand,

Dort seh ich noch die Verse, die vor Zeiten

Mit Kohle ich gekritzelt an die Wand.

Doch ach, die Freuden, die sind längst entschwunden,

Die meine Uhr mir mitleidvoll erschloß,

So oft den Weg ins Leihamt ich gefunden,

Mit zwanzig Jahren aus dem Dachgeschoß.

Wie gern ist Liese mit vergnügter Miene

Hier oben einst erschienen zum Besuch!

Vorm Fenster hat die Gute als Gardine

Flink aufgehängt ihr schönes neues Tuch.

Am Boden lag der Hut. Nie mocht ich fragen,

Wer ihn bezahlt hat, weil sie dies verdroß;

Wer wird sich auch um solche Fragen plagen

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hier haben wir begeistert und verwegen

Die ganze Nacht gesungen und gezecht,

Da bei Marengo Bonapartes Degen

Die schlug, die ihm zu trotzen sich erfrecht.

Viktoria schossen sie! Wir aber dachten,

Nie kehrt zurück in unseres Helden Schloß

Die Sippe Ludwigs, die wir stolz verlachten

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hinweg! hinweg! Ich könnte mich berauschen,

Wo der Erinnerung Zauber mich umschwebt ....

Ach, dürfte meiner Tage Rest ich tauschen

Für einen Monat, den ich hier gelebt,

Für Liebe, Leichtsinn, Torheit, für Sekunden,

Daraus im Traum ein Leben mir entsproß,

Für alle Hoffnung, die ich einst gefunden

Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß!

Der alte Korporal

Jetzt also vorwärts, Kameraden,

Die Stunde schlägt, noch einen Kuß,

Mein Pfeifchen brennt, Ihr habt geladen,

Kommt, Kinder, machen wir nun Schluß.

Die Jahre sind im Dienst geschwunden,

Den ich Euch allen beigebracht,

Doch niemals hab ich Euch geschunden!

Nun gebet Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Nehmt Tritt, gebt Acht,

Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

Ein Leutnant denkt, er darf mich kränken,

Ich wisch ihm eine aus, dem Wicht;

Es tat ihm nichts, doch sowas schenken ....

Mein Urteil sprach das Kriegsgericht.

Wer nicht so rasch ist, handelt weiser,

Am längsten hab ich’s nun gemacht,

— — Ach was, ich diente meinem Kaiser!

Nun gebet Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Nehmt Tritt, gebt Acht,

Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

An Arm und Bein darf Euch nichts liegen,

Das Kreuz ist ein paar Knochen wert,

Das meine holt ich in den Kriegen,

Da wir die Könige ausgekehrt.

Manch Gläschen gabt Ihr mir zum besten,

Wenn ich erzählte auf der Wacht

Von Schlachtenruhm und Siegesfesten,

Nun gebet Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Heult nicht, gebt Acht,

Nehmt Tritt, gebt Acht,

Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

Wer fängt dahinten an zu flennen?

Die Tambourswitwe, dacht mirs schon!

Hab Anno zwölf beim tollen Rennen

Die Frau gerettet sammt dem Sohn.

Der Vater liegt im Schnee begraben,

Den Jungen schleppt ich Tag und Nacht ...

Kannst beten für mich alten Knaben!

:|: Nun gebet Acht, :|:

Die Pfeife will nicht ziehen heute ...

Jetzt hat sie Luft, was das nur war!

Da sind wir. Wollt ihr etwa, Leute,

Die Augen mir verbinden gar?

Hier an der Böschung laßt mich stehen,

Zielt nicht zu tief, hübsch mit Bedacht ...

Mögt Ihr die Heimat wieder sehen!

:|: Nun gebet Acht, :|:

Des Volkes Erinnerungen

Unterm Strohdach der Geringen,

In den Hütten stirbt er nicht,

Noch nach fünfzig Jahren spricht

Kaum einer dort von andern Dingen.

Abends sitzen am Kamin

Um die Alte junge Leute,

Mutter, ruft die Bäuerin,

Kannst von ihm erzählen heute!

Viele schelten jetzt den Mann,

Könnte er nur wiederkehren,

Ja, wiederkehren!

Laß uns also von ihm hören,

Großmutter, fang an!

Kinder, hier sah ich ihn reiten,

Hier durch unser Dorf, ganz nah,

In dem Jahr, da dies geschah,

Machte ich Hochzeit ... alte Zeiten!

Könige bildeten den Zug,

Heut noch glaube ich, den grauen

Mantel, den er damals trug,

Und den kleinen Hut zu schauen.

Ich erschrak und wurde bleich.

„Guten Morgen,“ rief er heiter,

Vergnügt und heiter.

„Wie, gegrüßt hat Euch der Reiter,

Ei, er sprach mit Euch?“

Ein Jahr später ist’s geschehen,

Daß ich nach Paris mal kam,

Vor der Tür von Notre Dame

Hab ich ihn wiederum gesehen.

Menschen drängten ohne Zahl

Sich in festlichem Gewimmel,

Alle meinten: „Seht einmal,

Schönes Wetter schickt der Himmel.“

Mild und gütig war sein Blick,

Grad war ihm ein Sohn geboren,

Ein Sohn geboren.

„Ei, der Tag war nicht verloren,

Mutter, das war Glück!“

Als dann seiner Feinde Scharen

Sich ergossen übers Land,

Trotzte er mit starker Hand

Beinah alleine den Gefahren.

Einmal klopft’s an meine Tür,

Eines Abends, just wie heute,

Plötzlich steht er da vor mir,

Im Gefolg nur wenig Leute.

Setzt sich auf den Sessel hier,

Niemals werd ich es vergessen,

Niemals vergessen!

„Mutter, wo hat er gesessen,

Auf dem Stuhl, sagt Ihr?“

„Ich hab Hunger,“ sprach er. Leider

Hatte ich nur Brot und Wein.

Hier am Feuer schlief er ein,

Schnell trockneten die nassen Kleider.

Beim Erwachen sagte er,

Als er schaute meine Zähren:

„Mut, noch habe ich ein Heer,

Vor Paris will ich mich wehren.“

Ich verwahre heute noch

Jenes Glas im Schrank da droben,

Im Schrank da droben.

„Wie, Ihr habt es aufgehoben?

Bitte, zeigt es doch!“

Hier ...! dann zog er ins Verderben!

Er, den einst ein Papst gekrönt,

Mußt verlassen und verhöhnt

Auf jener öden Insel sterben!

Dran zu glauben ward uns schwer,

Alle meinten: „Er kehrt wieder,

Heimwärts eilt er übers Meer,

Schlägt den frechen Fremdling nieder.“

Als ich hörte, es sei wahr,

Bin ich fast dem Schmerz erlegen,

Dem Schmerz erlegen.

„Schütz Euch Gott auf allen Wegen,

Mutter, vor Gefahr.“

Gérard de Nerval

1808-1855

Herren und Knechte

Wenn jene Herrn, die aus den Mären wohl bekannt,

Mit Stieresnacken und mit erzgeprägten Mienen,

Mit Leibern, die im Boden fest gewurzelt schienen,

Mit grimmig hochgemutem Sinn und harter Hand,

Wenn heute wieder sie auf diese Erde kämen,

Den Erben ihrer stolzen Namen nachzuspähn,

Die winselnd vor den Türen der Minister stehn,

Der Sippe, die schon längst verlernt hat, sich zu schämen,

Dem falschen Volk, an dem die Waden kaum noch echt,

Dann merkten jene Ritter ohne Furcht und Tadel

Sehr bald, daß, dank den Töchtern, ihrem guten Adel

Verdorben ward das Blut von manch gemeinem Knecht.

Phantasie

Es tönt mir eine Weise stets, für die

Ich Mozart, Weber und Rossini schenke,

Wenn ich in ihren Klang das Ohr versenke,

Bezaubert mich die alte Melodie.

Sie singt so müd von Trauer und von Wehe,

Ich fühle mich zweihundert Jahr verjüngt,

Ludwig der Dreizehnte regiert, ich sehe

Den Hügel, hinter dem die Sonne sinkt,

Ein Schloß von Ziegeln, Türme in den Ecken,

Gemalte Fenster und ein Giebeldach,

Darum ein Park mit immergrünen Hecken,

Durch bunte Blumen fließt ein stiller Bach.

Am hohen Fenster sehe ich vom weiten

In alter Tracht die blonde Dame stehn ....

Ich kenne sie. Ich habe sie vor Zeiten

In einem andern Leben schon gesehn.

Laß mich!

Laß ab von mir, es ist vergebens,

Du prangst im Lenze deines Lebens,

Mir kehrt er nimmermehr zurück!

Kannst du in meinem Gram nicht lesen,

Daß dieser Stirn, die jung gewesen,

Zu lächeln längst vergaß das Glück?

Wenn durch den Winterfrost, den harten,

Die bunte Blumenpracht im Garten

Gebleicht ist und der Baum entlaubt,

Wer gibt dem toten Blatt die Farben

Zurück, die mit dem Sommer starben,

Den Duft, den ihm der Nord geraubt?

Ach, hätte meines Schicksals Gnade

Mich kreuzen lassen deine Pfade,

Da mir noch solche Gunst getaugt,

Ich hätte trunken vor Entzücken

Dein Lächeln kühn gewagt zu pflücken

Und neue Kraft daraus gesaugt.

Heut leuchtest du mir nur von Ferne,

Du junges Blut, dem hellen Sterne

Vergleichbar, der dem Schiffer winkt,

Dess’ schwanken Kahn die List der Wogen,

Wenn schon der Sturm vorbei gezogen,

Zerbricht und mitleidlos verschlingt.

Laß ab von mir, es ist vergebens,

Du prangst im Lenze deines Lebens,

Mir kehrt er nimmermehr zurück!

Läßt diese Stirn, die jung gewesen,

Läßt dich ihr stiller Gram nicht lesen,

Daß nichts mehr sie erhofft vom Glück?

Goldene Verse

Mensch, freier Denker, wähnst du, daß nur du allein

Gedankenmächtig bist in dieser Welt voll Leben?

Du bist nur Herr der Kraft, die dir zum Lehn gegeben,

Jedoch das All ist frei, dein Witz ist ihm zu klein.

Hab Ehrfurcht! Jedes Tier nennt eigene Kräfte sein,

Der Kelch, der sich erschließt, ahnt einer Seele Beben,

Kein Stein, in dem nicht unbekannte Mächte weben,

Dies alles fühlt und dringt ins Innerste dir ein.

Vermeide Blicke, die aus blinden Fenstern spähen,

An jegliches Atom gebunden ist das Wort,

In deinem Munde darf es Sünde nie begehen.

Oft wohnt ein Gott versteckt an einem niedern Ort,

Das Auge wächst vom Lid bedeckt in heiliger Stille,

Es sproßt aus hartem Fels hervor ein reiner Wille.

Alfred de Musset

1810-1857

An Juana

Du bist’s, für die ich einst entbrannte,

Die erste, welche mein ich nannte,

Der ich geweiht mein ganzes Sein!

Erinnerst du dich auch noch dessen?

Ich habe es noch nicht vergessen,

Im letzten Sommer warst du mein.

Wie rasch entschwinden doch die Zeiten,

Die wir mit tausend Nichtigkeiten

Vergeuden, schnell sind sie entflohn.

Fast zwanzig Jahre sah ich schwinden,

Und du, Gefährtin meiner Sünden,

Hast ihrer beinah achtzehn schon.

Scheint auch die rote Rose bleicher,

Ist ihre Pracht nur um so reicher,

Ich schmeichle nicht, schön bist du doch!

Kein liebend Weib war liebevoller,

Kein spanisch Köpfchen jemals toller,

Denkst du des letzten Sommers noch?

Des Abends noch, da du mich kränktest

Und dann dein Halsgeschmeid mir schenktest,

Da ich ob deines Zorns geschmollt;

Drei Nächte fand ich keinen Schlummer,

In bittersüßem Liebeskummer

Hab ich geküßt das rote Gold.

Und die verräterische Schöne!

Denkst du noch an die tolle Szene,

O Andalusiens holder Stern?

Dein Liebster wollt vor Lachen sterben,

Und Eifersucht schien zu verderben

Den Gatten fast, den alten Herrn.

Nimm dich in acht, hör was ich sage,

Von neuem kehren jene Tage

Der Liebe bald vielleicht zurück.

Ein Herz, das dich einmal besessen,

Kann deiner nimmermehr vergessen,

Das Herz begehrt kein besser Glück.

Ach was! ich mag den Strom nicht dämmen,

Ich kann das Rad der Zeit nicht hemmen,

Ich halte seinen Gang nicht auf;

Was kümmern uns entschwundene Freuden,

Das Lied ist aus, wir wollen scheiden,

Das ist einmal der Welten Lauf.

Die Zeit entführt auf ihren Schwingen

Den Lenz, die Lerche und ihr Singen,

Ach, unser Dasein gleicht dem Rauch;

Karg ist die Frist uns zugemessen,

Was frommt mir, daß ich dich besessen,

Und dir, daß meiner du vergessen ....

Mein Leben schwindet, deines auch!

An Julie

Daß mich die Leute auf den Gassen

Nicht mal in Frieden rauchen lassen!

Mich fragt ein jeder dumme Wicht,

Woran ich seit drei Jahren schreibe,

Was ich in meinen Nächten treibe,

Denn daß ich schlafe, glaubt man nicht.

Willst du mir deine Lippen reichen?

Die tollen Nächte, die dich bleichen,

Sie trocknen die Korallen auch.

Daß diese Wunder nicht verderben,

Mein schwarzes Lieb, mußt du sie färben

Mit deines Atems heißem Hauch.

Mein Drucker glaubt sich längst vergessen,

Er meint, es warten seine Pressen

Auf meine! Und ein ganzer Trupp

Honetter Herren hält die Wette,

Daß mich mein Glück verlassen hätte,

Man schwatzt davon in jedem Klub.

Hast du noch deinen Muskateller?

Wir waren gestern erst im Keller,

Vielleicht blieb noch ein Rest zurück.

Wie glüht dein Mund! Ich will geschwinde

Mal sehen, ob ich was erfinde,

Natürlich ein verrücktes Stück.

Sie sagen, daß ich keine Lieder

Mehr pfeifen kann und daß ich wieder

Mich werfe in den vollen Strom.

Es lohnt nur nicht, sonst schickten heute

Nach Sankt Helena mich die Leute

Mit einem Magen-Karzinom.

Wenn ich am Feuer weiter nasche,

Verbrenn ich sicher noch zu Asche,

Auch Herkules ist ja verbrannt;

Soll in den Gluten ich verderben,

Will ich bei Dejanira sterben,

Drum öffne schleunigst dein Gewand!

An Pepa

Pepita, wenn die Sonne scheidet,

Wenn deine Mutter schlafen geht,

Wenn bei der Lampe halb entkleidet

Du knieend sprichst dein Nachtgebet,

Zur Stunde, wo du Frieden findest,

Wo dich erwartet süße Rast,

Wo du die Abendhaube bindest

Und unters Bett geleuchtet hast,

Wenn all die Deinen, die Familie,

Der Schlummer hält in seinem Bann,

Pepita, meine schlanke Lilie,

Gestehe, woran denkst du dann?

An eine Heldin aus Romanen,

Die ihr zerbrochnes Glück beweint,

An alles, was der Traum läßt ahnen

Und was die Wirklichkeit verneint,

An Berge, die nach schwerem Kreisen

Das Leben geben einer Maus,

An Andalusiens wilde Weisen,

An einen Mann, ein Zuckerhaus,

An Rosen, die du einmal pflanztest,

An Blicke jenes faden Wichts,

Mit dem du den Fandango tanztest,

Vielleicht an mich, vielleicht an nichts!

Lilla

O ließe Lilla sich bewegen,

Daß sie mir öffnete bei Nacht,

Dann braucht ich keines Pfaffen Segen!

Durchs Fenster spräng ich, nie verlegen,

Wenn ihre Frau Mama erwacht.

Die Angst mag alte Schachteln quälen

Um das Genick! Solch dürres Kraut

Wird keiner wohl dem Teufel stehlen,

Der wartet, bis die lieben Seelen

Sich langsam ekeln aus der Haut.

Auf einer Planke möcht ich zechen

Mit Lilla, niemals wär ich satt!

Kein Papst kann so mich selig sprechen,

Der Mann darf dreist sein Glas zerbrechen,

Der diesen Wein getrunken hat.

Ballade an den Mond

Hoch auf dem Turme glitzt er,

Der Mond, so gelb wie nie,

Da sitzt er,

Wie’s Tüpferl auf dem I.

Welch Elf hat auf den Faden

Dich mit geschickter Hand

Geladen,

Du naseweiser Fant?

Du Maske der Gespenster,

Was guckt für ein Gesicht

Durchs Fenster

Herein, du blasser Wicht?

Bist du, der Nacht Begleiter,

Nur rund geformtes Gold,

Das weiter

Sich ohne Beine trollt?

Bist du es gar, Geselle,

Bist du es, dessen Lauf

Der Hölle

Die träge Uhr zieht auf?

Ein Zeiger, der die Stunden

Verdammten Seelen weist,

Sekunden

Der Ewigkeit umkreist?

Ist es ein Wurm, der witternd

Sich anzuschleichen wagt

Und zitternd

Die Sichel dir benagt?

Wer hat dich halb geblendet?

Hat gestern dich im Traum

Geschändet,

Vielleicht ein spitzer Baum?

Auf meines Zimmers Wände

Trägt mir dein fahler Schein

Behende

Des Gitters Netzwerk ein.

Es hat der Sonne Gnade,

Da sie ins Meer getaucht,

Dich gerade

Ein wenig angehaucht.

Einst wirst du ganz erkalten,

Dein Angesicht verrät

Durch Falten,

Wie schlimm es um dich steht.

Die Göttin gib uns wieder,

Die keusch und nie besiegt

Die Glieder

An ihre Hirschkuh schmiegt,

Die einst in der Platane

Gehege sich gefiel,

Diane

Und ihrer Meute Spiel.

Hoch flüchtig sind gesprungen

Die Rehe, wenn voll Macht

Gedrungen

Das Hifthorn durch die Nacht,

Wenn auf der Spur der Beute

Ringsum durch Wald und Feld

Die Meute

Zur Hetze hat gebellt.

Als eines Abends linde

Durch ihren Hain gerauscht

Die Winde,

Hat Phoebus sie belauscht,

Der Gott, der nächtlich schwärmend

Die Hirtin und den Hirt

Keck lärmend

Im Vogelflug umschwirrt.

Durch jedes Abenteuer,

Dem still du beigewohnt,

Bleibst teuer

Du alle Zeit uns, Mond.

Wem immer du begegnet,

Dem bist für ewig du

Gesegnet,

Ob ab du nimmst, ob zu.

Du bist es jedem Schäfer,

Wenn auch zu nächtiger Stund

Dich Schläfer

Hat angebellt sein Hund.

Du bist es jedem Schiffe,

Das hart vom Sturm bedrängt

Durch Riffe

Der Lotse sicher lenkt.

Und jedem schönen Kinde,

Das mal in dunkler Nacht

Geschwinde

Sich aus dem Staub gemacht.

Tief unter dir gebettet

Und wie ein wilder Bär

Gekettet

Träumt das gezähmte Meer.

Wenn ich bei Wind und Wetter

Nicht aus der Stube kann,

Herr Vetter,

Dann schaue ich dich an,

Seh auf dem Turm dich glitzen,

Seh dich vergnügt wie nie

Dort sitzen,

Wie’s Tüpferl auf dem I.

Wenn manches wider Hoffen

Ein Ehemann zu Haus

Getroffen,

Dann lachst du ihn noch aus.

Und wenn der junge Gatte,

Nachdem die Mutter zach

Ihm hatte

Entriegelt das Gemach,

In Schlafrock und Pantoffel

Die Kerze löscht im Nu,

Du Stoffel,

Dann siehst du spöttisch zu.

Bang harrt sie mit dem Ringe

Am Finger, der sie mahnt

An Dinge,

Die sie nur zitternd ahnt.

Der Herr Gemahl fängt Feuer,

Sie wird in ihrer Qual

Nur scheuer

Und wehret dem Gemahl.

Er blickt mit heißen Augen

Und ruft: Mein Kind, was soll

Das taugen?

Bei Gott, du machst mich toll!

Kaum kann er es noch tragen,

Da läßt ihn ein Gesicht

Nichts wagen,

Und er, er wagt es nicht.

Es zittert und es zuckt ja,

Wir sind hier nicht allein,

Man guckt ja

Ins Zimmer uns herein!

Hoch auf dem Turme blitzt er,

Der Mond, so frech wie nie,

Dort sitzt er,

Wie’s Tüpferl auf dem I.